6. DIE SINNFRAGE IN DER SOZIALARBEIT

Im folgenden möchte ich festhalten, was ich bislang erarbeitet habe. Mein Ziel ist es sozialarbeiterische Handlungsmodelle auf die Frage nach dem Sinn zu untersuchen. Dazu bedarf es eines Maßstabes. Ich möchte ihn im folgenden erstellen, indem ich die für mich wichtigen Ergebnisse der bisherigen Arbeit zusammenfasse und sie ordne. Anschließend stelle ich vier sozialarbeiterische Handlungsmodelle vor und bewerte sie nach den erstellten Kriterien.
 

6.1 Zusammenfassung und Auswertung des ersten Teils
In einem ersten Schritt haben wir gesehen, daß der Sinnbegriff viele Bedeutungsnuancen hat. Uns interessieren für das folgende die emphatische Bedeutung: was macht das Leben lohnenswert, was ist lohnend, was macht glücklich. Diese Bedeutung ist oft gemeint, wenn vom "Sinn des Lebens" gesprochen wird. Mit Frankl bin ich der Meinung, daß die Frage nach dem Sinn des Lebens in dieser allgemeinen Form nicht zu beantworten ist. Der Sinn ist konkret für eine Person in einer spezifischen Situation. Die Frage nach dem Sinn des Lebens im allgemeinen ist keine Frage die beantwortbar wäre. Aber spannend ist herauszufinden, was für diesen Menschen in dieser konkreten Situation sinnvoll ist.

Vom emphatischen Sinnbegriff ausgehend, können wir allgemeine Strukturen herausarbeiten, ohne sofort die Frage nach dem Sinn des Lebens im umfassenden Sinn zu beantworten.

Ein Aspekt steckt im teleologischen Sinnbegriff. Wir sprechen von Sinn, wenn etwas auf ein Ziel ausgerichtet ist. Mein Leben hat Sinn, wenn es auf etwas ausgerichtet ist, was außerhalb von mir selbst ist, wenn mein Leben eine Aufgabe oder einen Zweck hat. Ich möchte da unterscheiden zwischen einem "kleinen" und einem "großen" Ziel. Unter dem kleinen Ziel verstehe ich 'das Tun des jetzt in dieser Situation nötigen'. Es ist meine Antwort auf die konkrete Lebenssituation. Unter dem großen Ziel möchte ich so etwas fassen wie Lebensentwurf, Lebensaufgabe etc., also etwas, was einen großen Teil des Lebens, vielleicht sogar das ganze Leben bestimmt.

Weiter möchte ich Sinn verstehen als Gestalt, als Gesamtheit, als Ganzheit. Auch hier ist wieder zu unterscheiden die Ganzheit, die ein einzelner Mensch ist. Und da ist die Gesamtheit der sozialen Gruppe, der Gesellschaft, der dieser einzelne angehört.

Der Gang durch die Geschichte hat uns gezeigt, daß ein großes sinnmachendes, sinndeutendes, sinngebendes System, das metaphysische Weltbild zerfallen ist. Mit dem Aufkommen der Naturwissenschaften, der Aufklärung, der Industrialisierung wird Gott von seinem Thron gestoßen und der Mensch setzt sich an seine Stelle. Eine Gemeinschaft als Ganzheit hatte dem einzelnen ein sinnhaftes System zur Verfügung gestellt, an dem er sich in allen Lebenslagen orientieren konnte. Nun steht der einzelne allein vor einem Geflecht aus Norm- und Wertvorstellungen, aus denen er auswählen muß. Der unbezweifelte Sinn, der Halt und Sicherheit gegeben hatte, ist zerbrochen. Neuer muß, als Akt des einzelnen Menschen, gefunden werden. Könnte Sozialarbeit bei dieser Aufgabe Hilfestellung leisten?

Die Philosophen haben uns die Auseinandersetzung mit dem zerfallendem Sinnsystem gezeigt. Kant wollte es in einem neuen Versuch retten. Nietzsche stellt uns die völlige Zerstörung der alten Strukturen vor Augen und zeigt ihre Konsequenzen auf. Marx versucht eine innerweltliche Utopie. An dieser Stelle ist deutlich zu sagen, daß es kein einheitliches System mehr geben wird. Unterschiedliche Weltentwürfe, die sich auch widersprechen können, haben nebeneinander Bedeutung. Sozialarbeit wirkt in einer Gesellschaft, in der sehr unterschiedliche Wert-, Norm-, Moral- und Sinnvorstellungen nebeneinander wirken. Wird dies reflektiert?

Im Ansatz von Nietzsche ist der einzelne Mensch als neuer Sinngeber herausgefordert. Marx versucht es mit einem geschichtlich-gesellschaftlichen Modell. Auch für Marx ist der Mensch Schaffer von Welt, der allerdings Werte und Normen nicht aus sich selbst schaffen muß, wie bei Nietzsche, sondern an ein Äußeres, an die Gattung Menschheit gebunden ist.

Die Soziologen versuchen die gesellschaftliche Bedeutung von Sinn zu bestimmen. Wenn Weber jegliches menschliches Handeln als sinnhaft bezeichnet, so ist dies eine schöne Feststellung, die uns aber nicht weiterführt.

Berger/Luckmann zeigen auf, daß dem Menschen das Bedürfnis nach stabilen, sinnmachenden Strukturen innewohnt. Die inhaltliche Bestimmung dieser Strukturen muß vom Menschen selbst erfolgen. Die zerbrochenen Strukturen des alten Weltbildes können durch neue abgelöst und ersetzt werden. Die Sinngestalten sind veränderbar, aber es muß welche geben.

Luhmann versucht im Sinnbegriff die Reduktion von Komplexität in einer hochindustrialisierten Gesellschaft zu fassen. Das Ganze ist für den einzelnen zu groß um es zu erfassen. Mit dem Sinnbegriff erfolgt eine Herausnahme aus der Fülle der Möglichkeiten ohne daß dabei die Möglichkeiten verloren gehen.

Wie nimmt Sozialarbeit das Bedürfnis des Menschen nach stabilen, sinnmachenden Strukturen innerhalb der Gesellschaft auf?

Die Entwicklung in der Psychologie hat gezeigt, wie zunächst der Mensch in seine Einzelteile zerlegt und analysiert wird. (Freudianer und Behavioristen). Erst die humanistische Psychologie sieht den Menschen in seinem Gesamtzusammenhang. Frankl versucht die Dimensionen Bios, Leib, Seele mit der Dimension Geist als Einheit zu sehen.

