Dieser Artikel erschien am 10. August 1997 in der 

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Das langsame Sterben einer Legende 

Wer kümmert sich um den KÜ?

Von Frank Biermann

Münster. Es  gibt ihn immernoch, wenn auch amputiert, den Seitenarm des Dortmund- Ems- Kanals, den alle nur KÜ nennen, einst der Treffpunkt für Freunde der Ganzkörperbräune. Ein Teil von Münsters "große Badewanne" liegt seit Monaten wasserlos brach, soll saniert werden. Der Rest, abgeschnitten vom Frischwasserzulauf, gleicht zunehmend einem wuchernden Algenmeer, das im eigenen Saft modert. Das Plümpsbecken ist pflegebedürftig, nur ist kein Pflegepersonal in Sicht.

Böse Zungen haben ja schon immer behauptet, der Bischof kippe Jauche in den KÜ, um die Nackten zu vertreiben. Inzwischen hat man diesen Eindruck tatsächlich, auch ohne Wasserproben ins Labor geschickt zu haben. Wer sich einmal beim Rückenschwimmen in den Algen verheddert hat, der ist froh, wenn er sich aus eigener Kraft befreien kann. Andere sollen schon die schnellste 100-Meter-Zeit ihres Lebens am KÜ geschwommen haben, weil sie Ratten am Wasserrand gesehen haben wollen.

Schon lange sind die Jahre vorbei, wo findige Busfahrer ihre Gäste als besonderes Bonbon einmal ein halbes Stündchen um den KÜ wandern ließen, die dann die ach so exotischen Nackedeis in Augenschein nehmen konnten oder bemüht dran vorbei blickten. Klein-Ibiza im konservativen Münster, Paohlbürger, Freaks und sonnenhungrige Studenten nackig Handtuch an Handtuch, das hatte was. Aber das ist Vergangenheit. Kontinuierlich sind die Besucherzahlen gesunken, viele Wasserratten sind zum Dortmund- Ems- Kanal abgewandert, wo bei den dortigen Anwohnern der Blutdruck mit den Temperaturen steigt. Demgegenüber waren die Konflikte am KÜ immer eher marginaler Natur, auch wenn einige Anwohner Anstoß nahmen, am vermeintlich wilden Treiben. Ein schwacher Trost: wenigstens die Haubentaucher- Familie zieht noch auf dem KÜ ihre Bahnen, wie Inga Liebert-Cop aufgefallen ist. Sie hat sich vor zwei Jahren noch für den Erhalt des KÜ eingesetzt, als es Bestrebungen gab, das Baden und Campieren ganz zu verbieten. Aber die Gruppe hat sich aufgelöst. Immerhin läßt das Wasser- und Schiffahrtsamt über sogenannte Dücker frisches Wasser vom Kanal zufließen, wenn der Wasserspiegel zu sehr absinkt, aber der Gesamtzustand wird dadurch auch nicht besser, da der alte Dreck nicht abfließen kann.

Die Zuständigkeiten für den KÜ waren noch nie klar. Da es sich um eine ehemalige Bundeswasserstraße handelt, ist eigentlich das Wasserschiffartsamt in Rheine zuständig, sagte schon immer die Stadt Münster und verwies im gleichen Atemzug darauf, daß ein Teil der Kanalüberführung schließlich auch zum Kreis Steinfurt gehöre.

Wer sich beim Wasser- und Schiffartsamt nach dem Fortgang der Sanierungsarbeiten erkundigt, bekommt die Auskunft, daß alles noch etwas dauern könne. Betonproben liegen schon seit Wochen bei der Bundesanstalt für Wasserbau. Ein Ende der Sanierung sei nicht in Sicht.

Da kann man nur noch sentimental in den blauen Himmel blicken, von dem kühlen, klaren, ungechlortem Wasser träumen, vom Zirpen der Grillen, vom Schilf, das sich sanft im Schilf wiegt, und von den zarten Wolkenbändern, die der Sonne ihre Schärfe nahmen - damals am KÜ.




Zusammengestellt von Volker Jahnk, letzte Änderung 11.11.1997  | Zum Anfang |