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0 Einleitung

„Das Neue ist nicht die Technologie selbst, die uns in die Informationsgesellschaft führen soll. Nichts wird zu Zwecken benutzt, die wir nicht schon kennen würden. Es geht auch nicht um Originalität oder Neuheit - es geht ums Ganze. Die ganze Welt scheint zunehmend komplexer zu werden; vielleicht sind auch nur wir es, die nach und nach lernen, immer neue Grade einer unermeßlichen, uns umfassenden Komplexität zu erkennen. Komplexität macht uns verrückt, weil wir glauben, sie beherrschen zu müssen." [ Tangens, Rena/Glaser, Peter: Die Zuvielisation. Information wird die Menschheit nicht retten. In: SPIEGEL special. Heft 3/1996. S. 110.]

Studierende geistes- und sozialwissenschaftlicher Studiengänge werden im Laufe ihres Studiums mit einer Vielzahl unterschiedlicher Aufgabenstellungen konfrontiert. Wenn sie ihr Studium beginnen, sind sie in der Regel noch nicht auf einen adäquaten und effizienten Umgang mit wissenschaftlichen Problemstellungen vorbereitet. Die gesamte Zeit bis zu ihrer letzten Abschlußprüfung ist im Idealfall durch Lernprozesse geprägt, die nicht auf die Aneignung von Fachwissen beschränkt bleiben, sondern auch zu einer breiten Kenntnis möglicher Arbeitsstrategien führen sollen.

Im Studium ist es von Beginn an üblich, sich an anderen zu orientieren, um dann zu eigenen Standpunkten zu gelangen: an Lehrenden, die bereits über eine längere Erfahrung verfügen, und an Kommilitonen, die vor ähnlichen Problemen stehen, wie man selbst. Dies geschieht z.B. in Vorlesungen und Seminaren, in Sprechstunden oder Referatsgruppen. Arbeitsgrundlage sind dabei gerade in geistes- und sozialwissenschaftlichen Studiengängen wissenschaftliche Publikationen, die es zu selektieren und einzuordnen gilt. Dazu ist es auch notwendig, andere um Rat zu fragen, mit ihnen zu diskutieren, eigene Ergebnisse vorzustellen und Aufgaben untereinander zu verteilen: „Kommunikation mit anderen Studierenden ist erforderlich, um Kooperationsfähigkeit und in diesem Rahmen Kompetenz zur gemeinsamen Bearbeitung wissenschaftlicher Probleme zu entwickeln." [ Koring, Bernhard: Virtuelle Seminare. Geht die Universität ins Internet? Unveröffentlichtes Manuskript. Beta-Version 1.0. Chemnitz 1996. S. 64.] Wenn jedoch z.B. eine Frage zu dem Sujet der Badeszenen Edgar Degas’ an eine Diskussionsgruppe zu kunstgeschichtlichen Themen gerichtet wird, bei der die Zahl und die Identität der teilnehmenden Personen völlig unbekannt ist, und binnen weniger Stunden eine hilfreiche Antwort aus Kanada eintrifft, so kann dies Irritationen auslösen. Eine persönliche Erfahrung im Sommer 1994 war damit einer der Ausgangspunkte für die Wahl des allgemeinen Gegenstandes dieser Arbeit: das Internet.

