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Auslandserfahrung, Wettbewerb und Selbstzweck

Gedanken zu den Zeichen unserer Zeit.

Von Richard Bercanay

Wer im Ausland gearbeitet oder beim Studium ein Auslandssemester gemacht hat, der zeigt, daß er flexibel und mobil ist. Das ist ein Pluspunkt bei der Einstellung, auch wenn man beim angestrebten Arbeitsplatz gar nichts mit dem Land zu tun hat, in dem man sich aufgehalten hat. Eigentlich wartet man nur noch darauf, daß ein potentieller Arbeitgeber die einzustellende Putzhilfe fragt, ob sie denn auch schon im Ausland geputzt habe.

Billige Polemik? In der Tat werden die Anforderungen an die Anzustellenden inzwischen auch in Berufen immer höher geschraubt, in denen dies eigentlich gar nicht notwendig wäre. Daß schlechter qualifizierte Menschen wegen der angeblich zu hohen Löhne keine Arbeit finde, ist zu einem guten Teil ein gut gepflegter Mythos. Tatsächlich werden die Anforderungen an die Bewerber immer höher geschraubt, eine Folge des schwierigen Arbeitsmarktes. Berufe, in denen früher ein Hauptschulabschluß gereicht hat, erfordern heute mindestens einen Realschulabschluß. Folgerichtig wird in Teilen der Politik über die Abschaffung der Hauptschulen diskutiert, die als Teil des dreigliedrigen Schulsystems zu den lieben, aber vernachlässigten Kindern konservativer Politiker zählen, die immer noch gerne an ihrem überkommenen Weltbild der ständischen Gesellschaft festhalten wollen.

Seit dem Ende der ideologischen Konfrontation zeigt die kapitalistische Marktwirtschaft immer deutlicher, daß soziale Belange nicht an der Börse notieren, es sei denn, in Form privatisierter Krankenhäuser, die dann entsprechend auf kapitalistische Effizienvorstellungen getrimmt werden - wie das Gesundheitswesen in den letzten Jahren überhaupt. Seit die Formel vom Wettbewerb auch mehr und mehr im Sozialsystem zur Leitidee der Politik wird, hört das Soziale immer mehr auf, sozial zu sein.

Flexibilität, Mobilität, Effizienz und Kostenersparnis sind die Zauberwörter der heutigen Zeit. Auf der einen Seite wird zwar immer wieder beklagt, daß die Inlandnachfrage rückläufig ist, auf die Idee, daß dies an den stagnierenden bis sinkenden Gehältern der abhängig Beschäftigten liegen könnte, kommt die deutsche Politik nicht. Statt dessen werden die Ladenöffnungszeiten freigegeben, geradeso, als hätten die Deutschen nicht zu wenig Geld sondern zu wenig Zeit zum Einkaufen. Haben Sie eigentlich schon im Ausland an der Kasse gesessen? Haben Sie eigentlich schon im Ausland eingekauft? Wäre vielleicht auch eine wichtige künftige Qualifikation für Kunden.

Zu den Absurditäten dieser Tage gehört auch die Umstellung des Studiums auf die angelsächsischen Abschlüsse Bachelor und Master. Mit ihnen einher geht nicht nur eine Anglisierung der Begriffe im Studium - zum Beispiel bei den Politikwissenschaften heißen die Module zum Beispiel »Public Policy« oder »Golbal Governance« -, nein, die Studenten müssen gar eine englischsprachige Hausarbeit oder mündliche Prüfung absolviert haben, wenn sie zur Abschlußprüfung zugelassen werden, und an den Universitäten dozieren die Dozenten, daß die Studenten gar nicht genug an englischsprachigen Kursen teilnehmen können.

Aber was für ein Englisch wird da gsprochen? So war doch zuletzt in einer Sendung im deutschen Fernsehen zu hören, daß sich die englische Sprache immer mehr verformt. Gut die Hälfte der Menschen in diesem Land ist des Englischen nicht mächtig, und die andere Hälfte spricht immer weniger Englisch und immer mehr einen Kauderwelsch, der mittlerweile gar nachteilige Auswirkungen auf die originäre englische Sprache hat. Aber was will man schon erwarten in einem Land, welches die Rechtschreibung vereinfachen wollte und während dieses Prozesses alles so verknotete, daß heute praktisch keiner mehr weiß, wie was eigentlich richtig geschrieben wird.

