4. Die Sinnfrage in den Einzelwissenschaften

4.1 Die Sinnfrage in der Philosophie
Wir haben gesehen, daß das Aufbrechen der Sinnfrage ein neuzeitliches Phänomen ist. Dies sei im folgenden aus philosophischer Sicht dargestellt. Philosophen sind oft Seismographen für gesellschaftliche Entwicklungen, sie nehmen oft schon etwas wahr, wo der normale Sterbliche noch lange nichts sieht. Außerdem treiben sie selbst die Entwicklung auch voran. Die Sinnfrage ist im philosophischen Bereich die Frage nach der Wahrheit.

Ich möchte aus geistesgeschichtlicher Sicht in vier Schritten das Zerbrechen der alten Ordnung und das Aufbrechen der Sinnfrage aufzeigen.

4.1.1 Die metaphysische Weltordnung
Die fundamentale Frage der Metaphysik lautete: Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts. Die Frage nach dem letzten Grund wurde gestellt, weil alles Seiende kontingent ist, d.h. nicht notwendig aus sich selbst ist. Es kann sein, muß aber nicht sein, es ist zufällig. Alles Seiende ist nicht aufgrund seines eigenen Wesens. Der Grund für alles Seiende wurde im Sein an sich gesehen, in Gott. Gott ist der letzte nicht hinterfragbare Grund. 20

Die christlich-abendländische Metaphysik vereinte in sich "Welterklärung, Sinngebung für den einzelnen, Grundlegung der Gesellschaftsordnung und Ethik."21 Dies geschah, indem das metaphysische Denken Natur und Gnade, Vernunft und Offenbarung (jeweils in einer Zusammenschau) und auch die Vernunfteinsicht auf Gott als ersten Ursprung und letztes Ziel des Ganzen zurückführte. Es gab keine Aufsplitterung in Einzelwissenschaften. Alle Weltphänomene konnten zusammenhängend durch die Annahme erklärt werden, daß sie in Gott gegründet waren.

"Die christlich-abendländische Metaphysik war eines der großen Gehäuse, in dem Menschen auf Erden ihre Platzanweisung und damit ihre Einfügung in einen größeren Sinnzusammenhang erhalten haben."22

Nach dem Zusammenbruch der Metaphysik mußte das Problem der Platzanweisung des Menschen auf Erden neu beantwortet werden. Dies versucht Kant.

4.1.2 Kant
Nach Döring/Kaufmann wurde die Frage nach dem Sinn aus philosophischer Sicht erstmals von Immanuel Kant reflektiert. Nicht aus einer persönlichen Krise, sondern eher aus der "Krise der Metaphysik" kam er zu dieser Fragestellung.

Die verschiedenen metaphysischen Systeme waren für Kant unstimmig, mit ihnen ließen sich Wahrheit und Gewißheit nicht rechtfertigen. Aber nach Kant war der Mensch auf Metaphysik angewiesen, denn es war die Frage zu klären, wie es um das "Ganze der Welt" bestellt ist, und wie der einzelne darin steht.23 Zunächst geht es Kant um Erkenntnis, doch er entdeckt, daß der Mensch nicht zu sicheren Antworten gelangen kann, weil die menschliche Vernunft nicht in der Lage ist "hinter die sichtbare Wirklichkeit zurückzugehen und in deren letzten Grund hinabzublicken."24 Kant muß erfahren, daß es auf dem Weg des Denkens keine Gewißheit gibt.

