Dieser Artikel erschien am 13. Mai 1998 in der

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Die Wiedergeburt einer Legende

Kanalüberführung (KÜ) könnte wieder mit Wasser gefüllt werden

Von Martin Schulz

Münster. Seit längerer Zeit nun schon liegt er wasserlos da, amputiert und von vergangenen heißen Sommern nur noch träumend: der Seitenarm des Dortmund - Ems - Kanals in Münsters Norden, den alle nur KÜ nennen. Nach seinem Ende als "Münsters größter Badewanne" entrückt er in der Erinnerung zur Legende, wurde zum Schauplatz unvergeßlicher und unwiederholbarer Badefreuden verklärt. Doch aus der Legende könnte wieder Realität werden, aus dem Betontrog wieder der lange vermißte Tummelplatz für Freunde und Freundinnen der Ganzkörperbräune.

Unumstritten war er auch zu seinen Glanzzeiten nie. Anwohner nahmen Anstoß am chronischen Parkchaos, an Lärm und tatsächlichem oder vermutetem wüsten Treiben. Toiletten gab es auch nie, dafür fehlten die andernorts unvermeidlichen Pommes- und Eisbuden. Hartnäckig hielt sich auch das Gerücht, daß der Bischof heimlich Jauche in den KÜ kippen lasse, um die Nackten zu vergraulen. Alles nur noch selige Vergangenheit. Vergangenheit sind auch die Zeiten, als findige Busfahrer ihre Gäste als besonderes Bonbon ein halbes Stündchen an den aufgereihten, knusprigbraunen nackten Hintern und Bäuchen entlangpromenieren ließen. Überhaupt das hüllenlose Gehen und Liegen: Paohlbürger und Freaks, Beamte und Studierende nackig Seit' an Seit' - ein Handtuch- und klassenübergreifendes Klein-Ibiza in Münster, das hatte schon was, zumal in der konservativen Domstadt.

Das Ende war dann eher unrühmlich. Die Besucherzahlen sanken kontinuierlich, Badegäste und Wasserratten wanderten in immer größerer Zahl zum Dortmund - Ems - Kanal ab, mitsamt ihrer ewig qualmenden Dreibein-Grills, dudelnden Ghettoblastern und unerschöpflichen Sixpacks. Die Wasserqualität ließ zuletzt - auch ohne bischhöfliches Wirken - auf ganz natürliche Weise mehr an Jauche denken. Zuletzt ließ das Wasser- und Schiffahrtsamt frisches Wasser über sogenannte Düker nachlaufen, wenn der Wasserspiegel zu sehr absank. Doch ansehnlicher wurde das Gewässer auch nicht, da die trübe Brühe nicht abfließen konnte. Sanierung tat not und wurde - weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit - auch angegangen. Probebohrungen wurden angesetzt und Gutachten erstellt.

In diesen Tagen nun - rechtzeitig zu Beginn der Hitzeperiode - überraschte der münstersche Landtagsabgeordnete Rüdiger Sagel die Badefreunde in der Stadt mit der kaum mehr für möglich gehaltenen Nachricht, daß der KÜ wieder mit Wasser gefüllt werden könne. Unterhalten hatte sich der Grünen-Politiker mit der zuständigen Wasser- und Schiffahrtsdirektion in Rheine. Danach liegt ein Gutachten des münsterschen Professors Wittenberg vor, die eine "technisch einwandfreie Perspektive mit der sogenannten Troglösung aufzeigt".

Nach diesem und zwei weiteren Gutachten der Bundesanstalt für Wasserbau werde die alte Kanalüberquerung durch den Einbau eines Stahlbetontroges "insbesondere in den Randbereichen der Bogenscheitel hoch beansprucht". Diese hohe Beanspruchung sei aber in Hinblick auf die geplante Nutzung als Denkmal "vertretbar", da Beanspruchungen durch die Schiffahrt entfielen. Der geplante Stahlbetontrog müsse aber bis zum Ende der Flügelmauern von rund 64 auf 118 Metern verlängert werden, wodurch sich die Baukosten in etwa verdoppeln würden.

Zur Zeit arbeitet das Wasser- und Schiffahrtsamt Rheine unter Beteiligung der Bundesanstalt eine "technisch einwandfreie Lösung". "Sobald diese vorliegt, soll die Kostenverträglichkeit unter Einbeziehung der späteren Unterhaltskosten geprüft werden. Erst danach kann das Planfeststellungsverfahren eingeleitet werden", so die Rheiner.

Nach Auffassung Sagels sollte die Stadt Münster nun auch prüfen, ob für dieses Verfahren der Antrag auf Entwidmung dieses Kanalarms, der sogenannten "Alten Fahrt", gestellt wird. "Es könnten dann dort sowohl ökologische Ausgleichsmaßnahmen vorgenommen werden wie auch das dort seit Jahren existierende Badevergnügen neu und legal wieder aufleben".

Doch kein Grund zu vorschneller Euphorie: so zwei bis drei Sommer dürfte das Verfahren wohl dauern.



Zusammengestellt von Volker Jahnk, letzte Änderung 16.05.98  | Zum Anfang |