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Harry
schlenderte mit einem nie gekannten Hochgefühl durch die Gänge seiner Schule.
Er steuerte den Turm von Gryffindor an. Gerade eben hatte er seine Strafe für
unerlaubtes jugendliches Zaubern außerhalb des Geländes von Hogwarts
entgegengenommen. Das Ministerium hatte die Strafe der Lehrerschaft seiner
Schule überlassen. Die Hauslehrerin von Gryffindor, Professor McGonagall, hatte
sich etwas ganz besonderes überlegt. Sie hatte Harry zum Aufbau einer
Quidditch-Schulmannschaft verurteilt. Harry, der
irgend etwas wie das Putzen aller Hogwarts-Pokale unter der Regie von Argus
Filch, dem widerwärtigen Hausmeister der Schule oder das Sortieren von
Zaubertrank-Zutaten in ständiger Gegenwart von Professor Snape, dem
verhasstesten Lehrer der ganzen Schule erwartet hatte, war aus allen Wolken
gefallen. Nach einem Augenblick des ungläubigen Staunens begann eine Freude in
ihm hoch zu steigen, dass er nicht wusste, ob er schreien oder lachen sollte. Am Portrait
der dicken Dame rief er fröhlich „Drachenstein!“, woraufhin das Bild zur
Seite klappte und den Durchgang zum Gemeinschaftsraum der Gryffindors freigab.
Gryffindor hieß das Haus, in dem Harry beheimatet war. Die Schule hatte vier Häuser,
Gryffindor, Slytherin, Ravenclaw und Hufflepuff, auf die die Schüler aufgeteilt
worden waren, und die nach den vier Gründern der Schule benannt worden waren. Harry
kletterte durch das Loch in der Wand, das Portrait klappte wieder zurück und er
schaute sich um. Es war menschenleer im Gemeinschaftsraum. Das war auch kein
Wunder, denn Harry war mit seinen Freunden Ron und Hermine vor den ganzen Schülern
angekommen. Sie hatten ein haarsträubendes Abenteuer in den letzten Wochen der
Ferien erlebt und waren anders als sonst mit dem Auto angereist. Der übliche
Weg nach Hogwarts begann in London, am Bahnhof Kings Cross. Dort gab es einen
Bahnsteig, genannt Gleis neundreiviertel, weil er zwischen dem Gleis neun und
dem Gleis zehn lag, aber etwas näher an Gleis zehn. Für Muggel, also für
Menschen, die nicht zaubern können, ist er nicht sichtbar. Man musste durch
eine undurchdringliche Absperrung hindurch, förmlich durch eine Wand, und wer
diesen Eingang nicht kannte, dachte niemals, dass hinter dieser Wand ein Zug
losfahren könnte. Dieser Zug hatte einen besonderen Namen. Vorne auf dem Kessel
der leuchtend rot gestrichenen Dampflokomotive war in kunstvollen Lettern „Hogwarts
Express“ aufgemalt. Normalerweise herrschte am 1. September eines jeden Jahres
unvorstellbarer Betrieb auf dem Bahnsteig, denn das war der Beginn eines neuen
Schuljahres. Dann konnte man ängstliche Erstklässler und besorgte Eltern, rührende
Abschiedsszenen und freudige Begrüßungen beobachten, dann freuten sich
zumindest die höheren Semester auf das kommende Schuljahr in Hogwarts, der
Schule für Zauberei. In diesem
Jahr hatte sich aber der Schulbeginn um zwei Wochen verschoben, weil es in der
Zaubererwelt ein Ereignis gegeben hatte, das alle mit Sorge erfüllte, und das
dafür verantwortlich war, dass Professor Dumbledore, der Schulleiter, eine
wichtige Reise nach Rumänien unternehmen musste und erst zwei Wochen nach dem
offiziellen Schulbeginn zurück erwartet wurde. Ein Brief war an alle Schüler
geschickt worden, auch an die Erstklässler, in dem ihnen mitgeteilt worden war,
dass sie sich erst am fünfzehnten September auf dem Bahnsteig von Gleis
neundreiviertel einzufinden hätten. Bei vielen
hatte dieser Brief Freude ausgelöst, aber zwei Schüler hatten es nur mit
Widerwillen zur Kenntnis genommen, und hätten sie nicht eine unglaubliche Reise
gemacht, wären die zwei Wochen für sie zur Qual geworden. Der eine Schüler
war eigentlich eine Schülerin. Sie hieß Hermine und war die Freundin von Harry
Potter. Ihre Eltern waren Muggel, also Leute, die nicht zaubern konnten. Sie
gingen einem ganz alltäglichen Beruf nach, denn sie waren Zahnärzte. Für
Hermine waren die Ferien immer etwas langweilig, weil sie es liebte, zu lernen.
