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Moral - keine Moral

In den letzten Tagen und Wochen wird in Deutschland wieder vermehrt über Moral gesprochen - und dabei geht es eigentlich nur um symbolische Handlungen.

Von Richard Bercanay

Franz Müntefering merkte dieser Tage an, daß das, was sich die Manager an Gehältern in die Tasche steckten, »jenseits aller Moral« sei. Zwar sind die Höhe der Manager-Gehälter keine Neuigkeit mehr, jedoch wurde angesichts der ständigen Kürzungen im sozialen Bereich und den immer schlechter werdenden Umfragewerten und Wahlergebnissen der SPD die Zeit reif, auch dieses Thema anzusprechen. Der Zusammenhang, in der dieser Tage jedoch von Verzicht der Manager auf Gehalt die Rede ist, stimmt nicht besonders optimistisch, daß es sich tatsächlich um Erkenntnis handelt. Vielmehr liegt der Verdacht nahe, daß es nur um symbolische Gesten und um den Versuch geht, sich der öffentlichen Kritik zu entziehen.

Dabei lernen die Deutschen jetzt zunehmend, was in der Wirtschaft so üblich ist. Sie lernen, daß es Versicherungen gegen Fehltenscheidungen von Managern gibt, die somit vollends aus der persönlichen Verantwortung für ihr tun entlassen werden. Normale Mitarbeiter eines Unternehmens, die einen Fehler machen, welcher dem Unternehmen Geld kostet, bekommen die Kündigung und ein Arbeitslosengeld, welches niedriger ist als ihr bisheriges Gehalt - Manager bekommen, wie jüngst Klaus Esser, eine dicke Abfindung dafür, daß sie gescheitert sind.

In den vergangenen Jahren wurde mit schöner Regelmäßigkeit jeder Hinweis auf die unangemessen und - um im heute modischen Sprachgebrauch zu bleiben - unmoralischen Manager-Gehälter stets mit dem Neid-Vorwurf reagiert. Der ist zwar heute auch noch nicht aus der Welt, wenn gefordert wird, daß die Besserverdienenden endlich mal an der Finanzierung dieses Staates angemessen beteiligt werden sollen, doch im Zusammenhang mit der Debatte um Manager-Saläre ist dieser Vorwurf deutlich leiser geworden, wird in der Tat nur noch von ein paar besonders uneinsichtigen Exponaten der raffgieren Vorstände geführt.

Nun kommen allerdings zwei weitere Dinge zusammen mit dieser Diskussion, die den Betrachter veranlassen sollten, die Diskussion skeptisch und kritisch zu verfolgen: Zum einen ist die frisch verabschiedete Hartz-IV-Gesetzgebung ins Gerede geraten, und darüber hinaus haben wir zur Zeit das berüchtigte Sommerloch, in dem gerne Themen mit hoher Emotionalität durch die Medien gejagt werden.

Zu glauben, hinter der Diskussion stecke eine tiefere Erkenntnis in Fragen von Moral und Maß bei Manager-Gehältern ist eine Illusion. Daimler-Chef Schrempp hatte ja auch sogleich mit seinem »Angebot«, der Vorstand würde auf 10% der Gehälter verzichten, die Forderung verknüpft, daß dann aber auch die Gewerkschaften der Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich und der Streichung von Arbeitnehmerprivilegien (die noch wenige Monate zuvor beim Abschluß des Tarifvertrages kein Problem waren) zustimmen müßten. Hieran zeigt sich deutlich, welche »Moral« hinter dem Angebot steht, nämlich gar keine. Das Angebot ist ein Mittel zum Zweck und nicht ehrlich gemeint.

Solcherlei symbolischer Handlungen werden wir, diese Prognose fällt nicht schwer, in der nächsten Zeit wohl öfter erleben, zumindest, so lange das Sommerloch noch offen ist. Es geht bei solchen Angeboten in der Tat nicht um tiefere Erkenntnis der Manager, sondern es geht einfach nur darum, daß die Spitzen der Unternehmen wieder aus der Kritik herauskommen möchten, die ihrer Meinung nach wohl den Blick auf die vermeintlich notwendigen »Reformen« verstellt. Zumindest waren die Manager in der Vergangenheit deutlich stärker darin, bei anderen als bei sich selbst Opfer und Verzicht zu fordern, eine Fertigkeit, die zur Zeit nur aufgrund der öffentlichen Debatte leicht kaschiert wird - wie man an der Forderung des DaimlerChrysler-Chefs sieht.