Neben dem Denken handelt der Mensch aber auch. So versucht Kant im Praktischen das Unbedingte zu finden. Denn eines ist für Kant klar, daß der Mensch ein Getriebener ist, der über die endliche Welt hinausfragen muß.25 "Eine einzelne Handlung hat nach Kant nur Sinn, wenn sie sich positiv einbringen läßt in einen universalen, umgreifenden Handlungszusammenhang, wobei dieser jeweils ein Motiv und ein Ziel aufzuweisen hat, auf das sie sich zubewegen und an dem sie enden kann. Sinnvoll erweist sich also eine Handlung immer dann, wenn sie sich in einen großen, umfassenden Zusammenhang integrieren läßt."26 Der größte Zusammenhang ist das Leben, bzw. objektiv verstanden die Welt. Und dieser größte Zusammenhang müßte nun in sich selbst bejaht werden können, müßte die Rechtfertigung seiner selbst in sich selbst tragen. Aber uns Menschen ist es nicht möglich, das Ganze an sich zu erkennen, weil wir endliche Wesen sind. Und so kommt Kant zu dem Schluß, daß wir bei aller wissenschaftlich-technischen Weiterentwicklung niemals zur unbedingten Wahrheit gelangen. Und so fragt er nach der Gewißheit richtigen Handelns. Kant will Handeln, Wissen und Wollen des Menschen nicht unter dem Aspekt des Zieles, des Resultates, unter dem Nutzaspekt sehen, sondern unter dem Gesichtspunkt des "Guten". " 'Sinn' vermittelt folglich jener Wille, der sich in Übereinstimmung mit dem 'heiligen Willen' in uns befindet. Angezielt wird damit die Erfahrung eines absolut guten Willens in uns - eine Erfahrung nicht im Wissen , sondern im Gewissen."27 Soll nun ein Handeln sinnvoll sein, muß es mit dem heiligen Willen in uns übereinstimmen, dabei spielt das subjektive Glück keine Rolle. Wir wissen nicht um was es sich bei diesem Willen handelt, wir kennen nur seinen Anspruch, Kant nennt es auch Pflicht. Erst wenn wir mit diesem Willen übereinstimmen, werden wir zur unverwechselbaren Person. Was diesen Willen inhaltlich ausmacht, darüber sagt Kant nichts.

"Sinn resultiert hier nicht aus der Leistung des Menschen, aus der Weltgestaltung und -veränderung, sondern allein aus der personalen Übereinstimmung mit dem 'Unbedingt-Absoluten' in uns."28

Und dieses Unbedingt-Absolute, dieses "Du sollst" ermöglicht Kant die Fragen nach Gott, Freiheit und Unsterblichkeit zu lösen, die im theoretischen Grübeln für ihn nicht lösbar waren.29 Wenn ein unbedingtes Gebot an den Menschen ergeht, muß er sich entscheiden, und eine Entscheidung ist immer nur in Freiheit möglich. Im unbedingten Gebot und der dazugehörigen Freiheit spürt der Mensch die Spannung zwischen seiner Endlichkeit und der übernatürlichen Ordnung, der er auch angehört. Für Kant ist der Mensch Bürger zweier Welten. Und von dieser Position aus versucht er dann, Unsterblichkeit und Gott "als notwendige Postulate der sittlichen Existenz zu erweisen."30

"Um der Sinnhaftigkeit der Sittlichkeit willen und um der Sinnhaftigkeit der Welt willen müssen wir Gott und Unsterblichkeit postulieren: Die ethische Bestimmung des Menschen fordert seine Weiterdauer." 31

Kants "moralisches Gesetz in uns" läßt sich ohne Freiheit, Unsterblichkeit und Gott nicht denken, deshalb muß er sie postulieren, verstandesmäßig sich ihnen nähern ist nicht möglich.

Kant wählt den Weg der Intention und Innerlichkeit, an dem er Sinn festmachen will. Aber wo bezieht er die Erfahrung, die Menschen in dieser Welt machen, ein, wo die Wirklichkeit der Welt? Kant reduziert den Sinn des Ganzen auf moralische und innerliche Rechtfertigung.

Kant hatte versucht die Metaphysik um der Sittlichkeit willen zu retten. Er ist damit gescheitert. Wie sehr, das zeigt das Denken Nietzsches.

4.1.3 Nietzsche
Hatte Kant noch versucht die Metaphysik zu retten, so haben wir in Nietzsche einen Skeptiker vor Augen, der nichts mehr gelten läßt. Mit Nietzsche verbinden wir den Begriff "Nihilismus" und seine Aussage: "Gott ist tot."

Schon früh spürte Nietzsche die Zerrissenheit der Wirklichkeit. In diesem Stadium verehrte er aber noch die kulturellen Leistungen der Vergangenheit. Er hielt die bildende Kunst und die Musik für eine "wohltätige Illusion", deren Spiel am Abgrund der Welt gerechtfertigt schien. Doch sein Glaube an die Kultur verfällt. Schärfer und radikaler analysiert er den Zustand seiner Zeit.32

" 'Die Zeit, in die wir geworfen sind', ist 'die Zeit eines großen inneren Verfalles und Auseinanderfalles. Die Ungewißheit ist dieser Zeit eigen; nichts steht auf festen Füßen und hartem Glauben an sich'. "33 Für den Zustand der Zeit wählt Nietzsche den Ausdruck "Nihilismus". Den Nihilismus versteht Nietzsche als Konsequenz der abendländischen Geistesbewegung, als ein objektives Geschehen, dem sich niemand entziehen kann.34 An die Stelle des Sicheren, des Bestehenden ist das Nichts "lat.: Nihil" getreten. Und Nietzsche versteht es als seine Aufgabe, die Brüchigkeit des Bestehenden seinen Zeitgenossen vor Augen zu halten. Und so sieht Nietzsche sein zweites Stadium: "Das verehrende Herz zerbrechen, als man am festesten gebunden ist. Der freie Geist. Unabhängigkeit, Zeit der Wüste. Kritik alles Verehrten." 35 Nietzsche möchte, daß der freie Geist die festgemauerten Vorurteile sprengt. Auf dreierlei Weise soll dies geschehen.

