© Urdruck 1999

Das Unternehmen Schröpfung

Auch bei der dritten Reform der Telekom-Gebührenstruktur bleiben die Privatkunden von Gebührensenkungen verschont.

Von Richard Bercanay

Es ist soweit. Für den 1. Januar 1999 hatte die Telekom umfassende Gebührensenkungen angekündigt und diese dann auch durchgeführt. Profitieren werden davon mal wieder nur die Geschäftskunden. Die Privatkunden und die kleinen ortsansässigen Betriebe schauen auch bei der dritten Gebührensenkungsrunde in die Röhre.

Privatisierung brachte nur im Fernbereich Entlastungen

Schon die erste Runde der Gebührensenkungen im Fernbereich brachte den Geschäftskunden der Telekom massive Entlastungen. Ein fünfminütiges Ferngespräch werktags um 14:00 Uhr kostete nach der neuen Tarifordnung bereits 57 Pfennige weniger als nach der alten. Ein zehnminütiges Ortsgespräch um die selbe Zeit kostete dafür immerhin 38 Pfennige mehr als nach der alten Tarifordnung.

Die zweite Runde wesentlicher Gebührensenkungen fand im März 1998 - einen Monat vor der Mehrwertsteuererhöhung (MWSt-Erhöhung) durch die Regierung Kohl - statt. Doch selbst nach der MWSt-Erhöhung, die von der Telekom in vollem Umfang auf die Telephonkunden umgelegt wurde, war das Telephonieren für Geschäftskunden preiswerter als vor den neuen Gebührensenkungen.

So kostete das besagte fünfminütige Ferngespräch (nach der MWSt-Erhöhung) um 14:00 Uhr noch mal 22 Pfennige weniger als vorher, beziehungsweise nunmehr 79 Pfennige weniger als nach der alten Gebührenordnung von vor der Privatisierung. Die Privatkunden, ebenfalls nach der MWSt-Erhöhung, bezahlten nun einen Pfennig mehr, also 39 Pfennige mehr als nach der alten Gebührenordnung.

Durch den neuen Schritt der Telekom ändert sich für die Privatkunden und die ortsansässigen Handwerksbetriebe nichts, sehr wohl jedoch für die Geschäftskunden. Sie sparen noch einmal kräftig ein, und zwar gegenüber der letzten Senkung bei einem fünfminütigen Ferngespräch um 14:00 Uhr ganze 1.45 DM, beziehungsweise 2.24 DM gegenüber der alten Gebührenordnung bei einem ISDN-Anschluß. Ohne ISDN - was nur bei wenigen Geschäftskunden der Fall sein dürfte -, werden gegenüber der letzten Senkung immerhin noch 0.84 DM, beziehungsweise 1.63 DM gegenüber der alten Gebührenordnung eingespart.

Hier noch einmal eine Tabelle, die das Ausmaß der Gebührenschieflage im Fern- und Ortsbereich deutlich machen soll.

  Fern, 14:00 Uhr 5 Min. werktags Ort, 14:00 Uhr 10 Min. werktags
Alter Tarif 3.45 DM 0.46 DM
1. Stufe 2.88 DM 0.84 DM
2. Stufe 2.66 DM 0.85 DM
3. Stufe 1.21 DM (ISDN)

1.82 DM (T-Net)

0.85 DM

 

Kurzfristiges Denken bei den Privatkunden

Die Telekom konnte zurecht davon ausgehen, daß sich zunächst der Markt bei den Anbietern im Ortsbereich nicht so entwickelt würde, wie bei den Ferntarifen. Es gibt nur wenige Anbieter im Ortsbereich, und deren Angebote liegen nur unwesentlich unter denen der Telekom.

Die Telekom setzt zurecht darauf, daß Privatkunden nicht so scharf kalkulieren wie die Geschäftskunden, aber genau darin besteht auch die Kurzfristigkeit des Denkens der Telekom bezüglich ihrer Privatkunden.

Letztlich wird auch der noch relativ schlummernde Markt der Privatkunden erschlossen werden. Private Telephongesellschaften werden dann in der Lage sein, den Privatkunden die Halbierung ihrer Telekom-Telephonrechnungen anbieten zu können. Eine erneute Halbierung dieser Rechnungen wird die Telekom nicht nachreichen können. Hier greift die andersartige Denkweise der Privatkunden, die sie von den Geschäftskunden unterscheidet.

Wenn nämlich die erste Telephonrechnung kommt, die nur die Hälfte der letzten Telekom-Rechnung beträgt, hat die Telekom bei ihren ehemaligen Privatkunden das Image des Unternehmens Schröpfung. Die Telekom wird nach einem massiven Preisverfall im Sektor der Privatkunden nur Marginal geringere Gebühren anbieten können, als die Konkurrenz. Da Privatkunden nicht mit jedem Pfennig kalkulieren, so wie die Geschäftskunden, sondern sich eher von der erheblich niedrigeren ersten Telephonrechnung des neuen Unternehmens leiten lassen werden, wird es für die Telekom so gut wie unmöglich sein, die abgewanderten Kunden wieder zurückzugewinnen.

