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Kauderwelsch für alle!

Die Rechtschreibreform ist ein weiteres Beispiel für eine Reform, die an den betroffenen Menschen vorbeigemacht wird, die davon betroffen sind.

Von Richard Bercanay

Die Befürworter und Freunde der Rechtschreibreform verstehen nicht so recht, was die Kritiker eigentlich plagt. Jeder hätte doch von Anfang an dabei sein können, tönen sie bei jeder Gelegenheit, und wer zu spät komme, den bestrafe eben, frei nach Gorbatschow, das Leben.

Die Realität sieht indes ein wenig anders aus. Die Rechtschreibreform wurde im wesentlichen in Hinterzimmern ausgehandelt, aus denen gelegentlich und immer wieder mal Vorschläge hervordrangen, die teilweise reichlich absurd klangen. Schließelich wurde die Rechtschreibreform per Staatsvertrag und Unterschriften durch die Kultusminister beschlossen. Über die Rechtschreibreform einen Volksentscheid der von ihr betroffenen Bürger abzuhalten stand zu keinem Zeitpunkt auf der Agenda der Reformbefürworter.

Inzwischen drängte auch die Lobby der Schulbuchverlage auf die Reform, die mit einer neuen Rechtschreibung ein großes Geschäft witterte, mußten doch insbesondere im Deutsch-Unterricht, jedoch auch Gründen der Stimmigkeit dann auch nach und nach in allen anderen Fächern die Schulbücher auf die neue Rechtschreibung umgestellt werden.

Und so wurden bereits Fakten geschaffen und Schüler einer Generation die neue Rechtschreibung gelehrt, bei der noch nicht einmal vollständig klar war, ob sie überhaupt kommen würde. Folge der Vorgehensweise: Die Reform wurde immer wieder mal nachgebessert, und zahlreiche Schüler empfinden die neue Rechtschreibung mehr und mehr als schwieriger als die alte.

Zahlreiche Autoren haben inzwischen auch ihren Verlagen untersagt, ihre Bücher in neuer Rechtschreibung zu verlegen. Viele Werke, insbesondere in den Bibliotheken, sind in alter Rechtschreibung verfaßt, was inzwischen zu einer Schreibverwirrung geführt hat, denn für die neue Rechtschreibung will sich bei den jahrzentelangen Benutzern der alten Rechtschreibung kein so rechtes Sprachgefühl einstellen, während diejenigen, die die neue Rechtschreibung gelernt haben, zu einem größeren Teil ihre Literatur in alter Rechtschreibung erleben.

Heraus kommt ein Kauderwelsch für alle, durchsetzt von Elementen alter und neuer Rechtschreibung. Das Wort, daß jeder nunmehr so schreibe, wie es ihm in den Sinn komme, machte die Runde. Alles ist erlaubt, solange es der Leser nach dem ein oder anderen Male des Lesens verstehen kann.

Durch den Wegfall zahlreicher Kommata werden die Sätze in der neuen Rechtschreibung komplizierter zu Lesen, vermeintlich unsinnige Regeln der alten Rechtschreibung wurden abgeschafft, neue Regeln, die in gleicher Weise, wären die Rechtschreibreformer konsequent, als unsinnig zu gelten hätten, wurden eingeführt. So darf st nun getrennt werden, ck hingegen nicht mehr, um ein plastisches Beispiel zu nennen, dabei konnte sich doch die alte Regel jeder ganz leicht mit dem Spruch »Trenne nie st, denn es tut ihm weh!« merken. »Trenne nie ck, denn es tut ihm weh« paßt nicht.