Erstens: "Es ist nichts mit der Wahrheit."36

In einem Zeitalter, das stolz ist auf den Fortschritt seiner wissenschaftlichen Erkenntnis, sagt Nietzsche, daß es keine Möglichkeit gibt, die absolute Wahrheit zu erfassen.

Zweitens: "Es ist nichts mit der Moral."37

Nietzsche stellt die landläufige Moral in Frage, diese verkündet zwar sittliche Grundsätze, richtet aber ihr Handeln nicht danach aus. Der Nihilismus glaubt an die absolute Wertlosigkeit und die absolute Sinnlosigkeit. "Es wird das Versagen der bergenden und normierenden Kraft bisheriger Sinngebung des Lebens , des Tuns und des Opferns erfahren, ohne daß neue Sinngebung in Sicht wäre."38

Drittens: "Es ist nichts mit der Religion."39

Nietzsche sieht das Christentum zerbrechen, weil es sich vom unmittelbaren Leben abgekehrt hat. Das Zerbrechen offenbart, was die Religion war: Werk des Menschen und Wahnsinn des Menschen. Am tiefsten drückt sich Nietzsches Nihilismus aus im Satz: "Gott ist tot." Und weiter sagt er: "Wohin ist Gott? Ich will es euch sagen. Wir haben ihn getötet, - ihr und ich!"40

Der Tod Gottes bedeutet für Nietzsche, daß der Mensch nicht mehr Gottes Nähe erfährt. Das Wort "Gott" ist für Nietzsche leer, es werden andere Interessen damit "bemäntelt".

Nietzsche lehnt jegliche Sinnrechtfertigung aus dem Jenseits ab. Es gibt für ihn keine vollkommene Welt auf die wir uns hinbewegen, es endet alles radikal im Tod. Jegliche jenseitige "Sinn-Rechtfertigung" aus dem Glauben lehnt er ab.

"Dies ist der Boden für den Nihilismus, und es dämmert die Ahnung herauf, daß es kein Ja zum Sinn, zur Normenwelt und zum Ganzen geben kann."41

Doch Nietzsche muß im Nihilismus ein Durchgangsstadium sehen, sonst ließen sich die Worte des Erschreckens über diesen Zustand nicht erklären. "Denken wir diesen Gedanken (der Sinnlosigkeit jeder Wertsetzung, d. Verf.) in seiner furchtbarsten Form: das Dasein, so wie es ist, ohne Sinn und Ziel, aber unvermeidbar wiederkehrend, ohne ein Final ins Nichts: >die ewige Wiederkehr<. Das ist die extremste Form des Nihilismus: das Nichts ( das >Sinnlose< ewig!"42

Nietzsches Entwertung aller Werte ist die Konsequenz aus der Enthüllung, daß alle Werte als Setzungen des Menschen erkannt werden. Es gibt keine Wahrheit, die mir einen äußeren Halt geben könnte, Gott ist tot. Für Nietzsche gehören die Sinnfrage und die Wahrheitsfrage zusammen. "Die Undurchführbarkeit einer Weltauslegung, der ungeheure Kraft gewidmet worden ist, erweckt das Mißtrauen, ob nicht alle Weltauslegungen falsch sind."43

"Es gab also eine bisherige Weltauslegung: bei ihr ergab sich ein Sinn des Ganzen und damit des einzelnen; leider aber erwies sie sich bei wissenschaftlicher Prüfung als falsch. Jetzt gibt es eine wissenschaftliche Weltauslegung, die zwar ihre Wahrheit auf ihre Weise erhärten kann, aber uns sinnbedürftigen Wesen in eine sinnleere Welt versetzt. So mündet die neuzeitliche Geistesbewegung in den Nihilismus, in dem Nietzsche ihre Wahrheitshoffnung untergehen sieht."44

