< Inhalt < Einleitung < > Kapitel 2 > Literatur >

...erstmal'n link:
EDZ
EDZ - Europäisches Dokumentationszentrum


1 Bedeutung des Internet im gesellschaftlichen Kontext

„Fragestellungen, die die Aufmerksamkeit der Menschen erregen, wandeln sich, und das nicht zufällig, sondern in großem Einklang mit den sich wandelnden Erfordernissen von Gesellschaft und Wirtschaft." [ Lazarsfeld, Paul F./Merton, Rober K.: Massenkommunikation, Publikumsgeschmack und organisiertes Sozialverhalten. 1948. In: Aufermann, Jörg/Bohrmann, Hans/Sülzer, Rolf (Hrsg.): Gesellschaftliche Kommunikation und Information. Bd. 2.. Frankfurt/M. 1973. S. 447.]

So wie sich vor mehr als 40 Jahren Lazarsfeld und Merton die Massenmedien als wissenschaftliches Forschungsobjekt geradezu aufdrängten, so erregt nun seit einigen Jahren das Internet als ein diffuses Schlagwort mehr und mehr die Aufmerksamkeit vieler Menschen. Entsprechende Thematisierung in klassischen Massenmedien und meßbar steigende Nutzerzahlen belegen dies. In Äußerungen verschiedener gesellschaftlicher Gruppierungen wird ein Zusammenhang von Informationsgesellschaft und Internet hergestellt. Eine Auseinandersetzung mit diesen Begriffen wirft eine Reihe von grundsätzlichen Fragen auf. Hieraus erwächst die allgemeine Problemstellung dieser Arbeit, die dann auf mehreren Begründungsebenen aus forschungspraktischer Notwendigkeit eingegrenzt werden kann.

1.1 Internet - Aspekte eines Phänomens

„Der Hype des Jahres in der Bundesrepublik war das Internet." [ Diefenbach, Katja/Schulz, Pit: Krieg der Shopping-Malls. In: SPEX. Heft 5/95. S. 50.] Diese Aussage in einem Artikel der Musik- und Kulturzeitschrift SPEX beschrieb die 1995 allgegenwärtige Thematisierung des Internet in den Rundfunk- und Printmedien. Das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL berichtete von Januar 1995 bis Januar 1996 in neun Ausgaben und zwölf Artikeln über dieses Thema. [ Vgl. DER SPIEGEL. Heft 20/95, 35/95, 39/95, 44/95, 49/95, 51/95, 52/95, 1/96, 2/96.] In der Tageszeitung DIE WELT wurde das Internet zwischen dem 01.11.1995 und dem 19.03.1996 in 54 Artikeln behandelt. Das Themenspektrum reichte hier von ‘Internet erspart Forschern Reise an den Südpol’ über ‘Internet macht das Shopping bequem’ bis zu ‘Hintze stellt sich im Internet. CDU-Generalsekretär antwortet online auf Bürgerfragen’. [ Vgl. N.N.: Welt-Artikel zum Thema Internet. O.J.. Online in Internet. URL: http://www.welt.de/extra/internet.htm (Stand 20.03.1996).] Im Bereich der Computerzeitschriften erschienen zahlreiche Sonderhefte [ Vgl. z.B. PC Professionell: Internet. 1111 coole Adressen. 1995.] bzw. Neuerscheinungen [ Vgl. z.B. PLANET. Das Internet-Magazin. Heft 11/95.] zum Internet. Mehr als 50 deutschsprachige Bücher zu diesem Thema wurden in den letzten beiden Jahren publiziert. [ Vgl. Obst, Oliver: Literaturliste Internet. O.J.. Online in Internet. URL: http://medweb.uni-muenster.de/zbm/liti.html. (Stand 18.03.1996).] Hollywood-Produktionen wie Hackers, The Net oder Johnny Mnemonic machten 1995 eine zukünftige Form des Internet auch in Kinofilmen zum Hauptschauplatz der Handlung. [ Vgl.: Hoffmann, Ute: ‘Request for Comments’ - Das Internet und seine Gemeinde. O.J.. Online in Internet. URL: http://duplox.wz-berlin.de/docs/jb/ (Stand 18.03.1996).] Morris und Ogan schließen aus der in den genannten Beispielen verdeutlichten Thematisierung in den klassischen Massenmedien, daß das Internet kaum mehr ignoriert werden kann:

„Even people who do not own a computer and have no opportunity to ‘surf the net’ could not have missed the news stories about the Internet, many of which speculate about its effects on the ever-increasing number of people who are online. Why, then, have communications researchers, historically concerned with exploring the effects of mass media, nearly ignored the Internet?" [ Morris, Merill/Ogan, Christine: The Internet as Mass Medium. In: Journal of Computer-Mediated Communication. Vol. 1/No. 4. A special joint issue with the Journal of Communication. 1995. Online in Internet. URL: http://cwis.usc.edu/dept/annenberg/vol1/issue4/morris.html (Stand 18.03.1996). Eine weitere Auseinandersetzung mit dem Internet als Gegenstand kommunikationswissenschaftlicher Forschung erfolgt in Kapitel 2 dieser Arbeit.]

