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CMC Magazine
CMC Magazine von John December


2 Internet als Gegenstand kommunikationswissenschaftlicher Forschung

Eine explizit kommunikationswissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Internet findet in der Bundesrepublik Deutschland auf breiter Ebene bisher nicht statt. Bereits seit einiger Zeit wird jedoch von der Auflösung der Grenzen zwischen Individual- und Massenkommunikation gesprochen. [ Vgl. Mast, Claudia: Was leisten die Medien. Funktionaler Strukturwandel in den Kommunikationssystemen. Osnabrück 1986. S. 164-189.] Das in diesem Zusammenhang verwendete Schlagwort der Entwicklung neuer Medien beschreibt qualitative Unterschiede unzulänglich. [ Höflich kritisiert, daß in der Vergangenheit im Zusammenhang mit neuen Medien häufig nur neue Formen der Distribution, z.B. in Form der Kabel- und Satellitenkommunikation subsumiert wurden. Vgl. Höflich, Joachim R.: Technisch vermittelte interpersonale Kommunikation. Grundlagen, organisatorische Medienverwendung, Konstitution ‘elektronischer Gemeinschaften’. a.a.O.. S. 18.] Die weiteren Überlegungen werden zeigen, daß im Internet die Aufhebung der genannten Grenzen, zum Teil noch auf primitiver Basis, bereits technologisch möglich ist. [ Siehe dazu Kapitel 3 dieser Arbeit.] Der Frage, welche Kommunikationspotentiale damit verbunden sein können, wird bisher wenig Beachtung geschenkt. Konkret auf das Internet bezogene Forschungsansätze stellen bisher vorwiegend theoretische Handlungsaufforderungen und weniger Ergebnisse praktischer Untersuchungen dar. Eine Bestandsaufnahme bereits durchgeführter empirischer Studien zur Nutzung des Internet muß daher weitgehend auf Arbeiten anderer wissenschaftlicher Disziplinen zurückgreifen. Höflich betont jedoch, daß eine kommunikationswissenschaftliche Auseinandersetzung mit technisch vermittelter Kommunikation kaum auf interdisziplinäre Bezüge verzichten kann. [ Vgl. Höflich, Joachim R.: Technisch vermittelte interpersonale Kommunikation. Grundlagen, organisatorische Medienverwendung, Konstitution ‘elektronischer Gemeinschaften’. a.a.O.. S. 24. Die Forderung nach Zusammenarbeit zeigt sich auch in der Tatsache, daß viele der bisherigen Untersuchungen zum Internet in interdisziplinären Forschungsgruppen entstanden sind. Als Beispiele können hier die Projektgruppe Kulturraum Internet am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung oder die Arbeitsgemeinschaft sozialwissenschaftliche Forschung und Weiterbildung an der Universität Trier genannt werden. Vgl. dazu Wetzstein, Thomas A./Dahm, Hermann: Die Nutzer von Computernetzen - eine Typologie. In: Rost, Martin: Die Netzrevolution. Auf dem Weg in die Weltgesellschaft. a.a.O.. S. 37-49. ]

2.1 Forschungsansätze der Kommunikationswissenschaft im Kontext des Internet

Um zu entscheiden, welche Schwerpunkte eine explorative Auseinandersetzung mit der Nutzung des Internet durch Studierende geistes- und sozialwissenschaftlicher Studienfächer auf praktischer Ebene setzen muß, ist es notwendig, sinnvolle theoretische Anknüpfungspunkte zu finden. Bestehende Forschungsansätze der Kommunikationswissenschaft werden dazu in einen Kontext zum Internet gesetzt. Kernbegriffe sind dabei Motivation, Vermittlung, Kommunikationskonstellation und Aktivität.

2.1.1 Kommunikation und Vermittlung durch Medien

„Um mit anderen in Kontakt zu treten, benutzten die Menschen schon immer ‘vermittelnde Instanzen’." [ Höflich, Joachim R.: Technisch vermittelte interpersonale Kommunikation. Grundlagen, organisatorische Medienverwendung, Konstitution ‘elektronischer Gemeinschaften’. a.a.O.. S. 9.]

Einen Ansatzpunkt zur Einordnung der Nutzung des Internet in einen kommunikationswissenschaftlichen Rahmen stellt der Aspekt der Vermittlung dar. Die Entwicklung vermittelter Kommunikation läßt sich bis in die frühe Menschheitsgeschichte zurückverfolgen: In der Antike existierte eine Übermittlung von Nachrichten durch menschliche Boten; später folgten die Nutzung natürlicher Hilfsmittel wie Buschtrommeln oder die Einrichtung eines organisierten Briefpostsystems; die experimentelle Nutzung von Breitbandnetzen stellt den bisherigen Höhepunkt der Entwicklung elektrotechnischer Vermittlung dar. Die Beispiele belegen eine permanente Weiterentwicklung der Übermittlungssysteme. Höflich stellt im Rahmen seiner Beschreibung dieses Prozesses resümierend fest, daß „(...) vermittelte Kommunikation in doppelter Hinsicht bedeutungsvoll ist, sowohl hinsichtlich des übermittelten Inhaltes als auch im Hinblick auf die Art und Weise der Übermittlung." [ Ebd..] Die Frage nach der Art der Vermittlung führt zum Begriff des Mediums.

Der Medienbegriff ist weder umgangssprachlich noch wissenschaftlich eindeutig festgelegt. Grob und Bensberg unterscheiden im allgemeinen Sprachgebrauch fünf Ebenen der Verwendung: „Als Medien werden im allgemeinen Sprachgebrauch sowohl technologische Plattformen (z.B. Buch oder Fernsehen), Repräsentationsebenen (z. B. CD-ROM), aber auch Transformationsebenen (z.B. Musik) und letztlich Wahrnehmungsebenen (Ton und Bild), die physikalisch aus Schallwellen und Lichtwellen resultieren, bezeichnet." [ Grob, Heinz Lothar/Bensberg, Frank: MULTIMEDIA. Arbeitsbericht Nr. 3. Begriffliche Abgrenzungen. 1996. Online in Internet. URL: http://www-wi.uni-muenster.de/lehrst/aw/calcat/ab3/ab3a1.htm (Stand 15.03.1996).] Umgangssprachlich müssen zusätzlich Organisationen (z.B. Verlage, Rundfunkanstalten etc.) und Akteure (z.B. Redakteure) genannt werden. Medium in einem allgemeinen Verständnis bezeichnet jede Art von Vermittlung, die dazu beiträgt Kommunikation zu ermöglichen. [ Vgl. Höflich, Joachim R.: Technisch vermittelte interpersonale Kommunikation. Grundlagen, organisatorische Medienverwendung, Konstitution ‘elektronischer Gemeinschaften’. a.a.O.. S. 17.]

