Ehre, wem Ehre gebührt?! Straßennamen in der Diskussion

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Hindenburgplatz

Meinungsbildung zum Hindenburgplatz


Bürgerumfrage der VHS 1997: "Soll der Hindenburgplatz umbenannt werden?"

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vergrößernVeranstaltungsplakat der Volkshochschule zur Bürgerumfrage, 1997

Eine breite gesellschaftliche Diskussion fand die Namensfrage in den Jahren 1997/8. Die Oberbürgermeisterin und der Ältestenrat beauftragten die Volkshochschule (VHS) 1997 damit, einen Meinungsbildungsprozess durchzuführen. Die VHS moderierte diesen mit einer Pressekonferenz, einer Podiumsdiskussion, Infoständen, Arbeitsgruppen der VHS Münster und einer Bevölkerungsumfrage. Ziele des Projekts waren unter anderem die Ansprache verschiedener Zielgruppen und die Erarbeitung einer Dokumentation sowie eines mehrheitlich akzeptierten Vorschlags in Sachen Umbenennung für den Rat der Stadt.

Das Projekt löste eine große Aufmerksamkeit bei den Medien aus und führte zu einem ausgedehnten Austausch in Form von Leserbriefen. Dieser Vorstoß endete mit der abschlägigen Entscheidung des Rates zur Frage der Umbenennung.

Eine weitere Bürgerumfrage erfolgte 1998 innerhalb einer repräsentativen Befragung des Statistischen Amtes. Der Mehrheit stimmte gegen die Umbenennung.


Hindenburg-Diskussion seit 2008 - Straßennamen-Kommission

Seit 2008 und dem zu diesem Zeitpunkt gestellten Antrag auf Umbenennung ebbt die Debatte nicht mehr ab. Der Ältestenrat und die Bezirksbürgermeister/-innen beschlossen daraufhin, eine Kommission zu bilden. Diese soll Straßenbenennungen in ihren historischen Zusammenhängen prüfen und Empfehlungen zum weiteren Vorgehen in der Namensgebung geben. Der Kommission gehören der Oberbürgermeister, Vertreter aller Ratsfraktionen und wissenschaftliche Fachberater (Prof. Dr. Hans-Ulrich Thamer, Prof. Dr. Alfons Kenkmann) an.

Die Kommission hat sich mehrheitlich für eine Umbenennung des Hindenburgplatzes ausgesprochen und empfiehlt einen öffentlichen Diskurs und eine Kommentierung. Über die zukünftige Namensgebung des Platzes entscheidet der Rat der Stadt am 21. März 2012.

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Argumente für und gegen die Umbenennung des Hindenburgplatzes

Die Diskussion um den Namen des Hindenburgplatzes fand und findet in verschiedenen Medien statt: über Anträge an den Rat der Stadt, in Druck- und Flugschriften, in Leserbriefen der lokalen Medien, in Meinungsumfragen, in Internetforen und -befragungen. Eine Auswahl von Argumenten der Befürworter und Gegner einer Umbenennung bietet diese Aufstellung:


Argumente Pro Umbenennung

Argumente in Bezug auf die Person Hindenburgs und seiner Handlungen

  • keine positiven Identifikationsmöglichkeiten bei der Person Hindenburg
  • antidemokratische bzw. monarchistische Einstellung Hindenburgs
  • Verantwortung und aktive Mitwirkung an der Zerstörung der Republik und der Etablierung der NS-Diktatur
  • Ausnutzung der Befugnisse als Reichspräsident, um aus einem parlamentarisch-demokratischen einen autoritären Staat zu formen (Notverordnungen, Präsidialkabinette)
  • Verantwortlichkeit Hindenburgs: Handeln des Reichspräsidenten am Ende der Weimarer Republik als bewusster Akt eines zielgerichteten politischen Handelns; Handlungen nicht von Alterssenilität geprägt oder nur durch Beeinflussung seines Umfeldes hervorgerufen
  • Ernennung Hitlers zum Reichskanzler – trotz des Wissens um dessen demokratiefeindliche Haltung; Rolle Hindenburgs somit als "Steigbügelhalter", der die Weimarer Republik so dem Untergang geweiht habe
  • kein Protest gegen die Vereinnahmung seiner Person z. B. auf Wahlplakaten für die Nationalsozialisten
  • keine Hinweise auf Gegenmaßnahmen Hindenburgs zum Boykott jüdischer Geschäfte
  • Lob Hitlers in einer Radioansprache Ende 1933
  • Verwerflichkeit, Hitler nach dem gewalttätigen bis mörderischen Vorgehen gegen den vermeintlichen "Röhm-Putsch" seine Zustimmung zu signalisieren
  • Einschätzung als Militarist ("Russenschlächter", "kaiserlicher Soldatenschlächter")
  • Ruhm als Feldherr des Ersten Weltkriegs heute ohne gesellschaftliche Bedeutung
  • Anteil Hindenburgs an der Verbreitung der Dolchstoßlegende (z. B. im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss 1919)
  • kein direkter Bezug zwischen Hindenburg und der Stadt Münster

