4.2 Soziologie

Die Soziologie als Wissenschaft versucht, soziale Phänomene zu beschreiben und zu erklären. Wenn ich die Frage nach dem Sinn als entscheidende anthropologische Frage der Gegenwart bezeichne, so dürfte die Sinnproblematik ein zentraler Bereich der Soziologie sein.

4.2.1 Max Weber

Für Max Weber ist jegliches "soziales Handeln" des Menschen sinnhaft orientiert. Der Sinn geht nach Weber vom Handelnden aus. Der subjektiv gemeinte Sinn des Handelnden ist aber immer auf einen anderen bezogen. Weber geht es nicht um einen objektiven oder metaphysischen Sinn, sondern es ist der subjektive Sinn eines Handelnden gemeint. Sinnhaftes Handeln ist für Weber immer verstehbares Handeln.53

Ein Handeln hat rationale Evidenz, d.h. ist verstehbar, wenn es "restlos und durchsichtig intellektuell" verstanden werden kann. Bei der einfühlenden Evidenz kann der "Gefühlszusammenhang" voll nacherlebt werden.54 Jedes Ding, jedes Handeln hat für Weber insofern Sinn, als es entweder als "Mittel" oder als "Zweck" auf menschliches Handeln bezogen ist, alles andere bleibt "sinnfremd".

"Sinnfremd bleiben dagegen alle - belebten, unbelebten, außermenschlichen, menschlichen - Vorgänge oder Zuständigkeiten ohne gemeinten Sinngehalt, soweit sie nicht in die Beziehung von 'Mittel' und 'Zweck' zum Handeln treten, sondern nur seinen Anlaß, seine Förderung oder Hemmung darstellen." 55

Weber sieht in der Soziologie eine Wissenschaft, die versucht "sinnhaft orientierte Handlungen deutend zu verstehen..." Verstehen heißt hier einmal, das aktuelle Verstehen eines gemeinten Sinnes einer Handlung, dann aber auch erklärendes Verstehen. Es werden Motive für ein Handeln gesucht, "warum macht der das?". Es gilt Handeln in seinem Ablauf zu erklären, es wird ein Sinnzusammenhang erfaßt.57

Webers Ausführungen sind ein Hilfsmittel für die Betrachtung menschlichen Handelns, doch inhaltlich kommen wir dem "Sinn" nicht auf die Spur. Mag auch ein Beobachter das Handeln eines Menschen verstehen, d.h. es in seinem Ablauf erklären, es in einen größeren Zusammenhang einzuordnen, so ist damit noch nichts über die inhaltliche Bewertung des Handelns ausgesagt. Wir haben schon festgestellt, daß ein Aspekt der Sinnfrage die Integration in einen größeren Zusammenhang ist. Weber wird den Suizid eines Menschen in seinen Motiven erklären können, aber sinnvoll ist er damit noch lange nicht. Sinn wird weniger aus der Sicht des Handelnden, denn aus der Sicht des Betrachters gesehen, dem es um Verstehen geht.

4.2.2 Georg H. Mead

Sinn ist für Mead ein zentraler Faktor bei der gegenseitigen Anpassung der Handlungen verschiedener menschlicher Wesen innerhalb des menschlich-gesellschaflichen Prozesses.

"Sinn entwickelt sich und liegt innerhalb des Bereiches der Beziehung zwischen der Geste eines bestimmten menschlichen Organismus und dem folgenden Verhalten dieses Organismus, wie es anderen menschlichen Organismen durch diese Geste angezeigt wird."58

Zeigt eine Geste eines Organismus einem anderen Organismus das jeweils anschließende Verhalten an, dann hat sie Sinn. In der Beziehung zwischen dem Handeln und der Interpretation und Reaktion eines anderen auf dieses Handeln ist der Bereich des Sinnes angesiedelt, den Mead meint. Diese Beziehung ist dreiseitig:

a) Die Beziehung zwischen der Geste und dem ersten Organismus.

b) Die Beziehung zwischen der Geste und dem zweiten Organismus.

c) Die Beziehung zwischen der Geste und weiteren Phasen der jeweiligen gesellschaftlichen Handlung.59