Auch wenn von den Psychologen der freudschen und der behavioristischen Schule die Frage nach dem Sinn nicht in das System paßt, geht es doch bei ihnen, wie auch bei der humanistischen Schule, darum, sinnmachende Ganzheiten wiederherzustellen. Freud möchte Unbewußtes dem Bewußtsein zuführen. Die Behavioristen sehen die zentrale Aufgabe des Menschen darin, sich in die jeweilige Umwelt einzupassen. Zwar würden die beiden erstgenannten Schulen Freiheit und Verantwortung in ihrer Theorie negieren, aber jede Therapie die auf die Veränderung von Menschen zielt, setzt Verantwortung und Freiheit voraus. Z.B. steht ein Klient in einer psychoanalytischen Behandlung regelmäßig vor der Entscheidung, gewonnene Einsichten in konkretes Handeln umzusetzen. Eine Entscheidung setzt Freiheit voraus.

Frankl bringt eine ganzheitliche Sicht vom Menschen, indem er den geistigen Bereich mitbedenkt. Die geistige Dimension ist geprägt von Freiheit, Verantwortlichkeit und Sinnorientiertheit. Der Geist schafft Einheit zwischen Leib und Seele und zwischen dem Menschen und dem Sein an sich.

Mit Frankl schließt sich der Kreis. Stellte sich im Weltbild der Metaphysik die Frage nach dem Sinn nicht, weil der Ursprung und das Ziel allen Lebens, Gott, unangefochten der Sinngrund alles Lebenden war, so sind wir mit Frankl zu einem Entwurf vom Menschen gekommen, der gegen das Sinnlosigkeitsgefühls in unserer Zeit, einen objektiven Garanten für den Sinn des individuellen Seins annimmt. Frankl geht es nicht um einen Gottesbeweis. Im Sinne von Berger/Luckmann möchte ich hier zunächst von einem Konstrukt sprechen, welches Bedingung der Möglichkeit eines allumfassenden Sinns ist. Ein Konstrukt muß geglaubt werden, ähnlich wie das Über-Ich nach Freud von niemandem gesehen wurde und also auch geglaubt werden muß. Hier bleibt zu bemerken, daß wir in allen Weltentwürfen, also auch in der Frage nach dem Sinn, nicht ohne Setzungen auskommen. Und so stellt sich die Grundsatzfrage, ob ich das Leben für sinnvoll oder ob ich es für sinnlos halte. In den Naturwissenschaften mit ihrem linear-kausalem Denken finde ich keine Lösung der Sinnfrage, ja ihr Aufkommen hat erst zur Sinnfrage geführt. Sinn kann nicht in naturwissenschaftlicher Begrifflichkeit ausgedrückt werden.

Für die Sozialarbeit ist zu fragen, an welchen psychologischen Modellen sich die einzelnen Ansätze orientieren. Des weiteren ist zu klären, ob in diesen Modellen Platz wäre für einen sinnorientierten Ansatz, wie Frankl ihn vorgestellt hat.
 

6.2 Integration
Wie wir weiter oben schon gesehen haben, hängt Sinn eng mit den Begriffen Ganzheit und Einheit und der Beziehung des einzelnen zu diesen Größen zusammen. Im folgenden möchte ich ausgehend vom Begriff der Ganzheit, der Einheit mit dem Begriff der Integration, der zu dieser Ganzheit und Einheit führt, das bislang Erarbeitete bündeln.

Allgemein bedeutet Integration das Herstellen oder Wiederherstellen eines Ganzen aus bestimmten Elementen, aber auch die Eingliederung von Elementen in ein Ganzes.172

Als Ganzes nehme ich das Selbst an. Das Leben vollzieht sich in der Spannung von Individualisation und Partizipation.173 Ich gehe vom Leben als einer kreisförmigen Bewegung aus in dessen Zentrum das Selbst steht. Durch die Bewegung nimmt das Selbst an der es umgebenden Welt teil, es nimmt Teile von ihr auf und kehrt zu sich zurück. So verändert sich das Selbst unter Wahrung seiner Selbstidentität. Aber durch die Bewegung ist das Selbst in seiner Selbstidentität auch gefährdet.

Organischer Bereich: Der zentrierte Organismus nimmt Nahrung auf. Einige Teile werden in den Organismus integriert andere wieder ausgeschieden. Um die aus der Nahrung gewonnene Energie bereichert, kehrt der Organismus zur Einheit mit sich selbst zurück. Kann aber der Organismus aufgenommene Teile weder assimilieren noch ausscheiden, wird das Gleichgewicht und die Zentriertheit des Organismus zerstört. Desintegration, Krankheit ist die Folge.

Psychischer Bereich: Der Mensch öffnet sich den Reizen und Impulsen seiner Umwelt. Aber die Selbstintegration ist z.B. durch Reizüberflutung bedroht, wenn die Selektionsmechanismen nicht mehr funktionieren. Kann der Mensch die Reizflut nicht stoppen, wird er unter ihrer Masse zusammenbrechen. Die Einheit des Selbst ist zerstört. Oder der Mensch versucht sich ihr durch Rückzug in sich selbst zu entfliehen und gerät in eine psychische Isolation. (Dieses Moment ist ein Teil des weiter unten von Ringel beschriebenen präsuizidalen Syndroms.) Sowohl der Zusammenbruch durch Reizüberflutung als auch der Rückzug führen zur Desintegration des Individuums.

Geistiger Bereich: Der Mensch tritt im Zuge der Selbstintegration aus sich heraus und intendiert einen Wert. Kann er diesen Wert in sein Leben integrieren, kehrt er bereichert zu sich selbst zurück. Die Intention dieses Wertes kann aber auch eine Überforderung seiner selbst sein. So kann die getroffene Wertentscheidung zur Desintegration führen. Eine Zielperspektive für sozialarbeiterisches Handeln wäre es, dem Individuum zu helfen die gestörte Partizipation zu überwinden, um in einem ausgewogenen Verhältnis die Spannung von Individualisation und Partizipation zu leben. Dies würde Sinn schaffen. Wir haben jetzt Integration aus der Sicht eines einzelnen Menschen betrachtet.

