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6 Schlußfolgerungen und Ausblick

„Jeder Wandel im System erfordert weitere Veränderungen, die herauszuarbeiten wiederum seine Zeit dauert. Nimmt man sich die nicht, kommt es zu Erschütterungen, zum Crash. Was bei der Entwicklung neuer Kommunikationstechnologien vollkommen in Vergessenheit geraten ist, ist, daß kein Grund zur Eile besteht. Die Welt ist durch die Abwesenheit dieser Medien nicht bedroht. Die Technologien scheinen sich heute selbst zu beschleunigen und ebenso der Markt für diese Technologien - doch der Bedarf an ihnen nicht." [ Brand, Steward: Computer, Kommunikation und neue Medien. Die Erfindung der Zukunft am MIT. Hamburg 1990. S. 317.]

In der vorliegenden Arbeit wurde aus einer Nutzerperspektive der Blick auf das Internet gerichtet, das gegenwärtig, wie durch zahlreiche konkrete Beispiele belegt werden konnte, in unterschiedlichen gesellschaftlichen Teilbereichen große Aufmerksamkeit erregt. Konkret untersucht wurde die Nutzung des Internet durch 141 Studierende geistes- und sozialwissenschaftlicher Studiengänge an deutschen Universitäten.

Das zentrale Ergebnis dieser Arbeit erscheint auf den ersten Blick trivial: Es gibt Studierende zahlreicher geistes- und sozialwissenschaftlicher Studiengänge, für die das Internet durch Nutzung zu einem Kommunikationsmedium wird; die Formen und Bedingungen dieser Nutzung variieren jedoch enorm; gleiches gilt für die individuelle Nutzenbewertung. Zahlreiche Indikatoren deuten in diesem Zusammenhang bei näherer Betrachtung darauf hin, daß es nicht die theoretischen Nutzungsmöglichkeiten des technischen Mediums Internet sind, die vielfach überschätzt werden, sondern vielmehr die Motivation, Akzeptanz und Kenntnis tatsächlicher, wie auch potentieller Nutzer zur Ausschöpfung dieses Potentials. Es scheint daher notwendig zu sein, den Fokus der Betrachtung vor allem auf die erkennbaren Nutzungsbarrieren zu richten. Diese Feststellung soll im folgenden ausgebreitet und basierend auf den bisherigen Überlegungen begründet werden. Die verschiedenen Barrieren stehen dabei in enger Beziehung zueinander.

Eine grundlegende formale Barriere, die es zu überwinden gilt, ist die Zugangsbarriere. Zugang zum Internet wird durch Zugang zu einem der angeschlossenen Teilnetze möglich. Restriktionen durch den jeweiligen Netzwerkbetreiber, die Einbindung dieses Teilnetzes in die globalen Strukturen des Internet sowie die Zugangsform setzen der Nutzung bereits erste Grenzen. Obwohl die überwiegende Mehrheit der befragten Studierenden den Zugang zum Internet über das lokale Netzwerk der jeweiligen Universität nutzt, sind keine einheitlichen Grundbedingungen gegeben, z.B. hinsichtlich der Möglichkeit, eigene Medienangebote im World Wide Web zu produzieren. Sofern die Nutzung nicht aus einer Einrichtung der Hochschule erfolgt, entstehen Kosten. Da Telefongebühren in der Bundesrepublik Deutschland gegenwärtig nicht pauschal, sondern zeitabhängig berechnet werden, steigt mit der zeitlichen Intensität der Internet-Nutzung von zu Hause die finanzielle Belastung. Dieses Problem wird von zahlreichen Befragungsteilnehmern thematisiert. Zur Überwindung der Zugangsbarriere sind Kenntnisse notwendig, die im Idealfall befähigen, in Abhängigkeit von konkreten Zielen abwägen zu können, durch welchen Provider die geringsten formalen Grenzen gesetzt werden. Für Studierende scheint der Kostenfaktor dabei ein entscheidendes Kriterium darzustellen.

Eine weitere formale Hürde bei der studiumbezogenen Internet-Nutzung kann als Ausstattungsbarriere bezeichnet werden. Technisch vermittelte Kommunikation erfordert die Verwendung von Endgeräten mit Benutzerschnittstellen zwischen Mensch und Maschine. Während Endgeräte anderer technischer Medien wie Fernsehapparate oder Radiogeräte sich in der Regel nicht in der Quantität, sondern lediglich in der Qualität darstellbarer Medientypen unterscheiden, ist dies bei den zur Nutzung des Internet erforderlichen Computern anders.