Parallel zu der Thematisierung in den Medien ist eine quantitative Zunahme der Nutzerzahlen des Internet statistisch nachweisbar. Für die Gesamtzahl der im Internet miteinander verbundenen Computer, sogenannte Hosts, kann seit 1988 ein verläßlicher Mindestwert angegeben werden. [ Mit Hilfe des von Mark Lottor entwickelten Zealot of Name Edification (ZONE) Programmes wird dabei das 1988 vollständig im Internet implementierte Domain Name System nach dort registrierten Einträgen durchsucht. Vgl. Lotter, Mark: Internet Growth (1981-1991). RFC 1296. 1992. Online in Internet. URL: ftp://ftp.nic.de/pub/doc/rfc/rfc-1200-1299/rfc1296.txt (Stand 20.03.1996). Eine ausführliche Diskussion möglicher Ungenauigkeiten dieser Methode sowie der Schwierigkeit, von Rechner- auf Nutzerzahlen zu schließen, liefert Wiggins. Vgl. Wiggins, Richard W.: Growth of the Internet. An Overview of a Complicated Subject. 1995. Online in Internet. URL: http://www.msu.edu//staff/rww/netgrow.html (Stand 18.03.1996). ] Da jeder dieser Hosts von mindestens einer Person genutzt wird, läßt sich ein Mindestwert für die Nutzerzahlen festlegen. Dieser Wert ist von 992.000 im Juli 1992 auf 9.472.000 im Januar 1996 angestiegen. Die halbjährliche Wachstumsrate schwankt dabei zwischen 15% im ersten Halbjahr und 37% bzw. 43% in den beiden letzten Halbjahren dieses Zeitraums. Mitte 1995 wurden absolute Nutzerzahlen zwischen 20 und 50 Millionen angegeben. [ Vgl. ebd..] Dies läßt sich mit der Verwendung unterschiedlicher Multiplikatoren erklären. Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, daß durchschnittlich vier Personen einen der in der Statistik erfaßten Computer nutzen. Der in der Regel verwendete Wert beträgt dagegen 7,5. [ Vgl. Hoffmann, Ute: ‘Request for Comments’ - Das Internet und seine Gemeinde. O.J.. Online in Internet. a.a.O..] In jedem Fall bleiben Aussagen zur konkreten Nutzerzahl eine grobe Schätzung. [ Nicholas Negroponte rechnet jedoch, u.a. begründet durch das Wachstumspotential in Schwellenländern, für das Jahr 2000 mit etwa einer Milliarde Internet-Nutzern. Vgl. Negroponte, Nicholas: Total digital. Die Welt zwischen 0 und 1 oder Die Zukunft der Kommunikation. München 1995. Damit verbundene Tendenzen der globalen Dezentralisierung von Arbeit und deren möglicher Einfluß auf eine Ent- oder Verschärfung der Spannungen zwischen den führenden Industrieländern und den übrigen Ländern werden kontrovers diskutiert. Vgl. Afemann, Uwe: Zur Bedeutung der neuen Kommunikationstechnologien in der Dritten Welt am Beispiel des Internet. 1996. Online in Internet. URL: http://www.rz.uni-osnabrueck.de/rz/misc/inet-3w.htm (Stand 28.03.1996).]

Die Zählung der Hosts zeigt dagegen eine eindeutige Wachstumstendenz. Eine Betrachtung der Entwicklung in Deutschland [ Das Réseaux IP Europènes (RIPE) untersucht speziell die Entwicklung der Zahl der Hosts in Europa (Online in Internet. URL: http://www.ripe.net). Basierend auf den hier ermittelten Werten veröffentlicht das Deutsche Network Information Center (DE-NIC) in Karlsruhe aktuelle Informationen zur Entwicklung in Deutschland. Vgl. DE-NIC: Das Wachstum des Internet. 1996. Online in Internet. URL: http://www.nic.de/Netcount/netStatO.html (Stand 01.04.1996). Eine kurze Darstellung wichtiger Koordinationsstrukturen im Internet erfolgt in Kapitel 3.1 dieser Arbeit.] mit einem Anstieg der gezählten Hosts auf 486.808 im Februar 1996 bestätigt dies. Die genannten Zahlen können jedoch nichts darüber aussagen, in welchem Umfang und in welcher Form die wachsende Zahl von Menschen das Internet nutzt.

Einen weiteren Indikator der Aufmerksamkeit stellen Investitionsanstrengungen der Wirtschaft dar. Unterschieden werden kann dabei zwischen Ausbau der technologischen Infrastruktur, Bereitstellung von Internet-Zugängen für Privat- und Geschäftskunden, Entwicklung von Internet-Software sowie Verlagerung bzw. Übertragung von Funktionen des Marketing in das Internet. Auch interne Unternehmens- und Branchenkommunikation muß genannt werden.

