Merkels Frühstück

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Merkels Frühstück

Angela Merkel wollte Kanzlerin werden - nach einem Frühstück mit Edmund Stoiber sah alles anders aus.

Von Richard Bercanay

Ursprünglich wollte Angela Merkel in den Ring steigen. Nicht selten zeigte sie sich auf Parteitagen demonstrativ kämpferisch, um der Parteibasis nicht nur zu zeigen, daß sie über hinreichend Autorität verfügt, die CDU zu führen, sondern daß sie auch in der Lage sei, die CDU/CSU als Kanzlerkandidatin in den Wahlkampf gegen Gerhard Schröder zu führen.

Anfangs sprach viel für ihre Kandidatur. Die CDU war nach der Spendenaffäre und ihrem mangelnden Willen, diese offensiv aufzuklären, am Boden und auch am unteren Ende der Umfragen. Zeitweilig stand die Frage im Raum, ob die CDU sich möglicherweise spalten oder auflösen würde. Über eine hohe Strafforderung des Bundestagspräsidiums wird noch vor Gericht entschieden - kurz vor der Wahl.

Edmund Stoiber zeigte in dieser Zeit eine demonstrative Distanz zu Bonn, möglicherweise in der Angst, er und seine CSU könnten in den Spendensumpf der CDU hineingezogen werden, plagte sich der Bayer doch mit der Pleite der landeseigenen Wohnungsbaugenossenschaft LWS, sowie einem Ermittlungsverfahren wegen Steuerbegünstigungen für den Bäderkönig Zwick.

Zwar ließ Stoiber immer wieder durchscheinen, daß er Kanzlerkandidat werden wollte, dementierte jedoch gleich darauf wieder seine Ambitionen und profilierte sich als zögerlicher Mann, der sich nicht so recht traut wie er will.

Als Angela Merkel und Friedrich Merz ihre Niederlage im Kampf gegen die Steuerreform hatten, deren Verabschiedung sie auf den Herbst 2000 verschieben wollten, um der Regierung zu zeigen, wo der Hammer hängt, schaffte Schröder die Verabschiedung des Projektes im Bundesrat noch im Sommer und bereitete dem Duo eine derbe Abstimmungsniederlage. Friedrich Merz war nach dem wesentlich von ihm organisierten und gescheiterten Blockadeversuch aus dem Rennen, so daß es eindeutig auf einen Zweikampf zwischen Merkel und Stoiber hinauslief.

Stoiber setzte seine zögerliche Taktik fort, und Merkel stellte einen Termin klar, an dem der Kanzlerkandidat gekürt werden sollte in der Hoffnung, die Spekulationen und die Diskussionen, die letztlich auch ihre Autorität als Parteivorsitzende bedrohte, zu beenden. Es blieb ein frommer Wunsch, die Diskussion ging fröhlich weiter, und es kristallisierte sich innerhalb der Partei immer klarer heraus, daß es auf den CSU-Mann Stoiber zulief.

Anfang Januar schließlich packte Angela Merkel ein paar Brötchen zusammen und machte sich auf den Weg nach Bayern, um mit Edmund Stoiber ein Frühstück zu sich zu nehmen. Während dieses Frühstücks sprachen die beiden Kanzlerkandidaten-Kandidaten miteinander ab, daß Merkel ihren Verzicht erklären und Stoiber zum Kanzlerkandidaten von CDU/CSU ausgerufen würde. Diese Mitteilung erging am Nachmittag auch an die Presse.

Während ihrer Presseerklärung betonte Merkel die Notwendigkeit zur Geschlossenheit, und auch wenn auf Nachfrage alle CDU-Mitglieder dies vehement abstritten - mit einer Kanzlerkandidatin Merkel wäre eine Geschlossenheit in den Reihen der Union nicht zu erreichen gewesen.

Ob diese Geschlossenheit allerdings mit einem Kanzlerkandidaten Stoiber erreicht werden kann, bleibt fraglich. Zwar haben die Parteien vereinbart, daß alle Wahlkampfmaßnahmen gemeinsam abgesprochen werden, doch die Konflikte sind schon vorprogrammiert, denn weder CDU noch CSU werden sich im Wahlkampf von der jeweils anderen Partei die Butter vom Brot nehmen lassen wollen. Folgerichtig warnte auch schon der CDU-Vorsitzende und Ministerpräsident von Hessen, Roland Koch, daß man darauf achten müsse, die Hand mit allen fünf Fingern zurückzubekommen, wenn man sie der CSU gebe. Tags darauf zog er diese Aussage, die den Zustand des Mißtrauens zwischen den beiden Parteien beschrieb, zurück.

Angela Merkels Rückzug von der Kandidatur geschah offenbar aus der Erkenntnis heraus, daß sie keine Chance gegen Gerhard Schröder haben werde, und, was vermutlich schwerer wog, sie keinen ausreichenden Rückhalt in der Partei hat. Dies stellt jedoch auch ihre Autorität als Vorsitzende in Frage, auch wenn dies zur Zeit niemand laut sagen will.

Die CDU-Vorsitzende hat sich eine Schonzeit bis zur Bundestagswahl geschaffen. Ihren großzügigen Rückzug von der Kandidatur wird sie sich von der Partei damit honorieren lassen, daß zunächst ihre Autorität nicht in Zweifel gezogen werden wird. Der Verlauf des Wahlkampfes wird jedoch zeigen, wie gefestigt Merkels Stellung in der Partei ist, und insbesondere wird sich nach der Wahl zeigen, ob Angela Merkel tatsächlich noch so viel Rückhalt in der Partei hat, um Vorsitzende zu bleiben, oder aber ob ihr nach einer Wahlniederlage erhebliche Verantwortung zugeschoben und sie abserviert wird. In jedem Falle jedoch mußte sie für die Parteiraison ihren Wunschtraum aufgeben, als Kanzlerkandidaten in diese Bundestagswahl zu gehen. Eine zweite Gelegenheit jedoch wird sie voraussichtlich nicht bekommen.

Richard Bercanay, 04. März 2002


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