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Jenseits der Realität

Beim Gerede über Studiengebühren, Studienkonten und Studentenkredite wird an alles gedacht, nur nicht an die Lebenswirklichkeit der Studenten

Von Richard Bercanay

»Bei unserer Studienordnung gehen wir - Diskussionen um Arbeitszeit hin oder her - von einer 40-Stunden-Woche der Studenten aus!« erklärte ein Professor in einer Informationsveranstaltung für Studenten der Politikwissenschaften. 40-Stunden-Woche ohne Nebenjob, versteht sich, also 40-Stunden-Woche nur für das Studium. Was daneben läuft, ist aus Sicht nicht nur jenes Professors »Privatangelegenheit« der Studenten. Wie sehr sich solche Professoren von der Lebenswirklichkeit der Studenten entfernt haben, zeigen solche Äußerungen, denn schon heute müssen viele Studenten neben dem Studium in nennenswertem Umfang jobben, und dies wird sich bei der Einführung von Studiengebühren verschärfen.

Überhaupt wird wieder in der Öffentlichkeit mehr über das Studium gesprochen, nicht nur intern an der Uni. Im Mittelpunkt der Diskussionen stehen allerdings selten nur die wirklichen Studienbedingungen der Studenten - über das Allgemeingut der überfüllten Hörsäle geht sie selten nur hinaus.

Ungeachtet dessen, daß die PISA-Studie Deutschland ohnehin bescheinigte, zu wenig Studenten zu haben, sowie den Umstand, daß die soziale Herkunft in Deutschland maßgeblich über die Bildung entscheidet, wird in der Politik unverdrossen über Studiengebühren schwadroniert. Abgefedert werden soll dies (in der Theorie) durch Studienkredite und Stipendien. Zudem sollen die Studenten zu einem zügigen Studium angehalten werden.

Hier gibt es jedoch zahlreiche Hindernisse, über die sich die eifrigen Studiengebühren-Erheber keine Gedanken machen, darunter die Überschneidung wichtiger Kurse, sowie diverse andere kleine Hindernisse, von denen einige insbesondere mit der Neueinführung des Bachelor- und Masterstudiengangs einhergehen. Die Umstellung bringt an den Universitäten teilweise Chaos und Unsicherheiten für die Studierenden mit sich. Sie werden zu Versuchskaninchen und sollen gleichzeitig dafür auch noch Gebühren zahlen, daß sie in teilweise unausgereiften Studiengängen studieren sollen.

Studienkredite sollen also künftig sozial schwachen Studenten das Studieren ermöglichen. Hiermit wird die in PISA kritisierte soziale Schieflage bei den Bildngschancen jedoch zementiert statt behoben. Kinder reicher Eltern werden künftig einen schuldenfreien Start ins Berufsleben haben, während Kinder aus sozial schwachen Familien nach den Vorstellungen der Studiengebühren-Freunde mit einem Schuldenberg ins Berufsleben eintreten werden - mit allen Nachteilen, die dies mit sich bringt.

Auch hier ist wieder vieles graue Theorie, die sich insbesondere mit den Sonntagsreden über die Bedeutung der Familie nicht verträgt. In der Realität wird es dann so aussehen, daß die Familien sozial schwächerer Studenten die Studiengebühren tragen und damit noch mehr belastet werden, weil sie versuchen werden zu vermeiden, ihre Kinder mit Schulden ins eigene Leben zu schicken. Kinder aus sozial schwachen Familien werden vermutlich vom Studium komplett abgeschreckt werden.

Zwar ist auch bei den Bekenntnissen der SPD gegen Studiengebühren für das Erststudium viel Heuchelei im Spiel, wurden doch in Nordrhein-Westfalen von einer rot-grünen Regierung Gebühren für sogenannte »Langzeit-Studenten« mittels »Studienkonten« eingeführt, die sofort rückwirkend auch für Studenten galten, die bereits aus welchen Gründen auch immer schon längerer Zeit studierten und mitten im Studium waren. Vertrauensschutz war hier ein Fremdwort.

