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Aufstand des Unsinns

Doku-Fiction heißt das neue Format, mit dem den Zuschauern die Notwendigkeit von Privatvorsorge in der Altessicherung nahegebracht werden soll - eine politische Filmkritik.

Von Richard Bercanay

Wir schreiben das Jahr 2030. Die Bundesregierung tritt nach einem gewaltigen Skandal zurück - wie konnte es soweit kommen? Welche Rolle spielt Sven Darow, der sich angeblich ein halbes Jahr zuvor mit dem Vorstandsvorsitzenden von ProLife in die Luft gesprengt haben soll?

In einem düsteren Szenario in drei Folgen präsentiert das ZDF eine Zukunftsvision einer alternden Gesellschaft, aufgebaut auf den üblichen Horrozahlen, die uns von den einschlägig bekannten Lobbyisten der privaten Versicherungswirtschaft und der Politik täglich um die Ohren gehauen werden. Die Botschaften der Serie »2030 - Aufstand der Alten« sind klar: Jene, die sich auf die staatliche Rente verlassen haben, leben 2030 in Armut, wirklich gut geht es nur denen, die privat vorgesorgt haben.

Um es nicht ganz so platt erscheinen zu lassen, bemüht sich die Kurzserie, die in diesen Tagen im ZDF infokanal mehrmals wiederholt wird, an der ein oder anderen Stelle um Gesellschaftskritik, die jedoch unvollendet und inkonsequent bleibt, weil die Kernaussage des Film eben bleiben soll, daß die Politik versäumt hat, rechtzeitig die »notwendigen Reformen« durchzuführen. Immer wieder werden Privatisierungsentscheidungen zwiespältig dargestellt, aber eine echte Kritik an der Privatisierung findet nicht statt.

Am Ende des letztes Teils dann noch die eindringliche Mahnung an die Politik, »Reformen« rechtzeitig durchzuführen um zu verhindern, daß das passiert, was im Film dargestellt wird.

Somit ist die Bundesregierung also zurückgetreten im Jahr 2030. Die Journalistin Lena Bach geht der rätselhaften Geschichte nach. Hat sich Sven Darow tatsächlich selbst in die Luft gesprengt? In vermeintlich investigativem Journalismus folgt die Journalistin Bach dem angeblichen Terroristen auf der Spur durch die trostlose Welt der armen Rentner, die in ihrem Leben nicht privat vorgesorgt haben, sondern sich auf die gesetzliche Rente verlassen haben. Es wird gezeigt, welche Wege und Methoden sich die zukünftige Gesellschaft ausdenkt mit jenen umzugehen, deren gesetzliche Rente in der Zukunft auf einen Betrag um die 500 Euro festgelegt wurde, die Einheitsrente, also die Grundrente, von der Lobbyisten der privaten Rentenversicherung so gerne reden, um potentiellen Kunden Angst zu machen und sie in die Privatvorsorge zu treiben.

Was ist der Skandal in dem Film, auf die Erzählung letztlich im dritten Teil zutreibt? Es geht um den M-Faktor, ein Kürzel, wie sich am Ende herausstellt, dem Minimal-Faktor, nach dem die Alten so billig wie möglich versorgt werden können. Eine gewaltige Verschwörung zwischen Regierung und Privatwirtschaft wird hier aufgedeckt, die in Szene gesetzt wurde, um die armen Alten so preiswert wie möglich aufzubewahren, in einem Camp in Afrika mit Minimalversorgung und ruhiggestellt durch Beruhigungsmittel.

Zwischendurch erscheint immer wieder der vorwurfsvolle Zeigefinger, gerichtet auf Norbert Blüm und sein Plakat, daß die Rente sicher sei. Auch der Sprecher des neoliberalen BürgerKonvents und wissenschaftlicher Berater des Deutschen Instituts für Altersvorsorge, zu deren Gesellschafter die Deutsche Bank und der Deutsche Herold gehören, Meinhard Miegel, bekommt in der Serie einen Kurzauftritt und darf die Privatvorsorge anmahnen - man hätte es also wissen können!

Tatsächlich jedoch fügt sich diese Serie in die allgemeine Propaganda zugunsten der privaten Versicherungswirtschaft ein. Die Zahlen und Berechnungen, auf die dieses schauerliche Schauspiel gründet, sind reine Spekulation. Wie auch Albrecht Müller in seinem Buch »Die Reformlüge« schreibt, ist die Entwicklung schwer vorhersehbar. Hinzu kommt, daß allein auch schon die Annahme, daß der Generationenvertrag und das Umlagesystem angesichts der angeblichen demographischen Entwicklung zum Scheitern verurteilt sei, falsch.

Würde man allein schon die Menschen, die sich zur Zeit in prekären Beschäftigungsverhältnissen befinden und daher nicht oder nur geringfügig in die Sozialkassen einzahlen, in sozialversicherungspflichtige Vollzeitjobs bringen, wäre das Problem bereits deutlich kleiner, brächte man zudem noch die Arbeitslosen in sozialversicherungspflichtige Vollzeitjobs, wäre die Frage der Finanzierbarkeit der Sozialversicherungen gar kein Thema mehr.

Letztlich ist auch die Behauptung, daß die jetzige Generation durch die Einführung von Kapitaldeckungssystemen entlastet würde, falsch. Tatsächlich müssen die Renten für die jetzige und nächste Rentner-Generation so oder so bezahlt werden, was dann noch an Privatvorsorge anfällt, kommt zusätzlich oben drauf. Die Belastung steigt also.

Man könnte sich zudem für 2030 ein weiteres Szenario ausdenken, welches allerdings den Lobbyisten der privaten Versicherungswirtschaft wohl nicht so gut gefallen würde wie das, was in diesen Tagen mehrfach auf ZDF-infokanal rauf und runtergespielt wird: Ein gewaltiger Börsencrash, der die gesamten kapitalgedeckten Renten vernichtet. Dies ist keine düstere Zukunftsvision, diese Erfahrungen haben Menschen in Südamerika, in den USA und Großbritannien bereits machen dürfen: Turbulenzen an den Börsen vernichteten die komplette Altersvorsorge. Insofern bleibt, was Norbert Blüm vor längerer Zeit auch in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung geschrieben hat: Das Umlagesystem der Rente ist noch immer das sicherste und den Kapitaldeckungssystemen gerade in der Sicherheit allemal überlegen.

Richard Bercanay, 14. Febraur 2007


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