Auf dieser Seite möchte ich berichten, wie man Sonderschullehrer wird, und was diesen
Job ausmacht. Und zwar anhand meiner eigenen Geschichte.
1. Wieso bin ich Sonderschullehrer geworden?
Lehrer werden wollte ich schon als Jugendlicher, weil ich bei vielen Anlässen ein pädagogisches Blut in meinen Adern pochen hörte; zum Beispiel, wenn es darum ging, andere für etwas zu begeistern oder von etwas zu überzeugen. Ich weiß nicht, ob das für meine Mitmenschen immer angenehm war... Journalist oder Anwalt wären für so einen Typen wie mich vielleicht auch interessante Berufe gewesen. Aber nach dem Abi war mir klar: Ich werd' Lehrer.
Nur das anonyme Klima im
Gymnasium, das ich ab Klasse 11 besuchte, gefiel mir überhaupt nicht. Zwischen
Lehrer/innen und Schüler/innen stand nur der Stoff - das konnte nicht mein
Ding sein.
Als "Zivi" war ich dann im Fahrdienst für Schulen für
Geistigbehinderte im Einsatz.
Dort erfuhr ich, dass es auch eine andere Form des Lernens gibt. Und einen
Lehrerberuf, bei dem man die Möglichkeit hat, wirklich am Menschen
zu arbeiten.
Übrigens: ein sehr großer Anteil meiner männlichen
Kollegen sind offenbar durch ihren Zivildienst auf diesen Beruf gekommen.
2. Das Studium
So schrieb ich mich 1990 an der Universität Oldenburg für
Sonderpädagogik ein. Dabei musste ich mich für zwei sonderpädagogische
Fachrichtungen entscheiden. Zur Auswahl standen damals nur Lernbehindertenpädagogik
(Lb), Geistigbehindertenpädagogik (Gb) und Verhaltensgestörtenpädagogik
(VG). Ich entschied mich für Lb als Haupt- und Gb als Nebenfach.
Zur Information: es gibt noch weitere Fachrichtungen, die man (mit
unterschiedlichen guten Berufsaussichten) in Deutschland studieren kann,
z.B. Kommunikation und Sprache, Blinden-, Körperbehinderten- oder Gehörlosenpädagogik. Die Begrifflichkeiten sind hier nicht
bundesweit einheitlich; jedes Kultusministerium verwendet seine eigenen. Und sie
ändern sich ständig.
Was mir gut gefallen hat am Sonderpädagogik-Studium:
-
wenig Leistungsdruck
- sehr humane Prüfungen
- interessante Seminare, vor allem im Bereich Ethik und Psychologie
- angenehm-entspanntes Klima in der Fachschaft; kein Konkurrenzdenken,
wie z.B. unter BWLern und Juristen
Was mir nicht gefallen hat am Sonderpädagogik-Studium:
-
zu wenig Verflechtungen mit der Praxis (nur zwei Praktika, mäßige
Betreuung durch die Dozenten)
- auf mögliche Problemsituationen in der II. Ausbildungsphase (Referendariat)
wurden wir nicht vorbereitet
- Lehrveranstaltungen in den Unterrichtsfächern wurden selten Sonderschul-spezifisch
angeboten
3. Das Referendariat
Nach zehn Semestern in Oldenburg erhielt ich einen Referendariatsplatz.
Diese Zweite Ausbildungsphase ist wesentlich straffer organisiert als das
Studium. Sie dauerte in Niedersachsen 18 Monate. Ich kam an eine Schule
für Lernbehinderte (später in "Schule für Lernhilfe"
umbenannt) in einem Viertel von Hannover, wo viele sozial schwächere
Familien wohnen.
Nach einer gewissen Anlaufzeit, in der man die Gelegenheit zum Hospitieren
an seiner Schule erhält und Einführungsseminare besucht, geht's
ordentlich zur Sache. An drei bis vier Tagen in der Woche muss man Unterricht
planen und durchführen, größtenteils eigenverantwortlich, weil der
angeschlagene Landeshaushalt Lehrerstunden braucht.
Die Unterrichtsbesuche durch die Ausbilder habe ich meistens
als nervenaufreibend erlebt. Oft gab es Meinungsverschiedenheiten bei der
Nachbesprechung einer Stunde. Und die Seminare (zweimal in der Woche)
verlangen auch mehr als die an der Hochschule.
Ich bin dann recht bald an meine Grenzen gestoßen. So
viel Stress war ich aus dem Studium nicht gewöhnt. In der zweiten
Hälfte dieser Ausbildung musste man sogar noch "nebenher" eine Examensarbeit
schreiben. Am Ende stand die große Prüfung. Aber das
alltägliche Unterrichten hat mir doch Spaß gemacht.
Unter dem Strich habe ich das Referendariat als eine sehr harte Zeit
erlebt, in der ich meinen Berufswunsch einer kritischen Reflexion unterziehen
musste.