Im Kontext dieser Arbeit wird der Medienbegriff durch eine Beschränkung auf technische Medien faßbar. Darunter sind alle technologischen Entwicklungen zu verstehen, die es erlauben, die Möglichkeiten der Kommunikation zu erweitern. Kommunikation wird dabei als „(...) eine Übermittlung von Verhaltensmustern von einem System / Raum / Zeit / Medium zu einem anderen (...)" [ Krippendorf, Klaus: Der verschwundene Bote. Metaphern und Modelle der Kommunikation. In: Merten, Klaus/Schmidt, Siegfried J./Weischenberg, Siegfried (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft. a.a.O.. S. 112.] verstanden. Dem diskutierten und als Arbeitsgrundlage festgelegtem technologisch determinierten Verständnis folgend kann das Internet als technisches Medium begriffen werden. Die technologischen Determinanten eines solchen Mediums reichen nicht aus, um von einem Kommunikationsmedium zu sprechen. Eine Beschreibung von Organisationsstrukturen und Formen des Gebrauchs ist notwendig. Fernsehen ermöglicht keinesfalls Kommunikation, wenn niemand Fernsehsendungen produziert oder wenn niemand Fernsehsendungen anschaut. Andererseits ist niemand in der Lage, auf der einzelnen Papierseite eines Buches einen Videofilm, also eine dem Auge Bewegung simulierende Folge von Bildern, zu integrieren. Die technologische Determiniertheit eines Buches schließt dies aus. Die Kreativität des Menschen ermöglicht es jedoch, durch Druck einer Abfolge von Bildern auf mehrere hintereinander folgende Seiten die technologischen Grenzen zu umgehen und doch einen Film im Buch zu erschaffen: das Daumenkino. Den Zusammenhang von Technologie und Nutzung im Internet werden die weiteren Überlegungen verdeutlichen.

Bezüglich einer Auseinandersetzung insbesondere mit klassischen Massenmedien fordert Schmidt eine genaue Differenzierung zwischen Kommunikationsmitteln, einschließlich der Konventionen Ihres Gebrauchs, Medienangeboten, Techniken sowie Institutionen bzw. Organisationen. „Die massenhafte Entwicklung und Verwendung von Medienangeboten geschieht heute in eigenständigen, weithin industriell geprägten Organisationen (...)." [ Schmidt, Siegfried J.: Konstruktivismus in der Medienforschung: Konzepte, Kritiken, Konsequenzen. In: Ebd.. S. 613.] Um diese Aussage in bezug auf ein Kommunikationsmedium Internet zu hinterfragen, bedarf es einer Diskussion des hier zugrunde gelegten Verständnisses von technisch vermittelter Interpersonal- und Massenkommunikation sowie deren Unterscheidung.

2.1.2 Interpersonale Kommunikation, Massenkommunikation und Interaktivität

Die am häufigsten thematisierte Problematik in kommunikationswissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit dem Internet stellt eine Unzulänglichkeit des bisher verwendeten Massenkommunikationsbegriffes dar. [ Vgl. Krotz, Friedrich: Elektronisch mediatisierte Kommunikation. Überlegungen zur Konzeption einiger zukünftiger Forschungsfelder der Kommunikationswissenschaft. In: Rundfunk und Fernsehen. Heft 4/1995. S. 449.] Zurückzuführen ist dieser Begriff auf die an einer Transportmetapher orientierte mathematische Informationstheorie von Shannon und Weaver. [ Vgl. Krippendorf, Klaus: Der verschwundene Bote. Metaphern und Modelle der Kommunikation. In: Merten, Klaus/Schmidt, Siegfried J./Weischenberg, Siegfried (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft. a.a.O.. S. 93. ] Dabei wird Information formal als etwas begriffen, was von einem Sender zu einem Empfänger übertragen wird und dabei quantitativ über Begriffe wie ‘Kanalkapazität’ oder ‘Rauschen’ beschreibbar wird. In Orientierung an diese Vorstellung definiert Maletzke Massenkommunikation als „(...) jene Form der Kommunikation, bei der Aussagen öffentlich (also ohne begrenzte und personell definierte Empfängerschaft) durch technische Verbreitungsmittel (Medien) indirekt (also bei räumlicher oder zeitlicher oder raumzeitlicher Distanz zwischen den Kommunikationspartnern) und einseitig (also ohne Rollenwechsel zwischen Aussagendem und Aufnehmenden) an ein disperses Publikum (im soeben erläuterten Sinne) vermittelt werden." [ Maletzke, Gerhard: Psychologie der Massenkommunikation. Hamburg 1992. S. 32.] Heute wird Information vielfach weniger formal, sondern vielmehr als Sinn- und Bedeutungsproduktion in den Köpfen der Menschen betrachtet. [ Vgl Schmidt, Siegfried J.: Konstruktivismus in der Medienforschung: Konzepte, Kritiken, Konsequenzen. In: Merten, Klaus/Schmidt, Siegfried J./Weischenberg, Siegfried (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft. a.a.O.. S. 615.] Dennoch liegen hier noch immer Maletzkes Aspekte der weitgehenden Einseitigkeit und der Zuweisung relativ fester Rollen einer Vorstellung von Massenkommunikation zugrunde. Dies zeigt sich z.B. in der von Schmidt genannten Bedeutung von Organisationen, die in Form von Verlagen, Funkhäusern etc. ein Massenmediensystem bilden.

Interpersonale Kommunikation wird, im Gegensatz zur Massenkommunikation, häufig vom Grundkonzept an physische Anwesenheit der Beteiligten gebunden: „The dominant concept of interpersonal communication holds, that it occurs when two or three persons interact face-to-face. Giving such circumstances, it follows that feedback (the reaction of the communicator to another) is immediately available, that most of the senses (seeing, hearing, touching, smelling, tasting) can be used, and that no mechanical devices (public address system, telephone, television camera) seperate the communicators." [ Miller, Gerald M./Steinberg, Mark: Between People. A New Analysis of Interpersonal Communication. Chicago 1995. S. 6.] Unter dieser Prämisse wird die Einbeziehung eines technischen Mediums vorrangig als Restriktion gewertet. Bezüglich des Telefons resümiert Höflich, daß sich bei diesem klassischen Medium technisch vermittelter interpersonaler Kommunikation Regeln und Gebrauchsweisen etabliert haben, die „(...) das Telefon zu einem Medium der Nahraumkommunikation und kommunikationstechnisch verlängerter vorgängiger Sozialkontakte machen." [ Höflich, Joachim R.: Technisch vermittelte interpersonale Kommunikation. Grundlagen, organisatorische Medienverwendung, Konstitution ‘elektronischer Gemeinschaften’. a.a.O.. S. 300.] Gleichzeitig zeigt jedoch auch das Beispiel der Party-Lines einen Zusammenhang von veränderten Gebrauchsweisen und Kommunikationskonstellationen.

Vor dem beschriebenen Hintergrund der Konzepte von Interpersonal- und Massenkommunikation stellt December Analyseeinheiten für eine Auseinandersetzung mit Kommunikation im Internet auf. Er spricht dabei von Internet-basierter, Computer-vermittelter Kommunikation. [ Vgl. December, John: Units of Analysis for Internet Communication. In: Journal of Computer-Mediated Communication. Vol. 1/No. 4. A special joint issue with the Journal of Communication. 1995. Online in Internet. URL: http://cwis.usc.edu/dept/annenberg/vol1/issue4/december.html (Stand 18.03.1996).] Internet-basiert bezeichnet die bereits als Arbeitsgrundlage festgelegte technologische Determinierung des Internet. In engem Zusammenhang dazu steht die Notwendigkeit, zur Nutzung des Internet Computer als technologische Plattform zu verwenden. Computer werden jedoch auch in anderen Zusammenhängen eingesetzt. Zusätzlich unterscheiden sie sich in bezug auf ihr technologisches Nutzungspotential von anderen Plattformen, wie z.B. Fernseh- und Radiogeräten oder Telefonapparaten. Zur Charakterisierung dieses Potentials werden häufig zwei Schlagworte verwendet: Multimedia und Interaktivität.

