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Neues vom Verkehrsgerichtstag:

Alkoholverbot für jugendliche Autofahrer gefordert

Mit seiner Forderung nach einem Alkohlverbot für jugendliche Autofahrer tut der Verkehrsgerichtstag so, als sei Trunkenheit am Steuer ein reines Jugend-Problem.

von Richard Bercanay

Diesen Vorschlag sollte sich die Politik für das Sommerloch 1998 aufbewahren: Der Verkehrsgerichtstag forderte, daß jugendlichen Autofahrern verboten werden solle, Alkohol zu trinken, bevor sie sich an das Lenkrad eines Wagens setzen, also die 0-Promille-Grenze für Jugendliche einzuführen.

Aus dem Verkehrsausschuß des Deutschen Bundestages ist bereits zu hören, daß dieser Vorschlag wohl keine Aussicht habe, aufgegriffen zu werden, und das ist auch richtig.

Das, was diesen Vorschlag so gefährlich macht, ist, daß er einmal mehr dazu beträgt, die Risiken des Alkoholkonsums zu verharmlosen. Jugendliche sollen vor einer Autofahrt keinen Alkohol trinken, ältere Autofahrer sollen dies nach den Vorstellungen des Verkehrsgerichtstages dürfen. Damit implizieren die Autoren des Vorschlags, daß eben auch der Alkoholkonsum eine "Erfahrungssache" sei - wer älter ist, und schon länger Alkohol trinkt, dem kann man auch zutrauen, daß er sein Fahrzeug unter Kontrolle hält, wenn er angetrunken fährt.

Daß dies nicht richtig ist, sollte sich auch schon auf dem Verkehrsgerichtstag herumgesprochen haben.

Alkohol reduziert die Reaktionsfähigkeit - und damit die Fahrtüchtigkeit - unabhängig vom Alter des Trinkenden!

Die richtige Schlußfolgerung ist somit ein grundsätzliches Alkoholverbot am Steuer. Doch dazu wird es wohl in der nächsten Zeit nicht kommen, denn dies setzte voraus, daß diese Gesellschaft ihre Einstellung zum Alkohol ändert.

Es ist bezeichnend, daß Harald Juhnke, wenn er besoffen von der Bühne torkelt, immer noch ein Volksheld ist, wenn er die zehnte vergebliche Entziehungskur hinter sich hat, hingegen ein Konstantin Wecker, der ein wenig Haschisch für den Eigenbedarf konsumiert hat, als Krimineller in der Öffentlichkeit dasteht.

Mit dem gleichen gestörten Verhältnis, das hier zum Ausdruck kommt, sind offenbar auch die Teilnehmer des Verkehrsgerichtstages an diese Problematik herangegangen. Wer Alkohol nicht als relevantes Problem dieser Gesellschaft erkennt, wer die Suchtgefahren leugnet oder ignoriert, wird den Folgen des Alkoholkonsums nicht beikommen.

Es reicht nicht aus, jährlich die Statistiken der Alkoholfahrten zu beklagen, es muß endlich ein neues Bewußtsein geschaffen werden. So lange jedoch die gesellschaftliche Stellung des Alkohol so bleibt wie sie jetzt ist, werden wir wohl auch in Zukunft mit solch absurden Vorschlägen konfrontiert werden.

Ein zweiter Aspekt dieses Vorschlages ist, daß einmal mehr auf die Jugendlichen als einzige Risikogruppe unter den Autofahrern verwiesen wird. Neben dem Alkoholverbot fordert der Verkehrsgerichtstag, die Probezeit zu verlängern.

Über die Risiken, die sich daraus ergeben, daß man nur einmal im Leben eine Führerscheinprüfung ablegt, dann praktisch Narrenfreiheit am Steuer seines PKW hat, redet der Verkehrsgerichtstag nicht. Eine angemessene Forderung wäre zum Beispiel, Reaktionstests verpflichtend in regelmäßigen Abständen für ältere Autofahrer einzuführen.

Verlangsamte Reaktionsfähigkeit ist zuweilen ebenso ein Risiko wie mangelnde Erfahrung. Leider ist es so, daß hier der Gesetzgeber voll und ganz auf die Selbsteinschätzung der Autofahrer vertraut, sich nicht mehr ans Lenkrad zu setzen, wenn es die Gesundheit und die Reaktionsfähigkeit nicht mehr erlauben. Daß ältere Autofahrer jedoch freiwillig auf den Gebrauch des PKW verzichten, ist eher die Ausnahme. Häufiger ist, daß erst ein Unfall passieren muß, bevor die Fahruntüchtigkeit nicht nur festgestellt, sondern auch akzeptiert wird.

Daß die Sehkraft zuweilen abnimmt, ist auch ein offenes Geheimnis. Dennoch schreibt der Gesetzgeber nur einen Sehtest für Autofahrer vor, nämlich bei Erwerb des Führerscheins. Selbst Leute, bei die diesen Sehtest knapp bestehen, ist eine Wiederholung eines solches Testes nicht Vorschrift. Erneut vertraut der Gesetzgeber auf eine Eigenverantwortung des Autofahrers, die bei vielen fehlt.

Die Weigerung, für die eigene Sicherheit zu sorgen, zeigte sich in der Notwendigkeit der Einführung der Gurtpflicht für Autofahrer. Erst seit ein Ordnungsgeld für den fällig ist, der sich nicht bei Fahrtantritt anschnallt, ist der Autofahrer bereit, etwas für seine eigene Sicherheit zu tun.

Die Schlußfolgerung daraus sollte sein, daß es ebenso notwendig ist, Autofahrer dazu zu zwingen, etwas für die Sicherheit anderer zu tun, in dem allen Autofahrern verboten wird, vor Antritt der Fahrt Alkohol zu trinken, indem man ihnen einen regelmäßigen Sehtest vorschreibt und ihre Reaktionsfähigkeit prüft. Diese Maßnahmen könnten zu mehr Sicherheit auf unseren Straßen führen.

Richard Bercanay, 9. Februar 1998


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