Dieser Artikel erschien am 20. April 1998 in den

  

Schicksal der Badewanne wieder offen 

Kanalüberführung: Kosten für die Sanierung sind höher als geplant / KÜ seit 1994 trockengelegt

Von Dietrich Harhues

Münster-Gelmer. Die Fachleute der Bundesanstalt für Wasserbau haben lange gebrütet und nun gesprochen: Der Zustand der Kanalüberquerung (von Münsteranern nur "der KÜ" genannt) ist schlecht - aber nicht zu schlecht, um die geplante Sanierung nach dem Verfahren "Wanne in Wanne" durchführen zu können. 

Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Ob das technische Denkmal tatsächlich einen Betontrog erhält und wieder mit Wasser gefüllt wird, ist keineswegs sicher. An dem Kompromiß, der nach zähem Ringen zwischen Bezirksregierung und Wasser- und Schiffahrtsdirektion vor Jahren getroffen worden ist, scheint die Behörde am Cheruskerring rütteln zu wollen. "Das muß man neu überlegen", hieß es bei der Wasser- und Schiffahrtsdirektion. Denn: Die Voraussetzungen für die damalige Einigung hätten sich geändert. 

Die Gutachter hätten nämlich auch klar gemacht, daß die Sanierung mit Wasser erheblich teurer wird als erwartet. Den dunklen Wolken, die sich an stürmischen Apriltagen über dem imposanten Bauwerk zusammenbrauen, kommt da ungeahnte Symbolkraft zu. 

Rückblende: Bereits 1994 war der Abschnitt der Alten Fahrt trockengelegt worden. Vor genau einem Jahr wurden Proben, die als Kernbohrungen dem Inneren der Brücke entnommen worden waren, zur Bundesanstalt nach Karlsruhe geschickt. Das Gutachten über die technischen Bedingungen der KÜ-Sanierung ist Ende vorigen Jahres bei der Wasser- und Schiffahrtsverwaltung angekommen. Gleichwohl: Die Prüfung, wie sich Temperaturschwankungen auf den neuen Betontrog in der rund 100 Jahre alten architektonischen Meisterleistung auswirken, steht noch aus. "Das ist ein schwieriges Bauwerk", sagt Dietrich Feske, Leitender Baudirektor bei der münsterschen Wasser- und Schiffahrtsdirektion. Daß dort die Arbeit am Denkmalschutzprojekt verschleppt werden, dagegen verwehrt sich Dezernent Feske. 

Etwas ungeduldig wurde offenbar wohl auch die Bezirksregierung. Sie wollte sich über den Stand der Dinge vergewissern und schickte der Wasser- und Schiffahrtsdirektion jetzt eine schriftliche Anfrage ins Haus, die in den Tagen beantwortet wird. 

Feske räumte auf WN-Anfrage ein, daß es Zeitverluste gegeben habe. Der Ausbau des Dortmund- Ems- Kanals habe "erste Priorität", während die Mittelbehörde zugleich einen Abbau von 1,5 Prozent des Personals pro Jahr zu verkraften habe. 

Beginnt die Schlacht um das Wasser in dem Aquädukt von neuem? "Nein, aber" dies ist die Formel in der Wasser- und Schiffahrtsdirektion. Es sei weiterhin wünschbar, das technische Denkmal wieder zu Fluten. 

Doch die Kosten galoppieren davon. Allein Erhalt und Sanierung der KÜ schlagen mit knapp zwei Millionen Mark zu Buche. Die Troglösung, zunächst mit 1,5 Millionen Mark kalkuliert, soll nun 2,5 bis 3 Millionen kosten. Denn die Karlsruher Experten haben gefordert, den Trog über die vier Bögen der Brücke hinaus  zu beiden Seiten zu verlängern, was die Mehrkosten verursacht. 

Einen konkreten Sanierungsplan gibt es noch nicht. Wohl aber einen Termin für ein Gespräch zwischen Wasser- und Schiffahrtsdirektion, Bezirksregierung und der Stadt Münster: Am 1. Juni soll sich das Schicksal der trockengelegten beliebtesten Badewanne Münsters klären.


Kommentar:

Wahre Wasserschlacht

KÜ-Sanierung kommt nicht recht vorran

Die Kanalüberführung ist dem Münsteranern mehr als ans Herz gewachsen. Daß die KÜ-Sanierung nunmehr seit Jahren buchstäblich im Sande zu verlaufen scheint, damit können sie sich nicht abfinden.

Zu groß war die Erleichterung, als sich die Spitzen von Bezirksregierung und Wasser- und Schiffahrtsdirektion 1996 darauf einigten, die Monumentale Brücke über die Ems wieder zu fluten. Diesem Kompromiß war eine Schlacht ums Wasser im KÜ vorausgegangen. Diese Wasserschlacht wird nunmehr erneut ausgetragen - darauf deutet alles darauf hin. 

Die Aussagen der Wasser- und Schiffahrtsdirektion, daß dieser Kompromiß neu zu überdenken sei, müssen alle Freunde diesen weiterhin einmaligen technischen Denkmals aufschrecken. Ein KÜ ohne Wasser ist nicht nur ein trauriger Anblick, sondern unter Denkmalgesichtspunkten geradezu absurd.

Erfreulich ist nur die Offenheit der Schiffahrtsdirektion, die zugibt, daß andere Projekte im Moment Priorität haben. Der Eindruck, daß die KÜ-Sanierung - zumindestens bis auf weiteres - verschleppt wird, drängt sich auf. Leider.

Das Gipfelgespräch, bei dem Wasser- und Schiffahrtsdirektion, Bezirksregierung und Stadt Münster an einem Tisch sitzen, darf da als Krisensitzung bezeichnet werden. Denn RP und Stadt sind klare Verfechter eines KÜ, der mehr als nur Regenwasser führt.

Dietrich Harhues


Zusammengestellt von Volker Jahnk, letzte Änderung 02.05.1998  | Zum Anfang |