Der jeweils verwendete Computer beeinflußt neben vielen anderen Faktoren die Möglichkeiten der Nutzung des Internet. Das Schlagwort Multimedia beschreibt diese Komplexitätsunterschiede der Plattform. Grob und Bensberg geben diesem Begriff eine Fundierung. [ Vgl. Grob, Heinz Lothar/Bensberg, Frank: MULTIMEDIA. Arbeitsbericht Nr. 3. Begriffliche Abgrenzungen. 1996. Online in Internet. a.a.O..] Als Beschreibungskriterien nennen sie Medienintegration und Interaktionspotential. Der zuerst genannte Begriff bezeichnet die zeitlich versetzte sowie parallele Möglichkeit der Darstellung statischer (Text, Graphik etc.) und dynamischer (Ton, Animation etc.) Medientypen. Als Beispiel erlaubt die technologische Determinierung des Internet theoretisch Video-Conferencing. Der verwendete Computer muß jedoch als Grundvoraussetzung für Nutzung dieser Anwendungsform über Hard- und Software zur Darstellung von Ton und Video verfügen. Das zweite Kriterium führt durch unklare Trennungen der Begriffe Interaktion und Interaktivität in unterschiedlichen Zusammenhängen zu Verwirrungen.

Im Zusammenhang mit der Entwicklung neuer Kommunikationstechnologien wird häufig deren interaktives Potential hervorgehoben. Damit wird zumeist eine Abgrenzung zu den eingeschränkten Rückkopplungsmöglichkeiten klassischer Massenmedien beabsichtigt: „So the most distinctive single quality of the new media is their interactivity, indicating their basic change in the directionality of communication from the one-way, one-to-many flow of the print and electronic mass media of the past century." [ Rogers, Everett M.: Communication Technology. The New Media in Society. New York 1986. S. 6.] Diese Vorstellung bezeichnet mit Interaktivität eine Eigenschaft des jeweiligen technischen Mediums. Als konkrete Beispiele werden u.a. CD-ROM-Spiele oder interaktives Fernsehen genannt. [ Vgl. z.B. Vorderer, Peter: Will das Publikum neue Medien(angebote)? In: Rundfunk und Fernsehen. Heft 4/1995. S. 501.] Die Möglichkeit der Reaktion auf eine Aktion des Nutzers steht dabei im Vordergrund. Diese Reaktionen, z.B. wenn beim interaktiven Fernsehen ein Nutzer die Kameraeinstellung bei einer Fußballübertragung selbst bestimmen kann, stellen tatsächlich nur eine Simulation von Reaktionen dar. Jedes Feedback ist durch ein vorgefertigtes Medienangebot vorbestimmt. Für den Nutzer erhöhen sich im Vergleich zu den klassischen Massenmedien nur die formalen Möglichkeiten der Selektion. Erfolgreiche Computerspiele zeichnen sich z.B. neben inhaltlichen (Handlungskonzept) und formalen (Medienintegration) Aspekten häufig durch eine glaubwürdige Simulation der Reaktionen kognitiver Systeme aus. Dem Programmierer eines solchen Spieles stehen dabei u.a. durch Verwendung von mathematischen Funktionen, Variablen und komplexen ‘if’- und ‘when’ Konstruktionen umfangreiche Möglichkeiten zur Verfügung. Auf eine Aktion des Nutzers kann daher in Abhängigkeit von vorherigen Aktionen ein unterschiedliches Feedback erfolgen. Veränderte Wirkungen auf den Nutzer sind durch eine solche Form von Interaktivität nicht auszuschließen. Dennoch hat der Quell-Text eines Computer-Programmes, dessen Ausführung das Feedback auf eine Aktion des Nutzers bewirkt, niemals die Möglichkeit einer bewußten optionalen Entscheidung.

Einen erweiterten Interaktivitätsbegriff beschreibt Höflich. [ Vgl. Höflich, Joachim R.: Technisch vermittelte interpersonale Kommunikation. Grundlagen, organisatorische Medienverwendung, Konstitution ‘elektronischer Gemeinschaften’. a.a.O.. S. 62.] Dabei bezeichnet er Interaktivität nicht nur als Medieneigenschaft. Er nutzt den Begriff auch zur Charakterisierung von Interaktionsprozessen. Interaktion bezeichnet in verschiedenen Einzelwissenschaften unterschiedliche Konzepte. Goertz nennt eine Reihe von Beispielen aus der Medizin, der Linguistik, der Statistik oder den Ingenieurwissenschaften. [ Vgl. Goertz, Lutz: Wie interaktiv sind die Medien? Auf dem Weg zu einer Definition von Interaktivität. In: Rundfunk und Fernsehen. Heft 4/1995. S. 477.] Soziologische Vorstellungen von Interaktion sind häufig an Bedingungen der face-to-face Kommunikation geknüpft: „Zur Einwirkung auf ihre Interaktionspartner stehen den kognitiven Systemen alle bis zum jeweiligen Zeitpunkt entwickelten und ausführbaren Verhaltens- und Handlungsweisen zur Verfügung, physisches Einwirken auf den anderen, Lautproduktion usw.." [ Rusch, Gebhard: Kommunikation und Verstehen. In: Merten, Klaus/Schmidt, Siegfried J./Weischenberg, Siegfried (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft. a.a.O.. S. 63.] Es ist umstritten, wie die durch Zwischenschaltung elektronischer Medien bedingten Restriktionen eingeschätzt werden sollen und ob dann diese Vorstellung von Interaktion noch verwendet werden kann. [ Vgl. Jäckel, Michael: Interaktion. Soziologische Anmerkungen zu einem Begriff. In: Rundfunk und Fernsehen. Heft 4/1995. S. 466.]

In einem engeren Sinne konzeptualisiert Höflich Interaktivität dennoch als Eigenschaft interpersonaler Kommunikation. Er setzt damit eine Beteiligung anderer Nutzer voraus: „Die Nutzung interaktiver Medien unterscheidet sich schon deshalb von anderen Formen mediatisierter Kommunikation, weil sie nicht nur auf andere Personen bezogen ist, sondern, anders als bei den Massenmedien oder bei Computerspielen, eine medienbezogene Befriedigung kommunikativer Bedürfnisse ohne die Beteiligung anderer ausschließt." [ Höflich, Joachim R.: Technisch vermittelte interpersonale Kommunikation. Grundlagen, organisatorische Medienverwendung, Konstitution ‘elektronischer Gemeinschaften’. a.a.O.. S. 66.] Rafaeli unterscheidet in diesem Zusammenhang interaktive, quasi-interaktive und nicht-interaktive Kommunikationssequenzen. [ Vgl. Rafaeli, Sheizaf: Interactivity. From New Media to Communication. In: Hawkins, Robert P./Wiemann, John M./Pingree, Suzanne (Hrsg.): Advancing Communication Science. Merging Mass and Interpersonal Processes. Newbury Park 1988. S. 111.] Damit wird beschrieben, ob im Wechselspiel von Aktion und Reaktion auf keine, eine oder mehrere Aktionen sinnhaft Bezug genommen wird. Wenn für Sinnhaftigkeit der kognitive Bezug vorausgesetzt wird, muß z.B. die Nutzung von Computerspielen als nicht-interaktiv bezeichnet werden. Wird der kognitive Bezug dagegen nicht zwingend verlangt, so kann von Quasi-Interaktivität oder Interaktivität gesprochen werden.

