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Hindenburgplatz

Generalfeldmarschall Hindenburg


Entlarvung des "Hindenburg-Mythos"

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vergrößernFeldpostkarte mit dem Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, um 1914

Man erwartete "von seinem Phlegma absolute Untätigkeit ..., um Ludendorff völlig freie Hand zu lassen."
(General Groener)

Paul von Hindenburg hatte bis zu seiner Versetzung in den Ruhestand im Jahre 1911 zwar eine sehr erfolgreiche (General der Infanterie), aber weitgehend unspektakuläre Offizierskarriere hinter sich. Mit seiner Reaktivierung am 22. August 1914 und seiner Ernennung zum Oberbefehlshaber der 8. Armee rückte Hindenburg unvermutet ins Rampenlicht des Geschehens des 1914 gerade ausgebrochenen Ersten Weltkrieges.

Bis in die jüngste Vergangenheit war es weithin unbekannt beziehungsweise wurde von den Kennern ausgeblendet, was die Oberste Heeresleitung 1914 motiviert hatte, ausgerechnet dem nahezu unbekannten, durch keinerlei besondere militärische Erfolge oder Kenntnisse ausgezeichneten und nicht einmal der Mobilisierungsreserve angehörenden Hindenburg einen Oberbefehl zu übertragen. Man erwartete "von seinem Phlegma absolute Untätigkeit ..., um Ludendorff völlig freie Hand zu lassen." (General Wilhelm Groener (1867–1939) nach W. Pyta). Generalmajor Erich Ludendorff (1865–1937) war schon einen Tag früher zum Chef des Generalstabs der 8. Armee ernannt worden. Er galt als genialer militärischer Kopf, aber auch als persönlich sehr schwierig, weshalb ein Vorgesetzter für ihn gefunden werden musste, der mit ihm harmonieren würde.

Der konservative Historiker W. Conze wertete schon 1972 Hindenburgs Bedeutung als "überschätzt". Der Historiker der Weimarer Republik schlechthin, H. A. Winkler, apostrophiert den Hindenburg der Weltkriegszeit als "populäre Galionsfigur" (2011). Schon Adolf Hitler bescheinigte 1934, "Hindenburg wäre in seinem Leben verhältnismäßig bequem gewesen". (Tagebucheintrag des Hamburger Bürgermeisters Carl Vincent Krogmann nach einem Gespräch mit A. Hitler).

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"Zweigespann Hindenburg - Ludendorff"

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vergrößernHindenburg und Ludendorff, 1915

"Ich weiß auch nichts Besseres. In Gottes Namen, machen wir es so."
(General Paul von Hindenburg zu Generalmajor Erich Ludendorff vor der Schlacht von Tannenberg 1914)

Hindenburg war es nach der erfolgreichen "Schlacht von Tannenberg" (diesen Namen hatte Hindenburg kreiert) gelungen, in der Öffentlichkeit den Eindruck zu erwecken, dass es seiner "gravitätischen Unbeirrtheit" (W. Pyta) zu danken gewesen sei, dass man am einmal gefällten Schlachtenplan festhielt und deshalb den Sieg errungen hätte. Dieser "Tannenberg-Mythos", der sich je länger je nachhaltiger zu einem allgemeinen "Hindenburg-Mythos" formen ließ – und dies mit wesentlicher Anteilnahme von Hindenburg selbst – verfestigte sich in der veröffentlichten Meinung, obwohl selbst Kaiser Wilhelm II. und nahezu alle Generalstabsoffiziere der Reichswehr wussten, welchen Anteil Hindenburg am Schlachtenverlauf jener denkwürdigen Tage hatte, und welche Rolle die Realität Erich Ludendorff und Oberst Max Hoffmann (1869–1927) zugeschrieben hatte. Hindenburg wehrte sich gar nicht gegen Erzählungen, er habe während der Schlacht viel geschlafen, sondern rühmte selbst seine Fähigkeit, in jeder Situation tief und friedlich schlafen zu können.