Für Mead ist Sinn ein Mechanismus, der in einer gesellschaftlichen Handlung schon vor dem Bewußtsein gegeben ist. Erst auf der Stufe des Bewußtseins wird aus der oben genannten Geste ein Symbol. Mead nennt es signifikantes Symbol. Sinn kann durch Sprache oder Symbole beschrieben werden. Doch Sprache greift nur auf, was "logisch oder implizit bereits vorhanden ist."60 Für Mead ist Sinn in der Struktur einer gesellschaftlichen Handlung impliziert. Noch einmal: "...Sinn impliziert einen Bezug der Geste eines Organismus zur Resultante der gesellschaftlichen Handlung, auf die sie hinweist oder die sie auslöste, da ein anderer Organismus in diesem Bezug anpassend auf sie reagiert. Die anpassende Reaktion des anderen Organismus macht den Sinn der Geste aus."61

Mead spricht auf der gleichen Ebene von Sinn wie Weber, nur kommt bei ihm der Beziehungsaspekt des Handelns hinzu.

4.2.3 Berger/Luckmann

Die Ausgangsfrage der beiden Autoren Berger/Luckmann ist: " Wie ist es möglich, daß subjektiv gemeinter Sinn [vgl. dazu Max Weber in 4.2.1, d. Verf.] zu objektiver Faktizität wird?"62

4.2.3.1 Die Alltagswelt 63

Um sich dieser Frage zu nähern, versuchen die beiden Autoren eine Analyse der Alltagswelt, sie fragen nach dem Wissen, welches die Alltagswelt reguliert. Die Alltagswelt wird vom Menschen als Wirklichkeit begriffen, sie wird gedeutet, sie erscheint dem Menschen als subjektiv sinnhaft. Aber die Alltagswelt wird nicht nur hingenommen, sondern durch Gedanken und Taten auch aktiv gestaltet. In der Alltagswelt ist der Mensch nicht allein. Die fundamentale Interaktionsform ist die vis-a-vis-Situation. In der vis-a-vis-Situation erfasse ich am ehesten, wie der andere ist und kann mein Handeln darauf einstellen. (Zur vis-a-vis-Begegnung vgl.: Mead) Die vis-a-vis-Begegnung findet im Augenblick statt und ist deshalb höchst flexibel, d. h. einem ständigen Wechsel unterworfen. Obwohl es schwer ist, gibt es auch in Alltagssituationen vorgegebene Typisierungen mit denen ich den anderen erfasse und behandle. ("Das ist ein netter Kerl, mit dem gehe ich freundlich um.") Typisierungen helfen Komplexität zu reduzieren.

Mit Hilfe der Sprache sind wir in der Lage über die vis-a-vis-Situation hinaus Erfahrungen u.ä. zu objektivieren. "So subsumiert die Sprache spezielle Erlebnisse ständig unter allgemeine Sinnordnungen, die objektiv und subjektiv wirklich sind."64 Die Sprache transzendiert das "hier und jetzt" der vis-a-vis-Situation, in einem Augenblick können Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vorhanden sein. Sprache kann verschiedene Zonen der Alltagswelt überbrücken und sie zu einem sinnhaften Ganzen integrieren.

4.2.3.2 Anthropologisches

Der Mensch hat keine artspezifische Umwelt und kein Instinktapparat gibt ihm eine Struktur vor, wie er sich in seiner Umwelt zu verhalten habe.65 Die Beziehung des Menschen läßt sich durch den von Plessner und Gehlen geprägten Begriff der "Weltoffenheit" fassen. Zwar gibt es biologische Grenzen, doch ist der Mensch in der Lage, gegensätzliche Gebiete der Erde zu bewohnen. (Menschen leben sowohl in der Kälte des ewigen Eises, als auch in der Hitze der afrikanischen Wüsten.)