Der Begriff Interaktivität erschwert durch seine ambivalente Verwendung eine allgemeine Charakterisierung von über das Internet ermöglichter Kommunikation. Es kann keine Differenzierung zwischen kognitiv und nicht kognitiv begründeten Aktionen und Reaktionen vorgenommen werden, wenn diese mit einem einzigen Begriff bezeichnet werden. Goertz formuliert daher einen neuen Interaktivitätsbegriff. [ Vgl. Goertz, Lutz: Wie interaktiv sind die Medien? Auf dem Weg zu einer Definition von Interaktivität. In: Rundfunk und Fernsehen. a.a.O.. S. 484ff.] Zunächst schlägt er vor, an Stelle der Interaktivität von Medien (als Angebot, Dienst) die Interaktivität von Medienanwendungen zu beurteilen. Dazu stellt er vier Meßfaktoren der Interaktivität auf:

  • Grad der Selektionsmöglichkeiten,
  • Grad der Modifikationsmöglichkeiten,
  • Größe des Selektions- und Modifikationsangebotes und
  • Grad der Linearität/Nicht-Linearität.

Diese Einteilung eignet sich in eingeschränkter Form, um unabhängig von tatsächlicher Nutzung ein ‘interaktives Potential’ von über das Internet möglichen Anwendungsformen zu beschreiben. [ Die von Goetz vorgenommene Trennung von Medienanwendungen bleibt in bezug auf das Internet unscharf. Ebd.. S. 489. Das von ihm angeführte ‘EMAIL SENDEN’ ermöglicht mittels Persönlicher Email oder Email in Mailing-Listen eine zusätzliche Entscheidung von aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht qualitativer Bedeutung: die Wahl zwischen einer potentiellen one-to-one , one-to-few oder few-to-few Konstellation. Es erscheint daher sinnvoll, eine Medienanwendung vielmehr über die durch sie ermöglichten Kommunikationskonstellationen (synchron/asynchron und one-to-one bis many-to-many ), ihr Aktivitätspotential in den Formen von Produktion und Selektion von Medienangeboten und die dabei integrierbaren Medientypen (Video, Audio etc.) zu definieren. Dies wird in den weiteren Ausführungen dieser Arbeit ausführlich erläutert.] Aus einer Nutzerperspektive bleibt dabei ein zusätzliches Potential unberücksichtigt: Im Internet besteht die Möglichkeit der beliebigen Verknüpfung von Anwendungsformen in bezug auf ein konkretes Ziel. [ Die Darstellung der Durchführung der Vorabbefragung zu Zugangsmöglichkeiten zum Internet an deutschen Universitäten zeigt dies beispielhaft. Siehe dazu Kapitel 4.2.1 dieser Arbeit.]

Unabhängig von den begrifflichen Diskussionen kann aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht im Zusammenhang mit dem Internet eine konkrete Frage formuliert werden: Handelt es sich aus Nutzerperspektive bei den an den jeweiligen Kommunikationsschritten direkt Beteiligten um andere Nutzer oder Apparate im weitesten Sinne? Erstgenannte zeichnen sich durch den optionalen Charakter von Aktionen und Reaktionen aus: „Kontextintensive, explorativ und experimentell operierende, konstruierend verfahrende, d.h. im weitesten Sinne lernfähige und lernende Systeme sind allen bekannten technischen Informationsübertragungssystemen unter den Bedingungen menschlicher Alltagskommunikation überlegen." [ Rusch, Gebhard: Kommunikation und Verstehen. In: Merten, Klaus/Schmidt, Siegfried J./Weischenberg, Siegfried (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft. a.a.O.. S. 67.] Es erscheint als ein qualitativer Unterschied, ob ein Nutzer über ein World Wide Web Dokument eine an ein CGI-Script [ Das Common Gateway Interface (CGI) ermöglicht die Anbindung zusätzlicher Programme an Informationsangebote im World Wide Web . Siehe dazu Kapitel 3.2 dieser Arbeit.] geknüpfte Datenbankabfrage vornimmt oder ob er eine Anfrage in einer Newsgroup stellt. Im ersten Fall ist die Art des Feedback vorherbestimmt und im zweiten Fall in der beschriebenen Weise offen.

Auf Grundlage der genannten Aspekte konzeptualisieren Morris und Ogan das Internet als ein „(...) multifaceted mass medium, that is, it contains many different configurations of communication. (...) Each point in the traditional model of the communication process can, in fact, vary from one to a few to many on the Internet." [ Morris, Merill/Ogan, Christine: The Internet as Mass Medium. In: Journal of Computer-Mediated Communication. Vol. 1/No. 4. A special joint issue with the Journal of Communication. 1995. Online in Internet. a.a.O..] Dem ist zuzustimmen, sofern das Internet aufgrund der technologischen Determinierung als Einheit begriffen wird, der sich die dadurch ermöglichten Konfigurationen für Kommunikation unterordnen lassen. Bereits die Ausprägungen der one-to-one Konstellationen sind vielfältig: Es gibt Formen asynchroner Kommunikation auf Textbasis (Email, wobei hier durch Verwendung von Verschlüsselungsalgorythmen noch zwischen vermeintlicher und wahrscheinlicher Sicherheit der one-to-one Beziehung unterschieden werden kann); es existieren Formen synchroner Kommunikation auf Textbasis (Direct Client to Client) bis hin zu synchroner Kommunikation mit gesprochener Sprache und Bewegtbildern (Telephonie und Video-Conferencing); letztere Form ist technologisch auch in asynchroner Form (Voice-Mail, Video-Mail) möglich. Diese Formen technisch vermittelter interpersonaler Kommunikation sind in bezug auf ein einziges Thema in beliebiger Weise über das Internet kombinierbar. Klassische massenmediale Beziehungskonstellationen der one- oder few-to-many Kommunikation lassen sich ebenso beobachten. Als Beispiel kann hier das World Wide Web genannt werden. Die technologische Determinierung des Internet erlaubt innerhalb von Grenzen jedem Nutzer die Übernahme einer Produzentenrolle. [ Möglichkeiten zur Bestimmung dieser Grenzen werden im weiteren Verlauf der Arbeit erörtert.] Hier ist ein Unterschied zur Vorstellung von Organisationen als Träger eines Massenmediensystems erkennbar. Ob, wie und warum welche Nutzer welche Rolle dann im Rahmen der Nutzung tatsächlich übernehmen ist noch unklar. Morris und Ogan deuten eine Reihe weiterer möglicher Kommunikationskonstellationen an [ Vgl. Morris, Merill/Ogan, Christine: The Internet as Mass Medium. In: Journal of Computer-Mediated Communication. Vol. 1/No. 4. A special joint issue with the Journal of Communication. 1995. Online in Internet. a.a.O..] , die aufzuzeigen und vor allem zueinander in Beziehung zu setzen das Ziel der Auseinandersetzung mit Geschichte und praktischen Anwendungsformen des Internet sein wird. [ Siehe dazu Kapitel 3 dieser Arbeit.]

