Gesundheitspolitik zum Abgewöhnen

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Gesundheitspolitik zum Abgewöhnen

Bei Risiken und Nebenwirkungen informiert Sie Ihre Börse oder Ihr Analyst...

von Richard Bercanay

Daß auch mal bei medizinischen Präparat eine Rückrufaktion notwendig wird, ist nicht auszuschließen, wie auch bei allen anderen Produkten. Daß jedoch diese Rückrufaktion zunächst mal der Börse bekanntgegeben wird, die Betroffenen nach Aussetzung der Aktie wegen einer Gewinnwarnung durch Bayer am Nachmittag des selben Tages noch immer nicht konkret wissen, was nun eigentlich wird, ist schon ein kleiner Skandal.

So beklagen die zuständigen Stellen zurecht, daß sie die Inoformation über den Rückruf des cholesterinsenkenden Mittels Lipobay aus dem Wirtschaftsteil der Zeitungen erfuhren und nicht von Bayer. Die Apothekerverbände reagierten - zum Glück! - sofort und wiesen die Apotheken an, das betroffene Medikament nicht mehr auszugeben und die Patienten, die mit den entsprechenden Medikamenten in die Apotheke kamen, zu bitten, sich sofort mit ihren Ärzten in Verbindung zu setzen.

Nur wenige Tage nach diesem Ereignis fordert der bayerische Ministerpräsident, die Zuzahlungen zu den Medikamenten zu erhöhen, um die Beiträge zu den Krankenkassen zu senken, während einen guten Monat zuvor ein Papier aus dem Kanzleramt vorgeschlagen hat, medizinisch notwendige Leistungen aus der gesetzlichen Versicherung herauszunehmen und künftig nur noch privat absichern zu lassen.

Bemerkenswert ist, daß selbst der Vorfall um das cholesterinsenkende Mittel Lipobay die Protagonisten in der Gesundheitspolitik noch immer nicht wachrütteln können, Stoiber sogar unbeschadet dieser skandalösen Vorgänge weiterhin den Marsch in die falsche Richtung fordert. Daran, daß zunächst mal die Börse über die Entnahme des Medikamentes vom Markt (die dann offensichtlich mit ausgesprochen geringer Eile betrieben wurde) informiert wurde, Apotheken und Ärzte jedoch zunächst mal keine Post vom Pharma-Riesen bekamen, nimmt keiner der sich zu Äußerungen in der Gesundheitspolitik Berufenen Anstoß.

Dabei legt doch gerade der Skandal um dieses Medikament die Schieflage in der Gesundheitspolitik gnadenlos offen. An erster Stelle rangierte für den Pharma-Konzern, daß die Rückrufaktion des Medikamentes Anlaß zur Gewinnwarnung ist, und sich Bayer nun erst mal Gedanken um die Verluste und um den Kurs an der Börse machte. Die Patienten, die das Medikament nehmen und sich damit gesundheitlichen Risiken aussetzen, waren dem Konzern zunächst zumindest erst mal nicht so wichtig, stand doch im Beipackzettel, mit welchen Medikamenten Lipobay nicht zu kombinieren sei.

Nun steht vieles in Beipackzetteln, was dann tatsächlich nicht eintrifft. Der Patient selbst in der Regel nicht mehr in der Lage zu beurteilen, von welchen Neben-, beziehungsweise Wechselwirkungen er tatsächlich bedroht wird. Deshalb ist es gerade wichtig, daß ein Pharma-Konzern seine Kunden - und das sind die Patienten - unmittelbar und sofort über lebensbedrohliche Risiken aufklärt, beziehungsweise die zuständigen Stellen informiert, und zuwar unmittelbar und nicht über die Börse.

Jedoch sind gerade im Medikamentenbereich, wie auch bei der Ausrüstung für Praxen und Kliniken hohe Gewinnmargen enthalten. Als die Pharma-Industrie im Jahr 1991 einen Solidarbeitrag zu deutschen Einheit leisten und auf einen Teil ihrer Gewinne zugunsten niedrigerer Preise in den neuen Ländern verzichten sollte, stellte sie die Belieferung der Apotheken in den neuen Ländern ein, und als das Insulin knapp wurde, gab der damalige Gesundheitsminister Norbert Blüm der Pharma-Industrie nach.

Schon immer wurde auf Kosten der Patienten und der Leistungen gespart, seit diesem Vorfall 1991 noch verschärft. Den Menschen wird ein verschwenderischer Umgang mit Gesundheitsleistungen unterstellt, den Ärzten eine zu leichtfertige Verschreibung. Die Schlußfolgerungen sind für die Gesundheitspolitik der letzten zehn Jahre klar: Zuzahlungen und Budgetierung. Geld kassieren bei Patienten und Regreß bei Ärzten. Die Gesundheitsversorgung in Deutschland gerät immer mehr zu einer zwei-Klassen-Medizin.

Das jüngste Papier aus dem Kanzleramt der Bundesregierung setzt die Politik fort, die in der Rentenversicherung bereits begonnen wurde. Medizinisch notwendige Leistungen sollen aus der gesetzlichen Krankenversicherung ausgegliedert und künftig privat abgesichert werden. Wer kein Geld dafür hat, beziehungsweise wem das notwendige Verantwortungsbewußtsein fehlt, der hat Pech gehabt. Genau wie in der Rentenversicherung bietet diese Regelung überdies Raum für ein Förderprogramm für windige Versicherungsagenten.

Dabei müßte an anderen Stellen im Gesundheitswesen angesetzt werden. Der Leistungsumfang müßte wiederhergestellt, die Zuzahlungen komplett anbgeschafft werden. Statt dessen müßten Positivlisten eingeführt werden, sowie staatliche Polykliniken, in denen verschiedene Fachärzte zusammengefaßt werden und ihre Leistungen ambulant anbieten. Inbesondere die gemeinsame Nutzung von Großgeräten führt zu erheblichen Kosteneinsparungen.

An dieser Stelle wäre in der Tat von der DDR zu lernen gewesen, welche bereits ein Netz von Polykliniken hatte. Statt diesen vernünftigen Ansatz aufzugreifen, wurde den Ärzten die Selbstständigkeit in eigenen Praxen angeraten, deren Ausstattung so manchen Arzt in den neuen Ländern in hohe Schulden stürzte. Auch sie sind Opfer einer verfehlten Gesundheitspolitik, die sich stets nur an die Schwächeren herantraut und die mächtigen Lobbyisten unangetastet läßt.

Mit den entsprechenden Maßnahmen - Einführung staatlicher Polykliniken und Positivlisten -, sowie verstärkten Investitionen in die Prophylaxe könnten echte Einsparungen im Gesundheitswesen durchgeführt werden, die nicht zulasten der Patienten gehen. Das Umdenken müßte auch die Pharma-Konzerne erfassen, die sich stärker dem Gesundheitswesen als dem Erfolg an der Börse verpflichtet fühlen müßten - womit wir wieder bei Lipobay wären...

Richard Bercanay, 15. August 2001


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