Fahrrad-Reisetagebuch
 
 


 
 

Teil 1: Von Danzig nach Nida (Kurische Nehrung)





Freitag, 2.7.
 

Pünktlich um 15.30 Uhr kommen wir mit dem Interregio aus Berlin in Danzig an. Hinter uns liegt eine Nachtfahrt durch Deutschland, viel Schlaf haben wir nicht mitgekriegt. Am Bahnhof spricht uns gleich ein Zimmervermieter an. David fährt mit ihm im Auto hin, um sich die Sache anzusehen, ich bleibe bei den Rädern und dem Gepäck. Sie kommen nach über einen halben Stunde wieder (von wegen "200 Meter vom Bahnhof") und David gibt mir ein Zeichen, dass das Quartier ziemlich mies ist; eine Plattenbau-Wohnung. Aber der Mann läßt sich nicht abschütteln, für ihn ist sonnenklar, dass wir seine Gäste sind. Wir kommen gar nicht zu Wort! Als er uns voraus mit seinem Auto durch Danzig führt, nutzen wir eine Gelegenheit, um abzudampfen...

Wir steigen schließlich in einem Hotel ab, das über einem Kino liegt, nahe der Prachtstraße "Dluga". Die Fahrräder schleppen wir mit hoch ins Zimmer mangels Alternative.


 

Samstag, 3.7.
 

Ein Tag Sight-seeing in Danzig, bevor die große Fahrradtour startet. Wir schauen uns Sopot an, das Sylt Polens und die Westerplatte, wo die ersten Schüsse des zweiten Weltkrieges fielen. Abends flanieren wir durch die "Dluga" und entlang der Promenade. Hier wird sehr viel kulturelles geboten.

Bild: Plattenbau-Siedlung zwischen Danzig und Sopot
 
 
 

Sonntag, 4.7.

1. Etappe

Von Danzig nach Olsztyn

165 km

    Endlich sitzen wir im Sattel und die Radtour kann beginnen. Von nun an bestimmen Tachometer und Landkarte unseren Tagesablauf.

    Erst ist es der Gegenwind, später die Hitze, die uns am Erreichen des Tageszieles zweifeln lassen. Wir verlassen die etwas eintönige E77 Richtung Warschau und nehmen eine Abkürzung über Morag. Hier wird’s immer schöner: leichte Hügel, Wälder, winzige Dörfer, kaum Verkehr. Ab Morag beginnt die Suche nach einer Unterkunft. Wir sind verschwitzt und müde, radeln dann aber doch bis Olsztyn durch, da unterwegs kein geeignetes Hotel o.ä. auftaucht.

    Wir sind froh, soweit gekommen zu sein, beschließen jedoch, in den nächsten Tagen kürzere Etappen zu fahren.
     
     
     

Montag, 5.7.

2. Etappe

Von Olsztyn nach Gizycko

116 km

     
    Ähnlich ätzender Start wie am Vortag: durchs Gewerbegebiet bis zum Stadtausgang müssen wir kilometerlang auf dem holprigen Bürgersteig fahren. Die Nationalstraße 16 bis Mragowo stellt sich als wenig fahrradfreundlich heraus: kein Seitenstreifen, viele Lkw. Die schöne Kulisse rechts und links der Fahrbahn entschädigt ein wenig.

    Alle zehn Kilometer müssen wir wegen der Hitze eine Trink-und Schattenpause machen (siehe Foto unten). Ab Mragowo macht das Radeln wieder mehr Spaß. Die Steigungen lassen sich mit meiner 7-Gangschaltung gut im Sitzen bewältigen, die Abfahrten ziehen sich manchmal herrlich lange hin. Wir durchfahren urige, tief-katholische Dörfer (meist mit einer Art Altar am Ortseingang), wo die Zeit stehengeblieben zu sein scheint.

    In Ryn erfrischen wir uns mit einem Bad im See. Gar nicht so leicht, in den Masuren Badestellen zu finden.

    Die Stadt Gizycko ist nicht schöner als ihr Name. Vieles erinnert an den Sozialismus. Trotzdem laufen hier viele Touristen rum.
     
     


     
     
     
     


Dienstag, 6.7.

3. Etappe

Von Gizycko nach Suwalki

98 km

     
    Hitze, Mückenstiche und der teilweise klebrig-aufgeweichte Asphalt machen uns zu schaffen. Gut, dass wir keine "dreistellige" Etappe auf dem Programm haben. So gönnen wir uns wieder ein herrliches Bad im See (hinter Olecko) und längere Pausen.

    In Suwalki wohnen wir endlich mal in einem Hotel, das auch Frühstück anbietet. Bisher war das ein echtes Problem. Den netten Bäcker an der Ecke, wo man Kaffee und Brötchen frisch auf die Hand kriegt, haben wir bisher vergeblich gesucht. Ohne Frühstück aufs Rad zu steigen, ist kein so großes Vergnügen.