Der Aussage von Krotz, das Internet sei neu, muß widersprochen werden [ Vgl. Krotz, Friedrich: Elektronisch mediatisierte Kommunikation. Überlegungen zur Konzeption einiger zukünftiger Forschungsfelder der Kommunikationswissenschaft. In: Rundfunk und Fernsehen. a.a.O.. S. 446.] . Die basalen Konzepte, die sich dahinter verbergen, haben sich seit den 60er Jahren entwickelt. [ Siehe dazu Kapitel 3 dieser Arbeit.] Erst nach der Einführung des mit klassischen Massenmedien am ehesten vergleichbaren World Wide Web [ Helmers, Hoffmann und Hofmann bezeichnen das World Wide Web in diesem Zusammenhang als die ‘Killer-Applikation’ des Internet. Vgl. Helmers, Sabine/Hoffmann, Ute/Hofmann, Jeanette: Offene Datennetze als gesellschaftlicher Raum - Das Modell Internet. 1995. Online in Internet. URL: http://duplox.wz-berlin.de/docs/eu/ (Stand 12.02.1996).] stieg die Zahl der Menschen mit Zugang zum Internet sprunghaft an. Dabei sind die Formen der Nutzung noch weitgehend ungeklärt. Einzelne Anwendungsformen existieren auch außerhalb des Internet. Der Forschungszweig der sogenannten Computer Mediated Communication (CMC) beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren vor allem mit einzelnen Aspekten interpersonaler Kommunikation. December nennt hier eine Reihe von Beispielen, die diese Entwicklung nachzeichnen. [ Vgl. December, John: Units of Analysis for Internet Communication. In: Journal of Computer-Mediated Communication. Vol. 1/No. 4. A special joint issue with the Journal of Communication. 1995. Online in Internet. a.a.O..] Die Neuartigkeit des Internet liegt jedoch im technologisch determinierten Integrationspotential von Elementen aller bestehenden Formen von technisch vermittelter Individual- und Massenkommunikation. Newhagen stellt fest, daß dies allein keinen Grund darstellt, in einem Kausalzusammenhang von grundsätzlich neuen Problemstellungen auszugehen. [ „Finally, I agree with you that the Internet does not have to put newspapers and TV out of business for it to be truly revolutionary. I do not think there has ever been much empirical support for displacement theories. Whereas older systems may not go into instant extinction because of the Internet, they will be radically transformed by it." Newhagen, John E./Rafaeli, Sheizaf: Why Communication Researchers Should Study the Internet: A Dialogue. In: Journal of Computer-Mediated Communication. Vol. 1/No. 4. A special joint issue with the Journal of Communication. 1995. Online in Internet. a.a.O..] Morris und Ogan fordern, kommunikationswissenschaftliche Begriffe wie z.B. Massenkommunikation daher nicht zu verwerfen, sondern in bezug auf das Internet zu hinterfragen und gegebenenfalls zu erweitern. [ „(...) if mass communications researchers continue to largely disregard the research potential of the Internet, their theories about communication will become less useful. Not only will the discipline be left behind, it will also miss an opportunity to explore and rethink answers to some of the central questions of mass communications research, questions that go to the heart of the model of source-message-receiver with which the field has struggled." Morris, Merill/Ogan, Christine: The Internet as Mass Medium. In: Journal of Computer-Mediated Communication. Vol. 1/No. 4. A special joint issue with the Journal of Communication. 1995. Online in Internet. a.a.O..]

Aus dieser Differenzierung zwischen technisch vermittelter interpersonaler Kommunikation und Massenkommunikation ergeben sich eine Reihe von Folgefragen: Kann zwischen Publikum und Medienorganisationen nicht mehr wie in der bisherigen Form unterschieden werden? Übernehmen neue Organisationsformen vergleichbare Funktionen wie die Medienorganisationen im herkömmlichen Massenmediensystem? [ Die Diskussionen um die Verantwortung für pornographische und rechtsradikale Inhalte in den Newsgroups drehten sich zum Beispiel u.a. um die Frage, ob Anbieter von Internet-Zugängen eher als Rundfunkanstalten oder als eine Art Briefträger gesehen werden müssen. Vgl. Attlfellner, Rudolph: Der Fall Compuserve - Mücken, Elefanten und ein paar Fragen. In: PLANET. Das Internet-Magazin. Heft 3+4/96. S. 47f.] Welche Rolle spielt das Konzept der critical mass? Wie wirkt sich das Problem, Reichweiten von Medienangeboten zu bestimmen, kommunikationspraktisch aus? Welche Folgen hat es für die Glaubwürdigkeit, wenn nicht nur Medienorganisationen Medienangebote in vielfältigen Kommunikationskonstellationen anbieten können? [ Vgl. Morris, Merill/Ogan, Christine: The Internet as Mass Medium. In: Journal of Computer-Mediated Communication. Vol. 1/No. 4. A special joint issue with the Journal of Communication. 1995. Online in Internet. a.a.O..] Einen kleinen Schritt zur langfristig notwendigen Auseinandersetzung mit diesen Fragen stellen Nutzungsstudien in unterschiedlichen Kontexten dar.

Die Technologie des Internet setzt somit Grenzen, die jedoch weit gesteckt sind. Der Gestaltungsspielraum für den Nutzer ist größer, als bei jedem anderen Medium technisch vermittelter Kommunikation zuvor. In einer Diskussion zu der Frage, ob sich das Internet selbst, als eine von vielen möglichen Teildefinitionen, als Sozialsystem im Sinne Luhmanns beschreiben läßt, schlägt Nassehi vor, die Diskussion um eine kommunikationstheoretische Sichtweise zu erweitern:

„M.E. kommen wir weiter, wenn wir die systemtheoretische durch eine stärker kommunikationstheoretische Fragerichtung ergänzen und uns zunächst empirisch ansehen, was eigentlich an Kommunikation per Internet passiert. Sverre Moe (14.3.) hat letztlich die richtigen Fragen gestellt: > What kind of medium? What kind of communication? Was die Kommunikationsinhalte angeht, scheint es tatsächlich kaum Grenzen zu geben. Das Internet ermöglicht alles Mögliche, von intimer Kommunikation über Wahlkampf und Zahlungen bis zu wisenschaftlicher Kommunikation. Unterschiedlichste (generalisierte) Kommunikationsmedien, Codierungen, Themen usw. sind per Internet kommunizierbar, und es ist letztlich eine evolutionstheoretische Frage, welche Formen anschlußfähig bleiben, d.h. auf welches kommunikative Ereignis ein weiteres folgt." [ Nassehi, Armin: System Internet? 17.03.1996. Online in Internet. Mailing-Liste LUHMANN <LUHMANN@VM.GMD.DE>.]

2.1.3 Nutzung, Gratifikation und Motivation

„Eine Kommunikationsforschung, die an einer Nutzerperspektive ansetzt, muß in der Konzeption dieses neuen, sich entwickelnden Forschungsfeldes ganz allgemein mit einem Konzept elektronisch mediatisierter Kommunikation operieren, in dem herkömmliche Mediennutzung und -rezeption ebenso wie technisch vermittelte interpersonale Kommunikation systematisch gesehen nur noch als ideale Spezialfälle enthalten sind, auch wenn sie noch auf lange Sicht den übergroßen Teil der Aufmerksamkeit und Zeit der Nutzer in Anspruch nehmen werden." [ Krotz, Friedrich: Elektronisch mediatisierte Kommunikation. Überlegungen zur Konzeption einiger zukünftiger Forschungsfelder der Kommunikationswissenschaft. In: Rundfunk und Fernsehen. a.a.O.. S. 448.]

Vor allem der letztgenannten Aussage von Krotz ist zuzustimmen. Ist jemand in der Lage, Technologie unabhängig von sozialen, politischen und ökonomischen Aspekten zu betrachten, kann darin ein Grund für entstehende Euphorie gesehen werden: Im Internet kann in ein technisches Medium das Potential aller vorherigen Entwicklungen, wenn auch noch mit qualitativen Unterschieden, [ Siehe dazu die Darstellung der Anwendungsformen im Internet in Kapitel 3.2 dieser Arbeit. ] so integriert werden, daß durch diese Integration ganz neue Formen der Vermittlung möglich werden. Weniger euphorisch betrachtet, deutet zur Zeit jedoch speziell in Deutschland nichts auf den Beginn einer teilweisen oder vollständigen Substitution klassischer Massenmedien hin. Möller bestätigt diese Einschätzung neben der Anführung grundsätzlicher politischer und ökonomischer Argumente auch aus einer Nutzerperspektive: „Um interaktive Medien erfolgreich zu machen, bedarf es jedoch Menschen, die sich auf diese Medien einlassen, sich darin einbringen. Daran scheint es zu mangeln. Vielleicht fehlt es derzeit einfach nur an Fantasie, und uns sind Alternativen der Mediennutzung einfach zu wenig bewußt (...)." [ Möller, Frank: Das Medienereignis suggeriert die lebensverändernde Universalmaschinerie. Datenautobahn und Internet in sieben nüchternen Thesen. O.J.. Online in Internet. URL: http://mips.jura2.uni-hamburg.de/~fmoeller/internet.htm (Stand 15.03.1996).] Hier kann die Überlegung angeschlossen werden, ob einzelne Alternativen einzelnen Nutzern bereits bewußt sind. Daher erscheint es sinnvoll, sich von festen Konzepten der Individual- und Massenkommunikation zu lösen und zunächst in einer explorativen Herangehensweise zu untersuchen, wie sich die von Möller angesprochene Phantasie in bezug auf die Mediennutzung im Internet äußert.