Im Vergleich mit den Tieren ist der Instinktapparat des Menschen unterentwickelt, seine Triebe sind unspezifisch und ungerichtet. Die "Weltoffenheit" zeigt sich auch darin, daß die Sinneswahrnehmung des Menschen nicht spezifiziert ist. Wir sind in der Lage, unsere Sinne auf spezielle Eindrücke auszurichten und andere nicht wahrzunehmen. Es sei an den Partyeffekt erinnert. Wir können uns in einem Raum, in dem auch andere Menschen sprechen, auf einen bestimmten Menschen konzentrieren und uns mit ihm unterhalten, obwohl insgesamt Lärm im Zimmer ist. Wir sind also in der Lage Wahrnehmung zu selektieren. Dies ist möglich, weil das Großhirn durch das Stammhirn von den Funktionen der organischen Steuerung und der Sinneswahrnehmung entlastet ist. Auch im praktischen Handeln entgeht der Mensch dem diffusen Reizchaos, dem er aufgrund seiner Unspezialisiertheit und Weltoffenheit ausgeliefert ist, indem er Schemata bildet. Es kommt zu Denk- und Wahrnehmungsgewohnheiten, die unendlich vielen Außenreize werden auf schnell erkennbare Grundmuster reduziert, um so schnell und erfolgreich handeln zu können. Diese Grundmuster werden abgesichert durch Institutionen, Moralvorstellungen, Gesetzte und Rituale. So entsteht ein "kulturelles Muster, das die Menschen bis in ihre Antriebe hinein sozialisiert."66

Verglichen mit anderen höheren Säugetieren tritt der Mensch schon sehr frühzeitig direkt mit seiner Umwelt in Kontakt. (So gesehen ist der Mensch eine Frühgeburt.)67

"Der Vorgang der Menschwerdung findet [schon sehr früh, d. Verf.] in Wechselwirkung mit der Umwelt statt."68

So findet ein großer Teil der Menschwerdung in einer Umwelt, die schon vom Menschen geprägt ist, also in der Gesellschaft statt. Die Völkerkunde zeigt uns, daß es in den unterschiedlichen Kulturen sehr unterschiedliche Arten und Weisen der Menschwerdung gibt. "Menschsein ist sozio-kulturell variabel."69 Es gibt nach Berger/Luckmann keine biologische Natur, die die sozio-kulturelle Sozialisation des Menschen bestimmen würde. Anthropologische Konstanten sind "Weltoffenheit" und "Bildbarkeit des Instinktapparates". So kommen die beiden Autoren zu dem Schluß, daß der Mensch seine eigene Natur macht oder noch einfacher ausgedrückt, sich selbst produziert.70 Diese Selbstproduktion des Menschen ist immer gesellschaftlich bedingt. Zwar ist die Weltoffenheit durch die Gesellschaftordnung eingeschränkt, doch ist die Gesellschaftsordnung wiederum ein Produkt des Menschen. Es gibt keine biologisch abgeleitete Gesellschaftsordnung, nur die Notwendigkeit sich irgendeine Gesellschaftsordnung zu schaffen ist im Menschen grundgelegt.

Zusammenfassend kann gesagt werden: Der Mensch kann sich nicht auf vorgegebene Instinkte verlassen. Seine Weltoffenheit würde in einem diffusen Möglichkeitschaos enden, wenn er nicht die Fähigkeit zur Selektion hätte. Selektion bedeutet, daß er aus eine Fülle von Möglichkeiten bestimmte ausschließt, und sich für andere entscheidet. Dies betrifft sowohl den Bereich der Wahrnehmung als auch z.B. sein Sozialverhalten innerhalb eines sozialen Systems. Es besteht die Notwendigkeit der Festlegung, doch die inhaltliche Seite ist frei zu gestalten.

Weiter führen die beiden Autoren aus, wie aus menschlichem Tun über Gewöhnung, Sedimentbildung und Traditionsbildung Institutionen entstehen.

Gesellschaft mit ihren Sinndeutungssystemen ist Konstrukt des Menschen und nicht vom Himmel gefallen. Die Deutungsmuster sind Produkt menschlicher Aktivität, sie haben sich in Traditionen verfestigt. Im Rahmen von Sozialisation werden sie vom einzelnen angeeignet. In dieser Aneignung kann es zu Bedeutungsänderungen kommen. Wichtig ist festzuhalten, daß die Welterrichtung keine "heilige Ordnung" darstellt, sondern Menschenwerk ist. Es gilt demnach nicht, den "Sinn des Ganzen" zu entdecken. Es bleibt festzuhalten, daß abstrakte Sinnvorstellungen sich aus "konkreten Sinnerfahrungen des alltäglichen Lebens"71 ableiten lassen. Die konkreten Sinnerfahrungen werden in unmittelbaren sozialen Interaktionen gelernt und bestätigt.

