8. Mad Eye
Impressum Fan Fiction Links Mein neues Buch

Nach oben
Prolog
1. Das seltsame Fest
2. Snapes große Stunde
3. Neville
4. Streik
5. Die Schulmannschaft
6. Die erste Prophezeihung
7. Halloween
8. Mad Eye
9. Johns Begabung
10. Eine wunderbare Arena
Weiter gehts mit...

 

 zurück zur Startseite  

Harry war froh, dass er an diesem Dienstag Professor Snape und seinem katastrophalen Unterricht entgehen konnte. Bislang hatte Snape die Stunden nur genutzt, um Harry herunter zu machen oder ihm übermenschliche Hausaufgaben aufzugeben. Gelernt hatten sie alle noch nichts, sie hatten nur seinen widerlichen Ergüssen über Harrys Fehler und Voldemorts Macht lauschen müssen. Im Zaubertränke-Unterricht hatten sie wenigstens einige Tränke brauen können, und bei allem Hass, den Snape versprüht hatte, vergingen sie Stunden doch wenigstens in halbwegs vernünftiger Zeit. Aber das, was er den Schülern aus Gryffindor in Verteidigung gegen die dunklen Künste bot, konnte an Langweiligkeit und Selbstbeweihräucherung kaum noch übertroffen werden.

Harry hatte sich einen Wecker von Neville geliehen, der sogar funktionierte. Schon frühmorgens, noch bei tiefer Dunkelheit, hatte er sich angezogen und war in den leeren Speisesaal hinunter gegangen. Die Hauselfen waren über Nacht fleißig gewesen, hatten vom Abendessen des letzten Tages alle Reste beseitigt, gefegt und gewischt, und sauber und ordentlich die Tische für das Frühstück eingedeckt. In den Karaffen schimmerte schon golden der Orangensaft und wie jeden Morgen waren die Schalen mit frischem Obst gefüllt.

Professor Dumbledore saß allein am Lehrertisch. Als er Harry eintreten sah, lächelte er und winkte ihn zu sich. Harry mopste sich eine Traube vom Gryffindor-Tisch, ließ sie in seinem Mund verschwinden und schlenderte durch die Tischreihen zum Lehrertisch hinüber.

„Guten Morgen!“, begrüßte ihn Professor Dumbledore gut gelaunt. „Schön, dass wir es doch noch geschafft haben, nach London zu fahren.“

„Guten Morgen, Professor Dumbledore.“, sagte Harry und unterdrückte ein Gähnen. „Noch sind wir nicht da!“

„Na, seit wann bist du so pessimistisch?“ Dumbledore lächelte. „Setz dich zu mir, allein frühstückt es sich nicht besonders gut. Und, hast du dir außer den Besen noch etwas vorgenommen?“

Harry setzte sich. Er griff in den Brotkorb und zog einen Toast heraus. Dann strich er sich dick Butter darauf, ließ den Honig in einem feinen Faden von einem Löffel fließen, malte eine Spirale auf den Toast und biss dann herzhaft hinein.

„Ich weiß noch nicht.“, sagte er dann und schluckte. „Vielleicht möchte ich Mr. Ollivander besuchen. Er hat mir sehr geholfen. Schade, dass Ron und Hermine nicht mitkommen können.“

„Ja, es tut mir leid, aber ich sehe keine Möglichkeit dafür. Wenn das herauskommt, kann ich wirklich Ärger bekommen.“

„Und wegen mir nicht?“, fragte Harry.

„Nun, bei dir ist es etwas Anderes. Hermine hat Muggel-Eltern, die Hogwarts als ganz normale Schule verstehen. Und Rons Vater ist im Ministerium, und seine Mutter ist auch nicht ohne. Stell dir vor, den beiden passiert etwas. Aber du hast keine Eltern mehr, deine Verwandten haben dich in die Obhut von Hogwarts gegeben und ich bin, solange du hier oder in der Zaubererwelt bist, so etwas, wie dein Vormund. Natürlich nicht im rechtlichen Sinne. Und Sirius hat, als ich ihn auf dem Landgut deines Freundes gefragt habe, zugestimmt.“

„Wie? Haben sie da schon gewusst, dass wir nach London fahren?“

Dumbledore lächelte wieder.

„Sagen wir, gewusst habe ich es noch nicht, aber ich hatte die Ahnung, dass die gute Minerva das Schreiben des Ministeriums ernst nehmen würde. Und ich habe lange darüber nachgedacht, was ich sagen soll...“

Harry starrte Professor Dumbledore mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Bewunderung an. Wieder einmal zeigte sich, dass Dumbledore nicht nur der Direktor der Schule, sondern ein ganz besonderer Freund zu sein schien.