Der Sozialarbeiter oder die Sozialarbeiterin hat aber auch die gesellschaftliche Perspektive zu bedenken. So kann die Soziität als eine Ganzheit angesehen werden, in die einzelne Individuen integriert werden müssen. Jetzt ist die Frage, welche gesellschaftlichen Strukturen eine Integration in die Ganzheit einer Soziität verhindern. Wo sind gesellschaftliche Strukturen so komplex, daß der einzelne Mühe hat sich darin zurechtzufinden. Als Beispiel möchte ich eine unüberschaubare Wohnbebauung nennen, in denen Menschen keine Bereiche haben in denen sie sich treffen können. Als weiteres Beispiel könnte ich unser hochkompliziertes Wert- und Normgefüge nennen. Früher war es möglich sich z.B. an die Werte und Normen der Katholischen Kirche zu halten. Sie waren eindeutig formuliert. Wenn X vorliegt ist Y zu tun. Jetzt muß der Sozialarbeiter oder die Sozialarbeiterin mit dem Klienten einen Weg durch die Normenvielfalt suchen.

Wenn die uns umgebende Welt zu kompliziert geworden ist, besteht die Gefahr, daß eher ein Rückzug auf sich selbst erfolgt, die notwendige Partizipation an der Umwelt nicht stattfindet, und letztlich der einzelne sich als wertlos und sein Leben als sinnlos empfindet.

6.3 Schlaglichter
Schlaglichtartig möchte ich einige Bereiche aufführen, in denen Integration, die zu sinnhaften Strukturen führt, stattfinden könnte.

Selbstintegration:

- Integration von Vergangenheit: Abgespaltene Teile der Person werden wieder in das Selbst integriert. Schuld, Trauer werden verarbeitet. Belastende Ereignisse aus der Vergangenheit werden im Gespräch verarbeitet und so in das aktuelle Leben integriert.

- Integration von Zukunft:

Kleine Ziele werden ins Auge gefaßt, das konkret anstehende Problem wird angepeilt und gelöst. Frankl würde es die Antwort auf die Frage nennen, die das Leben dem einzelnen im Moment stellt. Dadurch erfolgt eine Reduktion von Komplexität.

Große Ziele oder der Lebensentwurf eines Menschen werden neu überdacht. Dies geschieht z.B. in einer Therapie für einen Alkoholiker. In einer Langzeittherapie wird durch Gegenerfahrungen ein neues Sinnsystem aufgebaut.

Integration in Richtung auf die Gesellschaft:

- Integration in ein Werte- und Normensystem Dies umfaßt die Integration in die allgemeinen Werte und Normen der Gesellschaft. Aber es bietet auch die Möglichkeit für weltanschaulich geprägte Sozialarbeit. Es hat manchmal den Eindruck, daß im Sozialen Bereich der Neutralitätsgedanke so vorherrschend ist, daß auch Sozialarbeit in christlichen Verbänden sich nicht mehr deutlich festlegt und damit schwammig wird.

- Integration in gesellschaftliche Gruppen

- Integration in die Familie

- Arbeitsplatz

- Wohnung

- Wohnumgebung

- Integration in Richtung auf ein gesellschaftliches Ziel

Als Beispiel möchte ich den trockenen Alkoholiker anführen, für den es sehr viel Sinn macht, anderen Alkoholikern zu helfen, ebenfalls trocken zu werden.

Erlebt sich ein Mensch in Einheit mit sich selbst und seiner Umwelt, dann erlebt er sein Leben als sinnvoll.

6.4 Darstellung und Bewertung sozialarbeiterischer Modelle
 

Im folgenden möchte ich das Erarbeitete in Verbindung mit sozialarbeiterischen Handlungsmodellen setzen. Dazu werde ich zunächst das Modell vorstellen um es dann zu bewerten.

Es gilt sinnmachende Strukturen herauszuarbeiten, die in jedem Modell vorhanden sein müssen. Des weiteren möchte ich der Frage nachgehen, inwieweit Elemente des logotherapeutischen Ansatzes in die einzelnen Modelle zu integrieren sind oder nicht.
 

6.4.1 Florence Hollis
Die psychosoziale Arbeitsweise als Grundlage Sozialer Einzelhilfe-Praxis
 

6.4.1.1 Darstellung
Mit Florence Hollis174 stelle ich eine Vertreterin der diagnostischen Schule vor, die die Entwicklung einer psychosozialen Arbeitsweise der Sozialarbeit vorangetrieben hat. Den Horizont ihrer Arbeitsweise bezeichnet sie mit "Person-in-ihrer Situation-Gefüge". Sie nimmt zwei Ganzheiten in den Blick, die miteinander in Beziehung stehen, die Person und das gesellschaftliche Gefüge in dem diese Person steht. Sie spricht von einem system-theoretischen Ansatz innerhalb der Sozialarbeit.

Anthropologische Grundlage ist das Persönlichkeits-modell Freuds. Damit verpflichtet sich die diagnostische Schule auch dem medizinischen Modell der Psychoanalyse. Das Ich wird als Vermittler zwischen Triebleben und Über-Ich und Vermittler zwischen psychischen Bedürfnissen und den Forderungen der Wirklichkeit verstanden.

Ein zweiter Schwerpunkt dieser Arbeitsweise ist die Differenzierung der Behandlung, die nach den Bedürfnissen der Klienten ausgerichtet sein soll. Dazu muß der Sozialarbeiter oder die Sozialarbeiterin die Faktoren definieren, die zum Problem führen. Hollis bezeichnet dies als Diagnose oder Fallstudie.

Die Suche nach den Ursachen erfolgt in umfassender Weise von außen nach innen gehend. Abschließend wird das Verhalten mit "normalem" Verhalten verglichen.

Die Diagnose gliedert sich in:

- dynamische Diagnose: Das Wechselspiel der unterschiedlichen Persönlichkeitsanteile und die Wechselwirkung zwischen dem Verhalten des Klienten und dem anderer Menschen wird in den Blick genommen.

- ätiologische Diagnose: Mögliche Ursachen werden daraufhin überprüft, ob sie das aktuelle Problem des Klienten beeinflussen.

- klassifikatorische Diagnose: Das Verhalten des Klienten wird beurteilt und benannt. Dies kann auch in Form einer klinischen Diagnose geschehen.

Die Behandlung zielt auf eine Veränderung der Person oder der Situation, die das Problem bedingt, oder beider. Der Mensch soll lernen sich und seine Situation besser zu verstehen. Hollis geht davon aus, daß dann Veränderung und Wachstum auch einer erwachsenen Person möglich sind.