Was mir gut gefallen hat am Referendariat:
-
viele nützliche Tipps für die Unterrichtsplanung in den Seminaren
- intensiver Austausch zwischen den Lehramtsanwärtern, noch viel besser
als im Studium
- beruhigend geringe Durchfaller-Quote
Was mir nicht gut gefallen hat am Referendariat:
-
zu starke Abhängigkeit von einzelnen Personen (Fachseminarleitern)
und deren subjektiven Vorstellungen
- man konnte nicht offen über eigene Probleme reden
- Vorführstunden stellten eine künstliche Situation dar
- der Prüfungstag war zu "vollgepackt"
4. Meine ersten Stellen als "Feuerwehrlehrer"
Als staatlich geprüfter Sonderschullehrer braucht man keine Arbeitslosigkeit
zu befürchten, wenn man sich flexibel zeigt bzw.
mit einem zeitlich befristeten Angestellten-Vertrag erst einmal zufrieden gibt. Als
"Feuerwehrlehrkraft" springt
man für dauerhaft erkrankte oder schwangere Kolleg/innen ein. Und
die gibt es fast überall.
Ich entschied mich, wie viele andere, nach Nordrhein-Westfalen zu wechseln,
weil die Aussichten auf eine feste Stelle dort damals (1997) besser sein
sollten. In Bielefeld arbeitete ich mit 18 Wochenstunden an einer Lb-Schule,
die ein ähnlich hartes Pflaster darstellte, wie die in Hannover. Doch
ohne den Ausbildungsdruck konnte ich mich endlich mehr für das engagieren,
was in diesem Beruf von Bedeutung ist (z.B. Zusammenarbeit mit Eltern).
Und im Kollegium herrschte ein besseres Arbeitsklima.
In Bielefeld musste ich auch zum ersten Mal eigenverantwortlich sonderpädagogische
Überprüfungsverfahren durchführen. Dies ist eine der
elementaren Aufgaben in meinem Beruf. Dabei erstellt man - nach eingehenden
Beobachtungen, Gesprächen und Tests - ein Gutachten über ein
Kind, dessen Förderbedarf unklar ist. Dieses Gutachten empfiehlt die
weitere (meist sonderpädagogische) Förderung des Kindes.
Nach einem Schuljahr wechselte ich nach Münster. Ich hätte
zwar auch weiter an der Lb-Schule bleiben können, doch die Laufzeit
des angebotenen neuen Arbeitsvertrages war mir zu kurz. Außerdem
sagte mir die Stadt Bielefeld als Wohnort nicht so richtig zu.
In Münster bekam ich die Gelegenheit, an einer Schule
für Körperbehinderte (Kb) zu arbeiten. Diese Fachrichtung
hatte ich zwar nicht studiert, doch mit dem Zweiten Staatsexamen ist man
prinzipiell für alle Sonderschultypen qualifiziert. Ich war hochmotiviert,
mal was anderes auszuprobieren und meinen Horizont zu erweitern!
Die Schwerpunkte meiner Tätigkeit an der Kb-Schule waren ganz
andere. Dort geht es weniger "verschult" zu. Der Schultag dauert von 8.00
bis 15.00 Uhr, inklusive gemeinsamer Mahlzeiten. Man arbeitet in Klassenteams,
so dass die Verantwortung auf mehreren Schultern lastet. Im Unterricht
hat man auch mal 1:1-Situationen und kann sich intensiv mit einer Schülerin
oder einem Schüler
beschäftigen. In meiner Klasse befanden sich neun Schüler, die
unterschiedliche und teilweise schwere Behinderungen aufwiesen. Der pflegerische
Anteil der Arbeit war hoch.
In einer Kb-Schule arbeiten nicht nur Sonderschullehrer, sondern auch
Krankengymnastinnen, Erzieherinnen, Therapeuten, Zivildienstleistende usw.
Das führt manchmal zu Konflikten, weil Gehalt, Arbeitszeiten und
Verantwortung natürlich nicht gleich verteilt sind... Ich habe es aber als sehr angenehm empfunden, dort zu arbeiten. Mit Behinderten
und Nichtbehinderten habe ich viele schöne Momente erlebt. Allerdings
gab mir eine gewisse Aussichtslosigkeit zu denken: Kein Schüler meiner
Klasse würde den Schonraum Behinderteneinrichtung je verlassen. Mich
reizte es, wieder Schüler zu unterrichten, die noch um eine
Perspektive kämpfen.
So kam mir das Angebot aus Niedersachsen gerade recht.
Die beiden "Feuerwehrlehrer"-Stellen waren eine wirklich gute Sache.
Ich habe viele wertvolle Erfahrungen gesammelt, die mir die Ausbildung
allein nie hätte bieten können.
Geburtstagsfrühstück in meiner Kb-Klasse in Münster
5. Meine feste Einstellung
1999
trat ich in Nordhorn eine feste Stelle an. Ich wurde noch in meinem ersten Jahr verbeamtet.
