3. Bemerkungen zur geschichtlichen Entwicklung der Sinnfrage

Nachdem in einem ersten Schritt die Bedeutungsnuancen des Begriffs "Sinn" kurz skizziert sind, will ich nun die Sinnfrage in der neueren Geschichte beleuchten. Denn die Sinnfrage ist eine neuzeitliche Frage, und ich möchte zeigen, warum das so ist. Sozialarbeit agiert nicht in einem geschichtsfernen Raum. Und so gilt es, die Rahmenbedingungen zu beschreiben, in denen Menschen heute in Deutschland leben. Dazu ist es wichtig, kurz die gesellschaftliche Entwicklung zu beschreiben.

3.1 Das Zerbrechen der alten Sinndeutungssysteme

Die Frage nach dem Sinn bricht nicht im alltäglichen Leben auf. Erst wenn der normale Lauf des Lebens durch Krisen, Krankheit, Tod etc. unterbrochen wird, kann die Frage nach dem 'Sinn von allem' auftauchen. Alle Kulturen halten für die Wechselfälle des Lebens Deutungssysteme bereit.13 Ungerechtigkeit, Krankheit, Tod, Zeugen, Gebären, Heirat etc. sind in einen großen Zusammenhang eingeordnet, so daß individuelles Leid, in einem größeren Rahmen gesehen, sogar als "sinnvoll"14 angesehen werden kann. In traditionellen Gesellschaften wird die letzte Sinndeutung von den Religionen abgesichert. Doch mit der Entwicklung unserer modernen Industriegesellschaft hat sich ein entscheidener Wandel vollzogen. Arnold Gehlen spricht in diesem Zusammenhang von einem fundamentalen "Umbau des Menschen". Schelsky meint, daß "die wissenschaftliche Zivilisation Abschied von der bisherigen Geschichte bedeute."15 In der heutigen Zeit haben wir Schwierigkeiten, als Folge gesellschaftlicher Veränderungen, den "Sinn des Ganzen" zu erkennen. Früher war dies einfacher. Vormoderne Gesellschaften bestehen aus gleichartigen Segmenten, die untereinander nur wenig kommunizieren. In den einzelnen Segmenten sind alle "bedeutungsvollen Lebensvollzüge" enthalten. " 'Das Ganze' ist hier im Sinne sozial geschlossener Erfahrungshorizonte anschaulich abgegrenzt."16 In diesen überschaubaren Einheiten ist ein "Gesamtsinn" erfahrbar, ja der Sinn des Ganzen ist so greifbar, daß er keiner Reflexion bedarf. Die neuzeitliche Modernisierung führte zum Verlust der alle Lebensbereiche umfassenden Segmente, statt dessen haben wir ein "Geflecht von auf bestimmte Lebensvollzüge spezialisierte Einrichtungen."17 Eine Verbindung zwischen den einzelnen Einrichtungen besteht nicht auf Grund einer hierarchischen Ordnung, sondern durch wechselseitige Abhängigkeiten. Es entstanden selbständige Subsysteme wie ein sich selbst steuerndes Marktsystem, der Verwaltungsstaat, die kirchlichen Organisationen, die Privatsphäre von Haushalt und Familie, etc. Diese sozialen Einheiten sind für jeweils bestimmte Lebensvollzüge zuständig. Der einzelne tritt zu unterschiedlichen Systemen über 'Rollen'18 in Beziehung. Die Gesamtheit auch nur einer sozialen Einheit zu überschauen wird für den einzelnen immer schwerer, wenn nicht unmöglich. "Die strukturelle Differenzierung der Gesellschaft führt also gleichzeitig zu einer Differenzierung der Sinnsphären und damit für das Individuum zu heterogenen Sinnangeboten, welche sich kaum noch zu einem 'Sinn des Ganzen' integrieren lassen."19 Die Differenzierung und Spezialisierung innerhalb der Systeme führt zu einer Unübersichtlichkeit. Der einzelne erfährt die Welt als zu komplex. Es gibt mehr Möglichkeiten, als der einzelne verarbeiten kann. Es ist nicht mehr möglich, alle Erfahrungen in einem Sinnsystem einzuordnen. (Vergleiche zum Sachverhalt der Reduktion von Komplexität auch meine Ausführungen über Luhmann in Kap. 4.2.4.) In Kap. 2.8 hatten wir gesehen, daß ein Aspekt des Sinns mit der Einordnung des Individuums in das Ganze der Welt verbunden ist. Wir sehen jetzt, daß es für den modernen Menschen schwer ist dieses 'Ganze' überhaupt noch in seiner Komplexität wahrzunehmen. Die Einordnung des einzelnen in 'ein Ganzes der Welt' wird wie obige Analyse zeigt immer schwieriger. Wenn die Gesellschaft kein eindeutiges Sinndeutungsgefüge mehr anbietet, in dem der einzelne Mensch sich wiederfindet, kann dieser in Krisensituationen in ein "sinnloses" Nichts stürzen. Wo früher das kleine überschaubare Sozialsystem mit dem eindeutigen Sinndeutungssystem dem einzelnen in Krisensituationen Orientierung gab, steht heute der einzelne vor dem Nichts. Hier sind professionelle Helfer und Helferinnen gefragt, den Sturz ins Nichts zu verhindern. Wo früher der Schwache sich auf ein tragendes Netz verlassen konnte, muß er heute stark sein, um selbstverantwortlich aus dem Angebot das Richtige für sich auszuwählen. Damit dies nicht geschieht, ergibt sich als Alternative, daß sich jeder einzelne oder jede einzelne Gruppe sich eine eigene Deutung der Welt aufbaut. Dies geschieht z.B. in Gruppen, die Jugendliche bilden, wie z.B. Punker oder Skinheads. Aber auch im Sportverein, Saunaclub etc. suchen und finden Menschen Orientierung.

weiter

Homepage Inhaltsverzeichnis Fußnoten Literaturverzeichnis