"7 Fragen an ..." – Das MFThK-Kurzinterview
28. Folge: 7 Fragen an Matthias Remenyi

Jede Woche erscheint eine Menge neuer für die Theologin und den Theologen interessanter Bücher – es ist schwierig, hier eine Auswahl für die eigene Lektüre zu treffen. Das Münsteraner Forum für Theologie und Kirche möchte in Zukunft bei der Orientierung auf dem Feld der Neuerscheinungen hilfreich sein und hat deshalb eine neue Rubrik gestartet: "7 Fragen an ..." – Das MFThK-Kurzinterview.
In unregelmäßiger Folge werden bekannte und weniger bekannte Autoren von Neuerscheinungen gebeten, sieben Fragen zu beantworten – die ersten sechs Fragen sind immer gleich, die siebte und letzte ist eine individuelle Frage. Inspiriert ist die neue Rubrik von dem Autoren-Interview auf der Homepage des Transcript-Verlages.
Die zweite Folge des Jahres 2017 kommt aus Berlin. Als Juniorprofessor für Systematische Theologie lehrt hier seit 2010 Matthias Reményi. Gerade ist seine an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck eingereichte Habilitationsschrift erschienen: Auferstehung denken. Anwege, Grenzen und Modelle personaleschatologischer Theoriebildung.

1. "Bücher, die die Welt nicht braucht." Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?

Wer es kauft, geht keinerlei Risiko ein. Wenn's gefällt, anregt und weiterhilft, ist gut; wenn nicht, hat man einen schier unerschöpflichen Vorrat an Abreißzetteln zur Tischbeinstabilisierung. Aber im Ernst: Das Buch hat einen langen Weg genommen. Anfangs als leicht lesbare Einleitung in die Eschatologie geplant, ist es eine umfangreiche wissenschaftliche Untersuchung zur Personaleschatologie (Leib-Seele-Frage, Begriff leiblicher Auferweckung) und zur Zeit-Ewigkeits-Thematik geworden. Ich hoffe, beides halten zu können: den Anspruch auf Lesbarkeit und den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?

Zunächst einmal bietet es eine ziemlich ausführliche Darstellung der biblischen und historischen Entwicklungslinien sowie der aktuellen Debattenlage zur Personaleschatologie. Wenn die Kritik befinden würde, dass das im Großen und Ganzen ordentlich gearbeitet ist, wäre das doch schon mal was.
Folgende inhaltliche Akzente sind mir wichtig: Ich versuche, Theologie als Modellbildung zu betreiben. Damit meine ich ein Mittleres zwischen einem geschlossenen metaphysischen Systementwurf und einer rein narrativen Beliebigkeit. Welches personaleschatologische Modell hat mit Blick auf welche Frage welches Problemlösungspotential? Und welche Problemüberhänge bestehen dann? Im Einzelnen: Bei der Todesproblematik geht es mir nicht um eine glatte Synthese, sondern um die Sollbruchstellen. Wenn der Tod die Grenze des Lebens und des Denkens ist, dann muss die Theologie sich auf die Suche nach den Dilemmata begeben, in die das Denken des Todes unweigerlich hineingerät. Ähnliches wäre über den Ewigkeitsbegriff zu sagen. Auch hier ist m.E. die einzige Frage, welches das am wenigsten falsche Modell ist. Mit Blick auf ein angemessenes Denkmodell unserer Auferstehungsleiblichkeit hat mich am meisten beeindruckt, wie mutig z.B. ein Durandus (und mit ihm eine ganze, lange Traditionslinie bis in die Gegenwart) schon im frühen 14. Jahrhundert den Hylemorphismus z.B. des Thomas von Aquin personaleschatologisch weitergedacht hat. Mein eigener, um den Gestaltbegriff kreisender Vorschlag versucht nichts anderes, als den dort formulierten Gedanken der formellen Leibesidentität mit Hilfe des modernen, ästhetisch aufgeladenen Gestaltbegriffs zu reformulieren.
Perspektivisch öffnet das die Personaleschatologie nicht nur für Fragen der sozialen (Gericht als dramatisch-dialogischer Interaktionsprozess über die Gewordenheit von Lebensgestalten) und der kosmischen (Einbergung aller Gestalten des Lebendigen in die mystisch-schöpfungsweite Auferstehungsgestalt Christi) Eschatologie, sondern auch für ein panentheistisches Denken in der Theologie.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in aktuellen theologischen und kirchlichen Debatten zu?