Nach den 13 Monaten in Münster hatte ich Bedenken, ob ich mich
wieder in dem rauhen Klima einer Lb-Schule zurechtfinden würde. Aber
es war kein Problem.
Ich wurde Klassenlehrer einer Siebten. Um mich einzuführen, habe
ich in den ersten Wochen alle Schüler zu Hause besucht. Dabei konnte
ich mir teilweise schon ein Bild von den Umständen machen, die die
Lernschwierigkeiten des Schülers oder der Schülerin mit verursacht
haben. Das mache ich bis heute so, meist nach den Sommerferien.
Ich unterrichtete viele verschiedene Fächer, das kostete viel Vorbereitungszeit! Aber man gewinnt Routine. Gleich im ersten Schuljahr habe ich außerdem eine Klassenfahrt mit Selbstverpflegung organisiert und durchgeführt. Das war ein schönes Erlebnis und hat die Klasse zusammengeschweißt.
Von 2001 an war ich außerdem für vier Stunden abgeordnet an eine Grundschule im Rahmen des regionalen Förderkonzeptes "Lernen unter einem Dach". Viele Kollegen unterrichten nicht nur in ihrer Stammschule, sondern sind in integrativen Maßnahmen eingesetzt. Auch hier hat jeder Landkreis oder Bezirk sein eigenes Konzept.
6. Versetzungen
2003 ließ ich mich aus privaten Gründen wieder nach Nordrhein-Westfalen versetzen. Ich arbeitete dann fünf Jahre an der Astrid-Lindgren-Schule in Lengerich. Dort gibt es auch Klassen für Schüler mit dem Förderbedarf "emotionale und soziale Entwicklung", kurz ESE, früher "Verhaltensgestörtenpädagogik" und mit dem Förderbedarf "Sprache". Inzwischen spricht man nicht mehr von Sonderschulen, sondern von Förderschulen und Förderschwerpunkten. Ich wurde überwiegend im Lb-Bereich eingesetzt, war Klassenlehrer zunächst in der Abschluss- dann in der Mittelstufe. Großes Plus an dieser Schule ist ein einheitliches Regel- und Verstärkersystem für alle Schüler. Eine schöne Erfahrung für mich war es, die Schulband "Avalanche" aufzubauen.

Meine Verabschiedung von der Astrid-Lindgren-Schule
Seit August 2008 bin ich an der Annette-von-Droste-Hülshoff-Schule in Emsdetten. Es ist meine sechste Station. Hier will ich aber sesshaft werden. Ich bin Klassenlehrer im Bereich "emotionale und soziale Entwicklung". Meine Schüler (zunächst nur ein halbes Dutzend, inzwischen sind es zehn) sollen nach den Lehrplänen für die Grundschule unterrichtet und nach der 4. Klasse in den Regelbereich rückgeschult werden. Dank der sehr guten Rahmenbedingungen an der "AvDHS" ist mir der Umstieg gar nicht so schwer gefallen. Wichtige Entscheidungen werden in der wöchentlichen Teamsitzung getroffen. Der Schulvormittag kostet jedoch mehr Kraft und Konzentration als im Lb-Bereich. Viel Zeit geht drauf für das Klären von Konflikten und für Verhaltenstraining. Auch die Elternarbeit erfordert ein besonderes Feingefühl sowie den Mut, den Finger in die Wunde zu legen. Da lerne ich - trotz 16 Jahren Berufserfahrung - noch viel dazu.
Über meine Erfahrungen schreibe ich demnächst mehr.

Die AVDHS ist eine sehr musikalische Schule!
7. Aussichten
Schon in meinem Studium, also Anfang der 1990er Jahre, wurde uns klargemacht, dass die Sonderschulen langfristig durch Förderzentren ersetzt werden sollen. In unserem Kreis Steinfurt läuft jetzt ein solches Pilotprojekt. Das Berufsbild des Sonderpädagogen wird sich bald verändern: weniger Unterrichten, stattdessen Diagnostik, Beratung, Prävention. Im Großen und Ganzen geht es darum, der UN-Konvention über die Rechte Behinderter Rechnung zu tragen ("Inklusion"). Viele meiner Kollegen sehen dem mit Skepsis entgegen, denn es steht zu befürchten, dass dieser gute Ansatz für eine riesige Sparmaßnahme missbraucht wird. Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf wird es immer geben. Wenn man sie auf die allgemeinbildenden Schulen verteilt, wird die Zahl der benötigten Fachleute bestimmt nicht weniger, im Gegenteil. Insgesamt halte ich den Inklusionsgedanken jedoch für richtig und bin gespannt auf neue Herausforderungen.
Eigenschaften, die in diesen Beruf gefragt sind:
- Geduld
-
Durchsetzungsvermögen
-
Konsequenz
-
Teamfähigkeit
-
ein dickes Fell
-
Kreativität
-
Motivationsfähigkeit