In den USA wird in bezug auf die Einstellung der Wirtschaft zum Internet von einer Art ‘Goldgräberstimmung’ [ Mit dieser Aussage zitiert DER SPIEGEL den Chef der Elektronikfirma Cisco , John Chambers. Ein anschauliches Beispiel für die Euphorie in den USA stellt der Börsengang der Internet-Software-Firma Netscape Communications dar. Der Kurs der Aktie stieg bei der Einführung am 9.8.95 innerhalb weniger Stunden von 28 Dollar auf 75 Dollar. Vgl. N.N. Goldgräber im Cyberspace. Internet (II): Das Geschäft der Zukunft - ganze Branchen werden sich ändern. In: DER SPIEGEL. Heft 12/1996. S. 116f..] gesprochen. Ursache dafür ist u.a. die amerikanische Regierungsinitiative zur Errichtung einer National Information Infrastructure (NII). [ Einen Überblick der durch diese Regierungsinitiative entstandenen Projekte und Einrichtungen gibt die Homepage des National Coordination Office for High Performance Computing and Communications . Online in Internet. URL: http://www.hpcc.gov (Stand 16.03.1996).] In der Bundesrepublik Deutschland ist der Tenor weniger euphorisch. Auch hier wächst jedoch die Bereitschaft in direkt oder indirekt mit dem Internet zusammenhängende Projekte zu investieren. Im Bereich des Ausbaus der Netzinfrastruktur und damit der Erhöhung von Bandbreiten bilden sich im Zuge der Deregulierung des Telekommunikationsmarktes internationale Allianzen. Auf deutscher Seite sind daran in unterschiedlichen Konstellationen u.a. die Konzerne Thyssen, Mannesmann, RWE, VIAG und VEBA beteiligt. [ Vgl. Kretzen, Doris/Plehwe, Dieter: Gesellschaft am Gipfel. Reisebericht durch Visionen und Kritik einer „Informationsgesellschaft". In: Forum Wissenschaft. Heft 1/1995. S. 29. ] Bei großen kommerziellen Online-Diensten wie T-Online, America Online (AOL) und Compuserve bestimmt die Qualität des gebotenen Internet-Zuganges in immer stärkerem Maße den Wettbewerb. [ Vgl. Gellweiler, Armin: Vielfalt im Onlinemarkt. In: PC Praxis Spezial: Online Praxis. Heft 1/96. S. 15-24.] Gleichzeitig drängen branchenfremde Unternehmen in das Internet. Eine Liste mit deutschen kommerziellen Anbietern im World Wide Web umfaßt im April 1996 mehr als 850 Firmen. [ Vgl. Farside Communications: Deutsche Unternehmen im World Wide Web. 1996. Online in Internet. URL: http://www.farside.net/firmen/ (Stand 10.04.1996).] Die Erfahrungen dieser Unternehmen sind vor allem in bezug auf Produktbestellungen über das Netz zumeist ernüchternd. [ Vgl. N.N.: Goldgräber im Cyberspace. Internet (II): Das Geschäft der Zukunft - ganze Branchen werden sich ändern. In: DER SPIEGEL. a.a.O.. S. 125.] Betriebswirtschaftler beginnen jedoch, die sich im Internet bietenden Möglichkeiten systematisch zu durchdenken. Lüninck erkennt in diesem Zusammenhang wirkungsvolle Ansatzmöglichkeiten für die marketingpolitischen Instrumente. Konkret nennt er die Produkt-, Preis-, Distributions- und Kommunikationspolitik eines Unternehmens. [ Vgl. Lüninck, Joachim: Marketing im Internet. In: Rost, Martin (Hrsg.): Die Netzrevolution. Auf dem Weg in die Weltgesellschaft. a.a.O.. S. 153. ] Bei den nach innen gerichteten Maßnahmen erlangen die sogenannten Intranets zunehmende Beachtung. Dabei handelt es sich um eine Vernetzung räumlich entfernt liegender Unternehmensbereiche oder verschiedener Unternehmen einer Branche. Vorreiter ist hier in Europa Siemens-Nixdorf. [ Vgl. N.N.: Goldgräber im Cyberspace. Internet (II): Das Geschäft der Zukunft - ganze Branchen werden sich ändern. In: DER SPIEGEL. a.a.O.. S. 132.] Auch der Bertelsmann-Konzern hat mittlerweile ein Intranet für die Mitarbeiter der verschiedenen Niederlassungen eingerichtet: „Nach unserer Einschätzung (Bertelsmann Zentrale Informationsverarbeitung und Bertelsmann Telemedia) ist das INTRANET, also die Nutzung von Internet-Technologien zur Verbesserung der unternehmensinternen Kommunikation, die erste und wichtigste Anwendung dieser Technologie, die einen direkten, kurzfristigen und meßbaren Nutzen bringt." [ Kitza, Wolfgang: AW: Intranet. 15.4.1996. Email von Wolfgang Kitza <kit02@bertelsmann.de> an Ralf Taprogge <taprogg@uni-muenster.de>.]

In den USA forcieren Regierungspolitiker die informationstechnische Entwicklung. Vielen politischen Vertretern in der Bundesrepublik wird in dieser Hinsicht ein zögerndes Verhalten vorgeworfen. [ Vgl. N.N.: Klick in die Zukunft. In : DER SPIEGEL. Heft 11/1996. S. 92.] Zaghafte Ansätze wie das von der bayerischen Landesregierung propagiertes und mit dreistelligen Millionenbeträgen geförderte Projekt ‘Bayern Online’ müssen in bezug auf Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung differenziert betrachtet werden. [ Vgl. Bayrische Staatsregierung: Bayern online - Datenhochgeschwindigkeitsnetz und neue Kommunikationstechnologien für Bayern. 1995. Online in Internet. URL: http://www.leo.org/~bartel/bayonline.html (Stand 17.03.1996). Vertreter privat organisierter Internet-Zugangsanbieter kritisieren bei diesem Projekt das Fehlen inhaltlicher Konzepte und die Bevorzugung von Unternehmen und wissenschaftlichen Institutionen gegenüber einer Beteiligung der Bürger. Vgl. N.N.: Weiß-blaue Pioniere. In: DER SPIEGEL. Heft 19/96. S. 184.] Auf lokaler Ebene gibt es einige Beispiele dafür, daß Kommunalpolitiker die Entwicklung von Bürgernetzen unterstützen. [ Vgl. Bündnis 90 - DIE GRÜNEN - GAL/SPD Fraktion im Rat der Stadt Münster: Ratsantrag - Digitales Offenes Münster (D.O.M). 1995. Online in Internet. URL: http://buene.uni-muenster.de/buene/antrag.html (Stand 18.03.1996).]

Die genannten Beispiele stellen Momentaufnahmen dar. Die Auswahl ist subjektiv und muß unvollständig bleiben. Rückblickend werden möglicherweise bereits in einem Jahr einzelne Fakten als unbedeutend gewertet werden. [ Die von Tully noch 1994 angeführte Perspektive Hunzikers, bei neuen Medien zwischen Verbreitungstechniken, Informationsabrufsystemen und Dialogsystemen zu unterscheiden und sich dabei an der damaligen Form von BTX zu orientieren, erscheint aus heutiger Sicht bereits ungeeignet, einem Phänomen wie dem Internet gerecht zu werden. Siehe dazu die Darstellung der Anwendungsformen in Kapitel 3.2 dieser Arbeit. Vgl. Tully, Claus J.: Lernen in der Informationsgesellschaft. Informelle Bildung durch Computer und Medien. Opladen 1994. S. 131.] Aktuelle Prognosen von Politikern oder Ökonomen können sich als falsch erweisen, z.B. wenn technische Entwicklungen oder das Nutzerverhalten zu unvorhersehbaren Veränderungen führen. An dieser Stelle ist jedoch weder Bewertung noch Spekulation beabsichtigt. Auch soll hier keine Fragestellung formuliert werden, bei der das Ausklammern relevanter Aspekte nicht zu rechtfertigen wäre. Die Auflistung der Beispiele belegt jedoch eindeutig, daß zum jetzigen Zeitpunkt mit dem Internet ein Phänomen existiert, das in vielen gesellschaftlichen Teilbereichen der Bundesrepublik Deutschland große Aufmerksamkeit erregt.

