Teil
3: Von Riga bis Helsinki

Donnerstag, 15.7.
9. Etappe
Von Saulkrasti nach Häädemeste
102 km
Unterwegs sehen wir einen alten Ziehharmonika-Bus mir riesiger "Wir machen den Weg frei..."- Werbung drauf. Immer wieder stellen wir fest, dass die Letten viel Gebrauchtes aus Deutschland aufgekauft haben.
Bislang haben wir uns mit unseren vollbepackten Fahrrädern wie echte Exoten fühlen dürfen: Zwischen Danzig und der lettisch-estnischen Grenze sind wir nur einem anderen "Veloturist" begegnet. Oft sind wir neugierig beäugt worden, aber selten angesprochen (die Balten sind zurückhaltende Menschen). Estland scheint hingegen ein Fahrradland zu sein; schon vor Häädemeste treffen wir drei (einzelne) Biker!
Auf den ersten Blick mutet Estland sehr skandinavisch an: viele Holzhäuser mit großen Gärten, viel Wald und lauter blonde Menschen. Und die Landessprache erinnert an Schwedisch oder Finnisch.
Wir leisten uns ein teureres Hotel. Es ist aber auch das einzige im
Ort. Neun frische Handtücher im Bad, dazu zum ersten Mal seit Polen
wieder TV (sogar ein paar deutsche Programme)!
10. Etappe
Von Häädemeste nach Virtsu
124 km
Kleine Kuriosität: Ich bin heute zu einem "Geisterfahrer" geworden: Auf einem kurzen Autobahnstück hinter Pärnu bemerke ich, dass ich zwei Socken verloren habe, die zum Trocknen an mein Gepäck geschnallt waren. Etwa einen Kilometer radele ich in entgegengesetzter Richtung, bis ich das Paar gefunden habe. In Deutschland würde ich dafür wahrscheinlich eingesperrt werden...
Ansonsten fahren wir wieder mal durch dünn besiedeltes Gebiet. Die Ortschaften sind so klein, dass wir uns fragen, was sie auf der Landkarte verloren haben.
Wir übernachten in Virtsu, wo die Fähre nach Muhu abgeht.
11. Etappe
Von Virtsu nach Kuressare (mit zwei Abstechern)
102 km
Unser zweiter Abstecher führt uns nach Kaali. Dort sind Kraterseen nach einem Meteoriten-Einschlag vor 2700 Jahren entstanden. Den Hauptsee, um den sich Mythen ranken, schauen wir uns an. Dabei werden wir zufällig zu "Trauzeugen".
Wenige Kilometer vor unserem Tagesziel geraten wir in eine Straßensperre. Ein Ordner will, dass wir umdrehen, da hier ein Autorennen stattfinde. Wir sehen das gar nicht ein (zurückfahren gibt’s bei uns nicht, siehe auch 5. Etappe) und werden immerhin bis zum nächsten Ordner durchgelassen. Der erklärt uns, wie wir parallel zur gesperrten Hauptstraße weiterkommen könnten.
So müssen wir den restlichen Weg bis Kuressare querfeldein zurücklegen. Ohne Gepäck und mit Mountainbike hätte das vielleicht Spaß gemacht.
Zwischendurch treffen wir auf die zum Autorennen gehörende Festival-Wiese mit Live-Band und Bungee-Jumping. Dort verweilen wir etwas länger, da wir ein deftiges Abendessen kriegen können und die Atmosphäre stimmt.
In Kuressare besichtigen wir noch die Arensburg, im 14. Jahrhundert
vom - im Baltikum allgegenwärtigen - Deutschen Orden gebaut. Schön,
dass es hier so lange hell ist (wieder eine Gemeinsamkeit mit Skandinavien).
Foto: Ein Wegweiser auf der dünn besiedelten Insel Saaremaa
Sonntag, 18.7.
12. Etappe
Von Kuressare nach Käina
76 km
Die kleine Fähre bringt uns nicht wie erwartet nach Orjaku (Betrieb dorthin ist eingestellt), sondern nach Söru an der Süspitze der Insel Hiiuma. Also nochmal 20 km radfahren. Aber hier ist es sonnig. Scheinbar hat jede estnische Insel ihr eigenes Wetter!
Wir wohnen in Käina bei einer Familie, die ihre Garage zum Gästezimmer umgebaut hat. Die Vermieterin spricht fröhlich estnisch mit uns, obwohl wir’s offensichtlich nicht verstehen.
Auch Hiiuma ist sehr schön. Kaum vorstellbar, dass bis 1992 diese
Inseln praktisch unzugänglich waren. Hatten die Sowjets denn gar keinen
Sinn für Naturschönheiten, nur für Militär?
13. Etappe
Von Käina nach Haapsalu (auf Umwegen)
85 km
Morgens besichtigen wir eine kleine Wollfabrik, wo noch mit uralten Maschinen gearbeitet wird. Dann drehen wir eine Runde über die Halbinsel Kassari.
Gerne hätten wir die ganze Küstenlinie Hiiumas abgefahren,
aber der Fahrradreiseführer und die beiden Deutschen warnen vor den
miesen Straßenverhältnissen. So schauen wir uns nur noch Kärdla,
den größten Ort der Insel, an und fahren nach Heltermaa, wo
die Fähre aufs Festland ablegt. Die Überfahrt dauert 1 ½
Stunden. In Haapsalu übernachten wir im örtlichen Yachtklub.