Schwere Schritte und das Schlagen der Eingangstür ließen ihn aufblicken. Hagrid kam herein. Auch er machte einen fröhlichen Eindruck. Er stapfte durch den Saal und ließ sich auf seinem Platz am Lehrertisch nieder.

„N’Morgen.“, brummte er. „Ihr seid ja Frühaufsteher. Kannst es nicht erwarten, neue Besen zu kaufen?“

Harry grinste. Hagrid kannte ihn. Er hätte es nie im Leben verschlafen, zu sehr hatte er sich darauf gefreut. Und jetzt, da auch die Slytherins am gleichen Strang zogen, war ihm auch ganz leicht ums Herz. Als hätte Hagrid in seinen Gedanken gelesen, fragte er:

„Wie hast du das gemacht? Ich meine wie hast du Malfoy und seine Jungs überredet?“

„Woher weißt du das? Ich habe mit niemandem darüber gesprochen?“

„Du weißt doch, dass hier die Wände Ohren haben. Irgendjemand schnappt etwas auf, erzählt es seinen Freunden, und die erzählen es anderen und irgendwann schafft’s das dann über die große Wiese bis in meine Hütte.“

„Ich glaube“, meldete sich Dumbledore mit einem verschmitzten Blick, „Unser Harry möchte lieber darüber schweigen. Lass ihm Zeit...“

„War es so schlimm?“, grinste Hagrid.

Harry nickte. Er nahm sich einen zweiten Toast, der, genau wie die anderen, durch irgendeinen seltsamen Zauber heiß war, als ob er gerade eben getoastet worden wäre, und wiederholte die Prozedur, ihn mit Butter und Honig zu tränken. Inzwischen hatte er sich seine Tasse mit heißem Kakao vollgegossen, etwas Zucker untergerührt, und verspeiste jetzt den Toast, indem er abwechselnd einen Bissen und einen Schluck aus der Tasse nahm. Er genoss es, mit den beiden Freunden am Lehrertisch zu sitzen und fast als ihresgleichen zu gelten.

Dann kam Magister Baumann hereingeglitten. Sie hatte sich in einen smaragdgrünen Umhang geworfen, ihr Haar zu einem Knoten gedreht und mit einer ebenso grünen, samtenen Schleife gebunden. Sie war geschminkt und schien es gerne zu sehen, dass die beiden Männer und der Schüler mit einer gewissen Bewunderung ihren Weg durch den Speisesaal verfolgten.

„Sie sehen blendend aus, Miss Baumann.“, sagte Dumbledore charmant. „Setzen sie sich zu uns. Freuen sie sich, einmal aus diesem Nest heraus und in das große London zu kommen?“

Magister Baumann lächelte ihn geschmeichelt an, wünschte einen guten Morgen und nahm Platz. Sie schenkte sich einen Kaffee ein und trank ihn, die Tasse wärmend in ihren schmalen Händen haltend, langsam aus.

Nachdem sie gefrühstückt hatten, schlug Dumbledore vor, nun aufzubrechen. Vorher zauberte er jedoch noch vier Taschen mit etwas Reiseproviant herbei, von denen jeder sich eine nahm. Dann standen sie auf, gingen die große Treppe hinauf und folgten dem Gang, der zum Eingang zu Dumbledores Büro führte. Im Büro angekommen, bat er sie, noch einen Augenblick Platz zu nehmen, er wolle den Portschlüssel vorbereiten. Professor Dumbledore verschwand durch einen kleine Tür, die unscheinbar zwischen zwei Regalen hinter seinem Schreibtisch in ein Hinterzimmer führte.

Harry sah sich um. Es hatte inzwischen gedämmert und das Büro, nur von einer spärlichen Lampe und dem milchigen Morgenlicht beleuchtet, lag geheimnisvoll im Halbdunkel vor ihm. Er kannte das Büro nun schon mehrere Jahre, zum ersten mal war er in seinem zweiten Schuljahr hier gewesen und hatte beobachtet, wie der wunderschöne Vogel sich in Rauch und Flammen aufgelöst hatte. Damals hatte Dumbledore ihn über die seltsamen Eigenschaften eines Phoenix aufgeklärt. Harrys Blick wanderte zu der Stange, auf der Fawks, der Phoenix immer saß. Fawks hatte, als sie das Büro betreten hatten, seinen Kopf unter dem Flügel hervorgezogen. Jetzt saß er da und sah Harry ins Gesicht.

Seine Augen hatten einen eigenartigen, aber vollkommen ruhigen Ausdruck. Fast blickten sie freundlich, jedenfalls beschlich Harry das Gefühl, Fawks würde ihn ansehen, als wolle er sagen: ‚Du machst es schon richtig. Vertraue mir.’ ‚Ich werde irgendwann noch einmal zu dir kommen.’, dachte Harry. ‚Ich weiß zwar noch nicht wie, aber ich muss mit dir reden...’ Der Phoenix senkte seinen Kopf, und in Harry entstand der Gedanke, dass der Vogel genickt hatte.