Dennoch sind Studiengebühren für die CDU ein echtes Anliegen, welches in den CDU-regierten Ländern zeitnahe durchgesetzt werden soll, und für die FDP sind Studiengebühren von 500 wie in Nordrhein-Westfalen »erst der Anfang«.

Was nicht in den Blick der Freunde der Studiengebühren genommen wird sind die Studienbedingungen, denn die werden, so die Vorstellung der Gebührenerheber, »durch den entstehenden Markt geregelt«. Weil die Studenten zahlen müssen, werden sie sich dann diejenigen Unis mit den besten Studienbedingungen aussuchen, was für die anderen Unis Ansporn sein wird, ebenfalls die Studienbedingungen zu verbessern um ein schnelles Studium zu ermöglichen.

Diese ideologische Idee hat nur mehrere Haken: Es wird darauf abgstellt, daß Studenten mal eben umziehen können, zumal, wenn sie schon irgendwo studieren und feststellen, daß die Studienbedingungen nicht akzeptabel sind, zum anderen wird übersehen, daß es zu Auswahl bei den sogenannten »Elite-Universitäten« kommen wird, und somit eben nicht jeder Student dort wird studieren können, wo er möchte. Diese weiteren Faktoren verursachen darüber hinaus weitere Kosten, die einseitig die Studierenden treffen (das Erfordernis des Umzugs, zum Beispiel, mit allem, was daranhängt), während im Grunde sich die Unis darauf verlassen können, daß gerade diese Kosten dazu führen werden, daß Studenten auch schlechtere Studienbedingungen akzeptieren werden.

Irgendwelcher Druck auf die Lehrenden, die Lehre zu verbessern, beziehungsweise sie überhaupt ernst zu nehmen, ist nicht geplant und wird in diesem Markt-System, welches da kommen soll, auch nicht ausgeübt werden. Schon heute sehen viele Professoren das Prestige eher in der Forschung als in der Lehre und bemühen sich, viel zu forschen und wenig zu lehren. Professoren, die sich wirklich intensiv um die Lehre und ihre Studenten kümmern, gibt es auch, nur leider nicht zahlreich genug.

Bezeichnend ist die Diskussion um Elite-Universitäten im übrigen auch, fordern insbesondere konservative Politiker, daß wir »endlich wieder ein Bekenntnis zu Eliten« bräuchten. Dies wiederum paßt wie die Faust aufs Auge angesichts des zitierten PISA-Ergebnisses, wonach wir in Deutschland ohnehin zu wenig Studenten haben. Ideologische Bildungspolitik ohne Weitblick ist das Markenzeichen der Zeit. Diskussionen finden auf Nebenschauplätzen statt, die tatsächlichen Probleme der Studenten interessieren nicht einmal am Rande.

Dies hängt auch damit zusammen, daß sich bedauerlich viele Studenten mit ihrer Situation abfinden und einrichten. Proteste gegen unsoziale Politik ist ohnehin nicht des Deutschen Sache, auch die der Studenten nicht. Demonstrationen gegen Studiengebühren finden zwar statt, bleiben in der Öffentlichkeit ohne Wirkung, vielleicht auch, weil nicht hinreichend Studenten hinter diesen Protesten stehen. Bezeichnend wie erschreckend die Feststellung einer Politik-Studentin, daß man ja ohnhin nichts machen könne, zudem sie die Studiengebühren nicht mehr betreffe.

Nicht viel Hoffnung also für den akademischen Nachwuchs, zumal, wenn dieser die Ausweitung der neoliberalen Politik auf die Unis einfach so akzeptiert. So werden wir also in eine glorreiche Zukunft mit Studiengebühren und Elite-Universitäten gehen, in denen die Söhne und Töchter der Reichen endlich wieder unter sich sind, und bei denen Elite einmal mehr mit Geldelite gleichgesetzt wird. Und warten wir es mal ab, vielleicht paßt sich die PISA-Studie im Ergebnis dann auch diesem Zeitgeist an.

Richard Bercanay, 24. Januar 2006


Ebenfalls zu diesem Thema: Studiengebühren für alle!


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