1.2 Zusammenhang von Internet und Informationsgesellschaft

In Aussagen von Vertretern unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen wird dem Internet eine Leitbildfunktion für eine zukünftige Informationsgesellschaft zugewiesen:

„Das Internet wird in den USA als Leitbild für die geplante nationale Informationsinfrastruktur gehandelt; auch die Computer Professionals for Social Responsibility haben es der Regierung für den ‘Information Superhighway’ empfohlen. Unter den Empfehlungen des Bangemann-Reports an den Europäischen Rat findet sich die Aufforderung, die Entwicklung des Internet genau zu beobachten und eine aktive Beteiligung am Aufbau in Erwägung zu ziehen." [ Helmers, Sabine/Hoffmann, Ute/Hoffmann, Jeanette: Alles Datenautobahn - oder was? Entwicklungspfade in eine vernetzte Zukunft. 1995. Online in Internet. URL: http://duplox.wz-berlin.de/docs/ausblick.html (Stand 15.09.1995).]

In der Abschlußerklärung des ersten Kongresses der Initiative Informationsgesellschaft - Medien - Demokratie (IMD) weisen auch die teilnehmenden Vertreter von Universitäten, Gewerkschaften, Verbänden und Unternehmen [ Eine Unterschriftenliste der Unterzeichner der Abschlußerklärung ist im Internet verfügbar. Online in Internet. URL: http://staff-www.uni-marburg.de/~rillingr/imd/imdunt.html (Stand 19.03.1996).] dem Internet eine Leitbildfunktion für ihre Vorstellung einer Informationsgesellschaft zu:

„Das technische Leitbild der Kommunikationspolitik für eine demokratische Informationsgesellschaft der Zukunft sollte gegenüber der augenblicklich vor allem betriebenen Option für allokative Verteilnetze trotz aller Probleme und Schwächen das interaktiv-konsultative Internet - das Netz der Netzwerke - sein." [ Initiative Informationsgesellschaft - Medien - Demokratie: Erklärung zum IMD-Kongress. 1996. Online in Internet. URL: http://staff-www.uni-marburg.de/~rillingr/imd/imderkl.html (Stand 27.02.1996).]

Der Zusammenhang zwischen Internet und Informationsgesellschaft zieht sich wie ein roter Faden durch Diskussionen, die sich mit diesen Begriffen auseinandersetzen. Dabei wird der Informationsgesellschaft als „(...) Schlüsselkategorie politischer und ökonomischer Diskurse über den sozialen Wandel von Industriegesellschaften (...)" [ Löffelholz, Martin/Altmeppen, Klaus-Dieter: Kommunikation in der Informationsgesellschaft. In: Merten, Klaus/Schmidt, Siegfried J./Weischenberg, Siegfried (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft. Opladen 1994. S. 570.] je nach Perspektive des Betrachters ein unterschiedlicher Sinngehalt zugewiesen. Um zu begründen, worin eine Vorbildfunktion des Internet für eine Informationsgesellschaft liegen kann, ist eine Diskussion der Sichtweisen dieses Begriffes Informationsgesellschaft notwendig.

„Die Informationsgesellschaft fußt auf Mythen." [ Bernhardt, Ute/Ruhrmann, Ingo: Mit Konzepten von gestern in die Gesellschaft von morgen. Revolution von Oben. 1995. Online in Internet. URL: http://www.informatik.uni-bremen.de/~res/fiff-frtext.html (Stand 20.03.1996).] Diese Einschätzung von Bernhardt und Ruhrmann beruht auf der Feststellung, daß sich die Entstehungsgeschichte des Begriffes Informationsgesellschaft bis in die 60er Jahre zurückverfolgen läßt. Dabei wurden Erfahrungen zugrunde gelegt, die für eine Beschreibung des aktuellen gesellschaftlichen Wandels nicht ausreichend sind. Löffelholz und Altmeppen unterscheiden bei dieser Entwicklung vor allem drei Formen der sozialen Konstruktion von Informationsgesellschaften: information economy, nachindustrielle Gesellschaft und informatisierte Gesellschaft. [ Vgl. Löffelholz, Martin/Altmeppen, Klaus-Dieter: Kommunikation in der Informationsgesellschaft. a.a.O.. S. 571-576.]

Das Konzept der information economy geht auf die Modernisierungsdebatte der 60er Jahre zurück. Der Informationsindustrie wird dabei eine Schlüsselrolle zur Überwindung von Wachstumsgrenzen zugewiesen. Zur Abgrenzung zwischen Industrie- und Informationsgesellschaften dienen vor allem die Zahl der Beschäftigten in Informationsberufen und deren Anteil am Bruttosozialprodukt. Karl Deutsch setzt den Übergang zur Informationsgesellschaft dort an, wo diese Eckwerte mehr als 50 Prozent betragen. [ Vgl. Deutsch, Karl: Soziale und politische Aspekte der Informationsgesellschaft. In: Sonntag, Philipp (Hrsg.): Die Zukunft der Informationsgesellschaft. Frankfurt a.M. 1983. S. 69.] Trotz der Verwendung einer Reihe von weiteren Indikatoren, wie z.B. quantitative Nutzung von Informationsgütern oder -dienstleistungen, werden in diesem ökonomischen Ansatz soziale Aspekte ausgeklammert.