Die Bedeutung der Schlacht von Tannenberg, deren Operationen schon von Ludendorff vorgeplant waren, als Hindenburg erst reaktiviert wurde, wird in der Kriegsgeschichtsforschung von keiner Seite in Frage gestellt. Das "Zweigespann Hindenburg - Ludendorff" wurde seit dieser Schlacht zum Symbol der Unüberwindlichkeit des eigenen Heeres und der Hoffnung auf den Sieg, sowohl in der Truppe als auch in der heimatlichen Bevölkerung. (P. Graf Kielmansegg). Hindenburg bezeichnete im Rückblick die Zusammenarbeit mit Ludendorff, auf dessen militärisches Geschick er angewiesen war, als harmonisch und verglich diese mit einer "glücklichen Ehe", doch wahrte und betonte er im Umgang stets die dienstliche Hierarchie. Die Zweckgemeinschaft funktionierte bis zur Entlassung Ludendorffs gegen Ende des Krieges. Während Ludendorff erst seit 1925, nach seinem endgültigen Zerwürfnis mit Hindenburg, seine persönlichen Verdienste reklamierte, pflegte Hindenburg schon seit 1914 mit wachsendem Gespür für geschichtspolitische Symbolik diesen Mythos. Er sollte in den "vaterländisch" gesinnten Massen selbst die Kriegsniederlage überdauern (W. Conze).

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Generalfeldmarschall Hindenburg - "Arbeitsverteilung" mit Ludendorff

"Wenn das das deutsche Volk wüsste..."
(Max Hoffmann, 1915)

Nach der Umfassungsschlacht von Tannenberg gelang der 8. Armee im September 1914 noch ein Sieg über die russische Nordarmee an den Masurischen Seen. Die russischen Streitkräfte mussten sich zunächst weitgehend aus Ostpreußen zurückziehen. Hindenburg übernahm nun zusätzlich den Oberbefehl über die in Schlesien gebildete 9. Armee. Am 1. November 1914 wurde mit der Bezeichnung "Oberbefehlshaber Ost" (OberOst) eine neue Kommandostelle mit den Generälen Hindenburg und Ludendorff an der Spitze errichtet. OberOst operierte im Osten relativ autonom, war formal aber der Obersten Heeresleitung unterstellt.

Am 27. November 1914 beförderte der Kaiser Paul von Hindenburg als ersten General des Weltkrieges in den höchsten zu vergebenden militärischen Rang eines Generalfeldmarschalls. Aber auch dies änderte nichts an der "Arbeitsverteilung" im Stab von OberOst. Der zweite geniale militärische Kopf neben Ludendorff in OberOst, Oberst Max Hoffmann, berichtete schon 1915 an seine Frau:
"Hindenburg bekümmert sich um das Militärische überhaupt nicht mehr. Er ist viel auf Jagd und kommt im übrigen morgens und abends je fünf Minuten, um sich zu erkundigen, was los ist. …Hier schreiben wir jetzt meist 'v. Hindenburg' unter die Befehle, ohne dass sie ihm überhaupt gezeigt werden. ... Ludendorff macht alles allein. Es gibt doch manches Komische in der Welt. Wenn das das deutsche Volk wüsste, dass sein Held Hindenburg eigentlich Ludendorff heißt." (M. Nebelin)

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Erfolge anderer militärischer Oberbefehlshaber

Tannenberg - "...das ist ebenso unbestreitbar wie der völlige Fehlschlag seiner Offensive im Winter."
(Oberst Hans von Seekt zu Hindenburgs militärischen Verdiensten Juni 1915)

Wenn auch eine Vernichtungsschlacht wie Tannenberg nicht wiederholbar war – für Hindenburg und Ludendorff selbst genauso wenig wie für andere Heerführer – erzielten andere Oberbefehlshaber der Ostfront doch ebenfalls wichtige Erfolge. Insbesondere das Duo General August von Mackensen (1849–1945) und sein Stabschef Oberst Hans von Seeckt (1866–1936) erlangten mit ihrer 11. Armee, die sich außerhalb des Befehlsbereichs von OberOst, also Hindenburgs, befand, bedeutende Erfolge. Mackensen zog am 23. Juni 1915 mit Hindenburg rangmäßig gleich, als der Kaiser ihm die Feldmarschallwürde verlieh. Infolge des weiteren Kriegsverlaufs erlahmte der deutsche Vorstoß im Osten. OberOst nahm sein Hauptquartier in Kowno ein. Für zehn Monate verschwanden Ludendorff und Hindenburg von der "militärischen Bildfläche" (W. Pyta).

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Großer Feldherr?