Leider viel zu geringe. Fachtheologisch ist es derzeit eher ein Randthema, und kirchlich (das freilich glücklicherweise) inzwischen konfessionsübergreifend wohl zu wenig kontrovers. Trotzdem ist es ein Thema, das alle angeht - unweigerlich. Und es ist ein Thema, das viele bewegt, nicht nur die Frommen und die, die's gerne wären. Bestes Beispiel: Am SchauSpielHaus Hamburg läuft derzeit (Februar 2017 Premiere) ein Stück von Ingrid Lausund: "Trilliarden. Die Angst vor dem Verlorengehn." Das ist postdramatisches Theater mit wenig Handlung und minimaler Inszenierung, dafür gespickt mit langen Monologen über die letzten Dinge. Sozusagen knapp zwei Stunden Theologie und Eschatologie auf höchstem Niveau, tiefsinnig und witzig (Ingrid Lausund schreibt die Drehbücher zu "Der Tatortreiniger") von Bjarne Mädel, Karoline Bär und anderen vorgetragen. Ich habe es mir angesehen und hätte es vorher nicht geglaubt: Das Setting funktioniert. Der Saal war voll, die Spielzeiten sind ausverkauft. Das Stück wird angenommen, die Leute sind dabei. Und es sind viele Junge da.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten einmal diskutieren?

Einmal mit Thomas von Aquin und Durandus von San Porciano. Aber nur, wenn ich dazu nicht fließend Latein sprechen muss. Und dann wünschte ich mir noch eine zweite Runde mit Herman Schell und Karl Rahner. Freilich wäre ich nicht undankbar, wenn sich die Gesprächsgelegenheiten hierzu noch eine kleine Weile hinauszögern würden ...

5. Ihr Buch in einem Satz:

Auferstehung ist die von Gott wunderbar herbeigeführte, radikale Verwandlung der geschichtlich so und nicht anders gewordenen, leibseelisch realisierten, einen und einzigartigen Lebensgestalt einer menschlichen Person im Augenblick des Todes in die Gestalt eschatologischer Herrlichkeit.

6. Sie dürfen fünf Bücher auf die sprichwörtliche einsame Insel mitnehmen. Für welche Bücher entscheiden Sie sich?

Ein berühmter, leider viel zu früh verstorbener Kollege hat sich bei ähnlicher Gelegenheit dem MFThK verweigert und stattdessen seine Lieblingsmusik genannt. Ich würde es gerne genauso halten, erhöhe im Ungehorsam die Liste (CDs nehmen im Reisegepäck weniger Platz weg als Bücher, auf dem Handy sowieso) und gebe daher zu Protokoll:

Gabriel Fauré: Requiem und Cantique de Jean Racine
Dvorak: Messe in D-Dur, op. 86
Reinhard Mey: individuelle playlist (mit mindestens den folgenden Titeln: Manchmal da fallen mir Bilder ein; Herbstgewitter über Dächern; All meine Wege; Jahreszeitentrilogie; Die Mauern meiner Zeit; Die Eisenbahnballade; Mein Berlin; Was keiner wagt; Lass nun ruhig los das Ruder; So viele Sommer)
Beethoven: Die 9 Symphonien in der Einspielung mit Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern von 2015 sowie das Violinkonzert, wenn möglich mit Gidon Kremer
Händel: The Messiah – egal, von wem, das ist so umwerfend, das kann man gar nicht verhunzen; nur auf Englisch muss die Einspielung sein
Wiegenlieder CD-Sammlung Vol. 1 von SWR 2 und Carus-Verlag
Jonas Kaufmann: Nessun Dorma – Das Puccini Album sowie Schubert – Die Winterreise
Silje Nergaard: At first light
Sol Gabetta: Prayer (Ernest Bloch, "From Jewish Life")

7. Die siebte Frage stammt von Hans Kessler, Autor mehrerer Arbeiten zum Thema Auferstehung, zuletzt "Was kommt nach dem Tod? Über Nahtoderfahrung, Seele, Wiedergeburt, Auferstehung und ewiges Leben" (2014, mittlerweile in dritter Auflage): Was könnte "Leib" bzw. "Leiblichkeit" im Auferstehungskontext bedeuten? Was besagt "leibhaftige" Auferstehung einer menschlichen Person im Tod? Was "formelle Leibesidentität"? Und wie verhält sie sich zum materiellen "Körper", der zerfällt, und zur Materie-Welt überhaupt?