Glaube niemand, Moral werde jetzt als neue Kategorie in der Wirtschaft eingeführt. Wirtschaftsminister Clement hat bereits klar gemacht, daß für ihn gesetzliche Eingriffe in die Manager-Gehälter nicht in Frage kommen. Eingriffe in die soziale Sicherheit der abhängig Beschäftigen sind hingegen nicht nur für den Wirtschaftminister das tägliche Brot.

Moral notiert nicht an der Börse, und Moral spielt auch immer weniger für die Politik eine Rolle, wenn es um die Durchsetzung der Interessen einer Elite geht, die zur Zeit die Meinungsführerschaft in Deutschland übernommen hat. Es mag ein ärgerliches und fatales Signal sein, daß im Mannesmann-Prozeß die Beklagten freigesprochen wurden, dennoch muß man dankbar dafür sein, daß dieser Prozeß stattgefunden hat, gab er doch deutschen Managern die Gelegenheit, der Öffentlichkeit deutlich und drastisch vor Augen zu führen, welches Verhältnis sie eigentlich zur Gesellschaft, zum Staat und zur Justiz haben.

Das mit breitem Grinsen vorgetragene Victory-Zeichen von Deutsche-Bank-Chef Ackermann, die ebenso uneinsichtigen wie überheblichen Einlassungen Essers vor Gericht, dies sind die Insignien der deutschen Wirtschaft. Dies ist das Verähltnis, welches deutsche Manager gegenüber Gesellschaft und Justiz haben. Sie sind der Auffassung, daß ihre Arbeit außerhalb von Recht und Gesetz stattfindet, und daß ihre Handlungen nicht justitiabel sind. Sie haben der Richterin deutlich vor Augen geführt, daß sie der Auffassung sind, daß die Richterin gar nicht die Kompetenz habe, über ihr Tun zu urteilen - das Urteil, welches gefällt wurde, dürfte Esser, Ackermann & Co. in ihrer Denke bestätigen.

Die unerträgliche Arroganz, die Esser und seine Mitangeklagten aus der Wirtschaft zur Schau stellten, ist ein leuchtendes Symbol für die Haltung der Wirtschaft zu dieser Gesellschaft. Die selbsternannte Manager-Elite ist der Auffassung, daß niemand über ihr Tun urteilen kann, daß sie jenseits von Gut und Böse agieren, und daß ihre Entscheidungen richtig seien, ja, daß es in der Natur der Sache liege, daß sie unfehlbar seien.

Gleichsam sprechen die Versicherungen der Manager-Entscheidungen, die in den letzten Jahren ausgeschüttet werden mußten, eine andere Sprache. Wieder ist von den »Nieten im Nadelstreifen« die Rede, auch bei DaimlerChrysler. Ausbaden müssen das, wie immer, die Beschäftigten. Daran ändern auch symbolische Gehaltsverzichte der Vorstände nichts, die einzig und allein Baldrianpillen für die Öffentlichkeit sind. Notwendig wäre statt dessen Einsicht und Erkenntnis, ein klares Handeln jenseits von Taktik und dem Leitbild der unbegrenzten Profitmaximierung.

Daß bei DaimlerChrysler jüngst große Beträge Geld in den Sand gesetzt wurde liegt nicht in der Verantwortung der Arbeitnehmer/innen, die jetzt auf ihren Lohn verzichten sollen, denn was anderes ist es, wenn man für das gleiche Gehalt länger arbeiten soll? Auch hier wäre mehr Ehrlichkeit in der Debatte vonnützen: Die Versuche der Manager und ihrer ideologischen Helfer, der Öffentlichkeit einzureden, daß eine Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich keine Lohnkürzung sei, sind nicht nur peinlich, sie zeugen auch von einem dramatischen Realitätsverlust. Wenn man für das gleiche Gehalt länger arbeiten muß, ist der Stundenlohn niedriger, und gegenüber einer Arbeitszeitverlängerung mit Lohnausgleich ist dies selbstverständlich eine Lohnkürzung, zumal in der Regel ja auch Kürzungen beim Weihnachts- und Urlaubsgeld mit diesen Regelungen einhergehen, also gerade jener Gehaltsbestandteile, von denen sich die Menschen etwas leisten, also die Nachfrage stärken.