Die verwendete Hard- und Software setzen der studiumbezogenen Internet-Nutzung klare Grenzen: Hardware veraltet sehr schnell, bestimmt die Performance bzw. Lauffähigkeit von Software sowie Quantität und Qualität darstellbarer Medientypen und setzt der Datenübertragungsgeschwindigkeit Maximalgrenzen; die verwendete Software beeinflußt durch die Faktoren Usability und Funktionsvielfalt u.a. die Zugangsverbindung zum Internet sowie die Quantität und die Qualität der nutzbaren Medienanwendungen in bezug auf selektierbare und produzierbare Aktivitätsrahmen und Medienangebote. Der Faktor Kosten tritt vor allem bei der privaten Anschaffung von Hardware auf. Bei der Nutzung aus einer universitären Einrichtung entfällt dieses Problem. Dafür treten Schwierigkeiten auf, die nicht auf die zwangsweise räumliche und zeitliche Bindung beschränkt bleiben: Einige Befragungsteilnehmer beklagen die mangelhafte technische Ausstattung geistes- und sozialwissenschaftlicher Institute. Die notwendige Software kann zu einem großen Teil zumindest in Form von Testversionen kostenlos über das Internet erhalten werden. Dazu sind jedoch Kenntnisse notwendig, welche Software hinsichtlich der individuellen Bedürfnisse was leisten kann und wie bzw. wo sie verfügbar ist.

Die genannten Komplikationspotentiale sind in den Antworten der befragten Studierenden vielfach deutlich geworden. Grundsätzlich erfordert die Nutzung des Internet Kenntnisse im Umgang mit dem Computer. Die Bereitschaft bzw. die Möglichkeit, Zeit und eventuell Geld zu investieren, kann individuell sehr unterschiedlich ausfallen. Dazu kommt der Aspekt der Akzeptanz, der im Zusammenhang mit der im folgenden noch erläuterten Kooperationsbarriere eine wichtige Rolle spielt.

Eine weitere bedeutsame Hürde kann als Strukturbarriere bezeichnet werden. Technische und organisatorische Netzstrukturen bilden die formale Basis für jede Nutzung. Kenntnisse dieser Strukturen können im Einzelfall dazu beitragen, durch diese Strukturen bedingte Probleme zu verstehen und gegebenenfalls zu umgehen. Zahlreiche Befragungsteilnehmer beklagen die fehlende Strukturierung hinsichtlich vorhandener Selektionsmöglichkeiten. Dieses Problem ist nur zum Teil durch kognitiv erzeugte (z.B. Antworten auf Anfragen, FAQ-Texte oder Hyperlinks) und automatisierte (z.B. Search-Engines) Selektionshilfen zu lösen. Die dezentrale Organisationsform des Internet und die dadurch bedingte Trägerfunktion der einzelnen kleinen, mittleren und großen Teilnetzbetreiber schaffen jedoch erst die Voraussetzungen dafür, daß durch das technische Medium Internet keine festen Rollen vorgegeben sind: In Abhängigkeit vom individuell unterschiedlichen Einfluß der hier dargestellten Nutzungsbarrieren haben alle Nutzer die Möglichkeit zur Aktivität in der Form von Selektion und Produktion. Hinsichtlich der Produktionsbedingungen und möglichen Kommunikationskonstellationen muß jedoch zwischen den verschiedenen Medienanwendungen deutlich differenziert werden.

Nach Überwindung der Zugangs- und Ausstattungsbarriere erschließen sich dem Nutzer, anders als bei anderen technischen Medien, die nutzbaren Medienanwendungen nicht automatisch. Zahlreiche Befragungsteilnehmer verwenden einzelne Medienanwendungen überhaupt nicht oder mit geringer Intensität. Grundvoraussetzung zur Nutzung einer Medienanwendung ist deren Kenntnis sowie das Wissen um die damit verbundenen Grenzen und Möglichkeiten der Produktion und Selektion konkreter Aktivitätsrahmen und Medienangebote.