Einen theoretischen Bezugsrahmen der Arbeit stellt der kommunikationswissenschaftliche Nutzen- und Belohnungsansatz dar. [ Vgl. Merten, Klaus: Wirkungen von Kommunikation. In: Merten, Klaus/Schmidt, Siegfried J./Weischenberg, Siegfried (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft. a.a.O.. S. 317.] Dieser lenkt im Rahmen der Entwicklung der Medienwirkungsforschung den Fokus der Betrachtung, in Abkehr vom Stimulus-Response-Modell, auf eine aktive Rolle des Nutzers. Grundannahme ist dabei, daß Mediennutzung motiviert, also an eine Erwartungshaltung des Nutzers geknüpft ist. Aktivität soll im Zusammenhang mit dem Internet (als Kommunikationsmedium zu dem es durch Nutzung des technischen Mediums wird) jedoch nicht ausschließlich im Sinne einer Selektion von Medienangeboten verstanden werden. Vielmehr kann Aktivität in einem Kommunikationsprozeß hier als motivierte Unterscheidung von Selektion und Produktion und dabei jeweils in der optionalen Form von Aktion und Reaktion begriffen werden. Das produzierte oder selektierte Medienangebot ist bezüglich der dazu genutzten Kommunikationsmittel (Schrift, Graphik, etc.) innerhalb von Grenzen variabel. Dies gilt auch in Hinsicht auf zeitliche (z.B. Unmittelbarkeit bei Telephonie und unbestimmte Trennung bei World Wide Web Seiten) und räumliche (z.B. zwei nebeneinander liegende Büroräume oder zwei Kontinente) Distanz sowie die Anzahl der beteiligten Nutzer. Eine der Grenzen setzt die technologische Determinierung, die jedoch beim Internet weit gesteckt ist, daher aber auch weitreichende Kenntnisse praktischer und formaler Gebrauchsweisen erfordert. Als eine weitere Grenze kann die Notwendigkeit der im soeben beschriebenen Sinne verstandenen Aktivität anderer Nutzer benannt werden. Eine letzte wichtige Grenze besteht darin, daß als Grundvoraussetzung für die Nutzung ein Zugang zum Internet verfügbar sein muß. Ist dieser Zugang vorhanden, so muß technologisch zwischen sehr unterschiedlichen Qualitäten des Zugangs differenziert werden. [ Die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Zugangsformen zum Internet erfolgt in Kapitel 3.1 dieser Arbeit.] Grundsätzlich können jedoch alle an der Nutzung des Internet Beteiligten, also auch z.B. Verlage, die eine elektronische Zeitschrift im Internet anbieten, angesichts nicht fest zugewiesener Rollen als Nutzer bezeichnet werden. Deren Aktivitätsgrenzen unterliegen gleichen Faktoren, wie die aller anderen Nutzer. Welche vor allem medienunabhängige Faktoren im Internet die Grenzen der Aktivität einzelner, tatsächlicher wie potentieller [ Wem, weil er kein Geld hat und es keinen öffentlichen und kostenlosen Zugang zum Internet gibt, bereits die angesprochene Zugangsgrenze die Nutzung unmöglich macht, kann so als in seinem Aktivitätspotential begrenzter potentieller Nutzer gesehen werden. Konkret untersucht werden in dieser Arbeit jedoch nur solche Nutzer, die nicht bereits durch diese Zugangsgrenze behindert werden.] Nutzer in unterschiedlicher Weise bestimmen, ist eine der zentralen Fragen einer interdisziplinären Auseinandersetzung mit dem Internet.

Angeschlossen wird in dieser Arbeit an den Nutzen- und Belohnungsansatz in der Form, daß bei der Nutzung des Internet eine Motivation unterstellt wird. Anders als z.B. bei Kneer [ Vgl. Kneer, Volker: Computernetze und Kommunikation. 1994. Online in Internet. URL: http://www.rrz.uni-koeln.de/themen/cmc/text/kneer94a.txt (Stand 18.12.1995).] werden jedoch keine konkreten Gratifikationsdimensionen wie Informationsbedürfnis, Unterhaltungsbedürfnis etc. aufgestellt. Dem explorativem Ansatz der Arbeit folgend wird vielmehr der umgekehrte Weg verfolgt: Eine Motivation wird durch die Auswahl einer spezifischen Nutzergruppe bestimmt. Im konkreten Fall bedeutet dies die Annahme, daß Geistes- und Sozialwissenschaftler im Hinblick auf ihr Studium Bedürfnisse haben. Um entsprechende Gratifikationen zu erhalten nutzen einige Studenten auch das Internet. Trotz einer somit zweckorientierten Festlegung der Motivation wird bewußt dem Nutzer die Entscheidung überlassen, welche Teile seiner Nutzung [ Hier wird natürlich nicht ausgeschlossen, daß es auch für jeden Nutzer der gewählten Nutzergruppe eine nicht studiumbezogene Nutzung geben kann.] des Internet er als nützlich im Zusammenhang mit seinem Studium erachtet. Damit wird der Tatsache Rechnung getragen, daß Medienangebote für den Nutzer des Internet in der Unterscheidung von Produktion und Selektion in den beschriebenen Dimensionen erscheinen. Es kann also nicht von Programmpräferenzen gesprochen werden, die im Zusammenhang mit bestimmten Bedürfnissen gesehen werden. Diese Herangehensweise kann damit begründet werden, daß zum jetzigen Zeitpunkt nicht Wirkungen oder Typologien erkannt werden sollen. Die Frage lautet vielmehr, welche Kommunikationskonstellationen von Geistes- und Sozialwissenschaftlern angenommen werden und welche konkreten Probleme dabei auftauchen.

2.2 Relevante Nutzungsstudien zum Internet

Eine durch ein Universitätsstudium motivierte Nutzung des Internet wurde in der Bundesrepublik Deutschland bisher nicht untersucht. Auch in anderen Ländern stellt diese Frage bisher offensichtlich ein weitgehend unbearbeitetes Problemfeld dar. Es existieren jedoch eine Vielzahl von Nutzungsstudien, in denen andere Fragestellungen verfolgt werden. [ Bernad Batinic führt eine umfangreiche Liste mit Links zu Ergebnissen und Fragebögen im Internet durchgeführter Untersuchungen. Online in Internet. URL: http://www.psychol.uni-giessen.de/~Batinic/survey/fra_andr.htm (Stand 16.02.1996).] Dabei werden zum Teil nur einzelne über das Internet mögliche Anwendungsformen untersucht. In anderen Untersuchungen wird generell die Nutzung elektronischer Netze behandelt. Internet-Nutzung stellt hier neben z.B. der Nutzung nicht kommerzieller Mailbox-Netze nur einen Teilaspekt dar.

