4.3 Psychologie

In vielen sozialarbeiterischen Handlungsmodellen werden bestimmte psychologische Theorien zum Ausgangspunkt. So gilt es im folgenden das Menschenbild der unterschiedlichen Ansätze zu beleuchten. Denn die Frage nach dem Menschen beinhaltet zugleich immer die Frage nach dem Sinn. Das Menschenbild entscheidet über Ziele und Methoden innerhalb der therapeutischen Praxis.

Wir nähern uns einem Kernpunkt dieser Arbeit, dem logotherapeutischen Ansatz von Viktor E. Frankl. Doch bevor der "Sinn" - Psychologe par excellence zu Wort kommt möchte ich mit der psychoanalytischen Theorie, deren Begründer Freud ist, und dem Behaviorismus zwei psychologische Theorien kurz vorstellen, in denen die Sinnfrage theoretisch vollständig ausgeblendet bleibt. Erst in der anschließend behandelten humanistischen Psychologie wird der Mensch in seiner Ganzheit in seiner Freiheit ernst genommen. Es soll nicht darauf ankommen die psychologischen Theorien in Gänze darzustellen, sondern es soll insbesondere das Menschenbild beleuchtet werden, denn die Sicht des Menschen ist entscheidend für die Frage nach dem Sinn. Anschließend werden kurz die Konsequenzen dieses Menschenbildes für die Therapie beleuchtet.

4.3.1 Das psychodynamische Modell Freuds 80
4.3.1.1 Die Theorie
Ausgehend von therapeutischen Erfahrungen kam Freud zu einer empirischen Aussage vom Menschen. Zentral ist dabei die Annahme, daß das menschliche Verhalten von biologischen Trieben und angeborenen Instinkten im Sinne der Selbsterhaltung bestimmt ist. Wichtigste Triebe sind für Freud der Sexualtrieb und der Aggressionstrieb. In seinem Persönlichkeitsmodell unterscheidet er drei Funktionsbereiche: ES, ICH und ÜBER-ICH.

ES: Das Es ist von Geburt an da. Es besteht aus dem Bedürfnis nach Nahrung, Wasser, Ausscheidung, Wärme, Zuwendung und Sexualität. Der Sexual- und der Aggressionstrieb sind im Es beherrschend. Die Inhalte des Es sind unbewußt. Die Triebe des Es suchen unmittelbare Befriedigung (Lustprinzip). Erfolgt keine Befriedigung wächst eine Spannung, die das Es so schnell als möglich beseitigen will. Auch beim erwachsenen Menschen sind die Es-Impulse relativ unabhängig von den realitätsorientierten Prozessen des Ich.

ICH: Aus dem Es entwickelt sich in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres das weitgehend bewußte Ich. Das Ich ist jener Teil des Es, der durch die Umwelt beeinflußt wird. Das Ich muß das Lustprinzip in Grenzen halten, denn ein offenes Ausleben der Triebimpulse würde zu Konflikten mit der Gesellschaft führen. Das Ich ist die Instanz die zwischen den Anforderungen der Triebimpulse, der Realität und des Über-Ich vermitteln muß.

ÜBER-ICH: Den dritten Part in der Persönlichkeit bildet das Über-Ich. Es ist Träger der moralischen Normen der Gesellschaft und bildet sich insbesondere durch die Verinnerlichung elterlicher Gebote und Verbote. Freud setzt das Über-Ich mit dem Gewissen gleich. Verstöße gegen das Über-Ich machen sich durch Schuldgefühle bemerkbar.

Das Verhalten des Menschen nach Freud ist also ein Wechselspiel dieser drei psychischen Komplexe, von denen jedes eigene, den anderen oft widersprechende, Ziele verfolgt. Für Freud ist der größte Teil der unsere Verhalten bestimmende Kräfte unbewußt. Selbst das Ich, das denkt und plant, hat unbewußte Anteile, nämlich die Abwehrmechanismen, die es vor Angst schützen. "Grundsätzlich sah Freud die wichtigsten Faktoren unseres Verhaltens als unbewußt an."81

Freud sah die Persönlichkeit des Menschen als ein in sich geschlossenes Energiesystem an. Jede psychische Instanz versucht seinen Anteil am gleichbleibenden Energiebetrag zu bekommen.