"Wir gehen davon aus, daß ein Mensch nicht nur passiv ist, sondern die Fähigkeit spontanen Handelns besitzt, daß er in gewissen Grenzen sein Schicksal selbst in der Hand hat, indem er sich den äußeren Realitäten anpaßt, sie aber auch verändert...."175 Der Sozialarbeiter oder die Sozialarbeiterin steuert die Behandlung mit Hilfe therapeutischer Prinzipien.

Die psychosoziale Arbeitsweise baut sehr stark auf der Persönlichkeitstheorie Freuds auf. Später sind Einflüsse von Hartmann und Erikson zu spüren. Die Psychologen Piaget und Lewin sind zu nennen. Auch weist Hollis auf Einflüsse der Gestalt-Psychologie hin. Die Kulturanthropologie und die Sozialwissenschaften werden herangezogen. Einflüsse der System-Theorie und Kommunikationstheorie sind zu bemerken.

Hollis sieht in ihrer Arbeitsweise eine Kunst und eine Wissenschaft. Als Wissenschaft versucht sie sich auf objektive Wahrheiten über den Menschen zu begründen.

Es fällt auf, daß Hollis zwar die Selbstbestimmung und die Mitarbeit des Klienten bei dem Hilfeprozeß betont, doch insgesamt hat der Sozialarbeiter oder die Sozialarbeiterin das größere Gewicht im Hilfeprozeß.

Hollis denkt sehr stark in einem Ursache-Wirkung Muster. Es sind Ansätze von systemischer Denkweise zu erkennen, nämlich dort wo sie von einem Bedingungsgefüge von der Person und der Situation und der Umwelt spricht. Aber konsequent durchgeführt hat sie den systemischen Ansatz nicht.

6.4.1.2 Bewertung
Mit dem "Person-in-ihrer-Situation-Gefüge" nennt Hollis die beiden Bereiche, in denen Integration erfolgen muß. Sie spricht von einer Veränderung der Person oder einer Änderung der Situation, also der Umwelt.

Wie wir weiter oben schon festgestellt haben, hängt die Frage nach dem Sinn mit dem Menschenbild eng zusammen.

Hollis orientiert sich am Menschenbild deterministischen Menschenbild Freuds. In diesem Menschenbild kommt der Bereich der Geistigkeit, wie weiter oben schon festgestellt nicht explizit vor. Der geistige Bereich wird im Ansatz von Hollis nicht reflektiert. Trotzdem spricht sie von einer begrenzten Freiheit, in der der Mensch sein Leben selbst in die Hand nehmen kann. In ihrer Diagnosenstellung konzentriert sich Hollis auf den Bereich des Kranken. Als Wissenschaft versucht sie ihre Arbeitsweise auf objektiven Wahrheiten vom Menschen zu begründen. Die Diagnose legt von außen fest, was für den Klienten sinnvoll ist. Obwohl sie in Zusammenarbeit mit dem Klienten erstellt wird, hat der Sozialarbeiter oder die Sozialarbeiterin hierbei ein deutliches Übergewicht.

Der Bereich der Wertvorstellungen wird zwar als mögliches Problem erwähnt, aber eher in einem Nebensatz, ohne weitere Ausführung.

Da die Arbeit auf die Bedürfnisse des Klienten ausgerichtet sein soll, liegt es an dem Sozialarbeiter oder der Sozialarbeiterin, ob er oder sie eine noetische Fragestellung aus der Schilderung der Klienten heraushört. In diesem Ansatz wird sonst, falls nicht der Klient selbst die Sinnfrage anspricht, die-ser Bereich menschlichen Seins nicht berücksichtigt.

Hollis spricht zwar von rassischen Unterschieden, die einen Hilfeprozeß erschweren können, aber nirgends geht sie auf Werte und Normen eins, von weltanschaulichen Fragestellungen ganz zu schweigen.

Der Bereich der Lebensziele, der Aufgaben die ein Mensch in seinem Leben erfüllen könnte wird nicht reflektiert. Der Mensch wird fit gemacht, daß er am gesellschaftlichen Leben wieder teilnehmen kann.

Auch die Bereiche Freiheit und Verantwortung spielen nur insofern eine Rolle, als ohne sie keine Veränderung stattfinden kann. Als Werte, die das Menschsein des Menschen ausmachen, spielen sie keine Rolle.

6.4.2 Helen Perlman
Das Modell des problemlösenden Vorgehens in der Sozialen Einzelhilfe
6.4.2.1 Darstellung
Für Helen Perlman ist das Leben des Menschen von der Geburt bis zu seinem Tod ein problemerzeugender und problemlösender Prozeß. Mit seinen Antriebs-, Gefühls-, Wahrnehmungs-, Erkenntnis- und Anpassungskräften, dem Ego, ist der Mensch normalerweise in der Lage das Ziel, die Herstellung eines inneren Gleichgewichts, immer wieder zu erreichen. Probleme sind zunächst nicht negativ zu sehen. Erst wenn die Ich-Kräfte des Menschen nicht mehr stark genug sind - fehlerhaftes Denken, schlechtes Lernen, verschwommene Wahrnehmung, unange-messenes Handeln sind Symptome für Fehler - den Menschen wieder ins Gleichgewicht zu bringen, werden aus den Problemen ein Problem, welches professioneller Hilfe bedarf. Ziel der Hilfe ist es das Niveau menschlicher Tätigkeit und Befriedigung im täglichen Leben zu heben. Es geht um eine Verbesserung der akuten Problemsituation durch erreichbare Teil- und Nahziele. Dazu müssen die Ego-Fähigkeiten gestärkt werden.

Der Helfer soll:

- störende Ego-Abwehrmechanismen abbauen

- Ego-Funktionen stärken

- Ressourcen aus der Umwelt erschließen.

Folgende Elemente sind in der problemlösenden Arbeit wichtig :

der Mensch

das Problem

die Stelle

der Prozeß.

Im Gegensatz zur diagnostischen Schule steht beim problemlösenden Ansatz eher der Klient im Mittelpunkt. Es wird nicht allein die Persönlichkeitsstörung oder das psychosoziale Problem gesehen, sondern der Klient wird mit seinen Fähigkeiten gesehen, mit denen er sich aktiv an der Lösung seiner Probleme beteiligen kann.