Führt also die globalisierte Welt zum Verfall von Kultur und Sprache, und am Ende vielleicht sogar zu einer babylonischen Sprachverwirrung?

Wir leben in einer Zeit der zwei Geschwindigkeiten und der gespaltenen Bewußtseins. Die gleichen Politiker, die Wettbewerb und Privatfernsehen fordern beklagen zugleich, daß die Menschen angesichts der flachen Unterhaltung des Nachmittags im Privatfernsehen verblöden. Die gleichen Politiker, die den Wettbewerb zwischen den Krankenkassen zuließen, beklagten sich wenige Wochen nach Start des Wettbewerbs darüber, daß die Krankenkassen nun mit Bauchtanz- und Kochkursen, deren Sinn fragwürdig ist, die Kunden ködern, sie beklagen also die praktischen Auswirkungen ihrer eigenen Gesetzgebung, die vorhersehbar waren. Mit einer Rückkehr zu dem Prinzip, daß die Kranken den Kassen wieder zugeteilt würden, fiele viel von dem weg, was die Kosten treibt, darunter Werbung und Marktforschung.

Ist es wirklich sinnvoll, daß am Tag vier bis sechs Paketlastwagen hintereinander die Straße herunterfahren und Pakete austragen, fragt Albrecht Müller in seinem Buch »Die Reformlüge« - und er hat recht. Wettbewerb ist, wie auch die Auslandserfahrung, mittlerweile zu einem Selbstzweck geworden. Es wird nicht mehr gefragt, ob Wettbewerb in diesem oder jenem Bereich sinnvoll ist, sondern Wettbewerb ist per se gut.

Wie grotesk das eigentlich ist, zeigt sich auf dem Strommarkt. Auch dort wurde unter dem Banner des heiligen Wettbewerbs liberalisiert mit all den Heilsversprechen, die das so begleitet. Nun beklagt die Politik erneut, daß das mit dem Wettbewerb nicht so richtig läuft, die Strompreise steigen, die Versorgung unsicherer geworden ist, und daß die hohen Preise mittlerweile Arbeitsplätze in energieintensiven Wirtschaftszweigen kostet. Doch was fordert der Durchschnittspolitiker, wenn er auf der Höhe der Zeit bleiben will? Richtig, er fordert noch mehr Wettbewerb.

Dabei muß man sich mal vor Augen halten, daß in der Regel pro Haus nur eine Stromzuleitung ist, von der aus dann die Wohnungen versorgt werden. Das stammt noch aus der bösen Zeit, als die Stromversorgung durch den Staat monopolisiert war und macht in gewisser Weise auch Sinn, denn im Gegensatz zu den Behauptungen in der Werbung ist Strom nicht gelb, grün oder rot, sondern schlicht und ergreifend Strom. Deshalb plagt uns hier das gleiche Problem wie beim Wettbewerb auf der Schiene: Es gibt eben nur diese Leitung, und wenn in einem Mietshaus der eine Strom von dem einen Anbieter und der andere Strom vom anderen Anbieter haben möchte, muß das dann irgendwie wieder getrennt werden.

Man stelle sich gerne vor, daß im Konkurrenzkampf auf der Schiene die gelobten privaten, kleineren und wendigeren Unternehmen die größeren trägen überholen - nur ist das bei schienengebundenen Fahrzeugen nicht immer so einfach, wenn sie auf der gleichen Strecke konkurrieren. Auch hier gibt es Netz, um das sich trefflich feilschen läßt, auch hier kann man die durchaus ernste Fragen stellen, welchen Sinn Konkurrenz und Wettbewerb eigentlich haben sollen? - Anbei: Sind Sie schon mal im Ausland Zug gefahren? Zum Beispiel in Großbritannien? Haben Sie schon mal in Großbritannien in einem kleineren Ort versucht, ohne die Hilfe Einheimischer den Fahrplan zu verstehen?

In Großbritannien fängt man jedoch an, schlauer zu werden, denn dort wird überlegt, die Bahn nach den zahlreichen Unfällen und Pannen (vielleicht, weil es bei schienengebundenen Fahrzeugen mit dem Überholen doch nicht so gut klappt?) die Bahn wieder in die Hände des Staates zu geben. Also könnte sich das Auslandsstudium doch lohnen? Nicht wirklich, denn damit fing ja im Grunde alles an...

Richard Bercanay, 16. März 2007


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