Dort ist es gemütlich und preisgünstig. Leider können wir
hier kein Boot leihen, sonst hätten wir einen Tag drangehängt
und wären zu einer der nahegelegenen Inseln gerudert.
Foto: Auch in Estland scheint hier und da die Zeit stehen geblieben
zu sein.
Dienstag, 20.7.
14. Etappe
Von Haapsalu nach Tallinn
109 km
Hinter Haapsalu nehmen wir die Straße über Keila nach Tallinn. Die führt durch Waldgebiet, hat kaum Verkehr und ist hervorragend zu fahren. Einziger Haken: Wir können keine Pausen machen. Denn sobald wir anhalten, stürzen sich die Stechmücken und Bremsen auf uns wie ausgehungerte Geier!Am Ortschild von Tallinn machen wir Fotos (eines davon siehe unten). Die Fahrradtour ist in der Hauptstadt Estlands zuende. Ich möchte nicht schreiben, "wir sind am Ziel", erstens, weil wir ja noch per Fähre nach Helsinki weiterziehen wollen, zweitens, weil unser Motto eigentlich heißt: Der Weg ist das Ziel!
Der Weg von Danzig hierher war über 1500 km lang und hat uns viel Schweiß gekostet. Aber jeder Tropfen hat sich gelohnt!
Mittwoch, 21.7.
Tallinn hat eine sehr schöne Altstadt. Hier laufen auch jede Menge Touristen aus dem Westen umher und Finnen, die zum günstigen Einkauf rüberkommen. Ich besichtige die Alexander-Nevski-Kathedrale und das in einem alten Turm untergebrachte "Kiek in de Kök"-Museum.Wir wohnen im Hotel Küün, das auch dem Jugendherbergswerk angeschlossen ist. Es liegt über der "Erootika-Baar". Abends tanken wir endlich mal Kultur: wir besuchen ein Kirchen-Konzert (ideal zum Abschalten und Eindrücke-setzen-lassen), den Auftritt einer Rockabilly-Band und ein Casino.
Von Estland kann man sich am wenigsten vorstellen, dass es einst zum Ostblock gehörte.

Donnerstag, 22.7.
Die Finnen scheinen ein ähnlich sangesfreudiges Volk wie die Balten zu sein. An Bord der "Wasa Queen", die uns nach Helsinki bringt, findet Karaoke mit finnischen Schlagern statt.Freitag, 23.7.An Land angekommen, merkt man sofort, dass man wieder in der westlichen Welt gelandet ist (vor allem an den gesalzenen Preisen). Wir kriegen zwei Betten in einer Notunterkunft der eigentlich ausgebuchten Jugendherberge. Sie befindet sich im Olympiastadion.
Die Sehenswürdigkeiten in Helsinki lassen sich relativ gut an einem Tag abhandeln. Ich besuche das Museum für moderne Kunst, die Kathedrale am Senatsplatz (von außen prächtig, innen schlicht gehalten) und die Uspenski-Kathedrale (eher umgekehrt). Außerdem unternehme ich eine Rundfahrt mit dem Ausflugsdampfer durch die der Stadt vorgelagerte Inselwelt. Wie bisher immer auf dieser Reise trennen sich Davids und mein Weg, wenn wir Städte anschauen. Wenn man sich tagelang auf der Pelle hockt, tut es gut, auch mal allein unterwegs zu sein.Aber am frühen Abend treffen wir uns schon wieder, um den mittlerweile fünften Versuch zu starten, doch noch Tickets für die ausgebuchte Wochenend-Fähre von Helsinki nach Rostock zu bekommen. Und diesmal klappt’s, weil zwei Reservierungen abgesagt wurden. Die Tickets sind sogar noch verbilligt, wegen einer Art Spätbucher-Rabatt. Wir sind erleichtert!
Samstag, 24.7.
Die Filme sind vollgeknipst, die letzten Finnmark ausgegeben, alle Klamotten reif für die Waschmaschine; kurzum: es ist ein guter Zeitpunkt, nach Hause zu fahren.Die Finnjet legt erst um 19.30 Uhr ab. Den Tag verbummelt jeder auf seine Art, nachmittags schauen wir noch bei einem American-Football-Match zu (sogar mit Cheerleaderinnen).
An Bord herrscht fast ein bißchen "Traumschiff-Atmosphäre". Die 24stündige Fahrt geht so schnell rum. Fredi und Frank sind auch auf dem Schiff. Wir spielen Skat. Den beiden Radlern sind wir während der Tour mehrmals begegnet.
In Rostock kriegen wir noch Bahnanschluß in Richtung Heimat. Unser Fazit: die Tour war eine gelungene Sache! Allerdings werden wir beim nächsten Mal die Rückfahrt von zu Hause aus schon besser organisieren müssen. Diese Rennerei wegen der Tickets kann einem die letzten Tage ganz schön vermiesen (auch wenn’s am Ende noch geklappt hat). Ansonsten glaube ich, dass wir an unserer spontanen Art der Tourgestaltung festhalten werden. Und der ganz besondere Charme der baltischen Länder hat uns prima gefallen. Es war interessant zu sehen, wie sich diese kleinen Nationen aus dem Schatten der Sowjetherrschaft befreit haben und ihre Kulturen wieder aufleben lassen.
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