4.2.4 Luhmann72

Luhmann versucht, den Sinnbegriff im Rahmen von System und Funktion zu beschreiben. Dabei will er "weder die Begriffe noch die Welt als feste Vorgaben"73 behandeln. Luhmann akzeptiert nicht die Annahme objektiv feststellbarer erkenntnisleitender Regeln, Formen oder Werte. Er versucht, den Sinnbegriff ohne Bezug zum Subjektbegriff zu definieren. Dem Funktionsbegriff und dem Systembegriff mißt er eine wichtige Bedeutung zu. Luhmann geht von einer Analyse der Funktion von Sinn aus.

Die Welt begreift Luhmann als den Inbegriff aller Möglichkeiten. Die Welt ist komplex und kontingent. Als Grundproblem sieht er die Reduktion von Komplexität.

Unter System versteht Luhmann einen Funktionszusammenhang, welcher durch seine Abgrenzung von der Umwelt sich selbst im Zustand einer bestimmten Ordnung hält.

Psychische und soziale Systeme konstituieren sich für Luhmann als Sinnzusammenhänge. Der Sinnbegriff umfaßt jegliche Ordnungsform menschlichen Erlebens. "Es gibt demnach, diesen Sprachgebrauch vorausgesetzt, kein sinnloses Erleben."74

Systeme haben mehr Möglichkeiten als sie aktuell verwirklichen können, sie sind komplex. Doch ein System ist immer weniger komplex als seine Umwelt, d.h. in Bezug auf seine Umwelt muß sich ein System selektiv verhalten. Luhmann versucht, den Sachverhalt einer Differenz zwischen den (beschränkten) Möglichkeiten eines Systems und den (vielfältigeren) Möglichkeiten seiner Umwelt durch die Unterscheidung von Komplexität und Kontingenz zu verdeutlichen.

Komplexität bedeutet, daß es mehr Möglichkeiten des Erlebens und Handelns gibt, als aktualisiert werden können. Komplexität bedeutet Selektionszwang.

"Der Begriff Kontingenz soll sagen, daß die im Horizont aktuellen Erlebens angezeigten Möglichkeiten weiteren Erlebens und Handelns nur Möglichkeiten sind, daher auch anders ausfallen können, als erwartet wurde;... Kontingenz heißt praktisch Enttäuschungsgefahr und Notwendigkeit, sich auf Risiken einzulassen."75

Sinn reguliert die selektive Erlebnisverarbeitung. Sinn ist die selektive Beziehung zwischen System und Welt. Sinn ermöglicht gleichzeitig die Reduktion und Erhaltung von Komplexität.

Luhmann bricht mit der metaphysischen Tradition, welche das Vorfindliche als Seiendes bestimmt und nach dem Sein des Seienden fragt. Luhmann verzichtet auf diese Fragen, für ihn ist das Vorfindliche so vielfältig, daß es menschliches Erkenntnisvermögen übersteigt. Es gilt das vielfältig Vorfindbare in menschlichen Erkenntnis-versuchen nach unterschiedlichen Gesichtspunkten zu ordnen, aber nicht als Sein des Seienden. Die Reduktion von Komplexität ist angezielt.

Für Döring/Kaufmann erhellt Luhmann zwar die Sinnproblematik, löst sie jedoch nicht.

Die Formen unseres Zusammenlebens werden immer komplexer, ja sie verselbständigen sich insofern, als die Mitgliedschaft in einem sozialen System von Ein- und Austrittsbedingungen abhängig gemacht wird. Dies bedeutet, "daß nämlich das Individuum nur noch in höchst selektiver Weise an dem beteiligt ist, was sich in denjenigen sozialen Systemen ereignet, denen es zugehört."76 Während früher der Mensch nur einer sozialen Gruppe zugehörig war und sich mit ihr identifizieren konnte, gehört er heute unterschiedlichen Gruppen an, und es besteht die Notwendigkeit, sich zwischen Alternativen zu entscheiden.

Sinn ist nun für Luhmann die "Identität eines Zusammenhangs von Möglichkeiten."77 Aber das ist nur eine äußere Beschreibung, Luhmann stellt sich nicht der Frage woher der einzelne seine Selektionskriterien nimmt.