Dann kam Professor Dumbledore zurück. Er hatte einen alten Socken über seinen Zauberstab gehängt, der zwar offensichtlich frisch gewaschen, aber über und über mit Löchern versehen war.

„Tut mir leid“, sagte er. „aber ich habe auf die Schnelle nichts anderes gefunden. Wenn es euch nichts ausmacht, dann fassen wir ihn jetzt alle mit unserer rechten Hand an und werden dann in wenigen Augenblicken im Wohnzimmer von Alastor Moody sein. Miss Baumann? Harry, Hagrid?“

Auffordernd hielt er den Zauberstab mit dem alten Socken in die Mitte und machte eine einladende Handbewegung. Zögernd bewegte Harry seine Hand in Richtung des Sockens, und als alle ihn auf das Kommando „Eins, zwei,...drei!’ berührten, spürte er das wohlbekannte aber immer noch gewöhnungsbedürftige Gefühl, es würde ihm jemand der Bauchnabel herausziehen. Augenblicklich verschwamm das Büro, er wurde wie an einem Haken in die Luft gezerrt, sah in dem Sog das Schloss in der Ferne verschwinden und landete nach einem höllischen Ritt durch die Lüfte unsanft auf einem alten, mottenzerfressenen persischen Teppich.

„Uups!“, hörte er Magister Baumann aufstöhnen. „Daran werde ich mich nie gewöhnen.“ Im nächsten Augenblick schrie sie spitz auf und klammerte sich an den Arm von Hagrid. „Mein Gott, wer ist das?“, fragte sie entsetzt.

„Gestatten...Mein Name ist Moody, Alastor Moody.“, knurrte eine Stimme aus der Tiefe des Raumes heraus. Harry fuhr herum und sah in ein vertrautes schreckliches Gesicht. Madeye Moody saß in einem zerschlissenen Ohrensessel, die Hände auf einen knorrigen Stock gestützt, sein Holzbein über das gesunde geschlagen und versuchte, mit seinem zerstörten Gesicht ein freundliches Lächeln zustande zu bringen. Sein magisches Auge, das wie eine übergroße weiße Murmel in der Augenhöhle lag und dem Moody den Beinamen ‚Madeye’ verdankte, rotierte blitzschnell um seine Achse, und fand nur mühsam einen Ruhepunkt, nur um dann mit brennender Intensität auf die Ankömmlinge zu starren.

Magister Baumann erholte sich von ihrem ersten Schreck. Sie hielt die Hand vor den Mund, als wolle sie einen weiteren Schrei zurück halten, dann versuchte auch sie ein Lächeln und stotterte:

„Oh, es tut mir so leid, dass ich mich erschrocken habe. Professor Dumbledore hat mir schon so viel über sie erzählt, aber ich...“

„Oh, es ist schon in Ordnung.“, sagte Moody freundlich mit seiner krächzenden, tiefen Stimme. „Ich weiß, dass ich kein Adonis bin, und ich verstehe ihre Reaktion durchaus. Ich vergrabe mich schon seit Jahren in diesem Haus, und gehe nur an die frische Luft, wenn ich getarnt bin, oder wenn es dunkel ist. Machen sie sich mal keine Sorgen.“

„Ich muss zugeben, dass ich etwas...überrascht war.“, antwortete Magister Baumann. „Aber ich muss ihnen sagen, dass es mich freut, einen so berühmten Auroren, wie sie, kennen zu lernen.“

Moody verzog sein Gesicht zu einem maskenhaften Lächeln, das freundlich wirken sollte, ihn aber wegen seiner immensen Blessuren, die er bei der Arbeit davon getragen hatte, nur noch mehr entstellte.

“Danke.“, sagte er, dann sah er auf die anderen Ankömmlinge und sein Blick blieb bei Harry hängen. Das magische Auge klappte kurz nach hinten. Harry wusste, dass Moody ständig, auch in sicheren Umgebungen mit diesem Auge prüfte, ob eine Gefahr im Anmarsch war. Dann drehte sich das Auge wieder nach vorne und fixierte Harry.

„Du bist der junge Potter, nicht war?“, knurrte Moody.