Gründe für die Unfähigkeit eines Klienten seine Probleme selbst zu lösen liegen in einer Schwäche in folgenden drei Bereichen:

"der Motivation zur angemessenen Beschäftigung mit dem Problem,

der Fähigkeit, dies zu tun,

und der Möglichkeit, Mittel und Wege zu finden, um die Schwierigkeit zu beseitigen oder zu mildern."176

Perlman geht nicht von der Annahme aus, daß der Hilfesuchende krank sei oder ein schwaches Ego habe. Im Gegensatz zum medizinischen Modell werden nicht so sehr die Defizite in den Blick genommen. So soll es Aufgabe des Helfers sein

- die Motivation des Klienten zu beeinflussen,

- die geistigen und emotionalen Handlungsfähigkeiten zu wecken und zu trainieren

- und Ressourcen aus der Umwelt zu erschließen.

Der problemlösende Ansatz behandelt komplexe, recht unterschiedliche Problemlagen (von Umweltschwierig-keiten bis zu psychologischen Problemen) und konzentriert sich dabei auf das akut belastende Problem, welches der Klient allein nicht bewältigen kann. Die Konzentration auf ein Nahziel soll Energien mobilisieren, mit denen der Klient die nächsten Schritte allein machen kann.

Die Ich-Psychologie ist die dynamische Basis dieser Arbeitsweise. Erikson, der sie psychodynamischen Erkenntnisse Freud mit den sozio-kulturellen Kräfte zu einem Modell verband und White mit seiner Vorstellung der "Wirkungs-Motivation", des Drangs des Menschen Ursache von etwas zu sein, haben das problemlösende Modell stark beeinflußt.

John Dewey trug mit seiner Analyse der reflektierten Denkprozesse und seiner Vorstellung vom Menschen der nicht nur reagiert sondern selbst handelt, zu diesem Modell bei.

6.4.2.2 Bewertung
Perlman sieht das Leben als Prozeß, wie wir es oben im Bild von Integration und Partizipation dargestellt haben. Insbesondere geht es Perlman um die Aktivierung der gesunden Anteile des Menschen. Die Motivation der geistigen und emotionalen Handlungsfähigkeiten soll zur Lösung der Probleme beitragen. Der Mensch ist ein in Freiheit und Selbstverantwortung Handelnder, kein Getriebener.

Das problemlösende Modell, welches Perlman vorgestellt hat, fokussiert fast ausschließlich das Problem welches der Klient direkt vorträgt. D.h. dahinterliegende tiefere Probleme werden vielleicht bemerkt aber nicht bearbeitet. Durch die Bearbeitung eines Problems soll der Klient in die Lage versetzt werden andere Probleme selbst zu lösen. Hieraus läßt sich schlußfolgern, daß auch ein noetisches Problem, welches hinter einem vorgetragenen Problem versteckt liegt, nicht bearbeitet würde. Denn kein Klient würde auf die Idee kommen zu sagen: "Ich habe ein Sinnproblem."

Der problemlösende Ansatz konzentriert sich jeweils nur auf Teilbereiche menschlichen Lebens und macht nicht einmal den Versuch das Ganze in den Blick zu nehmen. Perlman wehrt sich gegen eine Zielformulierung der Sozialarbeit, die ungefähr so lautet: "Man will Menschen bei ihrem Streben nach einem in sozialer Hinsicht konstruktiven und persönlich befriedigenden Leben unterstützen."177 Perlman hält dies Zielformulierung für illusorisch und idealistisch. Mag ein so formuliertes Ziel auch niemals in seiner Gänze zu verwirklichen sein. Ein solches Ziel zu formulieren halte ich aber für legitim, denn in einem solchen Ziel kommt eine Ganzheit des Menschen in den Blick, den Perlman übersieht. Die Einordnung in einen größeren Zusammenhang von Leben kann so nicht erfolgen. Zwar versucht Perlman den Menschen nicht auf sein Problem zu reduzieren, doch es gelingt ihr nicht, ihn in all seinen Dimensionen wahrzunehmen.

Es erinnert mich stark daran, wie die Naturwissenschaften nur noch kleine Ausschnitte der Welt in den Blick bekommen, und dabei die Sicht für das Ganze verliert.

Der problemlösende Ansatz fragt nach dem nächst nötigen Schritt - wie Frankl es formulieren würde - der in Eigenverantwortung und Freiheit vom Klienten gegangen werden muß.

6.4.3 Germain/Gitterman
Das "Life Model" der sozialen Arbeit
 

6.4.3.1 Darstellung
Beim sozialarbeiterischen Modell von Germain/Gitterman haben systemtheoretische Ansätze Pate gestanden. Der Mensch wird als Teil der sozialen und ökologischen Umwelt gesehen. Mensch und Umwelt stehen in ständigen Austauschprozessen miteinander.

Bedürfnisse und Probleme des Menschen entstehen, aus der ökologischen Perspektive betrachtet, aus Transaktionen die zwischen Menschen und ihren Umweltverhältnissen entstehen.

Die Aufgabe der sozialen Arbeit besteht nun darin "das Anpassungspotential der Menschen und die Umweltbeschaffenheit so aufeinander zu beziehen, daß Transaktionen erfolgen können, die sowohl Wachstum und Entwicklung maximieren als auch Umweltstrukturen verbessern." 178

Sozialarbeit soll so aus der Perspektive der Klienten her entwickelt werden und nicht aus der Selbstdefinition von Dienststellen oder Methoden.

Die ökologische Perspektive wendet sich gegen eine Weltauffassung, die ihr Augenmerk auf der Analyse von Einzelteilen hat. Ein Ganzes ist mehr als die Summe seiner Teile. Die Sozialwissenschaft des 19. Jahrhunderts betrachtete noch den Menschen losgelöst von seiner Umwelt. "Solche unvollständigen Auffassungen des Verhältnisses von Person und Umwelt spiegeln eine lineare Sicht von Zeit, Raum und Kausalität..." 179

Das "Life Model" orientiert sich in seiner theoretischen Grundlegung an Entwicklungen, die die Subjekt-Objekt-Spaltung überwinden und die Bedeutung von Interaktionsfeldern betonen. So entwickelte die Biologie und die Sozialwissenschaft ein "Interesse an Mustern, Ganzheitsqualitäten sowie Beziehungen zwischen Teilen untereinander und zwischen Teilen und Ganzheiten".180 Feldtheorie, Gestalttheorie, organismische Ansätze und die allgemeine Systemtheorie standen dem "Life-Model" Pate.

