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Das Plasberg-Gen

Ein Beispiel besonders unfairer und unausgewogener Moderation bietete Frank Plasberg mal wieder bei seiner Sendung »Hart aber fair« von dieser Woche.

Von Richard Bercanay

Gibt es ein »Ypsilanti-Gen«? Von dieser Frage konnte sich der ARD-Moderator Frank Plasberg in seiner jüngsten Sendung von »Hart aber fair« gar nicht mehr losreißen. Mit dieser Bezeichnung sollte beschrieben werden, daß Andrea Ypsilanti vor der Wahl eine Koalition mit der Linken. ausgeschlossen hatte und sie nach der Wahl trotzdem angestrebt hatte. Lügen-Experte Roland Koch, der in der Sendung ebenfalls anwesend war, nutzte die Vorlage einmal mehr, die Korrektur der Koalitionsaussage zu einem »zentralen Versprechen« hochzustilisieren.

Hart ja, fair aber sicher nicht wurde Andrea Ypsilanti unter tätiger Mithilfe von Frank Plasberg zum Prototyp des verlogenen Politikers hochgeredet. Während ständig auf der vermeintlichen Lüge Ypsilantis herumgetreten wurde, unterband Plasberg bereits nach der zweiten Erwähnung den Hinweis Sigmar Gabriels, daß Koch die Öffentlichkeit ebenfalls seinerzeit mit den vermeintlichen »jüdischen Vermächtnissen« der Hessen-CDU im Rahmen der Spendenaffäre belogen hatte. Dabei hatte Gabriel noch nicht einmal in ganzer Schärfe herausgearbeitet, daß Roland Koch seinerzeit wissenentlich einen falschen Rechenschaftsbericht der CDU unterschrieben und hierüber ebenfalls die Öffentlichkeit belogen hatte, was ohne jeden Zweifel schwerwiegender ist, als eine simple Koalitionsaussage angesichts des Wahlergebnisses zu korrigieren.

Was war vorgefallen? Im Vorfeld der Hessen-Wahl wollte Andrea Ypsilanti eine »Rote-Socken-Kampagne« Roland Kochs vermeiden und erklärte im Vorfeld der Landtagswahl zu Hessen im Januar 2008, daß sie nach der Wahl nicht mit der Linkspartei zusammenarbeiten werde. Auch die anderen Parteien machten im Rahmen des hessischen Landtagswahlkampfes Aussagen darüber, mit wem sie zusammenarbeiten oder eben nicht zusammenarbeiten würden. Als dann am Wahlabend das Wahlergebnis da war, waren die Partreien dermaßen miteinander verkantet, daß eine sinnvolle Koalition nur möglich gewesen wäre, wenn eine der Parteien ihre Koalitionsaussagen von vor der Wahl korrigieren würden. Grundsätzlich war auch Roland Koch dazu bereit, der vor der Wahl eine Zusammenarbeit mit den Grünen ausgeschlossen hatte und nun angesichts des Wahlergebnisses diesem Gedanken nähertrat ohne daß die versammelte Presselandschaft »Lüge!« geschrien hätte.

Hinzu kam, daß die SPD-Führung in ihrem Entwicklungsprozeß noch nicht so weit war wie bei der Landtagswahl im Saarland und Thüringen, wo sie bereits im Vorfeld erkannte, daß eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei notwendig sein würde, um sich eine Machtoption jenseits einer großen Koalition mit der CDU zu sichern. Insofern stand Andrea Ypsilanti ziemlich alleine, als ihre Koalitionsaussage zum zentralen Wahlversprechen hochgeschrieben und zur Jagd auf sie selbst geblasen wurde.

Alles zu kompliziert und differenziert für Frank Plasberg, der sich Gefallen an dem Ausdruck des »Ypsilanti-Gens« als Sinnbild für Politiker-Lügen gefunden hatte. Eine sinnvolle Verteidigung Ypsilantis wäre in seiner Sendung ohnehin nicht möglich gewesen, denn nicht nur schütze er Roland Koch vor dem Lügen-Vorwurf Gabriels, sondern er ließ Roland Koch auch deutlich länger reden als Gabriel. Die entsprechenden eingespielten Filmchen unterstützten dann weigehend das Klischee vom verlogenen Politiker, was auch gerne als das systematische Schüren von Parteienverdrossenheit betrachtet werden kann.

Nicht hart aber fair, sondern dumm und einseitig war die letzte Sendung Plasbergs mal wieder, der sich in den letzten Jahren zu einem der Chef-Talker der ARD hochgearbeitet hat. Schade ist es um die verschwendete Sendezeit, die politischen Magazinen, die über tatsächliche politische Zusammenhänge hätten aufklären können, sinnvoller hätte gefüllt werden können. Statt dessen wurden einfach nur Klischees bedient und das Mütchen an Ypsilanti gekühlt. Warum eigentlich dieser Haß auf Ypsilanti? Das könnte damit zusammenhängen, daß sie tatsächlich für eine andere Politik steht, deren Durchsetzung das Gerede diverser Meinungsmacher von der der Alternativlosigkeit neoliberaler Angeobtspolitik als Geschwätz enttarnt hätte. Bedauerlich ist in der Tat, daß selbst im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht mehr davor zurückgeschreckt wird, dümmliche Parolen über eine Politikerin zu verbreiten statt sich mit den Konzepten auseinanderzusetzen, für die sie steht.

Richard Bercanay, 5. September 2009


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