    Für unsere Fahrräder mieten wir eine Garage, sicher ist sicher.
     
     





     



     
     
     
     
     

Mittwoch, 7.7.

4. Etappe

Von Suwalki nach Kaunas

122 km
 
 

20 Minuten nach unserem Start aus Suwalki drohen Blitz, Donner und pechschwarze Wolken Unheil an. Aber wir sind darauf vorbereitet; machen unser Gepäck regensicher und fahren trotz sintflutartiger Regenfälle weiter. Und es bringt sogar Spaß!

Der Regen dauert etwa eine dreiviertel Stunde. Auf der Straße bilden sich Bäche, an deren Flußrichtung man erkennt, ob es gerade bergauf oder bergab geht. Baustellen und Lkw machen die Sache nicht angenehmer für uns, aber wir nehmen’s mit Humor. Wenn uns wieder ein vorbeirauschendes Fahrzeug mit literweise Spritzwasser beglückt, ist es eigentlich egal: wir sind sowieso schon nass bis auf die Socken...!

Hinter der Grenze zu Litauen ändern sich die Verhältnisse schlag(baum)artig: trockenes Wetter, keine Baustellen, wenig Verkehr, flache, gerade Strecken.

In Marijampole essen wir in einem Straßenimbiß, der aufgetaute Tiefkühlprodukte anbietet. Das Stadtbild und die Menschen dort wirken auf mich irgendwie 60er-Jahre-mäßig. Wenig Reklame, viel Beton, die jungen Frauen tragen gerne das Kleidchen oder die Bluse, die schon der Mama so gut standen, und die Plastiktüte wird noch mehrmals benutzt, ist ja was besonderes... Ich find’s gut, dass hier noch nicht alles so verwestlicht ist!

Wir fahren weiter auf der A5 und regen uns über sehr riskante Überholmanöver der Autofahrer auf. Sind die lebensmüde? Oder reagieren wir Deutsche mit unserer Ausbildung zum defensiven Fahren einfach überempfindlich auf sowas? Wir finden keine Antwort.

Kurz vor Kaunas kommen wir zum ersten Mal in den Genuß des Radfahrens auf der Autobahn (ist im Baltikum erlaubt). Die hat einen Grünstreifen in der Mitte und zwei Spuren pro Fahrbahn plus Standstreifen. Und blaue Schilder. Das sind aber auch alle Gemeinsamkeiten mit einer deutschen Autobahn. Ansonsten haben wir dort Bushaltestellen, Fußgänger und eine Pferdekutsche ausmachen können.


 

Donnerstag, 8.7.
 
 

Die letzten vier Tage liefen ziemlich nach dem gleichen Schema ab: von morgens bis zum frühen Abend die Etappe fahren, dann Hotelsuche, Dusche, essen gehen und vielleicht noch ein kleiner Rundgang durch den Ort oder ein Gute-Nacht-Bier. Nicht, dass mir das keinen Spaß gebracht hätte, im Gegenteil, aber so ein fahrradfreier Tag in der City tut zwischendurch sehr gut.

Kaunas steht ja ein bißchen im Schatten der Hauptstadt Vilnius (die nicht auf unserer Route liegt). Es lohnt sich aber, die Stadt an der Memel mit ihrer langen Einkaufsstraße "Laisves" (angeblich die erste Fußgängerzone der damaligen Sowjetunion) kennenzulernen!

In der litauischen Sprache gibt es etliche Wörter, die wie im Deutschen heißen, nur mit einer –as-Endung dran, z.B. Bankas, Notaras, Kosmetikas, Internetas... Trotzdem ist es genauso ein Problem mit der Verständigung wie in Polen, und wir müssen oft uns mit den berühmten Händen und Füßen weiterhelfen.


 

Freitag, 9.7.
 
 
 

Noch ein Tag ohne Fahrrad-Etappe. Wir sind unterwegs mit dem Schnellboot "Raketa", das seinem Namen alle Ehre macht. In vier Stunden brausen wir über den Fluss Memel an Russisch-Ostpreußen vorbei über das Kurische Haff nach Nida. Dieser Ort und die Landschaft dort erinnern mich sehr an die Ostfriesischen Inseln, da kommen Heimatgefühle auf... Wir besteigen eine der großen Wanderdünen (siehe Foto) und verbringen einen Nachmittag am - auch in der Hauptsaison nicht überfüllten - schönen Ostseestrand.

 

 
weiter mit Teil 2: Von Nida bis Riga
 
 

Teil 3: Von Riga bis Helsinki

Links und Literatur

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