© URDRUCK 1999

Haßwort des Jahres: Handy

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Es piepst, zwitschert und nervt an allen Ecken und Enden: Das Handy, orwellscher Alptraum der 90er Jahre von der ständigen Erreichbarkeit

1997 in der Schlange vor einer Kasse in einem Kaufhaus: Das Handy piepst. Der Mann zieht es lässig aus der inneren Tasche seiner Lederjacke, drückt einen Kopf und meldet sich. Kurze Pause. Dann: »Ja, ich bin allein!« Grinsen und Lachen bei den Menschen, die ebenfalls in der Schlange stehen. Aus dem Gespräch kann der unfreiwillige Mithörer, denn der Mann spricht reichlich laut, entnehmen, daß es sich um einen Zivilpolizisten handelt, der gerade eine Suchaktion am Bahnhof leitet. Als der Mann seine Ware bezahlt hat und weg ist, gesteht ein Kunde dem Kassierer: »Am besten fand ich, wie er sagte, er sei alleine.«

Das Handy ist nach wie vor Prestigeobjekt kleinbürgerlicher Angeber, die vor der Welt ihre Wichtigkeit beweisen wollen. Nur die allerwenigsten Menschen brauchen es wirklich, wie zum Beispiel Ärzte im Bereitschaftsdienst. Selbst in den Schulen gerät das Handy allmählich zu einem Problem, denn es hat sich mittlerweile auch bei den unter 18jährigen durchgesetzt.

Vor einiger Zeit saß ich mit einer guten Freundin in einem Café. Am Nebentisch ein Pärchen. Während wir dort Kaffe tranken (etwa eineinhalb Stunden), piepste das Handy geschlagene drei Male, praktisch im Schnitt also alle halbe Stunde.

Auch in der Stadt sieht man immer häufiger Männer und Frauen gleichermaßen mit Handy am Ohr. Der orwellsche Alptraum von der ständigen Erreichbarkeit ist Wirklichkeit geworden. Dabei ist es eine besonders grobe Unhöflichkeit gegenüber seinen Begleitern, wenn man in deren Gegenwart auch noch telephoniert, wie zum Beispiel die obengenannte Frau im Café. Wenn man mit jemandem verabredet ist, sollte man sich der betreffenden Person auch ganz widmen, ein Verhalten, das im Handy-Zeitalter offenbar zur Seltenheit zu werden droht.

Dabei dürften nur die wenigsten Gespräche so wichtig sein, daß sie der unmittelbaren Beantwortung bedürfen - in den meisten Fällen reicht wohl auch ein Anrufbeantworter zu Hause und ein späterer Rückruf.

Ein weiteres schwerwiegendes Problem der Handys stellt die Telephoniererei am Lenkrad von Fahrzeugen dar. Immer häufiger sieht man Menschen, die der Auffassung sind, nur mit einer Hand Auto fahren zu können, während sie in der anderen Hand das Handy halten und telephonieren.

Hier hört der Spaß dann endgültig auf, denn nur wenige Autofahrer sind so vernünftig, bei einem Anruf mit ihrem Fahrzug an den Straßenrand zu fahren und das Telephonat dort in Ruhe zu führen. Die meisten setzen sich dem Streß aus, alles auf einmal erledigen zu wollen. Daß dabei die Verkehrssicherheit massiv gefährdet wird, ist klar. Wickelte sich der Fernsprecher nur selbst um den Baum und fände sich gleich darauf mit einer Harfe in den Händen wieder, könnte man ja noch vom selbstverschuldeten Risiko sprechen, aber in der Regel werden in Unfälle auch Unbeteiligte verwickelt, die sich zumeist an die Straßenverkehrsordnung gehalten haben.

Deshalb ist es richtig, daß im Bundesverkehrsministerium ein Handy-Verbot am Lenkrad ausgearbeitet wird. Dies sollte allerdings dann auch umfassend sein und die Freisprechanlagen einschließen, denn ein hitziges Telephonat lenkt einen Autofahrer in jedem Falle ab, gleichgültig, ob er zusätzlich noch das Handy in der Hand hält oder in eine Freisprechanlage brüllt.

Das Handy hat das Telephonieren in die Öffentlichkeit getragen und aufgewertet. Viele Benutzer von Handys machen den Eindruck, daß sie es zum Aufpolieren ihres Selbstbewußtseins tun. Sie wollen der Öffentlichkeit zeigen, wie wichtig sie sind, und daß sie immer erreichbar sein müssen. Und sie tragen ihr Privatleben in die Öffentlichkeit, was zum Glück nicht jedermanns Sache ist.

Dankenswerterweise breiten sich mit dem Handy auch die Handyverbote aus. In einigen Cafés wird auf den Karten schon höflich darum gebeten, sich im Café zu entspannen und das Handy auch mit Rücksicht auf die anderen Gäste abzuschalten.

Wer weiß, vielleicht werden wir eines Tages so weit kommen, daß es in Restaurants analog zu Nichtraucherzonen Nichthandyzonen geben wird. Welch ein Handy-Orchester in den Handy-Zonen!

Richard Bercanay, 19. Mai 1999


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