Statt dessen dürfen Manager große Summen im Rahmen von Fehlentscheidungen vernichten und hinterher mit der Forderung nach Kürzung der Lohnkosten vor die Beschäftigten treten. Verantwortung, beziehungsweise die Folgen des eigenen Handelns werden nach unten abgetreten, die Verantwortung für das eigene Tun übernehmen Versicherungen. So sieht es in einer Elite aus, die den Sozialstaat mit dem Hinweis auf die »Eigenverantwortung« zurückschneiden will. »Eigenverantwortung« sollen andere tragen, man selbst pflegt eine Kultur der Verantwortungslosigkeit.

Daß nun bezüglich des Verhaltens bestimmter Vertreter der Wirtschaft von Moral, beziehungsweise der Abwesenheit von Moral gesprochen wird, ist Ausdruck einer Scheindebatte, die im Ergebnis zu nichts führen wird. Hatte noch im Sommerloch des vergangenen Jahres die Diskussion um »Florida-Rolf«, dem deutschen Sozialhilfeempfänger, der in den USA - übrigens völlig legal! - deutsche Sozialhilfe bezog, unmittelbar zu einer Änderung der Gesetzgebung zur Auslandssozialhilfe, von der nicht einmal 1000 Bürger betroffen sind, geführt, verweigern sich heute die Vertreter der Regierung gesetzlicher Maßnahmen, wenn es um die Spitzenverdiener geht, oder um Großunternehmen wie Vodafone, die jetzt virtuelle Verluste von der Steuer absetzen möchten. Eichel stellte umgehend fest: Eine Lex Vodafone wird es nicht geben.

Insofern ist die Diskussion um Moral und Anstand auch zu einem beachtlichen Teil heuchlerisch und falsch. Inzwischen gab es auch eine Einigung bei DaimlerChrysler, die auf eine Mehrarbeit ohne Lohnausgleich für bestimmte Bereiche hinausläuft, und mit einer achtjährigen Arbeitsplatzgarantie im Gegenzug verbunden ist, um zwei Teile aus dieser Einigung herauszugreifen. Es bleibt abzuwarten, wann der Konzern aus der Arbeitsplatzgarantie aussteigt. Lohnverzicht, der wieder einmal vereinbart wurde, sowie der Verzicht auf eine Lohnerhöhung 2006 werden jedenfalls nicht zu einer Steigerung der Nachfrage in Deutschland führen und weisen somit einmal mehr in die falsche Richtung.

Und es ist eben ärgerlich, daß jetzt die Angestellten in Süddeutschland die Fehler der Konzernleitung bezahlen müssen, obwohl gerade die deutschen Werke dem Konzern die Gewinne gesichert haben - Daimler in Deutschland ist die einzige Sparte, die für den Konzern wirklich gut läuft, insofern sind auch die Privilegien, die jetzt beseitigt wurden, gerechtfertigt gewesen. Doch genau diese Mentaltät greift immer offensichtlicher in den Konzernen um sich, daß nämilch die Früchte der Arbeit in andere Taschen umverteilt werden. Auch das hat nichts mit Moral zu tun.

Angemessener Anteil der Arbeitnehmer an dessen, was erwirtschaftet wird, stärkere Verantwortlichkeit der Manager für ihr tun, was dann vielleicht auch das ein oder andere Experiment vermeiden und den ein oder anderen Größenwahn reduzieren würde, wären die eigentlich zukunftsweisenden Maßnahmen für dieses Land. Denn nur mehr Inlandsnachfrage führt zu einer Kräftigung der deutschen Wirtschaft, nicht deren Reduzierung. Es wird Zeit, daß die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung dieses Landes gegenüber den Interessen der meinungsführenden Eliten mehr Gewicht bekommen. Darauf zu hoffen, daß moralische Bankrotterklärungen einen Richtungswechsel herbeiführen werden, ist eine Illusion.

Richard Bercanay, 24. und 26. Juli 2004


Von Neid und Leistung


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