Wenn es Nietzsches These ist, daß es außer oder über dem Menschen nichts gibt, was ihm seine Wofür-Frage beantworten und sein Sinnbedürfnis stillen könnte, so stellt sich doch die Frage nach einer Überwindung des Nihilismus: Nach Gollwitzer versucht Nietzsche dies in einer zweifachen, nicht miteinander zu harmonisierenden Weise: Zum einen ruft Nietzsche dazu auf, die Destruktion aller Werte nicht passiv zu erdulden. Gibt es keine Autorität, die Werte setzt, ist der Wille des Menschen gefordert, sie selbst zu setzen. Nietzsche nennt dies den "Willen zur Macht". "Indem der Mensch nicht mehr nach von anderswo her gesetzten Zielen strebt, sondern sich selbst seine Ziele setzt, ist er sich selbst das Ziel; seine Selbstentfaltung ist ihm das höchste Gut, der von ihm selbst gesetzte Sinn in der allgemeinen Sinnlosigkeit."45

Der zweite Versuch Nietzsches ist die Lehre von der ewigen Wiederkehr des Gleichen. Die Geschichte wird zyklisch gedacht. Die Welt bewegt sich nicht auf ein Ziel hin, sondern kommt in Wiederholungen auf sich selbst zurück. Gibt es keine Sinngebung, keine Zielgebung von außen, "dann muß diese zeitliche Welt als eine ihre Möglichkeiten 'ewig wiederkäuende' gedacht werden."46 Dieses Bild der ewigen Wiederkehr erinnert an die christliche Höllenvorstellung, es ist eine sich ewig wiederholende Absage an Gottes Liebe.

4.1.4 Marx
Marx prägende Erfahrung ist das beginnende technisch-industrielle Zeitalter. Ein Zeitalter, in dem wie Gollwitzer schreibt "der Wert eines Menschenlebens an dem Nutzen gemessen (wird), den es für andere hat ..."47 . Eine Gesellschaft in der Sinn mit Nutzen identifiziert wird, führt nach Marx zur Entfremdung des Menschen. Der Begriff Entfremdung setzt die Vorstellung voraus, daß der Sinn des Seins nur in "radikaler Übereinstimmung und Identität"48 zur Vollendung kommt. Marx versucht die Geschichte des Menschen "in ihrer Dialektik von Entfremdung und Überwindung von Entfremdung zu interpretieren."49 Es galt die Entfremdung zu überwinden, die dem Menschen durch eine feindliche und bedrohende Natur entstanden war. Dies war nur in arbeitsteiliger Kollektivleistung möglich. Nur brachte es die Arbeitsteilung mit sich, daß viele Menschen ihre Identität, ihr Wesen um ihrer Existenz Willen aufgeben mußten, sie waren gezwungen, ihre Arbeit zu verkaufen. Auch so kann die Existenz nicht als sinnhaft bejaht werden. Die Arbeit ist entfremdete Arbeit. Die Entfremdung von der Arbeit führt nach Marx zur Entfremdung von sich selbst. Marx sieht die Lösung für diese Probleme in der Revolution, die zur klassenlosen Gesellschaft führt. In ihr sollen alle alles gemeinsam besitzen. Und als Folge davon sind alle mit allen und allem identisch. Im Zusammenspiel von Menschen, Mitmenschen und Natur soll die Arbeit zum Spiel werden. Alle Zwänge sind aufgelöst und in der kollektiven Gemeinsamkeit kommen die Menschen zur ersehnten Identität. Alle werden mit sich selbst und der Welt einig. "Dieser Kommunismus ist die wahrhafte Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen, die wahre Auflösung des Streits zwischen Freiheit und Notwendigkeit. Er ist das aufgelöste Rätsel der Geschichte."50

Man kann sagen, daß bei Marx Sinn mit dem Fortschrittsgedanken verknüpft ist. Die Widersprüche in der Gesellschaft werden den Geschichtsprozeß antreiben. Was jetzt noch negativ und damit sinnwidrig ist, wird überwunden werden.51 Der Begriff Sinn wird dabei aber einzig für Handlungen und Leistungen zugelassen, die auf das in der Zukunft liegende Reich der Freiheit hinwirken. Sinn wird zu einer Kategorie der menschlichen Aktivität. "Der Mensch ist nicht Sinnempfänger, sondern Sinngeber; darin wird seine Würde gesehen."52 Traditionelle Marxisten sehen, anders als Nietzsche, das Sinngeben an Werte und Normen gebunden, die außerhalb des Individuums liegen, nämlich an die Gattung Menschheit, die sich im Fortschreiten auf das Reich der Freiheit befindet. Dies ist der Maßstab von Sinn. Hier entscheidet sich, ob der Sinn des Lebens verwirklicht oder verfehlt wird. So gesehen ist der absolute Sinn ein in der Zukunft anzustrebender Zielpunkt, eine innerweltliche Notwendigkeit.