Die ökologische Denkweise, hat eine adaptive und evolutionäre Sicht vom Menschen. Dieser steht in seinem ständigen, wechselseitigen Austausch mit allen Elementen seiner Umwelt. "Menschen verändern ihre physische und soziale Umwelt und werden von ihr durch kontinuierliche, reziproke Anpassungsprozesse verändert."181

Die reziproken Anpassungsprozesse können gestört sein. Und da jedes Moment Einfluß auf alle anderen Momente hat, kann das Gleichgewicht der Anpassung oder die Qualität des "Aufeinander-abgestimmt-Seins" gestört sein. So entstehen Probleme oder Streß in drei Zonen:

- In lebensverändernden Ereignissen: "Alle lebensverändernden Ereignisse erfordern Veränderungen im Selbstbild, in der Art, die Welt zu betrachten, und in der Art, die von Denken , Wahrnehmen und Fühlen herrührenden Informationen zu verarbeiten, Veränderungen der Weise, wie von den Ressourcen der Umwelt Gebrauch gemacht wird, sowie in den Zielsetzungen."182

- In Situationen mit besonderem Umweltdruck: Dies trifft zu, wenn z.B. der einzelne den Erfolgsstrukturen der Gesellschaft nicht gerecht wird, wenn soziale Kontakte fehlen oder eine ungeeignete äußere Umgebung (z.B. die Wohnsituation, Überbevölkerung etc.) zu Streß führt.

- Im Bereich interpersonaler Prozesse.

Die spezifische Aufgabe des Sozialarbeiters oder der Sozialarbeiterin besteht nun darin das "Anpassungspotential der Menschen so zu stärken und ihre Umwelt so zu beeinflussen, daß die Austausch-prozesse zwischen ihnen zu einer verbesserten Anpassung führen. Das professionelle Handeln schließlich zielt darauf ab, den Menschen in ihrer Umwelt bei der Über-windung solcher Hindernisse zu helfen, die Wachstum, Entwicklung und angepaßtes Funktionieren beein-trächtigen. Der Sozialarbeiter stellt sich dabei selbst mitten in die Begegnung von Person, Primärgruppe und Umwelt."183

Diese Art der Konzeption bestimmt die Gliederungspunkte des "Life Models":

- Problemdefinition

- Rollenauffassung von Klient und Sozialarbeiter

- Phasen des Hilfeprozesses

- soziale Diagnose

- professionelle Handlung.

Das Problem wird im Feld zwischen Person und Umwelt lo-kalisiert. Die Beziehung zwischen Klient und Sozial-arbeiter wird transaktional aufgefaßt. "Jeder bringt den Einfluß der in seinem eigenen Lebensraum wirksamen Kräfte in die Begegnung ein. Diese Kräfte beeinflussen das Ausmaß von Übereinstimmung, das Sozialarbeiter und Klient in ihrer Zusammenarbeit erreichen."184

Germain und Gitterman fordern mit Nachdruck den Einbezug von Werteinstellungen, Wissen und Selbstbewußtsein in den Bereich der professionellen Kompetenz. Sie weisen Neutralität und Unpersönlichkeit als wenig hilfreich zurück.

6.4.3.2 Bewertung
Das "Life-Model" sieht den Sinn menschlichen Lebens in Wachstum und Entwicklung und gleichzeitiger Veränderung der Umwelt, ähnlich wie wir es oben unter den Stichworten Partizipation und Individualisation beschrieben haben. Germain/Gitterman versuchen menschliches Leben nicht ausschnittweise, etwa im Sinne des medizinischen Krankheitsmodells, sondern als Teil der sozialen und ökologischen als Ganzheiten wahrzunehmen. Sinn ergibt sich in diesem Modell in der harmonischen Übereinstimmung vom einzelnen mit seiner Umwelt. Dieses Ziel kann erreicht werden, indem die auf Wachstum ausgerichteten Stärken und Kräfte des Menschen in Anspruch genommen werden. Hier wird also, ähnlich wie bei Frankl und Perlman, auf die positiven Möglichkeiten des Menschen verwiesen. In seiner Ganzheit wird der Mensch als geistiges Wesen nicht konkret reflektiert.

Der Mensch befindet sich mit seiner Umwelt in Aus-tauschprozessen dessen Ziel eine verbesserte Anpassung ist, in diese Austauschprozesse sind auch Wertvor-stellungen einbezogen. So können Veränderung im Selbst-bild und in den Lebenszielen des einzelnen nötig werden.

Germain/Gitterman lehnen eine neutrale Einstellung des Sozialarbeiters oder der Sozialarbeiterin gegenüber den Klienten ab. Innerhalb des "Life-Models" wäre es also möglich auch logotherapeutische Elemente zu integrieren und die Frage nach dem Sinn in den Blick zu nehmen.

6.4.4 Silvia Staub-Bernaskoni
Ein ganzheitliches Methodenkonzept - Wunschtraum? Chance? Notwendigkeit? Problembezogene Arbeitsweisen in der Sozialen Arbeit
 

6.4.4.1 Darstellung
Staub-Bernaskoni geht es um ein ganzheitliches Denken in der Sozialarbeit. Sie setzt sich aber gegen ein Einheitsdenken ab, das häufig nur die ganzheitliche Sicht der Dinge stört.

Voraussetzung dazu ist eine Befragung der Alltagspraxis, damit handlungsrelevantes Wissen entstehen kann. Weiter ist ein Bewußtsein über die gesellschaftlichen Rand- und Ausgangsbedingungen der Sozialarbeit in unserer Gesellschaft nötig. Zudem sind theoretische Vorstellungen nötig, die die Differenz und Wechsel-wirkungen zwischen individuellen, zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Problemen feststellen.

Wenn Staub-Bernaskoni von der Methodenintegration als ganzheitlicher Methode spricht, so geht sie von einer ganzheitlichen Sicht der Wirklichkeit der Sozialarbeit und ihrer Probleme aus. Sie sagt: "... es ist der Mensch selber, der das intermethodische Anliegen einführt und uns eine ganzheitliche Sicht der Wirklichkeit geradezu aufdrängt...".185

Sie spürt die Zerrissenheit von Mensch und Gesellschaft, und nimmt wenigstens bei denjenigen, die sich als Helfer verstehen, eine Sehnsucht nach einer ganzheitlichen Sicht von Mensch und Gesellschaft wahr. Aber ihr ist auch bewußt, daß in einem integrierten Methodenkonzept die gesellschaftliche Wirklichkeit noch nicht 'harmonisch integriert' ist.