Beschreibungen wie „Netz der Netze" [ Eckbauer, Dieter/ Froitzheim, Ulf J.: Businet - Welche Unternehmen jetzt vom Internet profitieren. In: Global Online. Heft 1/1996. S. 26.] , „Meilenstein der technischen Errungenschaften unserer Zeit" [ N.N.: So funktioniert das Internet. In: Chip Special Internet. Das größte Informationsnetz der Welt. Würzburg 1995. S. 6.] oder „anarchisch strukturierter Computerweltverbund" [ Kutsch, Ulrich: Surfing home. Wie deutsche Regionalzeitungen das Internet entdecken. In: Medium Magazin. Heft 4/1996. S. 106.] erfassen unzureichend, was sich hinter dem Begriff des Internet verbirgt. [ Siehe dazu Kapitel 1.3 dieser Arbeit.] Gleichzeitig wird hier bereits ansatzweise deutlich, daß gegenwärtig viele Aussagen zum Internet von Euphorie geprägt sind. [ Die Thematisierung des Internet ist dabei häufig mit der Verwendung einer Verkehrsmetapher verbunden, die sich in Begriffen wie Datenautobahn, Infobahn, Info-Highway etc. äußert. Canzler, Helmers und Hoffmann schildern überzeugend, wie sehr diese Metapher mit ihren Kernassoziationen Zeit und direkte Verbindung zwischen zwei Punkten A und B für Befürworter und auch Gegner technologischer Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Internet die Möglichkeit bietet, eine breite Resonanz zu erreichen. Andererseits wirkt die Verkehrsmetapher besonders stark als ein Wahrnehmungsfilter, da hier aus Gründen der Vereinfachung sämtliche Implikationen von Information, die über ein reines Verständnis dieses Begriffes als Transportgut hinausgehen, verdeckt werden. Vgl. Canzler, Weert/Helmers, Sabine/Hoffmann, Ute: Die Datenautobahn. Sinn und Unsinn einer populären Metapher. In: Forum Wissenschaft. Heft 1/1995. S. 10-15.] Die Meinungen sind jedoch geteilt: „(...) ich halte das Internet derzeit für völlig überschätzt. (...) 40 Seiten im Spiegel und so weiter, das steht in keinem Verhältnis zu der Zahl der Leute, die das Ding tatsächlich benutzen." [ Buschek, Oliver: ‘Völlig überschätzt’ - ZAK-Moderator Friedrich Küppersbusch über seine Erfahrungen mit dem Internet. In: Planet. Das Internet Magazin. Heft 7/96. S. 11.]

Gegenwärtig sind etwa zehn Millionen Computer in verschiedenen Ländern mittels Internet-Technologie miteinander vernetzt. [ Siehe dazu Kapitel 1.1 dieser Arbeit.] Eine mindestens ebenso große, vermutlich jedoch deutlich höhere Zahl von Menschen hat die Möglichkeit, über diese vernetzten Computer zu unterschiedlichen Zwecken Daten auszutauschen. Die eingangs angeführte Anfrage in einer Diskussionsgruppe und die mit kurzer zeitlicher Verzögerung folgende Antwort aus Kanada stellen Beispiele dar, wie dies in der Praxis aussehen kann.

Prinzipiell ist die Fernübertragung von Daten diffusionstheorethisch schlecht definiert: [ Vgl. Wetzstein, Thomas A./Dahm, Hermann: Die Nutzer von Computernetzen - eine Typologie. In: Rost, Martin: Die Netzrevolution. Auf dem Weg in die Weltgesellschaft. Frankfurt a.M. 1996. S. 48.] Digitaltechnik ermöglicht mittlerweile neben Text auch die Integration von Audio, Graphik oder Video in Computer-Anwendungen; die besondere Form der Vernetzung im Internet erlaubt zudem viele verschiedene Konstellationen des Austausches solcher Daten. [ Siehe dazu Kapitel 3.1 dieser Arbeit.] Wenn Wetzstein und Dahm feststellen, dies öffne „(...) der Phantasie Tür und Tor." [ Wetzstein, Thomas A./Dahm, Hermann: Die Nutzer von Computernetzen - eine Typologie. In: Rost, Martin: Die Netzrevolution. Auf dem Weg in die Weltgesellschaft. a.a.O.. S. 48.] , so wird gleichzeitig deutlich, daß der Gebrauchswert des Internet in hohem Maße durch die Nutzer selbst bestimmt wird. Ob und wie sich diese Phantasie in der Praxis äußert oder ob möglicherweise Probleme bei der Nutzung überwiegen, stellt trotz zunehmender wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit dem Internet ein bisher noch unzureichend bearbeitetes Problemfeld dar. [ Siehe dazu u.a. Kapitel 2.2 dieser Arbeit.] Läßt man hypothetische Zukunftsvisionen zunächst außer acht, so wird die Relevanz des Internet gegenwärtig durch die Tatsache relativiert, daß einigen Millionen Menschen, die das Internet mit weitgehend unbekannter Intensität nutzen, als logische Konsequenz Milliarden anderer Personen gegenüberstehen, die dieses Netz nicht verwenden (können oder wollen), es möglicherweise nicht einmal kennen.