"Freuds Denken war vollkommen deterministisch. Als Naturwissenschaftler glaubte er, daß jedes noch so geringfügige Verhalten, und sei es auch ein trivialer Versprecher, seine ganz bestimmten - zuweilen unbewußten - Ursachen habe."82

Nach diesem Persönlichkeitsmodell ist die Natur des Menschen vollständig durch Vererbung und frühe Lebenserfahrung bestimmt. Und so konnte Freud sagen: "Der Mensch ist von Natur aus 'böse', weshalb er der gesellschaftlichen Kontrolle und der Psychotherapie bedarf, die das Unbewußte aufdeckt; es gibt somit Anlaß zu pessimistischer Zukunftserwartungen: seine Entwicklung ist durch unvermeidbare Gewalt und leidenschaftliches Machtstreben gekennzeichnet."83

Das Menschenbild Freuds ist deterministisch und negativ. Mit der Frage nach dem Sinn des Lebens gibt Freud sich nicht ab, daß sei Sache der Religion.84 Ja er schreibt sogar, daß wer nach Sinn und Wert des Lebens frage krank sei.85 Die Religion stammt für Freud aus dem Wunschdenken des Menschen, der damit seine Angst vor den Gefahren des Lebens beschwichtigt, sich einer sittlichen Weltordnung versichert und durch das ewige Lebens sich eine Verlängerung seiner irdischen Existenzschaft.86 Nachdem der Mensch schon nicht mehr Mittelpunkt der Welt war (kopernikanische Wende), und nach Darwin nicht mehr als ein nackter Affe, mußte Freud uns auch noch sagen, daß wir nicht Herr im eigenen Haus sind. (Der Mensch wird aus dem Zentrum ins X gestoßen. vgl.: Nietzsche, Schlechta III, S. 882.)

4.3.1.2 Die Therapie
Ziel einer psychoanalytischen Therapie ist die Bewußt-machung unbewußt gewordener Interaktionserfahrungen. Dabei werden Gegenwartskonflikte auf Grundkonflikte der Kindheit zurückgeführt. Durch erneutes Durchleben des Konfliktes soll dieser aufgelöst werden. Dazu bedarf es nicht der bloßen Erinnerung, sondern ein emotionaler Nachvollzug wird angestrebt. Erst wenn frühe Erlebnisweisen in eine realistische, erwachsene Perspektive gebracht werden, kann Einsicht stattfinden, die zu einer Veränderung führt.87

4.3.2 Das behavioristische Modell 88
4.3.2.1 Die Theorie
Bekannteste Vertreter der behavioristischen Schule sind Watson, Pawlow und Skinner. Watson beschreibt seine Art Psychologie zu treiben folgendermaßen:

"Psychologie, wie sie der Behaviorist sieht, ist ein streng objektiver, experimenteller Zweig der Naturwissenschaft. Ihr theoretisches Ziel ist die Vorhersage und Kontrolle des Verhaltens. Introspektion spielt keine wesentliche Rolle." 89

Die Behavioristen interessiert menschliches Verhalten insofern, als es als objektive, beobachtbare, spezi-fische und genau lokalisierte Reaktionen auf bestimmte Reize beschrieben werden kann. Erfassung von objektiven Daten und ihre Meßbarkeit sind entscheidend. Reiz und Reaktion sollten in möglichst einfacher Beziehung zueinander stehen. Die Ursachen für menschliches Ver-halten werden nicht innerhalb der Person gesucht, sondern äußerlich sichtbares, meßbares Verhalten wird erklärt.

"Einige radikale Behavioristen verwerfen darüber hinaus jedoch jegliche Existenz von Motiven, Gedanken, Persönlichkeitszügen, Wertvorstellungen oder kognitiven Prozessen."90 Innere Zustände werden als Nebenprodukte äußeren Verhaltens angesehen. Menschliches Verhalten wird allein durch die Umwelt kontrolliert. Die Stimulus-Response-Theorie sagt aus, daß positiv belohntes Verhalten beibehalten wird, dagegen Verhalten mit negativen Folgen unterlassen bleibt. Nicht Erbe oder Anlage sind Ursache für beobachtbares Verhalten. Die Behavioristen gehen davon aus, daß jedes Verhalten durch eine erworbene Konditionierung91 geprägt ist. Auch Angst und Furcht werden in diesem Modell als erlernte Verhaltensweisen beschrieben.

So kann denn auch Skinner behaupten, daß die Freiheit der Wahl ein Mythos sei, denn für ihn werde jegliches Verhalten durch positive oder negative Verstärkung der sozialen Umwelt determiniert.