Insofern ist die Strategie der Telekom, den Privatkunden nur ein paar Pseudo-Rabatte zu bieten und auf die Senkung der Ortstarife zu verzichten, ein rein kurzfristiges Denken. Selbst wenn die Telekom angesichts eines bevorstehenden schärferen Wettbewerbs im Privatkundenbereich die Gebühren noch geradeso senkt, bevor es viele andere Anbieter tun, werden doch viele Privatkunden der Telekom den Rücken kehren, die ihr die jahrelange Schröpfung nicht vergeben werden.

Personalabbau als Finanzierung als Zeichen mangelnden sozialen Gewissens

In einer Pressemitteilung erklärte der Telekom-Chef Ron Sommer, daß die Gebührensenkungen zwischen fünf und sechs Milliarden Mark kosten werden, diese aber durch Kostensenkungen und Mengenwachstum wieder hereingeholt werden könnten.

Was Sommer unter Kostensenkungen versteht, hat er in der gleichen Pressemitteilung erklärt: Personalabbau. Er verwies darauf, daß die Telekom bereits 40.000 Stellen abgebaut habe, und bis zum Jahr 2000 noch weitere 20.000 Stellen abgebaut werden sollten. Damit reiht sich die Telekom in die fatale Beschäftigungspolitik ein, die keine gesellschaftliche Verantwortung kennt, sondern die Kosten um jeden Preis senken will, um am Aktienmarkt gut dazustehen. Shareholder Value nennt sich eine solche Geschäftsstrategie, die auf die Belohnung der Aktienmärkte für Personalabbau setzt.

Das mangelnde soziale Gewissen der Telekom zeigt sich auch in dem bereits in diesem Beitrag aufgezeigten Mißverhältnis zwischen den Kosten von Orts- und Ferngesprächen. Für sozial Schwache hat die Telekom die sogenannten »Sozialtarife« eingeführt, die sich ausschließlich auf den Grundpreis beziehen. Die Senkung beim Grundpreis wird durch die höheren Gebühren im Ortsbereich eher überkompensiert.

Insgesamt kann man sagen, daß sich für die breiten Masse der privaten Telephonierer, als auch der ortsansässigen Betriebe mit überwiegenden Ortsbereichsgesprächen sich die Lage verschlechtert hat, seit die Telekom nicht mehr dem Gemeinwohl sondern nur noch dem Profit verpflichtet ist.

Der Anteil der Ferngespräche bei Privatkunden

In der Tat profitieren auch die Privatkunden von den Senkungen bei den Ferngesprächen. Allerdings haben die wenigsten Privatkunden ISDN, so daß für die meisten Privatkunden die Senkung bei den Ferngesprächen etwas bescheidener ausfällt.

Zudem ist der Anteil der Telephonkosten durch Ferngespräche bei Privatkunden erheblich geringer. Seit längerer Zeit dokumentiere ich meine Telephonkosten auch differenziert nach Fern-, Regional- und Ortsgesprächen. Bei mir machen die Ferntarife gerade mal 11.5% der Telephonrechnung aus. Rechne ich da noch die Regionaltarife drauf, komme ich auf 21.2% der Telephonrechnung durch Regional- und Ferntarife. Dies zeigt auch, wie wenig Privatkunden von den Senkungen profitieren werden.

Staatsunternehmen Post

Auch bei der Briefpost sind erhebliche Verschlechterungen seit der Privatisierung eingetreten, man denke nur an die Öffnungszeiten und Briefkastenleerungen.

Hieran zeigt sich, daß es eben doch ein Gerücht ist, daß die Privatisierung der Königsweg zu mehr Kundenfreundlichkeit ist. Es ist ein Irrweg. Zwar mögen die Großgeschäftskunden der privatisierten Staatsunternehmen das anders sehen, aber letztlich ist der Mensch nicht für die Wirtschaft da, sondern die Wirtschaft für den Menschen. Es hat für die breite Masse der Menschen überwiegend Nachteile, wenn Unternehmen der Infrastruktur, wie Post und Telekommunikation, nicht mehr dem Gemeinwohl sondern nur noch dem Gewinn verpflichtet sind.

Hier ist auch die Politik gefordert dafür zu sorgen, daß sich das ändert. Sollte dies auf wettbewerblichem Weg nicht möglich sein, bleibt nur ein Weg, der allein aus sozialer Verantwortung gegangen werden muß: Die Wiederverstaatlichung.

Richard Bercanay, 03. Januar 1999


Eintrag in mein Gästebuch * E-Mail: RiRo@gmx.net * Urdruck Diskussionsforum


Zurück zur Politik-Seite