In seinem in den 70er Jahren geprägten Konzept der nachindustriellen Gesellschaft betont Daniel Bell eine zentrale Stellung und Systematisierung des theoretischen Wissens in einer solchen Gesellschaft. [ Vgl. Bell, Daniel: Die nachindustrielle Gesellschaft. Frankfurt a.M./New York. 1975. S. 119.] Er verweist bereits 1975 darauf, daß sich dieser Wandel vor allem durch eine Revolution auf dem Gebiet der Telekommunikation vollziehen wird. [ Vgl. ebd.. S. 17.] Seine Einschätzung, daß auf allen Teilbereichen wissenschaftlicher Forschung aufbauende Industrien die wirtschaftliche Basis dieser modernen Gesellschaft bilden können, [ Vgl. ebd.. S. 119.] muß aus heutiger Sicht bezweifelt werden:

„Nicht das zum Beispiel durch systematische Technikfolgenabschätzung produzierte theoretische Wissen, sondern primär Profitmaximierung, Wettbewerb, technologischer Anpassungsdruck und der Staat als Aggregator einzelwirtschaftlicher Interessen bestimmen Dynamik und Modalität der Informationsgesellschaft." [ Löffelholz, Martin/Altmeppen, Klaus-Dieter: Kommunikation in der Informationsgesellschaft. a.a.O.. S. 575.]

Im Konzept der informatisierten Industriegesellschaft werden in der Entwicklung der Produktionstechnologien die zentralen Ursachen sozialen Wandels gesehen. [ Vgl. ebd..] Gräbe beschreibt diesen Schritt zur Automatisierung der Kopfarbeit damit, daß Computer „(...) von ihrer Anlage her universelle (Denk-)Maschinen, d.h. mit entsprechender Software zu prinzipiell allen mechanisierbaren geistigen Operationen einsetzbar (...)" [ Gräbe, Hans-Gert: Die bildungspolitische Debatte am ‘Ende der Arbeitsgesellschaft’. 1996. Online in Internet. URL: http://staff-www.uni-marburg.de/~rillingr/imd/texte/graebe.html (Stand 15.03.1996).] seien.

Löffelholz und Altmeppen selbst schließen an konstruktivistisch inspirierte Theorien an. Sie konzeptualisieren Informationsgesellschaft als Mediengesellschaft. Spezialisierung, und damit eine wachsende Zahl und Kontigenz gesellschaftlicher Teilsysteme, erfordert zur Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Integration in immer stärkerem Maße Abstimmungsprozesse auf der Basis systemexterner Informationsangebote. Diese werden von einem zunehmend selbstreferentiell operierenden Medienteilsystem produziert und distribuiert. In einer so verstandenen Informationsgesellschaft besteht jedoch das Risiko, daß auch das Mediensystem in immer spezialisiertere Teilsysteme zerfällt und weniger zur Integration als vielmehr zur Deintegration sozialer Systeme führt. Eine wichtige Frage ist hier die Verteilung und Verfügbarkeit von Informationen. [ Vgl. Löffelholz, Martin/Altmeppen, Klaus-Dieter: Kommunikation in der Informationsgesellschaft. a.a.O.. S. 578.]

Die genannten Konzepte setzen unterschiedliche Schwerpunkte. In Bekundungen von politischer Seite vermischen sich Aspekte der einzelnen Ansätze. [ Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft (Hrsg.): Die Informationsgesellschaft. Fakten - Analysen - Trends. 1995. Online in Internet. URL: http://www.kp.dlr.de/BMWi/gip/fakten/zeitbild/kapitel1.html (Stand 14.03.1996).] Eine eindeutige Begriffsvorstellung existiert somit nicht. Informationsgesellschaft soll daher im Sinne dieser Arbeit als ein ambivalentes Schlagwort begriffen werden, das auf mehreren historisch entstandenen wissenschaftlichen Konzepten basiert. Aktuell wird es von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen als ein Mittel genutzt, eine Vision der Zukunft zu transportieren. Dabei spielen Information und deren technische Vermittlung eine zentrale Rolle. Die Auflistung der Fakten verdeutlicht, daß diese Visionen von praktischen Handlungen begleitet werden. Ein im Hinblick auf sein Ergebnis noch nicht vorhersehbarer Prozeß wird initiiert. Glotz folgend ist diese Entwicklung bestenfalls zivilisierbar, nicht jedoch zu verhindern. [ Glotz äußert sich zu Gefahren einer Informationsgesellschaft: „Die Modernisierung, so lehren die 400 Jahre seit René Descartes, ist zivilisierbar; zum Beispiel durch antizipatorische Politik. Verhinderbar ist sie nicht. Ein technisch ökonomischer Prozeß, international vernetzt, ist nicht für ein einziges politisches Grundstück (wie Deutschland) aufhaltbar. Deswegen muß sich die Anstrengung darauf richten, kommunikative Kompetenz zu erzeugen.". Glotz, Peter: Informationsgesellschaft - Medien - Demokratie. 1996. Online in Internet. URL: http://www.spd.de/polifeld/medien/hamburg.html (Stand 26.03.1996).]

Die grundlegenden Operationen und die Bedingungen im Internet stellen zum jetzigen Zeitpunkt für viele mit dem Schlagwort Informationsgesellschaft bezeichnete Visionen der Zukunft eine geeignete Projektionsfläche dar. Angesichts des spekulativen Charakters von Zukunftsprophezeiungen ist daher eine Auseinandersetzung mit dem existierenden Internet notwendig.

1.3 Internet - eine Begriffsbestimmung

Eines der Grundprobleme der Auseinandersetzung mit dem Internet besteht in der genauen Definition des Begriffes Internet. Je nach Perspektive und Intention des Erklärenden erhält dieser Ausdruck einen unterschiedlichen Sinngehalt. Rost und Schack setzen bei ihrer Definition auf der Ebene der Computer-Netzwerk-Technologie, basierend auf dem ISO/OSI-7-Schichten-Modell [ Vgl. Hennekeuser, Johannes/Peter, Gerhard: Rechner-Kommunikation für Anwender. Grundlagen, Übersicht, Praxis. Berlin/Heidelberg/New York 1994. S.36.] von 1979, an:

„Als Internet werden vernetzte Netze bezeichnet, wenn sie zwei Bedingungen erfüllen: Als Übertragungstechnik (also Ebene 1) kommen Standleitungen zum Einsatz (wobei die konkrete Form der technischen Realisierung nicht ausschlaggebend ist) und als Transportprotokoll dient TCP/IP (also Ebene 2). Derartig vernetzte Netze, die selbst IP (IP = Internet Protocoll, TCP = Transport Control Protocol) als Protokoll benutzen, sind das AnterNet, InterEUnet, NSFnet, SuraNet. Dem Internet gehören aber auch Netze an, die intern zwar mit einem anderen Transport-Protokoll operieren, die aber über einen Protokollkonverter, also etwa TCP/IP - X.25, per Standleitung über TCP/IP verbunden sind." [ Rost, Martin/Schack, Michael: DFÜ - Ein Handbuch. Recherchen in weltweiten Netzen. Hannover 1993. S. 64.]