Auch auf die Gefahr hin, Ihnen, lieber Herr Kessler, nicht wirklich Neues bieten zu können, weil ich das Allermeiste hierzu von eschatologischen Großmeistern wie Ihnen gelernt habe: Die deutsche Sprache bietet die Unterscheidung zwischen "Leib" und "Körper" an. Besonders die Phänomenologie nutzt diese Differenzierungsmöglichkeit und versteht unter Leib das Gesamt unserer Weltbeziehungen, unseres In-der-Welt-seins (Heidegger spricht von der Geworfenheit) und unserer Interpersonalität. Leib, das bin ich in meinem Weltbezug, in meinem Beziehungsnetz. Das, was mir hier und jetzt unter den gegebenen Bedingungen dabei hilft, das zu realisieren, ist mein Körper. Wichtig ist der Perspektivenunterschied: Leib ist eine Angelegenheit der Erste-Person-Perspektive (ich bin mein Leib), vom Körper sprechen wir dagegen immer in der Dritte-Person-Perspektive (ich habe einen Körper).
Leibliche Auferstehung einer menschlichen Person besagt daher, dass dieser Mensch zur Gänze gerettet werden wird, nicht nur ein Teil von ihm. Der Begriff besagt, dass der ganze Mensch in seiner einmaligen Gewordenheit, in seiner Welthaftigkeit und in seinem Beziehungsnetz eschatologisch von Gott erlöst und bei ihm eingeborgen sein wird. Nicht nur ein Teil von mir, sondern ich selbst als der, der ich geworden bin, werde in Gottes Lebensfülle Wohnung nehmen dürfen.
Formelle Leibesidentität ist zunächst einmal ein terminus technicus der Eschatologie. Er wird benutzt, um den (neo-)aristotelischen Hylemorphismus (anima forma corporis; forma dat esse: Die Seele ist die Form des Leibes, und sie ist es auch, die das Sein verleiht) auch personaleschatologisch zum Ausdruck zu bringen. Im Hintergrund steht hier eine seit dem 14. Jahrhundert diskutierte und lehramtlich nie beanstandete These, der zufolge es Gott möglich ist, den Auferstehungsleib des Petrus zur Gänze aus dem Staub des Leibes Pauli zu bilden, eben weil identitätsrelevant nicht einzelne Materieteilchen sind, sondern einzig die formgebende Seele. Der Gegenbegriff hierzu wäre die sog. materielle Identität, die davon ausgeht, dass zur Sicherung der leiblichen Identität eine wenn auch noch so geringe Anzahl Materiepartikel des Erdenleibs nötig ist. Ich selbst finde diese These das Innovativste und Mutigste, was die Geschichte der Eschatologie zu dieser Frage zu bieten hat. Freilich ist sie uns heute nur schwer zugänglich, weil uns das entscheidende Bindeglied, nämlich der Begriff der materia prima als reiner Möglichkeit, philosophisch nicht mehr ohne weiteres einleuchtend ist. Daher mein Versuch, das Gemeinte unter Zuhilfenahme eines ästhetisch konnotierten Hilfsbegriffs, eben dem der Gestalt, zu reformulieren.
Die Gretchenfrage ist dabei natürlich, wie sich dies dann zum materiellen Körper und zur materiellen Welt insgesamt verhält. Die Theologie ist hier gut beraten, so meine ich, die Extreme zu meiden. Auszuschließen wäre also ein weltflüchtiger Spiritualismus / Gnostizismus. Nicht nur die Seele wird gerettet, sondern der Mensch. Auferstehung meint nicht Rettung aus der Welt, sondern Rettung der Welt. Auszuschließen wäre aber auch ein eschatologischer Physizismus, so als wäre leibliche Auferstehung nur die Restitution unserer Körperlichkeit, die Wiederzusammenführung unserer Sehnen, Knochen und Muskeln. Vielmehr geht es um das Wunder der Verwandlung: das, was war, wird leben, aber es wird anders leben – verwandelt, verklärt, geheilt. Nicht Restitution also, sondern Transformation bei bleibender personaler Identität. Wie das nun genau zu denken ist? Ich weiß es nicht. Eine Formel der Tradition lautet: substantia vera remanebit – die wahre Substanz wird bleiben. Sie selbst haben ja tiefschürfende Reflexionen angestellt, was damit gemeint sein könnte. Joseph Ratzinger spricht davon, dass Materie ganz dem Geist und der Geist ganz der Materie zu Eigen sein wird. Der geschätzte Kollege Schärtl aus Regensburg bietet die Unterscheidung zwischen ewigkeitsfähiger Struktur (Leib-Seele-Einheit) und vergänglichem Substrat (hier und jetzt notwendige Realisierungsweise dieser Struktur) an, um das Gemeinte zu reformulieren. Und ich versuche es eben mit dem Gestaltbegriff.
Lieber Herr Kessler, vielen Dank für diese Fragen, vielen Dank auch für alles, was ich von Ihnen und Ihren Arbeiten lernen durfte – und natürlich: viele Grüße und ein gesegnetes Osterfest nach Frankfurt! Ihr Matthias Remenyi


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)