Dabei leugnen Behavioristen nicht unbedingt innere Zustände und Emotionen, aber der wissenschaftliche Forscher darf sie nicht beachten.

Mit Tolman kommt eine neue Richtung in die behavioristische Forschung. Er verläßt die molekulare Ebene und versucht Verhalten als zielorientierten Prozeß zu beschreiben, der durch Belohnungserwartung ausgelöst wird. Der Organismus sucht sich dabei aus der Flut der Reize bestimmte aus, "die sich aus seiner individuellen kognitiven Landkarte als bedeutsam ergeben."92
 

4.3.2.2 Die Therapie
Die Verhaltenstherapie93 geht von lerntheoretischen Prinzipien aus. Das jeweilige Symptom wird in Abhängigkeit von Umweltbedingungen gesehen. Die zentrale Aufgabe von lebenden Organismen wird in der Anpassung an die jeweilige Umwelt gesehen. Schlecht angepaßte Reaktionen sollen durch Lernen bzw. Wiederlernen überwunden werden. Durch operantes oder klassisches Konditionieren, Modelllernen oder Gegenkonditionierung soll das "falsch gelernte" Verhalten geändert werden.

4.3.3 Das humanistische Modell 94
4.3.3.1 Die Theorie
Das humanistische Modell der Psychologie wird als dritte Kraft neben und als Alternative zu den passiv-deterministischen Anschauungen des psychodynamischen und des behavioristischen Modells bezeichnet.

Die psychodynamische Schule sagt, daß die menschliche Natur - das Es - gezähmt werden muß, damit die antisozialen oder asozialen Triebe nicht zu einem Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft führen. Für Verhaltenstheoretiker sind Belohnung und Bestrafung die wichtigsten Faktoren die menschliches Verhalten bestimmen.

Für Rogers, neben Maslow einer der führenden Vertreter der humanistischen Schule, läuft die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen in die falsche Richtung, wenn sie von den Urteilen und Erwartungen der Umwelt abhängig gemacht wird. Der Mensch soll seinem angeborenen Trieb nach Selbstverwirklichung folgen.

Die humanistische Schule hält die Natur des Menschen prinzipiell für gut, sie ist nicht böse (Freud) oder neutral (Behavioristen). Grundsätzlich ist die menschliche Natur aktiv und nicht passiv, sie paßt sich nicht einfach an, sondern sie strebt nach Wachstum.

Die humanistische Psychologie befaßt sich mit der Entwicklung des menschlichen Potentials und nicht nur mit dessen angemessenem Funktionieren. "Kurz gesagt: die humanistische Psychologie tritt für das Werden des Menschen ein, für die Ganzheit und Einmaligkeit des Individuums, die Verbesserung der menschlichen Situation und ein besseres Verstehen des einzelnen."95

Der Mensch wird verstanden als ein Wesen, das nach Selbstverwirklichung strebt. Ziele des Lebens sind: Kontinuierliche Evolution, bewußte Erfahrung der Freuden des Lebens, bewußte Teilnahme an der Gestaltung neuer Lebensformen.

Für die humanistische Schule ist die phänomenologische Welt des Individuums von Bedeutung. Der Bezugsrahmen des einzelnen ergibt sich aus der Summe der Erfahrungen, die er gemacht hat. So ist jeder Mensch einmalig und hat seine eigene Wahrheit.

Im menschlichen Kontakt geht es nicht um eine Beeinflussung irgendeiner Art, sondern wichtig ist zunächst die Welt aus der Sicht des Gegenüber zu sehen. Das Verhalten ist eher von erfahrenen als von äußeren Stimuli geleitet.

Die Vertreter der humanistischen Schule (Rogers, Maslow) haben einen unerschütterlichen Glauben an den freien Willen. Der Mensch hat die Freiheit der Wahl. Der Mensch ist initiativ und aktiv und nicht Opfer von Umwelt oder inneren Triebregungen.

In den Unterschieden der psychologischen Schulen zeigt sich das Problem Freiheit versus Determinismus.

4.3.3.2 Die Therapie

4.3.3.2.1 Gestalttherapie96
Die Gestalttherapie geht von der Gegenwartszentriertheit psychischer Phänomene aus. Der Mensch wird im Hier und Jetzt gesehen, als ein Handelnder, der für sein Verhalten verantwortlich ist und selbst entscheidet.