"Hier muß streng zwischen Bemühungen um ganzheitliches Denken und der realen Situation, in der sich Sozialarbeit vollzieht, also worüber nachgedacht wird, unterschieden werden. Das Anliegen geht dahin, trotz aller faktischen psychischen und sozialen Zerrissenheit, Spannungen und konfliktiven Spaltungen etc. über eine Möglichkeit des Denkens zu verfügen, die Unvereinbares zuerst auf der Bewußtseinsebene, dann vielleicht aber auch real wieder zusammenführen vermag."186

Die Kompetenz des Sozialarbeiters oder der Sozialarbeiterin besteht in einer problembezogenen Arbeitsweise, die flexibel gehandhabt wird und den Einzelmensch, die Familie, die Gruppe und das Gemeinwesen in den Blick nimmt.

Durch eine Befragung der Wirklichkeit versucht Staub-Bernaskoni eine agologisch-agogische Wissensbasis zu entwickeln.

Die WAS-Frage ist die Frage nach dem Problem.

Die WARUM- oder WESHALB-Frage versucht die Einflußgröße auf das Problem in den Blick zu nehmen.

Die WOHIN- oder WORAUFHIN-Frage nimmt den erwünschten Sachverhalt unter die Lupe. Hier muß das Ziel angegeben werden, auf das hin Veränderung geschehen soll. Es ist eine Frage nach Werten und Normen, die kritisch reflektiert werden müssen, ja letztlich ist es die Frage nach dem Sinn.

In diesem Zusammenhang bringt Frau Staub-Bernaskoni das Beispiel vom Sinn der Arbeit und fragt: "Weshalb soll Arbeit für jeden Menschen wünschbar sein und weshalb soll sie zudem noch sinnvoll sein - wenn es z.B. während der Freizeit viel Sinnvolleres zu tun gäbe?"187

Staub-Bernaskoni unterscheidet in diesem Zusammenhang

- Sätze über beobachtbare Sachverhalte

- Sätze über voraussagbare Sachverhalte und

- Sätze über erwünschte Sachverhalte, als Produkt einer wertenden Tätigkeit. "Für den sich als 'reinen Wissenschaftler' verstehenden Forscher reicht es, wenn die beobachtete mit der theoretisch vorausgesagten übereinstimmt; für den Sozialpraktiker müssen beobachtete, vorausgesagte wie wünschbare Welt übereinstimmen, wie lang die Zeiträume für die Verwirklichung auch sein mögen."188

Die WER-Frage I zielt auf die Akteure die zum Problem, seinen Bedingungen, seinen Folgen und seiner Lösung gehören.

Die WER-Frage II fragt nach dem Sozialarbeiter als Handelnden.

Die WOMIT-Frage ist die Frage nach den materiellen, ideellen und kompetenzmäßigen Ressourcen, die zur Lösung des Problems zur Verfügung stehen.

Die WIE-Frage ist die Frage nach den konkreten Verhaltensschritten. Sie muß vom Sozialarbeiter und vom Problembetroffenen gemeinsam beantwortet werden.

Die OB-Frage fragt inwieweit das Ziel erreicht ist, wenn ein Plan durchgeführt ist.

Von diesen Fragen ausgehend formuliert Staub-Bernaskoni folgende Arbeitshypothesen: "«Wenn es sich um Problem (X) handelt, dann bietet vermutlich / oder überprüfter-maßen / die Arbeitsweise (Y) die größte Chance für dessen (Teil-) Lösung und ist deshalb zu wählen» -

und: «Wenn die Arbeitsweise oder Strategie (Y) gewählt und angewendet wird, dann besteht tendenziell die Chance, daß über einen bestimmten Zeitraum hinweg die bevorzugte Situation (Zustand oder Ereignis (Z) die problematische Situation ablösen wird.»"189

In diesem Hypothesensystem wird von vier grundlegenden Sozialen Problem-Konstellationen ausgegangen. Sie berücksichtigen den Menschen:

- in seiner jeweiligen Umwelt

- als Partner von Austauschprozessen

- als Mitglied einfacher und komplexer sozialer Systeme

- als Ideal-Sucher und Träger und Verwirklicher von Werten (Kriterien).

Den möglichen Problemfeldern sind bestimmte Arbeitsweisen zugeordnet wie z. B.:

- Erschließung aller materieller und immaterieller Ressourcen

- Bewußtseinsbildung

- Modellveränderungs- bzw. Innovationsstrategien

Wenn Probleme der symbolischen Ausstattung mit bestimmten Bildern, Theorien, Werten, Plänen über sich selber und andere vorliegen, so wird es der Sozial-arbeit um die Vermittlung neuer Ideen, eben Bilder, Werte etc. gehen. "Mit Hilfe dieser Strategien wird versucht, 'Sinn-' und 'Zweckhaftigkeit' des persön-lichen Lebensentwurfes wie auch organisationeller oder gesell-schaftlicher Zielsetzungen mitzuverwirklichen."190

- Handlungstraining

- Austausch- oder Vernetzungsstrategien

Staub-Bernaskoni möchte die berufliche Kompetenz des Sozialarbeiters nicht mehr von den drei klassischen Arbeitsweisen der Sozialarbeit abhängig wissen, sondern die Fähigkeit des Sozialarbeiters soll darin bestehen:

- soziale Probleme zu identifizieren und sie auf der individuellen, zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Ebene anzuschauen

- Prioritäten zu setzten mit welchen Mitteln an welchen Sozialen Problemen auf welcher sozialen Ebene mit welchem Adressatenkreis gearbeitet werden soll

- Wissen und soziale Phantasie, Motivation und Können so zu paaren, daß problembezogenen Projekte entstehen.

- mit Laien, Freiwilligen, anderen sozialen Berufen, Politikern und allen an der Problemlösung beteiligten zusammenzuarbeiten.

Sozialarbeiter oder Sozialarbeiterinnen sollen "soziale Erfinder" von sozialen Problemlösungen unter schwierigen gesellschaftlichen Bedingungen sein.