Wie die Auseinandersetzung mit der Geschichte und den technischen Grundlagen des Internet zeigen wird, beschreibt diese Erklärung treffend zentrale technische Aspekte des Internet in der heutigen Form. Eine ebenfalls technologisch determinierte Auffassung, die auch zukünftigen Entwicklungen Rechnung trägt, beschreibt eine Resolution des amerikanischen Federal Networking Council (FNC) vom Oktober 1995:

„‘Internet’ refers to the global information system that --

(i) is logically linked together by a globally unique address space based on the Internet Protocol (IP) or its subsequent extensions/follow-ons;

(ii) is able to support communications using the Transmission Control Protocol/Internet Protocol (TCP/IP) suite or its subsequent extensions/follow-ons, and/or other IP-compatible protocols; and

(iii) provides, uses or makes accessible, either publicly or privately, high level services layered on the communications and related infrastructure described herein."

[ Federal Networking Council: Definition of „Internet". 1995. Online in Internet. URL: http://www.fnc.gov/Internet_res.html (Stand 18.03.1996).]

Eine erweiterte Perspektive stellen Krol und Hoffman dar: „The Internet can be thought about in relation to its common protocols, as a physical collection of routers and circuits, as a set of shared resources, or even as an attitude about interconnecting and intercommunication." [ Krol. Ed/Hoffman, Ellen: FYI on ‘What is the Internet?’. RFC 1462. 1993. Online in Internet. URL: http://www.hcc.hawaii.edu/iss/macdos/support/fyi_20.htm (Stand 18.03.1996). ] Der Erklärung dienen hier neben der technischen Komponente auch die Gesamtheit der über das Netz verfügbaren Informationen sowie das Potential, Menschen miteinander in Verbindung treten zu lassen. Aus medienphilosophischer Sicht formuliert Sandbothe eine in dieser Diszipin häufig verwendete ‘Was ist ...?’-Frage. Das Internet betreffend stellt er eine vermeintlich einfache Antwort jedoch sogleich mit weiteren ‘Was ist ...’-Fragen in Zweifel:

„‘Aber die Frage Was ist das Internet? ist doch keine philosophische, sondern eine technische oder eine kommunikationswissenschaftliche Frage. (...) Daß hinter dieser Frage kein philosophisches Problem steckt, sieht man doch schon daran, daß sich auf diese Frage eine ganz leichte Antwort geben läßt. Zum Beispiel: Das Internet ist ein Medium der Kommunikation und des Datenaustauschs.’ Auf einen solchen Einwand hin wird Ihnen der Philosoph selbstverständlich zunächst einmal recht geben: ‘Sicherlich (...) liegen Sie mit Ihrer Infragestellung des philosophischen Charakters der Frage Was ist das Internet? und mit ihrem Antwortvorschlag auf den ersten Blick ganz richtig.’ Aber nachdem er das gesagt hat, wird der Philosoph umgehend mit seiner philosophischen Kinderstrategie erneut ansetzen. So wird er z.B. aus Ihrer Antwort, daß das Internet ein Medium der Kommunikation und des Datenaustauschs sei, sogleich neue Fragen hervorzaubern. Er fragt nun zum Beispiel: ‘Aber was ist denn eigentlich Kommunikation? Was Datenaustausch? Und was ist überhaupt ein Medium?’" [ Sandbothe, Mike: Interaktive Netze in Schule und Universität - Philosophische und didaktische Aspekte. 1995. Online in Internet. URL: http://www.uni-magdeburg.de/~iphi/ms/schulnet.html (Stand 23.3.1996).]

Die genannten Beispiele zeigen die Vielfalt der Beschreibungsansätze des Internet in Abhängigkeit vom jeweiligen Betrachterstandpunkt. Die Aufzählung ließe sich beliebig erweitern: Aus einer juristischen, ökonomischen oder parteipolitisch geprägten Perspektive können zusätzliche Faktoren in eine Bewertung des Internet einfließen. Dabei können zum Teil auch Widersprüche entstehen: Politiker sind Interessenvertreter unterschiedlicher Gruppierungen; für sie kann es zu Konflikten kommen, wenn sie das Internet in ihrer Rolle als Repräsentanten parteipolitischer Grundsätze und gleichzeitig im Interesse einer fortschrittlichen wirtschaftlichen Entwicklung zu beschreiben versuchen. [ Vgl. N.N.: Angst vor der Anarchie. Internet (III): Politik im Cyberspace - Visionäre, Verbrecher und Zensoren kämpfen um die Macht. In: DER SPIEGEL. Heft 13/1996. S.136.] Trotz der ersichtlichen Pluralität der Ansichten stellt Köhntopps Behauptung, daß eigentlich so etwas wie das Internet überhaupt nicht existiert, [ Vgl. Köhntopp, Kristian: TCP/IP Dienste und Anbieter. 1993. Online in Internet. URL: http://oekoalpha.pz-oekosys.uni-kiel.de/~kris/artikel/tcpip-dienste/ (Stand 18.03.1996).] keine Arbeitsgrundlage dar. Mehrere unterschiedliche Strategien sind daher notwendig.