Bücher, und besonders die Bücher der schuleigenen Bibliothek waren für sie
das Spannendste auf der Welt. Manchmal schien es, als sei ihr einziger
Lebenszweck, all das Wissen, was in den Büchern und den Gehirnen der Lehrer
steckte, in sich aufzusaugen. Meist kannte sie die Bücher, die sie für das
neue Schuljahr brauchten, und die den Schülern in einem Schreiben einige Wochen
vor Ende der Ferien mitgeteilt wurden, schon am ersten September auswendig. Der zweite
Schüler hieß Harry Potter und mit ihm hatte es etwas besonderes auf sich. Er
lebte bei seinen Verwandten, den Dursleys. Das wäre an sich nichts Schlimmes,
wenn da nicht etwas gewesen wäre, was die Dursleys an Harry nicht mochten, ja,
vor dem sie sogar eine Heidenangst hatten. Harry war der einzige Sohn von zwei
Zauberern, von Lily und James Potter, selber einstmals Schüler von Hogwarts.
Lily war die Schwester von Tante Petunia Dursley und die Dursleys betrachteten
Lily als eine vollkommen missratene Verwandte. Die Dursleys wollten gar nichts
mit der Zaubererwelt zu tun haben, denn sie waren Muggel. Als Harrys Eltern von
einem schwarzen Magier namens Lord Voldemort umgebracht wurden, brachten Freunde
Harry zu seinen Verwandten, bei denen er bis zu seinem elften Lebensjahr unter
unvorstellbar schlechten Bedingungen gelebt hatte. Sein „Zimmer“ war ein
Schrank, der unter der Treppe eingebaut war. Liebe hatte
er das letzte Mal erlebt, als seine Mutter ihn vor dem Angriff des bösen
Zauberers schützen wollte und sich für ihn geopfert hatte. Harry war wie durch
ein Wunder mit dem Leben davon gekommen. Er erhielt als ewige Erinnerung an den
grauenvollen Tag eine blitzförmige Narbe, die sich mitten über seine Stirn
zog. Lord Voldemort hatte bei dem Angriff fast sein Leben verloren, die Liebe
von Lily Potter hatte nicht nur Harrys Leben gerettet, sondern auch den
Todesfluch zurück auf Voldemort gelenkt. Viele Jahre war der dunkle Lord nahe
am Rande des Todes dahin vegetiert, bis er am Ende des letzten Schuljahres sein
Leben und seine Macht wiedererlangen konnte. Das war auch
der Grund, warum Professor Dumbledore auf eine so wichtige Reise gehen musste,
denn er wollte eine Allianz bilden, um Voldemort und seine Anhänger zu bekämpfen.
Heute war
also der fünfzehnte September und der Hogwarts-Express sollte etwa gegen 20 Uhr
in einem kleinen Dorf namens Hogsmead, das unweit des Schlosses lag, ankommen.
Dann würde sich eine große Schar von Schülern in die Hallen und Flure der
Schule ergießen und für fast ein ganzes Jahr würde lautes und fröhliches
Leben durch das Gemäuer wabern. Als Harry
den Gemeinschaftsraum der Gryffindors betrat war es erst etwa vier Uhr
nachmittags. Die Sonne lachte durch die hohen Fenster herein und brachte noch
ein wenig herbstliche Wärme. Im Kamin flackerte ein kleines Feuer und tat sein
Übriges, eine angenehme Atmosphäre zu verbreiten. Harry durchschritt den Raum
und ging auf eine Wandöffnung zu, hinter der eine steile Treppe hinauf in den
Schlafsaal der Jungen aus Harrys Jahrgang führte. Er stieg die Treppe hinauf
und ging zu seinem Himmelbett, das in der Nähe eines kleinen, geöffneten
Fensters stand. Direkt neben seinem stand das Bett von Ron. Es war verwaist, nur
ein ungeöffneter Koffer und eine Tasche waren achtlos darauf geworfen worden.