Die Neurose wird in dieser Therapieform als "unerledigte Situation" gekennzeichnet. Die Therapie soll eine Integration dieser unerledigten Situation und der mit ihr einhergehenden abgespaltenen Gefühle, Phantasien und Verhaltensweisen ermöglichen. Blockierungen werden oft in einer Art Explosion gelöst. "Perls will den einzelnen Menschen zu einer Ganzheit machen, in dem er ihm zum Bewußtsein seiner uneingestandenen Gefühle verhilft und dazu, auch diejenigen Teile seiner Persönlichkeit anzuerkennen, die er bisher verleugnet oder abgelehnt hat."97

Für Perls, den Begründer der Gestalttherapie ist Bewußtsein heilsam.

Die Gestalttherapie hat eine Verbindung zur Gestaltpsychologie98 , hier wird ihr Interesse für Ganzheiten deutlich.

4.3.3.2.2 Gesprächspsychotherapie 99
Bei der Gesprächspsychotherapie, deren Begründer Rogers ist, steht die Klienten- und Personenzentriertheit im Mittelpunkt. Ausgegangen wird von der hilfesuchenden Person mit ihren Gefühlen, Wünschen, Zielen und Wertvorstellungen. Die Werte und Sichtweisen des Helfers treten weitgehend in den Hintergrund. In einer warmen und vertrauensvollen Atmosphäre soll sich der Klient seinen tiefsten ─ngsten und Sorgen zuwenden. Der Therapeut spiegelt dem Klienten die emotionalen Konflikte, die die Selbstverwirklichung blockieren. Indem sich der Klient diesen Konflikten angstfrei zuwendet, verschafft er sich Klarheit, erkennt sie, akzeptiert sie. Gedanken und Gefühle, die bedrohlich waren erhalten Zugang zum Bewußtsein und können Teil des Selbstkonzeptes werden.

4.3.4 Zusammenfassung
Halten wir zusammenfassend fest: Freud mit seinem mechanistischen Menschenbild, der den Menschen von seinen Trieben beherrscht sieht, möchte in der Psychoanalyse die kindlichen Grundkonflikte durcharbeiten, damit die akuten Konflikte gelöst werden.

In der Verhaltenstherapie soll schlechtes "Lernen" rückgängig gemacht werden. In einem neuen Versuch soll durch erneutes Lernen eine bessere Anpassung an die Umwelt erfolgen.

Die humanistischen Psychologen zeichnen ein positives Bild vom Menschen. Wo die Freudianer oder die Verhaltenstheoretiker den Menschen auseinandergenommen hatten, setzen sie ihn wieder zusammen. Sie sprechen von der Ganzheit des Individuums, erkennen Freiheit und Verantwortung des Menschen. In der Therapie geht es aber letztlich auch darum abgespaltene Teile der Persönlichkeit bewußt zu machen und in das Selbst zu integrieren.

So sehr sich auch die unterschiedlichen Ansätze in ihrem Menschenbild unterscheiden, sosehr haben sie in der Therapie das Ziel zu integrieren.

Freud arbeitet die unbewußten Grundkonflikte auf. Das bislang Unbewußte (hier nicht zu verwechseln mit der Instanz des Unbewußten) wird Teil des Bewußtseins. Es wird wieder ganz.

Die Behavioristen integrieren den einzelnen in eine Umwelt. Aus dem nicht Angepaßtem, wird ein Angepaßter. Die Verbindung zur Ganzheit der Umwelt wird durch Verhaltenstherapie wieder hergestellt.

Auch die humanistischen Psychologen versuchen eine Ganzheit wieder herzustellen. Doch bestimmt nicht die Gesellschaft wie diese Ganzheit aussehen soll, sondern sehr individualistisch der einzelne Mensch in Freiheit und Verantwortung für sich selbst.

Es geht mir in dieser Zusammenfassung nicht um einen Vergleich und eine Bewertung der einzelnen psychologischen Schulen. Ich möchte wissen inwieweit die Sinnproblematik in ihnen behandelt wird. Ich stelle fest, wenn ich mit den bislang erarbeiteten Bedeutungen von Sinn die Schulen messe, daß jede auf ihre Weise Sinn im Sinne von Ganzheit herstellt.

Mit dem Begriff Integration läßt sich im Rahmen psychologischer Terminologie Sinn fassen. Dies wird auch bei V.E. Frankl deutlich, dessen logotherapeutischen Ansatz ich im nächsten Kapitel etwas ausführlicher darstellen möchte.

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