Ohne die Bedeutung der bisher genannten Faktoren abschwächen zu wollen, scheint eine Kooperationsbarriere gegenwärtig die zentrale Hürde bei der studiumbezogenen Internet-Nutzung zu sein. Auch nach Überwindung aller anderen formalen Barrieren kann immer nur das selektiert werden, was produziert wurde, und Produktion ermöglicht keine Kommunikation ohne Selektion. Hinsichtlich der Kooperation muß daher zwischen tatsächlichen und potentiellen Nutzern unterschieden werden. In dieser Arbeit konnten lediglich das Verhalten, die Bedürfnisse und die Einstellungen einiger Studierender geistes- und sozialwissenschaftlicher Studiengänge untersucht werden, die bereits versuchen, das Internet für ihr Studium zu nutzen. Zahlreiche Befragungsteilnehmer beklagen dabei jedoch die fehlende Beteiligung von anderen Studierenden und Lehrenden ihrer Fachrichtung. Eine notwendige Fragestellung muß daher lauten, welches die Gründe für fehlende Kooperation sind: Handelt es sich um Unkenntnis, fehlende Akzeptanz im Sinne einer Technikfeindlichkeit oder stehen andere Gründe im Vordergrund? Die Ursachen können vielfältig sein und sind unter Umständen nur schwer zu ermitteln. Als Beispiel sei hier nur an die Frage nach dem möglichen Einfluß der Strukturen des Wissenschaftssystems auf die Publikationsbereitschaft wissenschaftlicher Autoren und Fachredaktionen erinnert. Gerade die Selektion ansonsten in Printform veröffentlichter Diskursbeiträge scheint jedoch ein zentrales Bedürfnis vieler der befragten Studierenden zu sein.

Der Aspekt der Kooperation spielt auch unter den tatsächlichen Nutzern des Internet eine zentrale Rolle. Wissenschaftlich ausgerichtete Mailing-Listen und Newsgroups beispielsweise bestehen nur durch Aktivität ihrer Nutzer in der Form von Produktion als Aktion oder Reaktion. Das angeführte Beispiel der Mailing-Liste zur Soziologie und die Auswertungsergebnisse zur Frage nach der Nutzung dieser Medienanwendungen deuten darauf hin, daß viele Studierende das sich ihnen bietende Aktivitätspotential nicht ausschöpfen. Auch hier stellt sich die Frage, welches die Gründe dafür sein können? Ähnliches gilt für das Ignorieren Persönlicher Email, das von den Befragungsteilnehmern angesprochen wurde.

Die hier verkürzt und beispielhaft dargestellten Einzelfaktoren der vier maßgeblichen Nutzungsbarrieren lassen die Komplexität der Zusammenhänge und Bedingungen studiumbezogener Internet-Nutzung erahnen. Dazu kommt, daß die durch das Studium motivierten konkreten Bedürfnisse durch veränderte Aufgabenstellungen oder Interessenlagen stark variieren können, so daß der Einfluß der verschiedenen Barrieren aus der Sicht des einzelnen Nutzers nicht konstant bleiben muß, im Einzelfall sogar von Tag zu Tag unterschiedlich sein kann. Es ist daher schwierig, einfache Kausalzusammenhänge hinsichtlich einer studiumbezogenen Internet-Nutzung durch Studierende geistes- und sozialwissenschaftlicher Studiengänge zu formulieren. Geht man jedoch auf einer abstrakten Ebene davon aus, daß Nutzen dadurch entsteht, daß selektierten Medienangeboten in einem konkreten Kontext eine Bedeutung zugewiesen werden kann, so scheint es sinnvoll zu sein, die Frage in den Mittelpunkt zu rücken, in welcher Form über das Kommunikationsmedium Internet Selektion stattfinden kann.

Das Internet bietet ein breites Spektrum von Medienanwendungen. Durch Nutzung entstehen dabei verschiedene Kommunikationskonstellationen. Die befragten Studierenden machen in unterschiedlichem quantitativen Maße von den sich bietenden Möglichkeiten Gebrauch. Die einzelnen Medienanwendungen erlauben in Abhängikeit von den individuellen Nutzungsbarrieren jedem Nutzer Aktivität in der Form von Produktion und Selektion. Studierende, die das Internet überwiegend als Selektionsmedium begreifen, müssen auf bereits produzierte Medienangebote zurückgreifen und versuchen, diesen ihren Bedürfnissen entsprechend Bedeutung zuzuweisen. Studierende die das Internet dagegen als Aktivitätsmedium begreifen, können sich an ihren eigenen Bedürfnissen orientieren und durch Aktivität in der Form von Produktion neuer Aktivitätsrahmen und eigener Medienangebote Reaktionen gezielt provozieren. Damit ist es ihnen gegebenenfalls möglich, zuvor nicht existierende Selektionsmöglichkeiten für sich schaffen, denen sie sinnhaft Bedeutung zuweisen können. Die Auswertung der erhobenen Basisdaten bekräftigt diese Überlegung: Es ist ein leichter Trend erkennbar, daß die befragten Studierenden geistes- und sozialwissenschaftlicher Studiengänge, die den Nutzen des Internet für ihr Studium positiv bewerten, ein breiteres Medienanwendungsspektrum nutzen und in größerem Maße Aktivität in der Form von Produktion zeigen als diejenigen, die den Nutzen eher negativ bewerten.