6.4.4.2 Bewertung
Staub-Bernaskoni setzt sich mit ihrer Art ganzheitlich zu denken gegen ein Einheitsdenken ab, daß bedeutet viel Platz für Ansätze unterschiedlichster Art, wenn sie etwas zur Problemlösung beitragen.

Wenn es der Klient ist, der dem Sozialarbeiter oder der Sozialarbeiterin seine Sicht der Wirklichkeit aufdrängt, so hört aber nur ein entsprechend gestimmter Sozialarbeiter oder eine entsprechend gestimmte Sozialarbeiterin die Frage nach dem Sinn, die hinter unterschiedlichen Problemen liegen kann, durch. In ihrem Ansatz ist Staub-Bernaskoni aber offen für diese Fragestellung. Wenn sie von einer ganzheitlichen Sicht der Wirklichkeit ausgeht, so könnte rein theoretisch auch die geistige Dimension des Menschen dazugehören.

In der WAS-Frage, der Frage nach dem Problem, läßt Staub-Bernaskoni die noetische Fragestellung zu. In der WOHIN- oder WORAUFHIN-Frage öffnet sie den Horizont für die Sinnfrage. Staub-Bernaskoni spricht die Sinnfrage konkret als mögliches Problem an. Sie versteht den Menschen als Ideal-Sucher und Verwirklicher von Werten. Statt Idealsucher könnte ich auch Sinnsucher sagen. Die Verwirklichung von Werten erinnert mich an die Aussagen, die Frankl zu diesem Thema gemacht hat.

Staub-Bernaskoni spricht konkret von der Spannung und Zerrissenheit des menschlichen Lebens. Es strebt nach Einheit und Integration. Zunächst kann die Einheit im Denken, im Formulieren eines Zieles erreicht werden, später vielleicht, durch sozialarbeiterisches Handeln auch in der Realität. Sie fragt sowohl nach der Ganzheit Individuum, als auch nach der Ganzheit Gesellschaft und nach der Beziehung von Beiden.

In der Aussage über eine wünschbare Welt, spricht Staub-Bernaskoni von einer Zielformulierung, vielleicht einer utopischen, der sich Sozialarbeit nicht entziehen soll.

Die Sinnfrage spricht Staub-Bernaskoni konkret an, wenn sie über die Arbeitsweise der Modellveränderungs- bzw. Innovationsstrategien schreibt. Die Strategie soll "Sinn-" und "Zweckhaftigkeit" des persönlichen Lebensentwurfes mitverwirklichen.

Im Sinne von Staub-Bernaskoni möchte ich ihre Arbeitshypothese so formulieren: "Wenn es sich um ein noetisches Problem oder um ein noetisch mitbedingtes Problem handelt, dann bietet unter anderem auch eine logotherapeutische Arbeitsweise eine Chance für eine Lösung oder Teillösung und ist deshalb zu wählen."

Im ganzheitlich orientierten Methodenkonzept von Silvia Staub-Bernaskoni läßt sich eine logotherapeutische, und damit speziell die Sinnfrage fokussierende Arbeitsform verwirklichen.

6.5 Zusammenfassende Bemerkungen zur Sozialarbeit
Wie wir an den vier dargestellten sozialarbeiterischen Modellen gesehen haben, hat Sozialarbeit seit ihren Anfängen die beiden Pole der Verursachungs- und Auslösefaktoren für Not, die individuellen und umweltbedingten Faktoren und ihre Wechselwirkung, im Blick. In beiden Bereich wird versucht Desintegration in Integration umzuwandeln.

Auch ist allen vier Modellen gemeinsam (mit Einschränkung bei Hollis), daß der Mensch nicht allein vom Defizitären her betrachtet wird. Die positiven Möglichkeiten der Person werden unterstützt. In Freiheit und Selbstverantwortung soll sich der Klient zu seinen Problemen verhalten.

In den Ansätzen von Hollis, Germain/Gitterman und insbesondere bei Staub-Bernaskoni sehe ich Möglichkeiten logotherapeutische Elemente einzufügen. Bei Perlman halte ich dies für problematisch, da sie sich auf sehr eng gefaßte Probleme konzentriert.

Es fällt auf, daß nur im jüngsten Modell von Silvia Staub-Bernaskoni die Sinnfrage ausdrücklich angesprochen wird.

Insgesamt bleibt zu sagen, daß Sozialarbeit sehr breit in den Feldern arbeitet, die Böschemeyer Sinnfindungsbarrieren genannt hat. So bleibt die Frage, ob der einzelne Sozialarbeiter die einzelne Sozialarbeiterin in der Lage ist, die Sinnfrage hinter den geschilderten Problemen zu entdecken. In der Sozialarbeit kommt die Frage nach dem Sinn verklausuliert vor. Es wird mich niemand nach dem Sinn seines Lebens fragen. Aufgabe von Sozialarbeit sollte es unter anderem aber auch sein, die hinter den Fragen liegende Frage nach dem Sinn mitzuhören.

Sozialarbeit hat häufig Feuerwehrfunktion. In vielen Arbeitsfeldern zeichnet sie sich durch eine Atemlosigkeit aus, so daß die Sinnfrage leicht außen vor bleibt. Und doch bleibt für mich der Anspruch, wenn Sozialarbeit dem Menschen - in seiner vieldimensionalen Einheit - in unterschiedlichsten komplexen psycho-sozialen Problemlagen helfen will, daß die Sinnfrage dazugehört. Somit ist die Frage, ob die Frage nach dem Sinn eine Aufgabe der Sozialarbeit ist, entschieden zu bejahen.

Die Frage ist wann und wie sie gestellt werden kann. Sie muß gestellt werden, wenn das eigentliche Problem des Klienten ein noetisches ist. Aber auch wenn Sozialarbeit bei der Bearbeitung von Sinnfindungsbarrieren bleibt, arbeitet sie im Bereich sinnmachender Strukturen, wie ich es mit dem Begriff der Integration zu zeigen versucht habe. Doch dazu ist es erforderlich, daß sich der einzelne Sozialarbeiter, die einzelne Sozialarbeiterin einen Standpunkt in dieser Fragstellung, die sein oder ihr eigenes Leben betrifft, erarbeitet hat. In diesem Zusammenhang möchte ich fragen, ob die Sinnfrage in der Ausbildung reflektiert wird.

Wie konkrete Arbeit auf dem von Frankl entwickelten Hintergrund aussehen kann, möchte ich am Beispiel der Suizidprophylaxe zeigen.

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