Auslandsstudium in Catania (Sizilien)


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Zusammenfassung:
"Musik" in Catania: Schlager, Pop, Techno. Glücklicherweise gibt es auch einige Lichtblicke: ab und zu Elektronisches, mal Jazz... und vor allem Jovanotti!

Schlechte Musik...

Die Musikauswahl, der ich in Catania ausgesetzt war, ließ in vielerlei Hinsicht zu wünschen übrig. Was z.T. allgemein schon für Gesellschaft und Mode galt, konnte man entsprechend auf die Musik übertragen: Extremer Uniformismus! Das mußte einem Individualisten wie mir einfach negativ aufstoßen. Vor allem im Radio wurde ständig die gleiche Musik gespielt. Einmal lief sogar auf drei Sendern gleichzeitig dasselbe Lied! Typisch für die Musikauswahl waren sehr kommerzieller und billiger Dancefloor-Techno, mehrere spanische Lieder sowie eher schlechte englischsprachige Musik. Diese extreme Monotonie ging mir schon ziemlich schnell auf den Wecker. Man bedenke dabei: Auch die Musik in deutschen Radios (z.B. Eins Live) finde ich zu kommerziell, zu wenig abwechslungsreich und oft gesichtslos. Sie ist aber dabei noch um Längen besser als das, was ich in den zehn Monaten auf Sizilien gehört habe!

Allgemein ist mir aufgefallen, daß die Italiener (im Vergleich zu den Deutschen) durch die Bank und bei allen Musikrichtungen einen extremen Hang zu simplem Pop und Schlager hatten, wobei dies anscheinend der Geschmack der Massen war und nicht etwa, wie der deutsche Schlager, von vielen Menschen belächelt wurde. Zum Vergleich: Die Musik von Eros Ramazotti, die ich vorher zu poppig und weich fand, kann ich nach dieser Erfahrung nur als eher rockig und künstlerisch anspruchsvoll bezeichnen! Auch Nek ("Laura non c'è") muß man als lobenswerte Ausnahme sehen. Wer zudem glaubt, daß Deutschland das Land des Techno ist, der hat Italien noch nicht kennengelernt. Nur relativ schwach vertreten waren hingegen die italienischen Künstler, die m.E. wirklich Niveau haben, wie etwa Jovanotti und Ligabue.

Auffällig selten gespielt wurde außerdem 80er-Jahre-Musik, die in Deutschland ja sehr beliebt ist, sowie praktisch jede Art von etwas heftigerer Rockmusik (von Metal ganz zu schweigen). Obwohl es eine Reihe von international erfolgreichen Metalgruppen aus Italien gibt (z.B. Rhapsody, Thy Majestie), so fristen diese in ihrer Heimat offenbar ein Schattendasein.

Gute Musik...

kam auch mal vor, wenn auch nur selten. Zu nennen wäre hier zunächst die ab und zu sehr gute elektronische Musik in den Clubs. Wo viel Schatten ist, ist immerhin ein auch wenig Licht: Deep/Progressive House, was in etwa soviel bedeutet wie angenehm tanzbare Rhythmen mit schönen Harmonien, Perkussionsinstrumenten und z.T. sogar Akustikgitarrensoli; ein völliger Gegensatz zu der ansonsten wenig experimentierfreudigen Technomusik. Eine weitere willkommene Abwechslung zum Einheitsbrei stellte Drum & Bass dar. Das muß man sich ungefähr so vorstellen: Im Vordergrund steht nicht irgendeine Melodie, sondern (wie der Name schon sagt) der Baß und das Schlagzeug. Der Rhythmus ist kein (!) 4/4-Takt und meistens recht schnell und aggressiv. (In Catania war es zum Glück nicht zuviel des Guten und damit sehr einladend.) Neuere Varianten enthalten sehr weiche, flächige, "schwebende" Keyboardklänge (Ambient) sowie Einflüsse aus ethnischer Musik (Weltmusik). In Deutschland hatte ich vorher noch nie guten Drum & Bass gehört; hier wurde ich bekehrt. Auf meine eigenen bescheidenen Produktionen wirkten sich diese positiven Erlebnisse spürbar aus.

Ebenfalls erwähnenswert ist das Jazzkonzert, das ich am 24. Januar besucht habe. Ralph Towner und Gary Peacock, zwei mir unbekannte, aber wohl recht erfolgreiche Künstler aus dem englischen Sprachraum, spielten Instrumentalstücke auf Gitarre und Kontrabaß. Ich hatte nur durch Zufall von diesem kulturellen Ereignis erfahren. war aber richtig verzaubert von der Musik. Insbesondere die Gitarre erinnerte mich oft an Konzerte der Esperanto-Rockband "Amplifiki" in meiner Kindheit.

Den absoluten musikalischen Höhepunkt bildete allerdings das Jovanotti-Konzert am 26.11. in Aci Reale (nördlich von Catania). Von Lorenzo Jovanotti kennen In Deutschland wohl die meisten nur "Serenata Rap" und evtl. noch "L'ombelico del mondo". Italienischer Hiphop mit einem gewissen Weltbürgerflair - das wollte ich mir bei dieser Gelegenheit mal antun! Zusammen mit einer deutschen Erasmusstudentin und einer Gruppe catanesischer Studenten fuhr ich hin. Das Konzert fand in einer Sporthalle statt und haute mich vom ersten Moment an richtig um. Obwohl Hiphop i.a. ja aus Samples besteht, also nicht mit richtigen Instrumenten gespielt wird, tat man hier eben dies! Die Besetzung erinnerte tatsächlich an eine Rock/Jazz-Band; jedes Instrument kam zur Geltung und machte den Klang enorm abwechslungsreich. Auch optisch hatten sich die Veranstalter etwas einfallen lassen: So schwebten Jovanotti und Musiker beim ersten Lied an Seilen herunter. Im Hintergrund wurden auf einer riesigen Leinwand zu den Stimmungen der Lieder passende Fotos gezeigt. Bei meinem Lieblingslied "L'ombelico del mondo" wurden zahlreiche Fahnen von verschiedenen Ländern (wenn auch nicht Nationalflaggen) eingesetzt. Besonders ungewöhnlich: Aus einer Art riesigem Weihrauchfaß strömten während des Konzertes immer wieder verschiedene Düfte. So wurden wirklich alle Sinne angesprochen; man tauchte völlig ein in diese Atmosphäre von fröhlichen und wild tanzenden Menschen und der Musik, die letzten Endes eine Mischung aus Rock, Jazz, Funk, Pop mit einem Schuß Weltmusik und italienischem Sprechgesang war. Das Liedrepertoire bestand übrigens aus dem damals neuen Album "Capo Horn" sowie "Lorenzo raccolta", einer Sammlung der bisher größten Erfolge Jovanottis. Für mich wurde so die erste musikalische Großveranstaltung meines Lebens zu einem unvergeßlichen Ereignis.


letzte Änderungen: 2003-10-16 (ISO 8601).
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