Weil nun die Rechtschreibreform durch das Voranpreschen der Kultusminister und den wirtschaftlichen Interessen der Schulbuchverlage so weit gediehen war, zeigte sich die Politik erstaunt und auch ein wenig beleidigt, als die Reform nicht auf die erwünschte Gegenliebe in der Bevölkerung stieß. Nicht nur die bereits genannten Autoren lehnten die Reform ab. Kritik an der Reform wurde nun jedoch mit dem Hinweis zurückgewiesen, daß sie schon im Gange sei, und daß immerhin die Kultusminister aller deutschsprachigen Länder unterschrieben hätten, so jedenfalls seinerzeit der bayerische Kultusminister in den Nachrichten, als würde dies ein Hinderungsgrund sein, die Reform zu stoppen.

Zu einem wirklich ernsten Konflikt, bei dem die Politik auch die Akzeptanz der Demokratie aufs Spiel setzte, kam es 1998 in Schleswig-Holstein, als in einem Volksentscheid darüber entschieden wurde, ob an den Schulen in Schleswig-Holstein die alte oder die neue Rechtschreibung unterrichtet werden sollte. Das Votum der Bürger/innen war eindeutig: Mit klarer Mehrheit entschieden sich die Wähler/innen für die alte Rechtschreibung.

Ministerpräsidentin Heide Simonis erklärte dazu noch am Wahlabend, daß Schleswig-Holstein keine »Sprachinsel« werde. Bereits 1999 setzte sich der Landtag von Schleswig-Holstein über den Volksentscheid hinweg und verordnete die neue Rechtschreibung für die Schulen des Landes.

Was hier in Schleswig-Holstein vorging ist ein Symbol für die gesamte Vorgehensweise der Einführung der neuen Rechtschreibung. Statt die Menschen darüber entscheiden zu lassen, die täglich mit der Sprache umgehen, und deren Eigentum sie auch ist, wird über ihre Köpfe hinweg entschieden, und an dieser einen Stelle, wo die betroffenen Menschen tatsächlich das Wort hatten, wird ihr Votum ignoriert und einfach beiseite geschoben. Beklagen sich Heide Simonis und die Abgeordneten des Landestages zu Schleswig-Holstein nie wieder über Politkverdrossenheit!

Wer sich so klar über das Votum der Menschen hinwegsetzt, der riskiert nicht nur die enttäuschte Abwendung der Menschen von der Politik, der beschwört auch Legitimationsfragen der repräsentativen Demokratie herauf, dies in leichtfertiger Weise und nur um die Interessen weniger zu wahren.

2005 soll die Reform nun rechtskräftig und verbindlich werden. Die Menschen haben sich mit ihr noch immer nicht angefreundet, und durch die überstürzte Einführung an den Schulen ist eine Situation eingetreten, in der nur noch Schaden angerichtet werden kann. Die neue Rechtschreibung ist trotz zahlreicher Änderungen noch immer unausgegoren, so daß sie niemand so recht beherrscht. Eine Rückkehr zur alten Rechtschreibung ist wünschenswert und würde sicher auf breite Zustimmung stoßen.

Wesentliches Problem bleiben jedoch die Generationen von Schülern, die Opfer einer fixen Idee einiger abgehobener Sprachwissenschaftler und Interessenvertreter geworden sind, denen an der Schule eine Reformruine beigebracht wurde und die nun größte Probleme bekommen, eine Version der Rechtschreibung überhaupt schlüssig und korrket zu beherrschen.

Die Rechtschreibreform ist ein leuchtendes Beispiel, wie man eine solche wichtige Reform eben nicht machen sollte. In einer Volksabstimmung vor Einführung der Reform und vor ihrer Unterrichtung an den Schulen hätte den Reform-Unisnn komplett verhindert. Die Strategie, die statt dessen eingeschlagen wurde, nämlich erst mal Fakten zu schaffen und zu hoffen, daß die Reform dann schon irgendwie auf Akzeptanz stoßen würde, war nur insofern erfolgreich, als daß zu befürchten steht, daß sie zu Ende gebracht werden wird. Von einem Erfolg möchte man angesichts der babylonischen Rechtschreib-Verwirrung lieber nicht sprechen.

Richard Bercanay, 4. August 2004


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