Wowereits mutiger Schritt

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Wowereits mutiger Schritt

Mit seinem öffentlichen Bekenntnis, schwul zu sein, hat der SPD-Spitzenkandidat für die Wahl zum Regierenden Bürgermeister einen mutigen Schritt getan - und Schmutzkampagnen den Wind aus den Segeln genommen.

Von Richard Bercanay

Klaus Wowereit hat sich auf dem kleinen Parteitag der SPD öffentlich dazu bekannt, schwul zu sein. Ist das etwas besonderes, möchte man fragen, nachdem die eingetragenen Partnerschaften für Schwule und Lesben vom Bundestag verabschiedet wurde? Ja, ohne jeden Zweifel, denn trotz der nicht zu leugnen Fortschritte bei der Akzeptanz von Schwulen und Lesben in der deutschen Öffentlichkeit ist die Gleichberechtigung noch nicht in allen Köpfen angekommen.

Schwul sein bedeutet zwar nicht mehr das eindeutige Ende einer Karriere in der Öffentlichkeit, wie noch vor zwanzig Jahren, jedoch gibt es auch heute noch hinreichend Vorurteile und Ressentiments. Sich vor einer Kandidatur öffentlich dazu zu bekennen, daß man schwul oder lesbisch ist, erfordert auch heute noch Mut und ist ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Schon deshalb ist der Mut Wowereits zu würdigen.

Wowereit stellte gleichzeitig klar, daß er nicht »schwule Politik« machen wolle, sondern als Schwuler Politik, zweifelsohne ein gelungenes Wortspiel, das all jenen in den Ohren klingeln muß, die sich bereits die Hände reiben, weil sie Wowereit in eine bestimmte Ecke schieben wollen, teils, weil sie überkommene Vorurteile noch nicht aus ihren Köpfen herausbekommen haben, und teils, weil sie parteitaktische Vorteile sehen.

Noch vor nicht einmal zwei Jahren sah sich die Redaktion des CDU-Forums dazu berufen, im CDU-Forum klarzustellen, daß der Zusammenschluß der Schwulen und Lesben in der CDU kein offizieller Arbeitskreis sei. Mach Hetero, der sich positiv für die Interessen der Schwulen und Lesben äußert, wird unterschwellig verdächtigt, auch schwul zu sein, und dies mit einem deutlich negativen Unterton. So lange dies so ist, ist für die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben noch einiges zu tun - das mutige Bekenntnis Wowereits ist ein Beitrag auf diesem Weg.

Interessant wird nun insbesondere werden, welche Rolle dieses Bekenntnis im Wahlkampf spielen wird, und wer wie damit umgehen wird. Auch wenn Wowereit mit seinem Zusatz zu seinem Outing deutlich klartgestellt hat, daß nicht Schwulen- und Lesbenpolitik im Mittelpunkt des Wahlkampfes stehen soll, wird diese Thematik unweigerlich stiller Begeleiter des gesamten Wahlkampfes sein.

Jedoch sollte auch die Signalwirkung nicht außer Acht gelassen werden, die ein schwuler Regierender Bürgermeister in der Hauptstadt für die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben in Deutschland hat, sie wäre ein Fortschritt und ein Signal für Normalität. Klaus Wowereit sollte auch dieses Licht nicht unter den Scheffel stellen.

Sein Outing auf dem Parteitag hat auch noch einen anderen Aspekt, der ebenfalls mit der Frage der Akzeptanz von Schwulen und Lesben in Deutschland zu tun hat: Er kam mit seinem Outing Gerüchten und Spekulationen zuvor, die möglicherweise im Wahlkampf entstanden, von bestimmten Presseorganen angeheizt und von konservativen Politikern benutzt worden wären, um die Wahlchancen Wowereits zu mindern. Hätte Wowereit im Wahlkampf einräumen müssen, hätte dies ein defensives Bild abgegeben; es wäre der Eindruck entstanden, als sei Schwul zu sein ein Makel, wie zum Beispiel eine von der Presse hervorgekramte lange Zeit zurückliegende Verurteilung wegen Steuerhinterziehung zugeben zu müssen.

Auch dies tut der Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben gut: Hier wurde nicht eingeräumt, nicht laviert oder gedruckst, hier wurde offensiv mitgeteilt, und das ist gut so.

Richard Bercanay, 12. Juni 2001


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