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vergrößernHindenburg, Ludendorff und Hoffmann, um 1916

"Dieser Kerl ist ein zu trauriger Genosse, dieser große Feldherr und Abgott des Volkes"
(Oberst Max Hoffmann an seine Frau, August 1916)

Im Sommer 1916 begannen die Alliierten an drei Fronten gleichzeitig neue Offensiven. Dem Drängen des Oberbefehlshabers Ost, Hindenburg, nach Zufuhr frischer Truppen an die Ostfront konnte Falkenhayn somit nicht nachgeben. Wieder wandte sich Hindenburg unter Umgehung des Dienstweges an den Kaiser. Der wies ihn ab. Hindenburg wollte sich fügen, doch Erich Ludendorff und Max Hoffmann intervenierten und kritisierten den Oberbefehlshaber wegen seiner völligen militärischen Untätigkeit.

"Ludendorff ist wütend, bekommt den Feldmarschall nicht dazu, irgend etwas Entscheidendes zu tun. Der Kerl ist ein zu trauriger Genosse, dieser große Feldherr und Abgott des Volkes." - Dies schrieb Max Hoffmann in August 1916 seiner Frau (zitiert nach W. Pyta). Hindenburg hatte die Lektion vom Januar 1915 nicht vergessen und bat mit gebotener Zurückhaltung auf dem Dienstweg, dem Kaiser vortragen zu dürfen. Auch diesem Ansinnen widersetzte sich der Kaiser, wenngleich er Hindenburg der ungebrochenen kaiserlichen Gnade versicherte.

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Chef der Obersten Heeresleitung

"Wenn Euere Majestät Hindenburg und Ludendorff nehmen, dann hören Euere Majestät auf, Kaiser zu sein."
(General Erich von Falkenhayn zu Kaiser Wilhelm II., August 1916)

Am 27. August 1916 erklärte Rumänien den Mittelmächten den Krieg. General Erich von Falkenhayn (1861–1922), der Chef der Obersten Heeresleitung, hatte damit (noch) nicht gerechnet. Dies wurde ihm von anderen Generälen als unverzeihlicher Fehler angekreidet. Generaloberst Moritz Freiherr von Lynker (1853–1932), der Chef des Militärkabinetts, der nicht im Bann des Hindenburg-Mythos stand (W. Pyta) und Falkenhayn bisher beim Kaiser gestützt hatte, mochte ihn nun auch nicht mehr halten.

"Lange, lange habe ich Widerstand geleistet gegen die vielen Treibereien [gegen Falkenhayn]; schließlich habe ich selbst eingesehen, daß es nicht weiter ging [...].", schrieb Lynker im August 1916 seiner Frau (zitiert nach W. Pyta). Mit "Treibereien" waren möglicherweise nicht ausschließlich die Aktivitäten Hindenburgs und Ludendorffs gemeint, aber sicher diese auch. Hindenburg hatte schon seit Januar 1915 gegen Falkenhayn intrigiert und sogar beim Kaiser mit seinem Rücktritt gedroht, falls er ihn nicht von seinem Chefposten entferne. Der Kaiser verbat sich diese Einmischung in seine Kommandogewalt.

Damit der Kaiser, der treu zu Falkenhayn gehalten hatte, das Gesicht wahren konnte, musste man den General dazu bewegen, den Rücktritt einzureichen. Dies gelang mit einem intriganten Schritt. Lynker überredete Kaiser Wilhelm II. dazu, Hindenburg zu einem Immediatvortrag in das kaiserliche Hauptquartier zu befehlen. Dies musste Falkenhayn als Affront empfinden. Die Rechnung ging auf. Als Falkenhayn über das Treffen Hindenburgs mit dem Kaiser in Kenntnis gesetzt wurde, reichte er unverzüglich seinen Rücktritt ein.

Am 29. August 1916 ernannte der Kaiser Paul von Hindenburg im kaiserlichen Hauptquartier zu Pleß (Schlesien) zum Chef der Obersten Heeresleitung. Der unentbehrliche Ludendorff blieb als Erster Generalquartiermeister an seiner Seite. Es hätte andere fähigere Generäle für den Chefposten gegeben. Aber keinen, der über einen solchen Nimbus eines Unbesiegbaren verfügte, der als Volksheld für Siegeszuversicht stand, wie Hindenburg. Die öffentliche Meinung begrüßte denn auch die Ernennung Hindenburgs mit einhelligem Jubel. Auch Reichskanzler Bethmann Hollweg (1856–1921) hatte seinen Teil dazu beigetragen, dies aus politischem Kalkül. Hindenburg sollte "als Legitimationsinstanz dienen, mit deren Hilfe die Monarchie aus der politischen Schußlinie genommen und innenpolitisch strittige Vorhaben durchgebracht werden sollten." (W.Pyta)