Für Döring/Kaufmann zeigen sich hier die Grenzen der Luhmannschen Theorie. "Sein Sinnbegriff bleibt der gegenwärtigen historisch-gesellschaftlichen Situation immanent, d.h. es wird deutlich, daß in einer Situation weitgehend kontingenter Beziehungen zwischen psychischen und sozialen Systemen Sinn nur noch als Identifikation und Selektionskriterium der Einzelsysteme begriffen werden kann."78 Luhmann setzt Sinnbildung als selbstverständlich voraus. Jemand der an einem sozialen System teilnehmen will, wird entsprechend motiviert sein. Für Luhmann wird diese Motivation durch generalisierte Kommunikationsmedien sichergestellt.

Döring/Kaufmann haben Anfragen an das Luhmannsche System. So setzt "die Motivierbarkeit durch Kommunikationsmedien ... den Aufbau individueller Motivstrukturen bereits voraus."79 Wenn kollektive Identifikation nicht mehr möglich ist, wie kommt es zu personaler Identität? Auf diese Frage geht Luhmann nicht ein. Der Sinnbegriff bleibt inhaltsleer. Sein Anliegen ist es, dem hohen Grad an Kontingenz, den moderne Gesellschaften stabilisiert haben, denkbar zu machen.

4.2.5 Zusammenfassung

Die Kernaussage Webers, daß soziales Handeln immer sinnhaft orientiert ist, bringt uns in unserer Fragestellung nicht weiter. Auch Mead, der die Sinnhaftigkeit eines Handelns von der Reaktion des Gegenüber abhängig macht, bringt in unserer Fragestellung wenig Erkenntnisfortschritt.

Berger/Luckmann zeigen, daß der Mensch aufgrund seiner Instinktarmut und der daraus folgenden Weltoffenheit sich selbst beschränkt, indem er aus der Fülle der Möglichkeiten bestimmte Möglichkeiten, die für ihn dann Sinn machen, auswählt. Diese werden dann in einem gesellschaftlichen Prozeß in Traditionen verfestigt.

Festzuhalten bleibt: Der Mensch bedarf zum Leben fester Deutungsmuster. «Das ist richtig, das ist falsch.» «Diese Verhaltensweise ist akzeptiert, diese nicht.» Er braucht ein System, das in sich schlüssig ist. Doch wie der Mensch diese Notwendigkeit einer Festlegung inhaltlich füllt, ist von seiner eigenen Aktivität und seiner Phantasie abhängig. Systeme diese Art sind nicht vorgegeben, sondern vom Menschen selbst geschaffen, also auch veränderbar. Dieses festzustellen, ist nach dem Zusammenbruch der alten von einer göttlichen Weltordnung getragenen Systeme wichtig. An die Stelle des alten tritt notwendiger Weise neues.

Wie dies geschieht, versucht Luhmann in seiner Sinndiskussion herauszuarbeiten. In einer Welt die noch komplexer geworden ist, versucht Luhmann mit dem Sinnbegriff die Reduktion von Komplexität zu fassen. Was Berger/Luckmann noch allgemein für Menschen aller Zeiten formuliert haben, wendet Luhmann auf unsere hochtechnisiert, komplexe, undurchschaubar gewordene Industriegesellschaft an, in der nebeneinander sehr unterschiedliche, zum Teil sich widersprechende soziale Systeme existieren. Sinn ermöglicht eine Ordnung menschlichen Lebens und Erlebens. Oder anders ausgedrückt: Bedingung der Möglichkeit menschlichen Lebens sind sinnhafte Strukturen.

Die Soziologen diskutieren die verständlichkeitsbezügliche Bedeutung von Sinn. Es geht darum menschliches Handeln zu verstehen. Menschliches Leben vollzieht sich grundsätzlich in sinnhaften Zusammenhängen. Wie nun eine inhaltliche Bestimmung des Sinnbegriffs bzw. eine nähere Bestimmung von sinnhaften Strukturen für den handelnden Menschen aussehen könnte, möchte ich im nächsten Kapitel fragen.

Nachdem mit der Soziologie der äußere Bereich menschlichen Tuns im Zusammenhang mit der Sinnfrage diskutiert ist, möchte ich mich mit der Psychologie dem inneren Bereich des Menschen zuwenden und sehen, welche Rolle Sinn hier spielt.

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