Dem explorativen Ansatz folgend sollen die Schlußfolgerungen aus den Gesamtüberlegungen dieser Arbeit zusammenfassend als begründete Vermutungen zur Diskussion gestellt werden. Die genannten beispielhaften Teilhypothesen müssen im Zusammenhang mit den aufgestellten Grundannahmen und der Kernhypothese betrachtet werden.

Grundannahmen:

Die bestimmenden Ausgangsfaktoren individueller Internet-Nutzung sind Motivation, Akzeptanz und Kenntnis.

Die Internet-Nutzung wird massiv durch den individuell unterschiedlichen Einfluß von Zugangs-, Ausstattungs-, Struktur- und Kooperationsbarrieren beeinflußt.

Kernhypothese:

Bei vergleichbaren Ausgangsfaktoren und ähnlichem Einfluß der Nutzungsbarrieren nimmt die individuelle Bewertung studiumbezogener Internet-Nutzung in dem Maße zu, wie das Kommunikationsmedium Internet als ein breit gefächertes Aktivitätsmedium begriffen wird.

(beispielhafte) Teilhypothesen:

Studierende, die auch Medienangebote im World Wide Web produzieren, bewerten den Nutzen des Internet für ihr Studium tendentiell höher als diejenigen, die dort nur selektieren.

Positive Reaktionen auf produzierte Medienangebote begünstigen erhöhte Nutzenbewertung.

Studierende, die Mailing-Listen nutzen, bewerten den Nutzen des Internet für ihr Studium tendentiell höher als diejenigen, die diese Medienanwendung nicht nutzen.

Wenn zukünftig nach Wirkungen und tiefgreifenderen Zusammenhängen bei der studiumbezogenen Internet-Nutzung gefragt wird, so muß angesichts der Fülle unterschiedlicher Einflußfaktoren ein das Verständnis und die Bedeutungszuweisungen bestimmender individueller Rahmen des einzelnen Nutzers noch in weitaus stärkerem Maße berücksichtigt werden, als bisher. Es erscheint fraglich, ob dies mittels rein quantitativ operierender empirischer Erhebungsmethoden möglich sein wird. Eine ähnliche Haltung vertritt Renckstorf abschließend in seinen Überlegungen zur Anlage kommunikationswissenschaftlicher Studien: „Im allgemeinen bedeutet dies, daß ‘verstehenden’ oder ‘interpretativen’ Methoden der Vorzug zu geben ist, so daß die Rekonstrunktion der Lebenswelten Betroffener möglich wird." [ Renckstorf, Karsten: Kommunikationswissenschaft als sozialwissenschaftliche Disziplin. Theoretische Perspektiven, Forschungsfragen und Forschungsansätze. a.a.O.. S. 81. ]

Es wird notwendig sein, weiter aufmerksam aus unterschiedlichen Perspektiven zu beobachten, ob und wie sich der Bedarf an einem Kommunikationsmedium Internet in den kommenden Jahren im Kontext des Wissenschaftssystems weiter entwickeln wird und welche Konturen dieses gestaltbare Medium durch die Formen der Nutzung annimmt. Kommunikationswissenschaftliche Forschung könnte dabei nicht nur reaktiv operieren, sondern in experimentell angelegten Studien die Anwendbarkeit kreativer Nutzungsformen untersuchen und die Entwicklung damit interpretierend begleiten.

Aus persönlicher Sicht erweitert die Kenntnis des Nutzungspotentials des Internet das Spektrum eigener Handlungsmöglichkeiten. Kenntnis bildet die Voraussetzung, um im Einzelfall immer wieder neu entscheiden zu können, welche Form der Kommunikation die Erfüllung konkreter Bedürfnisse begünstigt. Der stetig fortdauernde Erwerb von Kenntnissen wird daher möglicherweise wichtiger denn je.

1996 Ralf Taprogge.
Letzte Änderung am 31.12.1996.
Kommentare und Anregungen an: taprogg@uni-muenster.de
Verweise auf diese Arbeit bitte nur unter URL:
http://www.uni-muenster.de/Publizistik/MAG3/ifp/taprogg/

Vielen Dank an Andreas von MAG3 und Rainer vom URZ.


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