Hirngespinste

von J. Bernlef, Piper Verlag, München 1989
dramatisierte Fassung von Chaim Levano (NL
)

J. Bernlef, Pseudonym von Hendrik Jan Marsman, geb.1937 (NL),
Bernlefs Werk umfaßt Gedichte, Erzählungen, Romane, Essays, Dramen und Übersetzungen.

Zum Inhalt:

In J. Bernlefs berühmten Roman Hirngespinste entgleitet der Hauptperson Martin Klein allmählich der Zugriff auf die Wirklichkeit. Sind es anfangs Details, die aus seiner Erinnerung verschwinden, so werden es später ganze Stücke der Vergangenheit und Gegenwart. Er verliert sein Bewußtsein der Zeit und sieht sich als Kind wieder. Hirngespinste ist die tragische Geschichte einer schnellen Demenz, durch die ein älteres Ehepaar sich fremd wird.
Auf einer abstrakteren Ebene handelt Hirngespinste vom Vergessen bzw. von der engen Beziehung zwischen Erinnerung und Leben. Der Verlust der Erinnerung führt schrittweise zum Verlust der Persönlichkeit. Ebenso wie der Verlust der Sprache, ist der der Erinnerung eine Form des Sterbens. In Hirngespinste zeigt Bernlef die menschliche Illusion, Wirklichkeit in den Griff zu bekommen: Jeder erfährt nur seine eigene Realität und lebt von seinen eigenen Hirngespinsten.

Chaim Levanos Bearbeitung von Bernlefs Roman offenbart anhand von vier Beobachtungsweisen das Phänomen der Zerbröckelung des menschlichen Geistes.
In der Theaterbearbeitung wird die Romanfigur Martin in vier Personen aufgesplittet.

Martin 1:
Bei ihm findet der geistige Veränderungsprozess statt und er erfährt ihn bewußt.

Martin 2:
Er erfährt denselben Prozeß aus einen anderen Zeiterfahrung und aus einem gewissen Abstand heraus. Manchmal fließen die Erlebnisse von Martin 1 und Martin 2 ineinander.

Martin 3:
Er ist es, der den auftretenden Veränderungsprozeß in den Köpfen von Martin 1 und Martin 2 wahrnimmt, zusammenfaßt und interpretiert. Seine Art zu denken basiert auf der Art von Fragen, wie der Philosoph Wittgenstein sie entwirft, nämlich: auf welche Weise nimmt der Mensch Erscheinungen und Geschehnisse wahr und welche Worte muß er aus seinem Sprachbestand wählen, um die Erscheinungen so präzis und richtig wie möglich zu beschreiben und zu benennen.

Martin 4:
Er übersetzt den Text von Martin 3 in die für die meisten Menschen unverständliche Gebärdensprache. Damit wirft er auf neue Weise die Frage auf, was ist Sprache und was macht Sprache begreifbar und was für ein Etwas wird in der Sprache umgesetzt?
Vera:
Martins Frau hat eine Anzahl Dialoge mit Martin 1. In ihren Telefongesprächen hält sie Kontakt zur Außenwelt und dadurch wird sie auch die verbindende Figur im Stück. Sie hat telefonischen Kontakt... Mit wem eigentlich? Mit Freund, Freundin oder Ratgeber - oder zwingt sie sich selbst Informationen an eine Außenwelt zu geben, die keine einzige Antwort gibt?


Regie:

Chaim Levano (1938) (NL)

gilt heute als einer der führenden Köpfe der holländischen avantgardistischen Theaterszene. Er trug entscheidend zu dem guten internationalen Ruf bei, den das neue Theater aus Holland genießt.
Ursprünglich Musiker, bedeutet Theater für ihn eine unlösbare Verbindung von Sprache, Bewegung, Raum und Bild, nicht nur im Theater, sondern auch in Form von seinen räumlichen Installationen.

Für die Großinstallation 'Schauen III' (in Zusammenarbeit mit Rijksmuseum und KLM-Fuggeselschaft) vor dem Eingang des Rijksmuseums, erhielt er den Savitzki-Preis 'Der theatralischen Raum 1993'. Für die Bearbeitung von Beckett's 'Company' für das Beckett-Festival in Den Haag, erhielt er 1996 in München den Philip Morris Kunstpreis.
Dem Publikum ist er seit dem großen Erfolg der Anti-Oper 'Sieg über die Sonne' von Chlebnikov und Krutchonek, der deutsch-englischen Bearbeitung von 'Italiener' von Gertrude Stein und weiteren Gastspielen bekannt. Ferner wurden u.a. Bearbeitungen von 'Hirngespinste', 'Wie Rotkäppchen erzählt und gefressen wird', und 'eine Stunde Aufenthalt mit Anna Blume' mit großem Erfolg gespielt.
Der Einladung zum Festival der Regionen in Österreich folgend, gab er 1997 seiner Idee 'Alltägliche Augenblicke' Form und Gestalt: eine über ganz Bad Ischl verteilte Landschaft von 25 Video-Monitoren. Während 1998'99 wurde das Raumprojekt 'Fantastische Nummern' in öffentlichen Gebäuden und Instituten in verschiedenen Ländern gezeigt.

In 1999 wurde in Amsterdam und Bonn im Rahmen des festival kunst. nrw.nl, die Choreografie 'Kehrseiten' aufgeführt. Im selben Jahr fand auch 'Schauen II' in Amsterdam statt und in Linz und München kreierte er eine Raum-Installation 'Drinnen und Draussen'. Das letzte Raum- Projekt 'Lauschplätze' kann man während der Expo 2000 in Hannover betrachten und belauschen.