Fahrrad-Reisetagebuch
 
 

Teil 2: Von Nida bis Riga


 










Samstag, 10.7.

5.Etappe

Von Nida nach Palanga

95 km

     
    Eigentlich sollte das heute eine laue Etappe mit vielen attraktiven Breaks werden, aber es kommt anders. Auf der Kurischen Landzunge läuft noch alles glatt; wir radeln durch den Wald, schauen uns in Juodkrante alte Hexenfiguren aus Holz an und suchen kurz vor der Überfahrt (die gratis ist) noch mal den Strand auf.

    Auf dem Festland ist es dann aber vorbei mit der inselhaften Beschaulichkeit, wir verfransen uns prompt total! Eigentlich wollen wir nur in die Innenstadt von Klaipeda fahren, aber mangelhaftes Kartenmaterial (meine Litauen-Karte war mir im Hotel in Suwalki in den Fahrstuhlschacht gefallen!), Fehlinterpretationen des Reiseführers, schlechte Ausschilderung und natürlich menschliches Versagen sorgen dafür, dass wir uns irgendwo weit südöstlich der Stadt im Niemandsland wiederfinden.

    Zurückfahren kommt nicht in Frage! Wir machen aus der Not eine Tugend, suchen einen Zugang zur Nationalstraße 141 und umfahren Klaipeda vollständig. So haben wir diese Stadt (ich glaube die drittgrößte Litauens) nie gesehen, was ein bisschen schade ist.

    Diese letzten 30 Kilometer bis Palanga werden zu einer ernsthaften Belastungsprobe: Der Wind bläst von vorne, die Sonne brennt, mehr als 15 km/h sind absolut nicht drin. Außerdem haben wir Hunger und Durst, und die nächste Verpfegungsstation am Straßenrand läßt elendig lange auf sich warten.

    An der A13 kriegen wir dann endlich jeder eine Riesenteller Spaghetti (Für etwa 1,70 DM – und das an einer Autobahn!). Pappsatt setzen wir uns wieder auf die Drahtesel. Das ist das erste Mal, dass David und ich ein Etappenziel mit vollen Bäuchen erreichen.

    Palanga ist das Lieblings-Seebad der Litauer. Hier herrscht am Samstagabend fast sowas wie Straßenfest-Stimmung, und wir bekommen viel von der Kultur dieses Völkchens mit.
     
     
     


    Radfahren auf der Autobahn!
     
     







     



     
     
     
     
     
     


Sonntag, 11.7.

6.Etappe

Von Palanga nach Aizpute

135 km

     
    Die Fahrbedingungen bis Otanki, ca. 40 km hinter der Grenze, sind blendend, und wir kommen schnell voran. Doch dann wird die Strecke von einem Meter auf den anderen plötzlich zur Schotterpiste. Wir hoffen, dass dies nur ein vorübergehender Zustand ist und radeln weiter über Sand und Geröll. Autos, die gelegentlich vorbeiziehen, hüllen uns in dichte Staubwolken. Leider nimmt diese Tortur für Mensch und Maschine erst nach 20 lauthals verfluchten Kilometern ein Ende.

    Als wir in Grobina endlich auf die ersehnte glatte Straße treffen, taucht ein neues Problem auf: das Geld. Für DM oder Litas will uns in dem sonntagnachmittags wie ausgestorbenen Ort niemand etwas verkaufen. Wir haben trockene Kehlen und Hunger, aber keinen lettischen Penny. Wären wir doch über Liepaja gefahren, dort hätten wir sicher Geld am Automaten gekriegt. Und außerdem hätten wir dann die schreckliche Schotterpiste nie gesehen!

    Schweren Herzens verwerfen wir unser Etappenziel und radeln in die andere Richtung nach Liepaja. Auf dem Weg dorthin entdecken wir unsere "Rettung": eine Tankstelle mit großen Lebensmittelangebot, wo Davids Kreditkarte akzeptiert wird. Damit hatten wir hier nicht gerechnet! Wir kaufen groß ein und nehmen doch noch die 40 km bis Aizpute in Angriff.

    Das gute Ende dieses nervenaufreibenden Tages läßt dort lange auf sich warten, denn wir haben Riesenprobleme bei der Quartiersuche. Von einem Hotel weiß kein Dorfbewohner etwas. Wir spielen schon mit dem Gedanken, in der dortigen Burgruine open air zu übernachten...doch dann findet sich noch ein von außen nicht annähernd als solches zu erkennendes Gästehaus. Ein freundlicher Nachbar, der ein paar Brocken deutsch spricht, ruft den auswärts wohnenden Verwalter an. Es ist schon nach 22 Uhr als wir endlich uns den Staub und Schweiß des Tages vom Leib duschen können; wir sind fix und fertig, aber happy!
     
     


Montag, 12.7.

7. Etappe

Von Aizpute nach Kandava

109 km

     
    Morgens geht alles glatt. Der Zimmervermieter nimmt – nach kurzem Telefonat - 20 Deutsche Mark an. Trotzdem: die Zeiten, in denen einem Tür und Tor geöffnet werden, sobald man mit den DM-Scheinen wedelt, sind im Baltikum offensichtlich passé.

    Das Wetter ist unverändert, 30 Grad, strahlend blauer Himmel. Auf den letzten zehn Kilometeren vor dem Ort Kuldiga findet der Alptraum vom Vortag seine Fortsetzung: Schotterpiste...! Wieder sind Physis, Nerven und Konzentration voll gefordert. Der Sand ist noch nachgiebiger, wir rutschen oft weg.

    Gefrustet kommen wir in Kuldiga an. Diese Rüttelei ging uns so an die Substanz, dass wir beschließen, die Etappe zu verkürzen.

    Ein Bad im Fluss Venta, nahe der Stromschnellen (mit tollem Blick auf eine lange Ziegelsteinbrücke aus dem vorigen Jahrhundert, siehe Foto unten) – und wir sind wieder obenauf!

    Das Radeln durch das lettische Kurland ist bisweilen etwas zäh. Oft sind wir eine Stunde unterwegs, bis wieder eine Ortschaft mit Tante-Emma-Laden auftaucht. Dazwischen gibt’s nur ein paar Bauernhöfe, Bushaltestellen und Storchennester.
     


     
     

Dienstag, 13.7.

8. Etappe

Von Kandava nach Jurmala

80 km
 

Wir orientieren uns am Fahrradreiseführer und gelangen auf eine paradiesisch-schöne Strecke von Tukums bis zum Ostseestrand, wo wir ein Bad im Meer nehmen. Wegen der Fichtenwälder ist es dort allerdings ziemlich mücken-verseucht, was den Spaß in Grenzen hält.

In Jurmala, einer langgestreckten Küstenstadt, besteigen wir den Vorortzug nach Riga. Der Großraum der lettischen Hauptstadt soll ziemlich fahrradfeindlich sein; das müssen wir uns nicht antun.


 

Mittwoch, 14.7.
 

Riga ist der krasse Kontrast zur Idylle der Provinz: Hier pulsiert das Leben! Vom Turm der Petri-Kirche aus hat man einen tollen Blick auf diese Stadt (siehe Foto). Ein Pflichtbesuch ist auch das Okkupationsmuseum. Die Greueltaten deutscher und sowjetischer Besatzer werden dort schonungslos dargestellt.

 


 
 

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Links und Literatur
 
 

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