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, aus einer kommunikationswissenschaftlichen Perspektive zu untersuchen, wie Studierende geistes- und sozialwissenschaftlicher Studiengänge das Internet für ihr Studium nutzen. Im Zusammenspiel einer kommunikationstheoretischen, technischen und praktischen Auseinandersetzung sollen dabei Einflußfaktoren und Zusammenhänge erkannt werden, welche die Nutzung bestimmen. Einzelne, vor allem technische Teilaspekte entfalten ihre kommunikationswissenschaftliche Relevanz möglicherweise erst im Gesamtzusammenhang der Arbeit. Die Komplexität des Gegenstandes im Sinne einer enormen Vielschichtigkeit eventuell erst auf den zweiten Blick maßgeblicher Faktoren ist dennoch nicht beherrschbar. Daher ist die forschungspraktische Notwendigkeit einer Eingrenzung und einer kaum vermeidbaren subjektiven Auswahl aus persönlicher Sicht in diesem Fall mit besonders großem Unbehagen verbunden. Die weiteren Ausführungen werden zeigen, daß die explizite Auseinandersetzung mit dem Internet für die Kommunikationswissenschaft bisher ein weitgehend unbearbeitetes Forschungsfeld darstellt. Die Arbeit hat aus diesem Grund explorativen Charakter. Dem Zwang des Papiermediums gehorchend ist der Text linear gegliedert und besteht aus sechs Teilen. [ Rein inhaltlich wäre es reizvoll gewesen, versuchen zu dürfen, diese Arbeit von Beginn an als Hypermedia-Dokument zu konzipieren. Dabei hätte es sich jedoch um ein Experiment mit unbekanntem Ausgang handeln müssen, da die Anfertigung von Arbeiten mit nicht linearen Strukturen im Rahmen des persönlichen Studiums niemals thematisiert wurde, damit auch nicht erprobt und erlernt werden konnte. Auch Recke beklagt in den Präluminarien seiner Arbeit zur Regulierung der Medien und der Telekommunikation in Deutschland den Zwang des Papiermediums: „Unter dem zwanglosen Zwang des Papiermediums kam ich nicht umhin, den Text linear zu gliedern, obwohl eine palimpsestartige oder rhizomatische Struktur dem Gegenstand nicht unangemessener gewesen wäre." Recke, Martin: Der Umbruch der Medienpolitik im digitalen Zeitalter. Zur Regulierung der Medien und der Telekommunikation in Deutschland. 1996. Online in Internet. URL: http://userpage.fu-berlin.de/%7Emr94/diplom/ (Stand 18.05.1996). Wie die Umsetzung solcher Strukturen in Diplom- oder Magisterarbeiten aussehen würde, kann derzeit mangels überzeugender praktischer Beispiele nur erahnt werden: „Unter Hypertextbedingungen wird Schreiben zu einem Geschehen der produktiven Vernetzung assoziativer Komplexe. Die vielfältigen Beziehungen, die zwischen den verschiedenen Gedankengängen bestehen, die der Schreibende entwickelt, lassen sich durch Hyperlinks festhalten und repräsentieren. Während der lineare Buch- oder Aufsatztext die komplexen Verflechtungsverhältnisse, die zwischen unseren Gedanken bestehen, künstlich linearisiert und in eine hierarchische Ordnung zwingt, erlaubt der Hypertext eine direkte Darstellung derjenigen Strukturen und Zusammenhänge, die im Buch nachträglich und unzulänglich durch Fußnotenverweise und Indices rekonstruiert werden." Sandbothe, Mike: Interaktivität und Hypertextualität im World Wide Web . Online in Internet. URL: http://www.uni-magdeburg.de/~iphi/ms/hyper.html (Stand 20.06.1996). ]

Im ersten Kapitel verdeutlichen einige Überlegungen zur Bedeutung des Internet im gesellschaftlichen Kontext die Problemstellung und das konkrete Erkenntnisinteresse dieser Arbeit. Die Darstellung von Aspekten des Phänomens Internet, die begründete Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang von Internet und Informationsgesellschaft sowie eine Begriffsbestimmung des Internet, führen zu der Erkenntnis, daß es zweckmäßig ist, sich mit der Frage ‘Wie ist das Internet?’ und damit mit Nutzung zu beschäftigen. Aus forschungspraktischer Notwendigkeit erfolgt eine Eingrenzung der Problemstellung: Explorativ untersucht wird die Nutzung des Internet durch Studierende geistes- und sozialwissenschaftlicher Studiengänge im Kontext der diese Nutzung bestimmenden Einflußfaktoren. Die vorgenommene subjektive Auswahl läßt sich neben der forschungspraktischen auf mehreren konkreten Ebenen begründen.

