aus dem NWZ-Journal, 10./11.3. 2007:
Biblische Sintflut in der guten Stube
KULTURSCHATZ
Fliesen erzählen aus der Bibel – Datenbank dokumentiert historische Exemplare aus Ostfriesland
Die weißblauen Bibelszenen gehören zum ländlichen Kulturgut Norddeutschlands. Die Datenbank erlaubt es, einzelne Motive nach Themen oder chronologisch zu suchen.
VON MARTIN WEIN
NORDEN – „Und fällt er in den Graben, dann fressen ihn die Raben." Wer auch immer im Knittelvers die schwarzen Gesellen verunglimpfte, der hatte die Bibel nicht gelesen. Raben nämlich sind es, die den Propheten Elija neun Jahrhunderte vor Christi Geburt abends und morgens mit Fleisch und Brot versorgten. Jahwe hatte das Land am Jordan mit einer schweren Dürre gestraft, um die fehlende Macht des Fruchtbarkeits- und Regen-Gottes Baal zu demonstrieren.
Nur dem gottesfürchtigen Elija organisierte Jahwe eine Art Luftbrücke. Die Bauern im ländlichen Ostfriesland des 18. und 19. Jahrhunderts hätten wohl kaum von „Rabeneltern" gesprochen, denn die Szene mit Elija und den Raben aus dem 1. Buch der Könige, Kapitel 17, findet sich am häufigsten auf den weißblauen Bibelfliesen, die zum ländlichen Kulturgut Norddeutschlands gehören. Herausgefunden hat das der ostfriesische Pastor Kurt Perrey mit seinem Norder Bibelfliesenteam und einer neuen PC-gestützten Datenbank. Die wurde jetzt mit Fördergeldern der Stiftung Kulturschatz Bauernhof programmiert und bereits mit 350 Fliesenfotografien gefüllt.

Fliesenwände gehörten vor allem im 18. Jahrhundert zum festen Inventar guter Stuben in Ostfriesland. Man fand sie auf Burgen und in Bürgerhäusern, in Geschäften und Häusern vermögender Bauern. „Es gab regelrechte Kataloge, aus denen bestellt wurde", erklärt Perrey. Hergestellt wurden die Fliesen vor allem in den Niederlanden, etwa in Makkum, Harlingen, Amsterdam oder Delft. Grafische Darstellungen des 17. Jahrhunderts waren zumeist ihre Vorlagen. Und vielfach zeigen sie biblische Motive, die der Niederländer Jan Pleus in jahrzehntelanger Arbeit dechiffriert und katalogisiert hat. Im Gebäude der Ostfriesischen Landschaft in Aurich kann man noch eine ganze Wand dieser schönen Wanddekoration besichtigen. Manche andere befinden sich in Privatbesitz und sind nicht öffentlich zugänglich. Allerdings wird man nicht wirklich viel von den Einzelmotiven haben, denn die schiere Masse lenkt das Auge sofort wieder ab.
Mit der neuen Datenbank wird das anders. Mit ihr lassen sich einzelne Motive nach Bibelstellen oder chronologisch suchen. So kann man sich etwa in verschiedenen Versionen ansehen, wie Noah auf die Arche steigt.
Eine Erweiterung erlaubt es dann, auch die Nachbarfliesen auf den Wänden zu betrachten. „Damit lässt sich überprüfen, ob der Handwerker beim Anbringen einer bestimmten Ordnung folgte", erklärt Perrey. Auch eine Hitliste der beliebtesten Motive wird so einmal erstellt werden können. Im Neuen Testament zeichnet sich jetzt schon die Auferstehung in ganz unterschiedlichen Variationen als das Lieblingsmotiv ab. Mit den Schlussfolgerungen sollte man indessen vorsichtig sein. „Manches hat ganz banale Gründe. So waren die Fliesen unterschiedlich teuer. Es war mehr eine Frage persönlichen Vermögens als biblischer Präferenzen, ob sich der Besitzer ausgefallene Bilder leisten konnte", vermutet Perrey.
Die von Ilse Lienstromberg programmierte Datenbank mit den von Heiko Wilts beigesteuerten Fotografien trage zur Inwertsetzung des ländlichen Kulturguts entscheidend bei, freut sich jedenfalls der Stiftungsgeschäftsführer Uwe Meiners aus Cloppenburg. Sie zeige, dass im protestantischen, angeblich bilderarmen Norden durchaus noch reizvolle Kleinodien zu entdecken seien. „Da müssen wir uns vor Süddeutschland nicht verstecken. Wir haben unsere Kunstschätze in der Vergangenheit nur noch nicht so stark hervorgehoben", glaubt Meiners.
Warum die Ostfriesen aber sich den Raben so verbunden fühlten, das weiß Gott allein.
INFOS ZU DATENBANK UND PROJEKT
Das Bibelfliesenteam ist eine Projektgruppe des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Norden. Unter Leitung von Kurt Perrey ist sie seit 2003 den Fliesen mit christlichen Motiven auf der Spur. Wer eigene Fliesen besitzt und bestimmen lassen will, der kann mit dem Team unter 04931/159 9 oder per E-Mail Kontakt aufnehmen.
Die Datenbank ist bislang nicht öffentlich zugänglich. Bibelfliesen sind aber auf der Homepage des Schlossmuseums Jever zu sehen. www.schlossmuseum.de/bibelfliesen/index.html . In der Ausstellung in Jever sind einige Einzelexemplare ebenso vor Ort zu besichtigen wie im Norder Heimatmuseum oder im Haus der Ostfriesischen Landschaft in Aurich (Georgswall 1–5).
Das Fliesenmuseum im niederländischen Otterlo widmet ihnen sogar eine eigene Abteilung. www.nederlandstegelmuseum.nl

Fleißarbeit (von links): Kurt Perrey, Ilse Lienstromberg und Heiko Wilts präsentieren ihre Bibelfliesen-Datenbank.
KKA Norden "Projekt Bibelfliesen-Fliesenbibel" 7500 Sparkasse Aur-Nor, BLZ 28350000