Seitdem Wirtschaftsunternehmen im Internet angesichts steigender Nutzerzahlen ein Marktpotential vermuten, nimmt vor allem die Zahl der Untersuchungen zu, die sich im weitesten Sinne dem Zweig der Marktforschung zuordnen lassen. [ Auf eine Anfrage zu empirischen Nutzungsstudien zum Internet bemerkt Holger Quellenberg: „Es gibt eine Vielzahl von Nutzerbefragungen (findet man sehr gut über Yahoo: http://www.yahoo.com). Die meisten sind jedoch auf das Marktpotential ausgerichtet, und wissenschaftlichen Ansprüchen dürften sie, allein aufgrund des Auswahlverfahrens, nicht genügen." Quellenberg, Holger: Re: Soziale Bewegungen. 02.05.1996. Online in Internet. Mailing-Liste Netzforum <NETZFORUM@medea.wz-berlin.de>. ] In der Tradition klassischer Massenmedienforschung wird Internet-Nutzung hier zum Teil auf Nutzung des World Wide Web in der Form von Selektion von Informationsangeboten beschränkt: „Bereits seit Beginn des Jahres 1995 ist das Internet durch die Vermarktung des World Wide Web in der Öffentlichkeit zu einem wichtigen Thema geworden. Immer mehr Unternehmen zeigen Interesse an dem Entstehen dieses neuen Mediums/Marktes und treten als Anbieter im World Wide Web auf. Für fundierte Investitionsentscheidungen standen ihnen bisher jedoch nur unzureichende Informationen zur Verfügung (...)." [ Fittkau, Susanne/Maaß, Holger: Das deutschsprachige World Wide Web. W3B-Ergebnisband. Hamburg 1996. S. 3.] In bezug auf ‘Online-Shopping’, Akzeptanz von Werbung etc. werden Nutzerprofile und Selektionspräferenzen aufgestellt. „Mediennutzung wird oft als Rezeption vorfabrizierter Massenprodukte verstanden." [ Wetzstein, Thomas A./Dahm, Hermann/Steinmetz, Linda et al.: Datenreisende. Die Kultur der Computernetze. Opladen 1995. S. 296.] Diese Aussage wird bestätigt, wenn in Marktforschungsuntersuchungen ausschließlich demographische Daten, allgemeines Mediennutzungsverhalten, die Nutzungsgewohnheiten des World Wide Web sowie Wünsche, Ansprüche und Meinungen zu Informationsangeboten im WWW abgefragt werden. [ Vgl. Fittkau, Susanne/Maaß, Holger: Das deutschsprachige World Wide Web. W3B-Ergebnisband. a.a.O.. S. 3.]

„Ein zentraler Zweig der angewandten Kommunikationsforschung lebt heute davon, Mediennutzungs- und Bewertungsdaten zusammenzutragen, um vor allem eines herauszufinden: Wen erreiche ich, wenn ich in einem bestimmten Medium und dort in einem bestimmten Umfeld Anzeigen oder Werbespots ‘schalte’?" [ Weischenberg, Siegfried J.: Journalistik 2. Medienkommunikation: Theorie und Praxis. Opladen 1995. S. 261.]

Auch wenn die Art der Anzeigen und Werbespots im Internet eine andere Form annimmt wird ein Kommunikationsmedium Internet in den Überlegungen kommerzieller Anbieter häufig nicht als Einheit begriffen. Weite Teile des Aktivitätspotentials der Nutzer bleiben dabei unberücksichtigt.

Wetzstein, Dahm, Steinmetz et al. warnen davor, einen Partizipationsgedanken überzubewerten. [ Vgl. Wetzstein, Thomas A./Dahm, Hermann/Steinmetz, Linda et al.:Datenreisende. Die Kultur der Computernetze. a.a.O.. S. 297.] Will der Nutzer überhaupt Aktivität in der Form von Produktion praktizieren? Kann eine solche Partizipation in kommerziellen Projekten sinnvoll eingebunden werden? Im Rahmen der Datenauswertung dienen Ergebnisse von Marktforschungsuntersuchungen jedoch nur als Vergleichsmaßstab. Gefragt ist nach grundsätzlichen Formen der Nutzung in einem konkreten Kontext.

„Medientheorie ist ja im Grunde kommerziell. Im Gegensatz zu Deutschland sind communication studies beispielsweise in den angelsaechsischen Laendern sehr marktbezogen ausgerichtet. Der Hauptzweig der Medientheorie ist der, wo das Raetsel Publikum geloest werden soll. Sie gehoert zum Designbereich, ist schon Teil des Medienbetriebs. Medientheorie, die sich eher aus den Bereichen Philosophie und Literaturwissenschaft speist, ist eher ein deutsches Phaenomen (...)" [ Geert Lovink: Der kurze Sommer des Internet - Ein Gespraech mit Geert Lovink. 06.11.1995. Online in Internet. Mailing-Liste IMD-L Informationsgesellschaft - Medien - Demokratie <IMD-L@VM.GMD.DE>. Geert Lovink ist Medientheoretiker und Mitglied der Agentur BILWET (Bevordering van de ILlegalen WETenschap - Beförderung der illegalen Wissenschaft).]

Anschließend an diese Feststellung Lovinks werden daher im folgenden Teilergebnisse einiger nicht ausschließlich marktbezogener Studien in Beziehung zu der Fragestellung dieser Arbeit gesetzt.

a) GVU Befragungen zur Nutzung des World Wide Web

Von dem amerikanischen Forschungsinstitut Graphics, Visualization, & Usability (GVU) Center werden seit 1994 in halbjährlichem Abstand Befragungen im Internet zur Nutzung des World Wide Web durchgeführt. [ Vgl. Pitkow, Jim/Kehoe, Colleen: GVU's WWW User Survey Background Information. O.J.. Online in Internet. URL: http://www.cc.gatech.edu/gvu/user_surveys/background.html (Stand 17.04.1996).] Dabei werden Teilfragebögen mit unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten angeboten. An der demographischen Teilbefragung im Oktober 1995 nahmen mehr als 23.000 Personen aus unterschiedlichen Ländern teil. [ Zur grundsätzlichen Problematik des Auswahlverfahrens bei Umfragen im Internet siehe Kapitel 4.2 dieser Arbeit.] Die Ergebnisse werden im World Wide Web veröffentlicht. Zusätzlich werden die Datensätze für Sekundäranalysen zur Verfügung gestellt. [ Die Datensätze der vierten GVU Befragung haben ein Datenvolumen von 14,8 MB. Die Daten können problemlos in gängige Statistik- oder Datenbankprogramme eingelesen werden. Online in Internet. URL: http://www.cc.gatech.edu/gvu/user_surveys/survey-10-1995/datasets/ (Stand 17.04.1996).]