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Kriegsniederlage 1918 - Weitergabe der Verantwortung

Mit der Einsetzung Hindenburgs und Ludendorffs radikalisierte sich die Kriegsführung weiter. Hierzu zählte u. a. die Erklärung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges und die Ausrufung des Königreichs Polens, was einen Separatfrieden mit Russland in weite Ferne rücken ließ. Ab 1917 wuchs immer stärker die Meinungsverschiedenheit zu Kriegszielen und Friedenspolitik zwischen der Obersten Heeresleitung und der politischen Regierung sowie zwischen den Parteien. Ihre Ablehnung der Friedensbemühungen der Regierung bzw. des Reichstags durch einen Verzicht auf Annexionen setzten Hindenburg und Ludendorff mit Rücktrittsdrohungen durch. Hindenburg und Ludendorff schwebten ausgreifende Annexionspläne vor (auch als "Hindenburg-Frieden" propagiert – Chickering, Hindenburg, S. 556). Die Militärs bestimmten die Politik des Reiches gegenüber einem immer mehr in die Defensive geratenden Kaiser und einem Parlament ohne Entscheidungsmacht. Massiven Annexions- und Hegemonieforderungen verlieh die Oberste Heeresleitung mit dem Friedensschluss von Brest-Litowsk gegenüber Russland deutlichen Ausdruck.

Mit der Zuspitzung der militärischen Lage im Sommer 1918 zeigten sich die Befehlshaber zunächst jedoch noch nicht in einem Umdenkprozess. Nipperdey charakterisiert dies sogar als "Wirklichkeitsflucht" (Nipperdey, Geschichte, S. 861). Die Propaganda verkündete noch immer die Gewissheit für einen deutschen Sieg: Der Friedensschluss von Brest-Litowsk hatte den Krieg im Osten mit großen territorialen Gewinnen beendet und im Westen befand sich die Front nicht im Heimatland.

Doch hatte der uneingeschränkte U-Boot-Krieg nicht die erhoffte, kriegsentscheidende Wirkung erzielt und die französische Gegenoffensive vom August 1918 brachte die deutschen Truppen immer mehr in Bedrängnis. Die Versorgungssituation war schlecht, die Erschöpfung der deutschen Truppen groß. Dieser realen Lage verschloss sich die OHL zunächst und hoffte noch immer auf eine Stabilisierung durch "strategische Defensive" (Nipperdey, Geschichte, S. 861). Dementsprechend wurde die immer prekärer werdende militärische Lage auch nicht kommuniziert.

Im September 1918 erfolgte dann jedoch die Kehrtwende: Ludendorff plädierte nun angesichts der militärisch ausweglosen Situation dringlich, die Regierung müsse um Frieden und Waffenstillstand nachsuchen und die Regierung parlamentarisiert werden. Dies erwies sich im Nachhinein betrachtet als ein wirkungsvoller Schachzug, um die Verantwortung für die Niederlage an die neue, parlamentarische Regierung weiterzugeben (Nipperdey, Geschichte, S. 861f.; Pyta, Hindenburg, S. 335). Eine ähnliche Stoßrichtung verfolgte auch Hindenburg in seiner Aussage vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss am 18. November 1919, als er in Clausewitzscher Diktion den Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln bezeichnete. Auch betonte er, dass die Oberste Heeresleitung 1914 keine Krieg gewollte hätte.

Der schnelle Umbruch 1918 durch die Revolution, die Unterzeichnung des Waffenstillstands und den Thronverzicht des Kaisers überraschte sowohl die Bevölkerung als auch die Soldaten und löste eine verstärkte Suche nach Ursachen und Erklärungen aus.

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Dolchstoßlegende

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vergrößernAusschnitt aus einem Wahlplakat mit Darstellung des 'Dolchstoßes', 1924

Um die Heeresleitung und die Soldaten von der Verantwortung für die Niederlage zu entlasten, lenkten die Verantwortlichen vom Versagen der Armeeführung sowie von der militärischen Unterlegenheit der deutschen Truppen, deren Erschöpfung und schlechter Versorgungslage ab. Stattdessen projizierten sie Schuldzuschreibungen an die "Heimat". Formulierungen wie "im Felde unbesiegt" gewannen an Verbreitung.

