Dieser Artikel erschien am 02. September 2000 in den

  

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Badewanne bleibt zehn Jahre trocken

KÜ: Bund scheut nasse Sanierung

Von Dietrich Harhues

Münster - Einer Festung gleich überwindet die Kanalüberführung - im Volksmund »der KÜ« genannt - das Emstal. Einstmals schipperten Lastkähne auf Höhe von Fuestrup durch die Wanne aus Felsquadern. Seit 1994 ist sie ein Trockendock. Das technische Denkmal, eindrucksvolles Relikt Wilhelminischen Fortschrittsdrangs, hat 101 Jahre auf dem Buckel und offenbar keine glänzende Zukunft vor sich. Denn in den nächsten zehn Jahren verfügt der Bund über keine Mittel, um das Bogen-Bauwerk so zu sanieren, dass es wieder Wasser führen kann. Dies betont Werner Buchwald, Dezernent in der Wasser- und Schifffahrtsdirektion West (WSD), im Gespräch mit WN-Redakteur Dietrich Harhues.

WN: Alle Macht gilt dem Kanal-Ausbau. Hat die Wasser- und Schifffahrtsdirektion die historische Kanalüberführung innerlich abgeschrieben?

Buchwald: Unsere erste Priorität ist es, eine Wasserstraßen-Verbindung herzustellen vom Rhein in Richtung Osten, über den Mittellandkanal, das Magdeburger Kreuz bis Berlin und langfristig bis zur Oder. Dafür ist es zwingend erforderlich, für den zukünftigen Verkehr mit Großmotorschiffen und Schubverbänden die Südstrecke des Dortmund-Ems-Kanals in kürzester Zeit auszubauen. Hinter dem obersten Ziel müssen alle anderen Baumaßnahmen, die nicht unmittelbare Sicherheitsbelange berühren, zurückstehen. Dies gilt auch und gerade für die Umgestaltung der Alten Fahrten, insbesondere auch der zwischen Gelmer und Fuestrup mit der Kanalüberführung.

WN: Der historische Aquädukt ist aber aus Ihrem Bewusstsein gerückt?

Buchwald: Nein. Hinter dem obersten Punkt auf der Prioritätenliste gibt es weitere Prioritäten. Die Kanalüberführung ist nicht total aus unseren Köpfen verschwunden. Wir achten sehr darauf, dass auch bei Maßnahmen der zweiten oder dritten Priorität keine Sicherheitsdefizite auftreten. In Fuestrup würden wir sofort einschreiten.

WN: Seit 1997 folgt ein Gutachten dem nächsten. Ist das Thema KÜ so verzwickt, oder steckt da eine Verzögerungstaktik hinter?

Buchwald: Es ist eine äußerst komplizierte Materie. Ehe man an dieses Bauwerk herangeht, muss man sich einen Überblick über den tatsächlichen Zustand verschaffen. Das, was man optisch erkennt, sind die vielen Risse. Was wir nicht kannten, war zum Beispiel die Tragfähigkeit des Mauerwerks. Diese Untersuchung haben wir in mehreren Etappen durch die Bundesanstalt für Wasserbau durchführen lassen. Als Ergebnis kann man festhalten: Das Bauwerk liegt mit seiner Tragfähigkeit, würde man es heute wieder unter Wasser setzen, gerade an der Grenze des Zulässigen. Ein zweiter Punkt ist die Frage, wie man die trocken gelegte Brücke wieder mit Wasser bespannen könnte. Da kristallisierte sich auch durch ein Gutachten, das die Stadt Münster schon in Auftrag gegeben hatte, eine Troglösung heraus. Dabei treten in der Praxis aber erhebliche Probleme auf.

WN: Welche denn?

Buchwald: Alle Bauwerke unterliegen bei Temperaturschwankungen Dehnungen und Spannungen. Für die Kanalüberführung bedurfte es eines höchst präzisen optischen Messverfahrens, da die Bewegungen sehr gering sein konnten. Wir mussten dazu das Bauwerk sowohl bei möglichst niedrigen als auch bei hohen Temperaturen untersuchen. Die Ergebnisse liegen seit April / Mai vor. Sie lauten: Eine Sanierung ist schwierig, aber technisch möglich.

WN: Wird sie auch in Angriff genommen?

Buchwald: Das Wasser- und Schifffahrtsamt Rheine arbeitet derzeit eine Lösung mit Trog aus, der an beiden Seiten über das Brückenbauwerk hinaus ragen müsste und Wasser führen könnte.

WN: Wie lange dauert das Entwerfen?

Buchwald: Es ist geplant, dass das bis zum Herbst abgeschlossen und ein Kostenrahmen ermittelt ist.

WN: Die nasse Sanierung, so hieß es in der Vergangenheit, schlage mit fünf bis zehn Millionen Mark Mehrkosten zu Buche, als wenn die KÜ-Brücke als bloßes Trockendock erhalten würde. Sind diese Zahlen noch realistisch?

Buchwald: Über die Größenordnung möchte ich im Augenblick nichts sagen. Eindeutig ist die nasse Lösung deutlich teurer. Auch die zukünftige Unterhaltung ist dabei zu berücksichtigen.

WN: Bereits 1996 tobte eine Wasserschlacht zwischen Bezirksregierung und Wasser- und Schifffahrtsdirektion. Das Resultat lautete, die KÜ-Brücke wieder zu fluten, wenn es denn machbar ist. Ist der Kompromiss nun Makulatur?

Buchwald: Der Kompromiss bestand darin, das Denkmal zu erhalten. Nach unserer Auffassung aber nicht zwingend nass.

WN: Die Münsteraner müssen sich also damit abfinden, dass es so bleibt, wie es ist?

Buchwald: Wenn es nicht zu anderen Lösungen kommt, dann ja.

WN: Wie könnten die aussehen?

Buchwald: Eine veränderte Rechtslage hat Ende vorigen Jahres die Grundlage dafür geschaffen, dass sich der Bund von dem Bauwerk trennen könnte. Der neue Eigentümer bekäme eine Ablösesumme, aus der er für viele Jahre die Unterhaltung bestreiten könnte.

WN: Klingt verlockend, aber laufen schon Verhandlungen?

Buchwald: Das sind Gedankenspiele, die noch nicht ausdiskutiert worden sind. Der neue Träger - in Frage kommen Land und Kommunen - muss fairerweise wissen, worauf er sich finanziell einlässt. Das ist jedoch erst ab Ende des Jahres klar.

WN: Sie lassen also ermitteln, was die nasse Sanierung kostet, gleichwohl haben Sie dem Regierungspräsidenten jüngst geschrieben, dass Sie die trockene Variante favorisieren. Passt das zusammen?

Buchwald: Ja, weil wir aus unserer heutigen Sicht die nasse Lösung nicht vertreten können. In den nächsten zehn Jahren haben wir nicht die Mittel, um eine Sanierung zu bezahlen, bei der die KÜ-Brücke wieder Wasser führt. Einem anderen Träger würden wir aber unsere technischen Vorarbeiten überlassen.

WN: Wenn sich keine Sponsoren oder neue Träger finden, bleibt beim KÜ ein Jahrzehnt lang alles beim Alten?

Buchwald: Ja, aber wir sorgen dafür, dass das Bauwerk keinen weiteren Schaden nimmt und keine weiteren Gefahren von ihm ausgehen.



Zusammengestellt von Volker Jahnk, letzte Änderung 02.09.2000  | Zum Anfang |