Mehr als 5.000 Personen beantworteten bei der vierten GVU Befragung den Teilfragebogen zur Informationsproduktion. 79,4% der Teilnehmer gaben dabei an, nicht mehr als sechs Stunden benötigt zu haben, um Grundkenntnisse in der im WWW verwendeten Seitenbeschreibungssprache Hypertext Markup Language (HTML) zu erwerben. „The ease with which the Web enables many people to provide content remains one of its primary strengths." [ N.N.: GVU's 4th WWW User Survey Home Page. 1995. Online in Internet. URL: http://www.cc.gatech.edu/gvu/user_surveys/survey-10-1995/ (Stand 17.04.1996).] 83,9% der Teilnehmer nutzten als Informationsquelle zum Erlernen von HTML wiederum Online-Quellen. [ Vgl. ebd..] Hier werden keine demographischen Differenzierungen vorgenommen. Dennoch deuten die Ergebnisse darauf hin, daß der Erwerb formaler technischer Kenntnisse hinsichtlich der Publikation von Informationsangeboten im World Wide Web keine entscheidende Hürde darstellt. Ramm verweist zudem auf eine Reihe von Hilfsprogrammen, mit denen sich mit gängigen Textverarbeitungsprogrammen geschriebene Texte einfach in das HTML-Format konvertieren lassen. [ Vgl. Ramm, Frederik: Recherchieren und Publizieren im World Wide Web . Braunschweig/Wiesbaden 1995. S. 253.]

b) Studie Kultur und elektronische Kommunikation

Die Studie Kultur und elektronische Kommunikation wurde zwischen 1991 und 1994 von einer interdisziplinären Arbeitsgemeinschaft an der Universität Trier durchgeführt. [ Vgl. Wetzstein, Thomas A./Dahm, Hermann/Steinmetz, Linda et al.: Datenreisende. Die Kultur der Computernetze. a.a.O..] Dabei handelt es sich um eine der ersten Untersuchungen zur Nutzung elektronischer Netzwerke in der Bundesrepublik Deutschland, bei der Computer-Netzwerke zur empirischen Datengewinnung eingesetzt wurden. Methodisch wurden mehrere sozialwissenschaftliche Erhebungstechniken kombiniert. Neben dem Internet wurden auch privat initiierte Netze (z.B. Z-Netz, Fido-Net etc.) berücksichtigt.

Vor allem auf den Ergebnissen der schriftlichen Befragung basierend wurde eine Typologie der Nutzer von Computer-Netzwerken aufgestellt. Idealtypisch handelt es sich dabei um a) den Freak, b) den Hobbyisten und c) den Pragmatiker. [ Vgl. Wetzstein, Thomas A./Dahm, Hermann: Die Nutzer von Computernetzen - eine Typologie. In: Rost, Martin: Die Netzrevolution. Auf dem Weg in die Weltgesellschaft. a.a.O.. S 39.] Eine aus der Charakterisierung der einzelnen Typen abgeleitete Feststellung bestätigt dabei im Hinblick auf die konkrete Fragestellung dieser Arbeit die Notwendigkeit einer explorativen Herangehensweise:

„Innovations- und diffusionstheoretisch sind die verschiedenen Gebrauchsweisen der DFÜ unter dem Gesichtspunkt der Re-Invention von Technik (...) interessant. (...) Die DFÜ als prinzipiell schlecht definierte Innovation, d.h. ohne einen eindeutigen originären Gebrauchswert, öffnet der Phantasie Tür und Tor. (...) Hier unterscheiden sich die Netze ganz entschieden von herkömmlichen Produktinnovation. (...) Nicht zu unterschätzen ist deshalb das beträchtliche Prägepotential, welches von den Pionieren der Netze ausgeht." [ Ebd.. S. 48.]

c) Studie Computernetze und Kommunikation

Volker Kneer untersucht in der Studie Computernetze und Kommunikation Potentiale der Nutzung von Computer-Netzwerken sowie mögliche soziale Folgen. Dazu führte er 1993 eine nicht repräsentative Befragung in 24 deutschsprachigen Newsgroups durch. Innerhalb von 15 Tagen erhielt er 518 Antworten aus unterschiedlichen Netzen. Nutzung des World Wide Web spielt in dieser Untersuchung noch keine Rolle. [ Im Juni 1993 existierten erst 130 WWW-Server . Die ersten graphischen WWW-Browser befanden sich vielfach noch in einem Experimentalstadium. Vgl. Ramm, Frederik: Recherchieren und Publizieren im World Wide Web. a.a.O.. S. 9. Siehe dazu auch Kapitel 3 dieser Arbeit.]

Ein Teilergebnis ist im Zusammenhang mit dieser Arbeit von besonderem Interesse:

„Je mehr User die Netze aufweisen, desto groesser kann der Nutzen des Einzelnen sein, welcher diese Netze benutzt. Der Erfahrungsaustausch und die Informationsverbreitung kann innerhalb von Computernetzwerken unglaubliche Dimensionen erreichen. Je groesser die Wahrscheinlichkeit ist im Netz Antworten auf Fragen oder Probleme zu finden desto groesser ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass das Netz bzw. die Anwender des Netzes Gebrauch von dieser Moeglichkeit machen." [ Kneer, Volker: Computernetze und Kommunikation. 1994. Online in Internet. a.a.O..]

Hier spricht Kneer das Konzept der critical mass an. Die zentrale Frage lautet dabei: Wie groß muß die Zahl der Nutzer sein, damit ein neues technisches Medium als erfolgreich beurteilt werden kann? [ Vgl. Morris, Merill/Ogan, Christine: The Internet as Mass Medium. In: Journal of Computer-Mediated Communication. Vol. 1/No. 4. A special joint issue with the Journal of Communication. 1995. Online in Internet. a.a.O..] Rogers vertritt bezüglich technischer Innovationen ein ähnliche Haltung: „(...) the usefulness of a new communication system increases for all adopters with each additional adopter (...)." [ Rogers, Everett M.: Communication Technology. The New Media in Society. a.a.O.. S. 120.] Im Hinblick auf das Internet kann diese Aussage bisher nicht als gesichert gelten. Die Existenz der Newsgroup ‘alt.aol-sucks’ belegt, daß die Adaption des Internet durch eine große Zahl neuer Nutzer nicht für alle vorherigen Nutzer zu einer Steigerung des Gesamtnutzens führt. In diesem Forum wird u.a. heftige Kritik an dem mit mehr als vier Millionen Mitgliedern größten amerikanischen Mehrwertdienst-Provider America Online (AOL) [ Vgl. Gerschkow, Hans: Das große Online-Rennen. In: PC-Online. Heft 11/95. S. 36.] geübt:

„In addition, aggressively pursuing new users, AOL exploits the lack of awareness of existing technological capabilities, and establishes a model that follows the traditional role of pre-packaged entertainment designed for a mass audience. New users are taught to expect commercial content, pay-as-you-go access, and regulatory oversight determining what's appropriate." [ N.N.: alt.aol-sucks FAQ Part 1/3 - Censorship. O.J.. Online in Internet. URL: http://www.smartpages.com/faqs/online-providers/aol-sucks-faq/part1/faq.html (Stand 09.01.1996).]

Die Zahl der Diskussionsbeiträge in dieser Gruppe war im April 1995 um ein Vielfaches höher als z.B. die der wissenschaftlichen Gruppe de.sci.medizin. [ Vgl. EUnet News-Admin: News Statistik (per News-Gruppe) fuer Monat April 1995. 01.05.1995. Online in Internet. Newsgroups: de.admin.lists. Archiv-URL: http://www.psychol.uni-giessen.de/~Batinic/survey/newsalle.htm (Stand 23.02.1996).] Dieses Beispiel deutet darauf hin, daß in bezug auf eine Innovation Internet in stärkerem Maße als bei anderen Medien zwischen einzelnen Nutzergruppen und ihrer konkreten Motivation differenziert werden muß.

1996 Ralf Taprogge.
Letzte Änderung am 31.12.1996.
Kommentare und Anregungen an: taprogg@uni-muenster.de
Verweise auf diese Arbeit bitte nur unter URL:
http://www.uni-muenster.de/Publizistik/MAG3/ifp/taprogg/

Vielen Dank an Andreas von MAG3 und Rainer vom URZ.


...und nochmal der link:
CMC Magazine
CMC Magazine von John December

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