Um eine entsprechende Erklärung für die nicht erwartete Niederlage zu finden, etablierte sich der Vorwurf an die "Heimatfront", sie sei mit mangelnder Unterstützung und schließlich mit den revolutionären Bestrebungen dem Militär in den Rücken gefallen. Die als "Dolchstoß-Legende" bekannt gewordene Argumentation gewann nicht zuletzt durch Hindenburgs Aussage vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss am 18. November 1919 an Aufmerksamkeit.

Die Kriegsschuldfrage hatte zur Einrichtung einer Reihe von Untersuchungsausschüssen geführt. Der zweite Ausschuss forschte nach Umständen und Ursachen, die zur Ablehnung von Friedensangeboten während des Krieges geführt hatten. Hindenburgs Aussage wurde hohe Glaubwürdigkeit zugeschrieben. Er äußerte vor dem Ausschuss die Einschätzung, dass das deutsche Militär "trotz der zahlenmäßigen Überlegenheit des Feindes" "den ungleichen Kampf zu einem günstigen Ende" hätte führen können, "wenn die geschlossene und einheitliche Zusammenwirkung von Heer und Heimat eingetreten wäre" und nicht "Parteiinteressen" die nationale Einigkeit untergraben hätten. Eine "heimliche planmäßige Zersetzung von Flotte und Heer" und "revolutionäre Zermürbung" habe dieses aber verhindert und sei damit Ursache der Niederlage. (Stenographischer Bericht zum Untersuchungsausschusses, 1919, S. 727-732)

Hindenburg setzte das Motiv des Verrats von hinterrücks virtuos und wirkungsvoll für seine Zwecke ein, waren doch die Ausführungen für den parlamentarischen Untersuchungsausschuss vorformuliert, um nur noch verlesen werden zu müssen. Nach Hindenburgs Auftritt im Untersuchungsausschuss verselbständigte sich die "Dolchstoß"-Legende. Auch andere Militärs (z. B. General von Kuhl im vierten Unterausschuss) übernahmen für ihre Einschätzung in Untersuchungsausschüssen die Konstellation vom Mutverlust der Truppe nach dem Fehlschlag der Offensive "Michael" und der "von der Heimat ausgehende[n] revolutionäre[n] Unterwühlung des Heeres": Nach "lange[r] Wühlarbeit" habe die "Revolution" dem Heer "im letzten Augenblick den Dolch in den Rücken gestoßen". (zitiert nach Krumeich, S. 595)

Abseits der Propaganda mussten im Endeffekt allerdings auch Hindenburg und Ludendorff (neben Groener, Kuhl und anderen) zugestehen, dass das deutsche Heer im Herbst 1918 keineswegs mehr an allen Fronten gesiegt habe und dass es letztlich im Herbst 1918 nur noch darum ging, einen "anständigen Frieden" zu erreichen. (Krumeich, S. 598) Doch solche Aussagen fanden weniger Aufmerksamkeit, Verbreitung und Glauben als die Dolchstoßthese.

Anfangs blieb der Vorwurf an die "Heimatfront" vergleichsweise allgemein. Im Zuge der innenpolitischen Auseinandersetzungen in der Weimarer Republik gewann die "Dolchstoß-Legende" an Zuspitzung und Sprengkraft: Dominierten erst Vorstellungen eines eher fahrlässigen Versagens, so entwickelten sich daraus Verdächtigungen der Konservativen bzw. des rechten Spektrums gegen die Linke (Sozialdemokraten, Kommunisten, Spartakisten) und gegen Juden, die einen gezielten und heimtückischen Verrat geübt hätten. (Krumeich, S. 585)

Einen politisch-propagandistischen Höhepunkt erreichte die Instrumentalisierung des Dolchstoß-Bildes im Reichstagswahlkampf 1924. Zwei Jahre später lenkte der Münchner "Dolchstoßprozess" zwischen dem Herausgeber der nationalistischen "Süddeutschen Monatshefte" und dem Chefredakteur der sozialdemokratischen "Münchner Post" zur Rolle der MSDP in den Ereignissen vom November 1918 wieder die Aufmerksamkeit auf dieses Thema.

Das Motiv des "Dolchstoß", der von Linken, Marxisten und Juden ausgeführt worden wäre, wurde im Übergang zur NS-Diktatur gebetsmühlenartig wiederholt und propagandistisch weiter instrumentalisiert.