Geschichtspolitische Argumente

  • Ehrung 1927 keine demokratische Intention: Ehrung eines deutschnational-konservativen Vertreters als Signal an das Zentrum für die Koalition mit der SPD
  • prominenter und großer Platz gehört nicht nach fragwürdiger Person benannt, sondern soll auf Vorbilder verweisen; Straßenbenennung entspricht Ehrerweisung: erfordere bewusste Überlegung, wer oder was mit einem Straßenschild geehrt werden soll; Straßennamen eher als Mahnmale zum Gedenken an Opfer nutzen
  • Recht jüngerer Generationen auf Umbenennung nach ihren Wertvorstellungen und Idealen
  • Straßennamen als Demonstration von Geschichtsbewusstsein, das nicht mit den mit Hindenburg verbundenen Aspekten wie Militarismus, Monarchie und "Antidemokratie" einhergehen könne
  • Korrektur eines falschen historischen Bildes angesichts neuer Erkenntnisse
  • Umbenennung als Zeichen gegenwärtiger Wertvorstellungen von einem friedliche und vereinten Europa
  • Münster in der Tradition als „Stadt des Westfälischen Friedens“ gerecht werden
  • Umbenennung sei lediglich eine Umsetzung des bereits 1947 erfolgten Ratsbeschlusses, der sich an den Vorgaben der Alliierten orientierte
  • Verschwinden der Bezeichnungen Hindenburgschule und Hindenburgallee in Münster kurz nach dem Krieg
  • Zeitraum der Benennung als Hindenburgplatz erheblich kürzer als die Phase als Neuplatz (die auch noch erinnert werde); alte Benennung ("historische Wurzel") mit Bezug zur Stadttopographie (Nähe zum Neutor)
  • Straßenschilder können keine notwendige Auseinandersetzung / Geschichtsaufarbeitung leisten
  • Benennung nach Personen generell nicht neutral

Sonstige Gründe pro Umbenennung

  • Mehrheit der Umbenennungsgegner in nicht-repräsentativem Verfahren festgestellt
  • Änderungsaufwand in Grenzen: Briefköpfe in der EDV-Textverarbeitung schnell veränderbar; Behörden könnten kostenlos informieren und Papiere ändern; Straßenschildänderungen bezahlbar, falle im Vergleich zu anderen Ausgaben nicht ins Gewicht; sollte aus ideellen Gründen der Stadt das Geld wert sein
  • Festhalten am Namen könne dem Ansehen der Stadt Münster in der Außenwahrnehmung schaden
  • Namensgebung Hindenburgplatz als Beleidigung für niederländische Touristen

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Argumente Contra Umbenennung