Im zweiten Kapitel dieser Arbeit erfolgt eine genauere Einordnung des Gegenstandes in einen kommunikationswissenschaftlichen Zusammenhang. Um zu entscheiden, welche Schwerpunkte eine explorative Auseinandersetzung mit der Nutzung des Internet auf praktischer Ebene setzen muß, ist es notwendig, sinnvolle theoretische Anknüpfungspunkte zu finden. Zentrale kommunikationswissenschaftliche Begriffe wie Medien, interpersonale Kommunikation und Massenkommunikation, Interaktion und Interaktivität müssen dazu mit der Bereitschaft, sich von starren Vorstellungen zu lösen, aus einem auf das Internet gerichteten Blickwinkel betrachtet werden. Die Fixpunkte dieser theoretischen Überlegungen können dabei mit den Begriffen Motivation, Vermittlung, Kommunikationskonstellation und Aktivität umrissen werden. In einem zweiten Teilabschnitt werden anschließend Ergebnisse bisheriger, überwiegend jedoch nicht kommunikationswissenschaftlicher Nutzungsstudien zum Internet hinsichtlich ihrer Relevanz für das Thema dieser Arbeit betrachtet.

Die Überlegungen in den ersten beiden Kapiteln dieser Arbeit werden verdeutlichen, daß das Internet als ein technisches Medium begriffen werden kann, das erst durch die tatsächliche Nutzung Kommunikation in vielfältiger Form ermöglicht. Das Potential einer solchen Nutzung wird jedoch maßgeblich durch die grundlegenden technologischen Funktionsprinzipien des Internet geprägt: Praktische Möglichkeiten der Nutzung steigen oder sinken bereits mit der jeweiligen Kenntnis der technischen und organisatorischen Zusammenhänge. Die Auseinandersetzung mit dem Nutzungspotential des technischen Mediums Internet im dritten Kapitel dieser Arbeit wird dies veranschaulichen.

Die methodische Anlage und die praktische Durchführung der Untersuchung studiumbezogener Internet-Nutzung stehen im Mittelpunkt des vierten Kapitels. Dem explorativen Ansatz folgend zielt die Arbeit im Sinne der qualitativen Sozialforschung auf das

Erkennen und Verstehen bisher nur wenig oder gar nicht bekannter Handlungen in dem gewählten Kontext ab. Zur Gewinnung von Basisdaten wurde dazu der Weg einer Befragung mittels eines teilstandardisierten Fragebogens gewählt. Aus forschungspraktischen Gründen erfolgte die Datengewinnung ausschließlich über das Internet. Die Durchführung von Umfragen im Internet unterscheidet sich jedoch in vielfacher Hinsicht von anderen methodischen Vorgehensweisen. Eine ausführliche Erörterung dieser Problematik ist daher unverzichtbar. Da auch die praktische Durchführung der Untersuchung eine Form der studiumbezogenen Nutzung des Internet darstellt, sind die ausführliche Beschreibung und Reflexion der eigenen Vorgehensweise ein Teil der explorativen Auseinandersetzung mit der Problemstellung dieser Arbeit.

Während des Erhebungszeitraumes vom 29.11.1995 bis zum 29.02.1996 haben 141 Studierende geistes- und sozialwissenschaftlicher Studiengänge den Fragebogen in verwertbarer Form ausgefüllt. Im fünften Kapitel erfolgt die Auswertung der damit erhobenen Basisdaten. In einer ersten Explorationsphase findet vor allem über einfache Häufigkeitsauszählungen eine Suche nach Auffälligkeiten statt. Eine zweite Phase knüpft an die erkannten Besonderheiten an. Unter Berücksichtigung aller Vorüberlegungen stehen dabei mögliche Zusammenhänge von Nutzenbewertung und Nutzung im Mittelpunkt des Interesses.

Im letzten Kapitel wird ein Bild der erkannten Formen, Zusammenhänge und Bedingungen studiumbezogener Internet-Nutzung gezeichnet. Dem explorativen Charakter der Arbeit entsprechend sollen die gezogenen Schlußfolgerungen dabei in Form von Grundannahmen, einer Kernhypothese und einigen beispielhaften Teilhypothesen zusammenfassend formuliert und zur Diskussion gestellt werden.

1996 Ralf Taprogge.
Letzte Änderung am 31.12.1996.
Kommentare und Anregungen an: taprogg@uni-muenster.de
Verweise auf diese Arbeit bitte nur unter URL:
http://www.uni-muenster.de/Publizistik/MAG3/ifp/taprogg/

Vielen Dank an Andreas von MAG3 und Rainer vom URZ.


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