4.1.5 Zusammenfassung
Philosophen sind scharfsinnige Zeitzeugen. Sie nehmen die Strömungen ihrer Zeit auf und entwickeln sie gedanklich weiter. Am Beispiel der uns interessierenden Frage nach dem Sinn hoffe ich gezeigt zu haben wie nach dem Zerbrechen eines alten Systems neue Versuche der Welterklärung gedacht werden. Wir haben gesehen, daß mit dem Ende des metaphysischen Weltbildes der Mensch ein System verlassen mußte, daß ihm Sicherheit und Schutz vor den Wechselfällen des Lebens gewährt hatte. Das große, auf einem Schöpfergott begründete, Sinndeutungssystem verliert seine Bedeutung. Gott war Ursprung und Ziel aller Dinge und damit Garant für einen allumfassenden Sinn. Mit dem Zerbrechen des metaphysischen Weltbildes tauchte erstmals die Sinnfrage für das einzelne Individuum auf. Kant versucht, die Sinnfrage im praktischen Handeln zu begründen. Ein Handeln ist dann sinnvoll, wenn es sich in einen größeren Zusammenhang wie das Leben oder die Welt integrieren läßt. Sinn ist die Übereinstimmung mit dem "Unbedingt-Absoluten" in uns. Kant muß Gott, Freiheit und Unsterblichkeit postulieren, um die Sinnhaftigkeit und Sittlichkeit der Welt zu retten. Die konsequente Weiterführung dieser Geistesbewegung ist Nietzsches Nihilismus. Er beschreibt die Situation nach dem Untergang der Metaphysik. Er zerstört alle alten Sicherheiten und hofft, daß sich etwas neues daraus entwickeln möge. Der Mensch muß selbst Schöpfer seiner Werte, seines Sinnes werden. Der alte Garant von Sinn, bzw. der Sinn selbst, also Gott, existiert für Nietzsche nicht mehr. Der Mensch selbst muß lernen, mit seiner Freiheit umzugehen und sich Sinn selbst zu schaffen. Ich selbst teile seine Gedankengänge nicht, doch mit Respekt bewundere ich den Mut mit dem Nietzsche am Rande des Abgrundes lebt. Ähnliches tut Sartre, der den Sinn gerade in der Sinnlosigkeit und der Absurdität des Lebens zu finden meint. Nachdem alle transzendenten Sinndeutungsversuche gescheitert zu sein scheinen, versucht Karl Marx eine innerweltliche Utopie, mit einer von Menschenhand anzustrebenden klassenlosen Gesellschaft. Der Sinn des Seins kommt für Marx erst in radikaler Übereinstimmung und Identität zur gesellschaftlichen Vollendung. Der Mensch ist von einem Sinnempfänger zum Sinngeber geworden. Diese Utopie ist mit dem Niedergang des Sozialismus sehr fragwürdig geworden. Für unsere Fragestellung bleibt festzuhalten: Die Sicherheit eines allgemeingültigen Sinnsystems gibt es nicht mehr. Der einzelne, oder einzelne gesellschaftliche Gruppen sind aufgerufen, sich der Frage nach dem Sinn zu stellen. Die Antworten werden sicherlich sehr unterschiedlich sein. Ein gottgläubiger Mensch wird weiterhin versuchen den Sinn in Gott zu suchen. Ein Mensch, der nicht an die Existenz eines Absoluten glaubt, wird zum Sinnschöpfer werden müssen, oder er muß sich das Angebot eines anderen zu eigen machen. Wir wollen für den Verlauf dieser Arbeit festhalten: Ein Moment der Sinnfrage ist die Integration des einzelnen in einen größeren Zusammenhang, deutlich geworden bei Kant und Marx in je unterschiedlichen Qualitäten. Auch den Aspekt von Freiheit und Verantwortung des einzelnen bezüglich der Sinnfrage (Nietzsche) wollen wir im Auge behalten. Je stärker die von den Religionen angebotenen Sinndeutungssysteme fragwürdig werden, desto stärker versucht der Mensch, eigene, oder besser gesagt neue Sinndeutungssysteme zu entwickeln (Nietzsche). Doch kann es gelingen, wenn sich der Mensch an die Stelle Gottes stellen will? Ich bezweifele es.

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