Argumente in Bezug auf die Person Hindenburgs und seiner Handlungen

  • Hindenburg als Person nicht anfechtbar
  • Hindenburg trage nicht allein die Verantwortung für die Machtübernahme der Nationalsozialisten: hohes Alter und mangelnder Überblick, Beeinflussbarkeit des Reichspräsidenten, weite Verbreitung von ähnlicher monarchistischer und demokratiekritischer Sicht in der Weimarer Gesellschaft, Stärke der NSDAP und Aufstieg zur Kanzlerschaft Hitlers durch Wählerwille, Ernennung Hitlers zum Reichskanzler sei zumindest der äußeren Form nach legal erfolgt
  • Ernennung Hitlers nur einer Zwangslage geschuldet und als Eindämmungsmaßnahme mit einer "Umrahmung" von Mitte-Rechts-Ministers erfolgt
  • Hindenburg kein durchgängiger Vertreter der nationalen Rechten: als Reichspräsident nominiert und gewählt mit Stimmen der SPD und des Zentrums
  • Forderung, Person situationsbezogen zu beurteilen: Hindenburg sei in seiner Zeit hoch geachtet und wertgeschätzt worden, habe nur "das Beste gewollt"
  • Hindenburg habe nicht ahnen können, was für Folgen die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler nach sich ziehen würde
  • Hindenburg hatte persönliche Abneigung gegen Hitler
  • Hindenburg habe Hitler erst im Januar 1933 die Macht übertragen und nicht schon zu einem früheren Zeitpunkt und damit so lange wie möglich Hitlers Machtanspruch verhindert
  • Hindenburg war in der Reichspräsidentenwahl 1932 Gegner Hitlers
  • Hindenburg als "bedeutender Deutscher"
  • Hindenburg 1914 als "Befreier" eines durch russische Truppen verwüsteten Ostpreußens, Verhinderer einer "russischen Dampfwalze"
  • Hindenburg zu Beginn des Ersten Weltkrieges im Ruhestand, daher keine Schuld am Kriegsausbruch
  • Ablehnung des Namens beruhe auf einer Ausblendung der damaligen Situation und der Unterschätzung der Lebensleistung Hindenburgs zum Zeitpunkt der Straßenbenennung

Geschichtspolitische Argumuente

  • Tilgung des Namens als Verdrängung von Geschichte, trage nicht zum Lernen aus der Geschichte bei, verhindere Erinnerung (auch zu negativ besetzten Ereignissen) und führe zu Einseitigkeit der Geschichtsbetrachtung; 'Brechung' über Erläuterungsschilder unter den Straßennamen als Anregung zur Auseinandersetzung; Umbenennung ersetze keine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte
  • negative Seiten in der Geschichte nicht ausblenden, sondern als Teil der Geschichte akzeptieren, bewahren und erinnern
  • Tilgung des Namens sei Eingriff in die Erinnerung und das kollektive Gedächtnis der Stadt; kritische Auseinandersetzung nicht durch Löschung verhindern; nationale Geschichte dürfe auch "Ecken und Kanten" haben; Namen als Mahnmal verstehen
  • Umbenennung bedeutet Geschichtsumschreibung, wie sie eher für totalitäre Staaten typisch sei
  • die bloße Benennung eines Platzes löse bei Besuchern kein Gedenken an den Namensgeber aus
  • Umbenennungen nicht nötig, weil die Mehrheit der Bürger ohnehin sich nicht bewusst sei über gegebenenfalls "braune" Einstellungen der Namensgeber (auch niederländische Besucher würden geschichtlich gesehen mit dem Namen Hindenburg nichts verbinden)
  • Benennung als Spiegel der "Ahnungslosigkeit der früheren Generationen", als Zeichen des "Makels in der Vergangenheit unserer Vorfahren" beibehalten
  • Benennung des Hindenburgplatzes sei nicht im Zuge der Etablierung der NS-Diktatur erfolgt

Sonstige Gründe contra Umbenennung

  • Gewöhnung der Bevölkerung an den Namen und Bekanntheitsgrad der Bezeichnung, Orientierungsfunktion
  • Mehrheit der Bevölkerung sei dagegen
  • geringe Relevanz der Namensdiskussion – es gebe wichtigere Dinge zu tun
  • kein Nutzen: ziehe nicht mehr Gäste an und bringe nicht mehr Steuern
  • Namensdiskussion diene politischen Vertretern in Ermangelung wichtigerer Themenfelder nur zur Profilierung in "politischer Korrektheit"
  • Umbenennung als Beleidigung der preußischen Neubürger, die nach 1945 in Münster heimisch wurden
  • organisatorischer und finanzieller Aufwand, der mit der Umbenennung verbunden ist: Änderung Straßenschilder, Adressänderungen in persönlichen und geschäftlichen Papieren, Briefköpfen, Visitenkarten, Prospekten, Buslinienfahrpläne, Stadtplan, Postleitzahlenverzeichnis, Benachrichtigung von Kunden – als Akt der "Geldverschwendung" bzw. Geld anders einsetzen
  • Gefahr von fehlgeleiteten Postsendungen

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Stand: September 2012


 

Adresse, Anfahrt, Öffnungszeiten

Hindenburgplatz

Hausnummern: 24
gemeldete Einwohner: 103

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