Aus forschungspraktischen Gründen, z.B. zur Eingrenzung einer Zielgruppe für eine Befragung, wird im Rahmen dieser Arbeit die eher technologische Definition im Sinne von Rost oder der FNC verwendet. Als Internet im weitesten Sinne wird dagegen die Gesamtheit aller aus den unterschiedlichen Sichtweisen heraus begründbaren Definitionen aufgefaßt. Da sich das Internet weiterentwickelt, besteht stets die Möglichkeit der Entstehung neuer Ideen und Blickrichtungen, so daß die Größe dieser Gesamtheit nicht faßbar ist. Eine allgemeingültige Definition muß abstrakt bleiben. In Anlehnung an Schmidt erfolgt eine Annäherung an dieses abstrakte Gebilde aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht daher nicht über das Was, sondern über das Wie: „Es empfiehlt sich, in erkenntnistheoretischen Diskussionen von Was-Fragen auf Wie-Fragen umzustellen; (...)." [ Schmidt, Siegfried J.: Die Wirklichkeit des Beobachters. In: Merten, Klaus/Schmidt, Siegfried J./Weischenberg, Siegfried (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft. Opladen 1994. S. 5.] Diese Vorgehensweise erachtet auch Höflich als sinnvoll:

„Um Aussagen über mögliche Auswirkungen neuer Kommunikationstechnologien machen zu können, sind vorrangig Prozesse der sozialen Aneignung und der Gebrauch von Kommunikationstechnologien zu untersuchen." [ Höflich, Joachim R.: Technisch vermittelte interpersonale Kommunikation. Grundlage, organisatorische Medienverwendung, Konstitution „elektronischer Gemeinschaften". Opladen 1996. S. 23.]

1.4 Problemstellung und Erkenntnisinteresse

Die allgemeine Problemstellung der Arbeit erwächst aus den bisherigen Überlegungen. In der Bundesrepublik Deutschland besteht weitgehend Einigkeit, daß ein Modernisierungsprozeß in weiten gesellschaftlichen Teilbereichen zu Veränderungen führen wird. Die verschiedenen Konzepte und Visionen dieser Veränderungen werden mit dem Schlagwort Informationsgesellschaft bezeichnet. Unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen erkennen dabei einen Zusammenhang von Informationsgesellschaft und Internet. Dieser Zusammenhang besteht darin, daß die Operationen und Bedingungen im Internet in der existierenden Form eine Projektionsfläche für unterschiedliche Vorstellungen der zukünftigen Entwicklung darstellen. Diese Operationen und Bedingungen näher zu untersuchen ist eine verbreitete Forderung an die Kommunikationswissenschaft, der sie bisher nur unzureichend nachgekommen ist. [ John E. Newhagen bestätigt dies in seinem Dialog mit Sheizaf Rafaeli: „ (...) Currently, this new communication technology is being invented in the context of a discussion among electrical engineers, computer scientists, and cognitive psychologists, with some philosophers and linguists at the periphery. Communication researchers are conspicuously absent from this discussion.". Newhagen, John E./Rafaeli, Sheizaf: Why Communication Researchers Should Study the Internet: A Dialogue. In: Journal of Computer-Mediated Communication. Vol. 1/No. 4. A special joint issue with the Journal of Communication. 1995. Online in Internet. URL: http://cwis.usc.edu/dept/annenberg/vol1/issue4/rafaeli.html (Stand 28.03.1996).] Fakten belegen, daß das Internet in der Bundesrepublik Deutschland bereits große Aufmerksamkeit erlangt hat. Nachweisbar verfügen mehr als eine Million Menschen in Deutschland über einen Zugang zu diesem Netz. Eine technologische Teildefinition des Internet bildet die Basis für eine Untersuchung der Nutzung.

Aus forschungspraktischen Gründen muß eine Eingrenzung der Problemstellung erfolgen. Die Einordnung des Internet in einen kommunikationswissenschaftlichen Zusammenhang wird verdeutlichen, daß es sinnvoll ist, die Nutzung in einem konkreten Kontext zu untersuchen. In dieser Arbeit wird die Internet-Nutzung von Studierenden geistes- und sozialwissenschaftlicher Studienfächer an Universitäten in der Bundesrepublik Deutschland untersucht. Diese Auswahl läßt sich neben der forschungspraktischen auf mehreren konkreten Ebenen begründen.

Eine erste Begründungsebene stellt die Tatsache dar, daß in analytischen Diskussionen der Vorstellungen eines zukünftigen Informationszeitalters häufig vor allem neue Anforderungen an Forschung und Bildung in den Mittelpunkt gerückt werden: „Bildung wird offenbar zu einer Art Kristallisationspunkt für die vermehrt auftretende Forderung, neue Ideen und Konzepte für die Gestaltung des nächsten Jahrtausends und damit für die Gestaltung der Informationsgesellschaft zu erarbeiten." [ Reinmann-Rothmeier, Gabi: Auf dem Weg ins Informationszeitalter? Was Wirtschaft, Politik und Öffentlichkeit bewegt, was auf die Gesellschaft und auf die Bildung zukommt. 1995. Online in Internet. URL: http://infix.emp.paed.uni-muenchen.de/nic/materiale/fb54.html (Stand 18.03.1996).] Diesen Schluß zieht Reinmann-Rothmeier aus einer Schilderung sowohl euphorischer, als auch pessimistischer, aber auch ganz nüchterner Visionen einer Informationsgesellschaft. Im Anschluß an eine ausführliche Erörterung technologischer Auswirkungen auf das Bildungswesen formuliert sie thesenhaft eine Reihe notwendiger Kompetenzanforderungen: technische Routinefertigkeiten; technisches Basiswissen zentraler Funktionsprinzipien; neue kommunikative und soziale Fähigkeiten des Umgangs; Befähigung zur Informationsselektion und -interpretation; Fähigkeit, die Balance zwischen direkter und technisch vermittelter Kommunikation zu finden; Befähigung, Orientierungspunkte des Handelns auszumachen; schließlich Aufrechterhaltung von Verantwortungsbewußtsein, Toleranz, Solidarität und Weisheit als ethische Werte in einer demokratischen Gesellschaft. Folgt man ihrer Annahme, daß dem Bildungswesen dabei ein entscheidender Anteil zur Verwirklichung dieser Anforderungen zufällt, so ist die Untersuchung des Nutzungsverhaltens von Studierenden begründet.