Ron hatte sich wohl, nachdem Harry zum Empfang seiner Strafe aufgebrochen war,
nach unten begeben und machte einen Spaziergang. Harry bedauerte es, die
freudigen Neuigkeiten nicht direkt mitteilen zu können, aber er hatte auch
keine Lust, hinunter zu laufen und Ron zu suchen. Er legte
sich auf sein Bett. Die Arme hinter seinem Kopf verschränkt starrte er auf das
blaue Tuch, das sich wie ein Himmel über sein Bett wölbte, und ließ seinen
Gedanken den freien Lauf. Noch vor kaum vier Wochen war er bei seinen Verwandten
gewesen und hatte sich nichts sehnlicher gewünscht, als dass das neue Schuljahr
begann, als er den Brief aus Hogwarts erhalten hatte. Onkel Vernon hatte sich
aufgeregt und Harry einen nutzlosen Fresser genannt. Noch am gleichen Tag hatte
Harry bemerkt, dass Lord Voldemort plante, ihn zu töten und er war panisch
geflohen. In der Winkelgasse, der Straße in London, in der alle Zauberer
Englands sich mit Zaubererutensilien versorgten, hatte der Zauberstabhändler
Mr. Ollivander ihm geholfen unterzutauchen. Dabei kam eine schreckliche
Neuigkeit ans Tageslicht, denn Lord Voldemort hatte sich einen neuen Zauberstab
besorgt. Einen Stab, der nicht von Harrys Zauberstab beeinflusst wurde, wie der
Alte, der wie Harrys Stab mit einer Phoenixfeder versehen war, sondern einen
ganz besonderen Stab. Es war der von Salazar Slytherin, einem der vier Gründer
von Hogwarts, und dieser Zauberstab hatte einen Kern aus dem Staub eines
Drachensteins, was ihn nahezu unbezwingbar machte und Voldemort eine unheimliche
Macht verlieh. Mr. Ollivander hatte Harry bei einem Freund versteckt, Henri
Perpignan, der ein Landgut in der Nähe von Newcastle besaß. Hier waren Harry
und Hermine, die nachgekommen war, in den geheimen Bund der Druiden aufgenommen
und in eine Reihe von Geheimnissen eingeweiht worden. Harry lächelte
bei dem Gedanken an Henri, oder besser Henry, denn das war die englische
Aussprache des französischen Namens, den ein Engländer nur schwer über die
Lippen bekam. Henry hatte sich zu einem richtigen Freund entwickelt und Harry
hegte den Wunsch, ihn in den Weihnachtsferien zu besuchen. Vielleicht konnte man
ihm das ermöglichen. All die Zauber, die er von Henry gelernt hatte, halfen
jedoch nichts gegen die neue Macht Voldemorts, der sie auf dem Landgut aufgespürt
und die Villa angegriffen hatte. Wieder waren sie auf der Flucht und es stellte
sich heraus, dass es nur helfen würde, wenn Harry sich einen Drachenstein beschaffen würde. So wurde beschlossen, dass
Harry und Hermine nach Rumänien reisen sollten, in der Hoffnung, dass Charly,
ein Bruder von Ron oder vielleicht sogar Professor Dumbledore, der allem
Anschein nach ebenfalls in Rumänien weilte, ihm dabei helfen würden, einen
Drachen zu erlegen. So führte
ihn der Weg nach Durmstrang,. Harry kämpfte auch gegen einen Drachen, aber er
konnte ihn nicht töten. Zu viele Skrupel trieben ihn, ein solch mächtiges und
altes Geschöpf zu töten, und so stand er mit einem silbernen Speer in der Hand
vor dem besiegten Wesen und musste mit Schrecken feststellen, dass er nicht
zustoßen konnte. Glücklicherweise entdeckten sie in einer Höhle im Burgberg
von Durmstrang ein Skelett eines schon vor langer Zeit gestorbenen Drachen und
konnten ihm den Drachenstein entnehmen. Damit war Harry gerüstet, Voldemort
entgegenzutreten, denn er konnte die Kraft des Steines nutzen,
und an dem Abend, als Voldemort und er sich in einer alten Klosterruine
trafen, und Harry sich schon verloren glaubte, brachte es ein Zufall zu einem glücklichen
Ende. Harry hatte den Stein im Kampf verloren. Der dunkle Lord hatte ihn
gefunden und aufgehoben. Dabei war es aber zu einer Entladung der Kräfte
gekommen und Voldemort hatte schwere Verwundungen davon getragen. Sein
Zauberstab und die Kraft des Drachensteins wurden vernichtet und Voldemort blieb
nichts anderes, als die Flucht. Das war erst vorgestern passiert und die
Ereignisse lagen so klar vor Harrys Augen, als würden sie gerade geschehen. Außer
einem toten aber wunderschönen Kristall war nichts geblieben, als die
Erinnerung und die Erfahrungen, die er gesammelt hatte. Es gab noch
einen zweiten Grund für Harry, in den Ferien zu Henry zu fahren. Sirius Black,
sein Pate, der aus Rumänien mit ihm zurück nach England gekommen war, hatte
bei Henry Quartier gefunden. Henry hatte ihn eingeladen und ihm angedeutet, dass
es kein sichereres und bequemeres Versteck für ihn geben könne. Nach all den
Strapazen seit seiner Flucht aus Askaban hatte Sirius noch nicht viel
Gelegenheit gehabt, sich von den schweren Jahren in der Haft und in der ständigen
Gegenwart der Dementoren zu erholen. Im Gegenteil, er hatte seit dem Tag noch
mehr abgenommen, war noch blasser geworden und es bestand die Gefahr, dass er
ernsthaft krank werden würde. Remus Lupin
war auch eingeladen worden. Henry hatte es immer bedauert, dass er in dem
herrlichen Haus außer seinen Dienstboten kaum eine Ansprache hatte. Die Gäste
kamen ihm sehr gelegen, denn sie versprachen einige Abende mit unterhaltsamen und
spannenden Gesprächen zu füllen. Harry
hoffte, wenigstens einmal zwei Wochen am Stück und ohne Gefahr und ohne noch zu
bestehende Abenteuer mit Sirius zusammen zu sein. Sirius war so etwas wie ein
Vater für ihn geworden, der erste Mensch, der ihn liebte, wie einen Sohn, und
auch der erste Mensch, zu dem Harry Vertrauen gefunden hatte, wie zu einem
Vater. Harry reckte sich. Nun war er jedenfalls froh, wieder in dem schützenden Schoße von Hogwarts zu sein. Er freute sich auf das neue Schuljahr. Es war sein fünftes.
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