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Vom Soldaten zum Politiker

"Aus unseren Knochen wird irgendein Rächer hervorgehen."
(Hindenburg an den Königsberger Oberbürgermeister Siegfried Körte, Februar 1919)

Der Monarchist Hindenburg hat das Ende des Kaisertums sicher bedauert. Persönlich erschüttert hat es ihn nicht. Mit der Waffenstillstandsvereinbarung vom 11. November 1918 schwiegen die Waffen. Das Deutsche Reich hatte einen Weltkrieg verloren. Der Kaiser hatte abgedankt und war geflohen, die übrigen Fürsten waren von ihren Thronen gestürzt. Hindenburgs Position aber blieb unangetastet. Soweit man die Oberste Heeresleitung für die Kriegsniederlage überhaupt verantwortlich machte, wurde Erich Ludendorff zum Sündenbock gestempelt. Paul von Hindenburg und Wilhelm Groener, der Nachfolger Ludendorffs, blieben an der Spitze der Obersten Heeresleitung. "Die ungebrochene Autorität des Generalfeldmarschalls im Feldheer" (W. Pyta) trug dazu bei, dass die neue revolutionäre Macht Hindenburg in Funktion und Ehre beließ. Man brauchte ihn geradezu. Hindenburg seinerseits hielt sich mit Kritik an der sozialistischen Regierung zurück, sein Pragmatismus führte sogar zu einem Vertrauensverhältnis zwischen ihm und dem nachmaligen Reichspräsidenten Friedrich Ebert (1871–1925). Die Aufgabe des Zusammenhalts des Feldheeres und der disziplinierten Rückführung der Truppen von den Fronten in West und Ost ist Hindenburg und Groener in allseits anerkannter Weise gelungen.

Nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages am 28. Juni 1919 hatte die Oberste Heeresleitung ihre Existenzberechtigung eingebüßt und wurde folgerichtig am 3. Juli 1919 aufgelöst. Kurz zuvor, am 25. Juni, hatte Paul von Hindenburg seinen Rücktritt eingereicht und sich von der Reichswehr verabschiedet.


Die "Hoffnung auf die Wiederkehr der alten Macht und Herrlichkeit" ist nicht verloren.
(Hindenburg an Ernst zu Hohenlohe-Langenburg, Oktober 1919)

Hindenburg kehrte an seinen vormaligen Wohnsitz Hannover zurück. Schon am 2. Oktober 1918 hatte ihm die Stadt Hannover, deren Ehrenbürger er bereits war, eine Villa in der Seelhorststraße 32 geschenkt. Die Stadt bereitete ihm einen überwältigenden Empfang. Hindenburg hat sich keineswegs auf die Lebensart eines Ruheständlers eingestellt. Zunächst hielt er sich klug aus allen innenpolitischen Streitfragen heraus, weil er bewusst sein überparteiliches Ansehen nicht aufs Spiel setzen wollte.

Ein erstes markantes Zeichen seiner inneren politischen Orientierung freilich setzte Hindenburg mit seinem Auftritt vor dem Untersuchungsausschuss der Nationalversammlung im November 1919. Der Generalfeldmarschall im Ruhestand sollte sich eigentlich Fragen zur Kriegsschuld stellen. Herrisch und stoisch ließ er es dazu gar nicht kommen, sondern verlas eine lang ausgefeilte Erklärung, mit der die "Dolchstoßlegende" quasi amtlich in die Welt gesetzt wurde (siehe oben).

Mit dem überraschenden Tod Friedrich Eberts, des ersten Reichspräsidenten der Weimarer Republik, im Februar 1925, sollte sich für Paul von Hindenburg ein neues Wirkungsfeld öffnen, für das er aufgrund seiner von ihm rational und genussvoll wahrgenommenen Popularität und seiner politischen Profilierung als Chef der Obersten Heeresleitung nicht gänzlich unvorbereitet war. Nachdem sich die Wählerschaft im ersten Wahlgang zur Reichspräsidentschaft nicht auf einen demokratischen Politiker verständigen konnte, ließ sich Hindenburg für den zweiten Wahlgang als Kandidat aufstellen. Ohne einen Wahlkampf zu führen, wurde er am 26. April 1925 mit klarer Mehrheit zum Reichspräsidenten gewählt.

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Stand: September 2012


 

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