Eine weitere Begründungsebene schließt an Rosts provokante Kritik des heutigen Wissenschaftssystems an: „Der vorindustrielle Zustand des Wissenschaftssystems zeigt sich zum einen in den Zunftstrukturen der Wissenschaftsorganisationen, zum anderen in der entsprechend einfachen Technik bei der Herstellung, Rezeption und Zirkulation von wissenschaftlichen Texten (...)." [ Rost, Martin: Wissenschaft und Internet: Zunft trifft auf High-Tech. In: Rost, Martin (Hrsg.): Die Netzrevolution. Auf dem Weg in die Weltgesellschaft. a.a.O.. S. 153.] Die Untersuchung der Nutzungsmöglichkeiten des Internet aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht stellt eine der notwendigen Grundlagen für eine sachliche Auseinandersetzung mit dieser Aussage dar. Die zentrale Frage lautet dabei, ob in bezug auf Partizipationsmöglichkeiten am wissenschaftlichen Diskurs für Studierende oder Hochschulabsolventen mit geringer Reputation Alternativen zur heutigen Praxis möglich sind.

Eine praxisbezogene Ebene besteht in der Tatsache, daß parallel zur bereits beschriebenen allgemeinen Entwicklung eine wachsende Zahl Studierender über die Universität einen kostenlosen Zugang zum Internet erhält. Die Bereitstellung dieses Zugangs impliziert bereits eine formale Verpflichtung zu einer studiumbezogenen Nutzung. [ Dies verdeutlichen zum Beispiel die Nutzungsbedingungen des Universitätsrechenzentrums (URZ) der Universität Münster. Vgl. Universitätsrechenzentrum der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster: Ein Leitfaden zur verantwortungsvollen Nutzung von Datennetzen für Mitglieder von Institutionen in Bildung und Wissenschaft. 1994. Online in Internet. URL: http://www.uni-muenster.de/URZ/Organisation/DatennetzLeitfaden.html (Stand 08.02.1996).] Obwohl bisher keine Statistiken zu bundesweiten Nutzungszahlen vorliegen, kann man die Entwicklung an der Universität Münster beispielhaft anführen. Hier stieg die Zahl der Studierenden, die einen Zugang zum Internet beantragt haben, allein zwischen Juli 1995 und Januar 1996 innerhalb von nur einem halben Jahr von etwa 5.000 auf fast 8.000. [ Vgl. DaWIN: Nutzerstatistik. 1996. Online in Internet. URL: http://www.uni-muenster.de/DaWIN/ (Stand 05.01.1996).] An Bedeutung gewinnt diese Feststellung, wenn man sie im Zusammenhang mit einer Technikskepsis der Sozialwissenschaft betrachtet, wie Mettler-Meibom sie beschreibt:

„Die Sozialwissenschaften sind in weiten Stücken von der Technikunkenntnis und Technikfeindlichkeit gekennzeichnet. (...) Dies ist um so gravierender, als heute Technik zur zentralen gesellschafts- und menschenverändernden Kraft geworden ist. (...) Wollen die akademischen Sozialwissenschaften direkter und rascher einen gedanklichen Zugang zu den potentiellen Gefährdungen der Informations- und Kommunikationstechnologien im Stadium der telematischen Vernetzung bekommen, so müssen sie sich dieses Erfahrungswissen selbst erschließen." [ Mettler-Meibom, Barbara: Breitbandtechnologie. Über die Chance sozialer Vernunft in technologiepolitischen Entscheidungsprozessen. Opladen 1986. S. XIX.]

Aus diesen Überlegungen heraus entsteht die Frage, wie diejenigen Geistes- und Sozialwissenschaftler, die ihre Skepsis überwunden haben, mit dem Internet umgehen.

Eine letzte Begründungsebene stellt die Tatsache dar, daß die praktische Anfertigung dieser Arbeit und die dazu verwendeten persönlichen Formen der Nutzung des Internet durch die Wahl der Nutzergruppe eine zusätzliche Dimension des Themas eröffnen. Reflexion oder Beschreibung des eigenen Verhaltens als Person, die einen Teil der gewählten Nutzergruppe darstellt, fließen zwangsläufig unterschwellig in die Arbeit ein. Diese Einflüsse eröffnen zusätzliche Aspekte, die möglicherweise zum Teil nur von außen erkennbar sind. Hier besteht ein indirekter Zusammenhang zur ethnographischen Methode, wie sie von der Projektgruppe Kulturraum Internet am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) angewendet wird: „Die ethnographische Methode beruht im Kern darauf, sich ins Innere einer als fremd vorausgesetzten Kulturgemeinschaft zu begeben und sie im Verlauf des Feldaufenthalts aus dem Selbstverständnis und den Verhaltensweisen ihrer Mitglieder heraus verstehen zu lernen." [ Helmers, Sabine/Hoffmann, Ute/Hofmann, Jeanette et al.: Projektgruppe Kulturraum Internet . O.J.. Online in Internet. URL: http://duplox.wz-berlin.de/liessmich.html#kultur (Stand 05.01.1996).]

1996 Ralf Taprogge.
Letzte Änderung am 31.12.1996.
Kommentare und Anregungen an: taprogg@uni-muenster.de
Verweise auf diese Arbeit bitte nur unter URL:
http://www.uni-muenster.de/Publizistik/MAG3/ifp/taprogg/

Vielen Dank an Andreas von MAG3 und Rainer vom URZ.


...und nochmal der link:
EDZ
EDZ - Europäisches Dokumentationszentrum

< Inhalt < Einleitung < > Kapitel 2 > Literatur >