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Kosmetik bei der Bildung

Die Hochschulverantwortlich bewegen sich auf die Studenten zu, aber ausgesprochen langsam und in Bereichen, wo es den ideologischen Vorgaben nicht wirklich einen Abbruch tut.

Von Richard Bercanay

Nachdem ausgerechnet die Rektoren die Studenten zur Dialogbereitschaft aufriefen, die sie selbst über Jahre verweigert haben, hat man sich nun bewegt. Genauer genommen: Man hat ein wenig geruckelt. Die Prüfungsdichte soll abnehmen und der Umfang des Wochenaufwands der Studenten für das Studium auf 39 Stunden begrenzt werden. Das ist zwar immerhin etwas, reicht aber bei weitem nicht aus, die vielen Defizite des Bachelor-Studiums zu beheben.

Sicher, der sogenannte Workload und die Prüfungsdichte stellen einen Teil des Problems beim Studium dar, aber sind nicht alles. Ideologische Vorgaben dominieren nach wie vor die Vorstellungen der Rektoren und politisch Verantwortlichen. Die Flexibilität der Studenten solle gestärkt werden, und vor allem soll ein verstärker Anreiz gegeben werdne, Auslandssemester zu machen. Die Überhöhung der Auslandserfahrung, die offenbar wichtiger als ein solides Studium ist, feiert fröhliche Urständ!

An dem Problem, welches den Studenten am wichtigsten ist, wird nichts geändert: Keine Beschlußlage gegen Studiengebühren! Zu gerne nehmen die Universtitäten die Studiengebühren entgegen, wenn ihnen das ermöglicht wird. Das zeigt auch die Beispiele in Münster und Bielefeld, wo die Universitäten gegen die Studenten Studiengebühren beschlossen, in Bielefeld mit der Mehrheit der professoralen Senatoren, in Münster mit Zustimmung eines Studenten, der FDP-Mitglied ist.

Und die FDP hatte ja auch schon klargemacht, wie ihr Verhältnis zu Studiengebühren ist: 500 Euro könnten nur der Anfang sein! Während selbst neoliberale Organisationen wie die OECD uns bescheinigen, zu wenig Studenten zu haben, werden weitere Hürden aufgebaut, die die Kinder sozial schwächerer Familien daran hindern, ein Studium aufzunehmen, ohne überschuldet ins Berufsleben zu starten. Die Behauptung, Studiengebühren seien gerecht, weil die Studenten auf einen sicheren und hoch bezahlten Job hinstudierten, ist eine romantische Verklärung aus der Vergangenheit. Tatsächlich sehen auch Studenten einer unsicheren Zukunft entgegen, und ob sie tatsächlich zeitnahe in einen gut bezahlten Job kommen, ist ungewisser denn je. Wahrscheinlicher ist, daß sie zunächst von Praktikusmstelle zu Praktikumstelle wandern, die entweder gar nicht oder nur gering bezahlt werden.

39 Studen für das Studium pro Woche aufzuwenden ist letztlich auch für jene Studenten schwierig, die neben dem Studium her arbeiten müssen. Letztlich sehen sie sich ja zudem noch der Forderung ausgesetzt, sie sollten bereits während des Studiums Erfahrungen in dem Bereich sammeln, am besten in der Form von Praktika, die dann wiederum nur gering oder gar nicht bezahlt sind. Die Verpflichtung einzuführen, Praktika angemessen zu bezahlen, gesetzlich festzuschreiben, liegt jedoch den blau-gelben Freunden hoher Studiengebühren fern. Elitenbildung soll nach deren Vorstellungen weiterhin über den Geldbeutel laufen.

Auch eine weitere zentrale Forderung der Studenten wurde nicht aufgegriffen, aus Gründen der »Qualitätssicherung«, zu Deutsch, eben auch aus Gründen der Elitenbildung: Die Zugänge zum Masterstudium bleiben begrenzt. Hier dürfen die Universitäten weiterhin Auslese betreiben, obwohl den Studenten zu Beginn des Bologna-Prozesses versprochen worden war, daß jeder, der einen Bachelor macht, auch einen Master wird machen dürfen. Schnee von gestern.

Elitenauswahl und die Vorstellung, daß Studenten, die ein Auslandssemester gemacht haben, die besseren Studenten sind, leiten also weiterhin die Reform der Studiengänge. Echte Erleichterungen für Studenten wird es allenfalls im Bereich der Prüfungsdichte geben, wobei es auch hier sinnvoller wäre den Mißstand abzustellen, daß man bereits mit der ersten Hausarbeit oder dem ersten Referat die Weichen für seine Abschlußnote stellt. Gerade zu Anfang eines Studiums müssen sich die Student/innen erst in das wissenschaftliche Arbeiten einfinden, und wenn sogleich die Note der ersten Arbeit in die Endbewertung einfließt, baut dies wiederum Druck auf.

Bleibt dann noch die Zusage, man könne nunmehr sechs bis acht Semester für das Bachelor-Studium brauchen. Darüber werden die Studenten allenfalls milde lächeln, denn daß ein Bachelor-Studium acht statt sechs Semester dauert, ist vielerorts heute schon Realität, auch ohne formelles Plazet der Hochschulrektoren. Denn in vielen Bereichen sind die Anforderungen einfach zu hoch, um einen guten Abschluß in sechs Semestern zu schaffen. Wenn jetzt die Prüfungsdichte abnimmt, mag dies helfen, aber es sollte doch nun wirklich die Qualität des Studiums vor die Schnelligkeit gehen.

Wichtig wäre jetzt, in den Bundesländern, in denen Studiengebühren eingeführt wurden, diese wieder abzuschaffen, und ebenso auch die Zugangsbegrenzungen zu den Master-Studiengängen aufzuheben.

Ein Wort sei auch noch gesprochen zur Differenzierung zwischen den natur- und den geisteswissenschaftlichen Studiengängen. Zwischendurch hatte man bei den Rektoren den Eindruck, daß bei den naturwissenschaftlichen Studiengängen tatsächlich zu hohe Anforderungen gebe, wärend implizit so getan wurde, daß dies bei den Geisteswissenschaften nicht so sehr der Fall sei. Da ist sie wieder, diese uralte Vorstellung, daß Geisteswissenschaften nicht wirklich Wissenschaft sei, und daß man von den Studenten dieses Zweigs ruhig ein wenig mehr verlangen könne. Tatsächlich jedoch haben auch die Studenten der Geisteswissenschaften eine Arbeitsüberlastung, unter der ein sinnvolles Studieren mit eigener Schwerpunktsetzung nicht möglich ist.

Und letztlich wäre auch dies eine Forderung, die nicht aufgegriffen wurde: Weg von der Verschulung der Studiengänge. In vielen Studienordnungen ist praktisch schon der ganze Studiengang vorgeschrieben, so daß die Studenten dort allenfalls am Rande die Möglichkeit zur eigenen Schwerpunktsetzung haben. Das Verhältnis sollte umgekehrt sein: Die vorgegebenen Bereiche im Studium sollten sich auf die allernotwendigsten Grundlagen beschränken, während die Möglichkeit, eigene Schwerpunkte zu setzen, welche auch später für die Berufsfindung wichtig sind, erweitert werden. Vielfalt und möglichst wenige Vorgaben sollten die Motive einer Reform der neuen Studiengänge sein. Das wäre dann eine wirkliche Reform und nicht nur ein wenig Kosmetik zur Ruhigstellung der Studenten.

Richard Bercanay, 13. December 2009