Harry nickte ehrfürchtig. Auch er war sichtlich beeindruckt von seinem Gegenüber. Er kannte Moody von seinem letzten Schuljahr her. Zumindest kannte er eine exakte Kopie von Moody, denn dieser war von einem der treuesten Anhänger Voldemorts in einen Hinterhalt gelockt und betäubt worden. Das war Barty Crouch Junior, der Sohn des Ministeriumszauberers Barty Crouch Senior, der im letzten Jahr noch der Chef von Rons älterem Bruder Percy war. Crouch Junior hatte sich mit Hilfe des Vielsafttrankes die Gestalt von Moody verschafft, hatte sich in Hogwarts und das Vertrauen der Schüler eingeschlichen und Harry über die schweren Prüfungen des Trimagischen Turniers geholfen. Dabei hatte er nur ein Ziel verfolgt. Er wollte Harry in die Hände Voldemorts spielen, was ihm schließlich auch gelang, indem er den Pokal des Turniers in einen Portschlüssel verwandelt hatte. Dieser hatte Harry und Cedric Diggory auf einen alten Friedhof verfrachtet, Voldemort hatte Harry Blut stehlen können und war damit zu seiner alten Gestalt und Macht zurückgekehrt.

Harry hatte Moody nur kurz gesehen, als Dumbledore ihn aus Crouchs Koffer befreite, in dem er durch einen Zauber gefesselt fast ein ganzes Jahr verbracht hatte. Aber die Wesensart des alten Kämpfers war Harry vertraut, Crouch Junior hatte es verstanden, ihn täuschend echt zu imitieren. 

„Freut mich.“, sagte Moody. „Wir hatten ja nicht viel Zeit, vor den Ferien. Und du möchtest heute in die Winkelgasse?“

„Wir wollen neue Besen kaufen, für unsere Schulmannschaft.“, sagte Harry etwas verlegen.

„Alastor, alter Junge.“, sagte nun Professor Dumbledore, der sich zunächst ein wenig im Hintergrund gehalten hatte, und trat ein paar Schritte vor. „Wie geht es dir?“

„Albus! Habe dich zuerst gar nicht gesehen, hast dich hinter diesem Riesen versteckt. Hallo Hagrid! Danke der Nachfrage. Habe mich inzwischen wieder ganz gut berappelt, aber ich muss schon sagen, in meinem Alter fast ein ganzes Jahr in einen Koffer eingesperrt zu sein, das hinterlässt Spuren.“

Hagrid grinste. Auch er kannte Moody von früher, wenn auch nicht so gut wie Albus Dumbledore, der ein ehemaliger Schulkamerad von Moody war, aber er wusste genug über ihn, um sich nicht von seinem Aussehen schrecken zu lassen.

„Hallo Mr. Moody.”, sagte er.

„Ja, dann...“, begann Moody und sah sich in seinem unaufgeräumten Wohnzimmer um. „Nehmt euch einen Stuhl und setzt euch. Ich meine, wir müssen noch ein paar Dinge besprechen, bevor wir uns nach draußen wagen.“

Harry sah sich um. Eine solche Unordnung hatte er noch nicht einmal im Hause der Weasleys gesehen, obwohl dort ein herrliches und herzerfrischendes Chaos herrschte. Moody lebte allein, und er war ein alter Knochen. Das sah man an jedem Winkel seiner Wohnung, die mit allen möglichen und unmöglichen Dingen vollgestopft war. Ein Tisch schaute verzagt unter Bergen von Büchern, Pergamenten und allerlei magischen Instrumenten hervor. Überall standen Geräte in der Gegend herum, die der Beobachtung der Gegend und der Warnung vor schwarzer Magie dienten. Auf den Pergamenten standen mehrere gebrauchte Tassen mit Kaffeeresten, ungespülte Teller und Schachteln mit Cornflakes und anderen Trockenspeisen herum.

Regale an den Wänden waren zum Bersten mit Büchern und Zeitungen gefüllt, zwischen denen Kristallkugeln, Spiktometer und andere Anzeigeinstrumente nahezu verschwanden. Alles war mit Staub bedeckt. Die Stühle, die Moody gemeint hatte, trugen Stapel alter Zeitungen, Schriftstücke und Pergamente, die mit seltsamen Zeichen vollgekritzelt waren. Die noch freien Stellen an der Wand waren mit Zeitungsberichten allerlei magischer Verbrechen und den Photos der schlimmsten schwarzen Zauberer, die in den letzten dreißig Jahren ihr Unwesen getrieben hatten, in heillosem Durcheinander bepflastert. Nur eines fehlte: ein Photo des schlimmsten aller Magier. Das Photo von Lord Voldemort.

Moody bemerkte die leichte Ratlosigkeit seiner Besucher.

„Wartet einen Moment. Ich glaube, ich habe schon lange nicht mehr aufgeräumt.“, sagte er entschuldigend. Er holte seinen Zauberstab unter einem Stapel Pergament hervor, schwang ihn mit ausladender Geste durch die Luft und knurrte „Clarificem“. Ein Wirbelwind brauste auf, packte das gebrauchte Geschirr und trug es in einen anderen Raum, der allem Anschein nach die Küche war. Dann bemächtigte er sich der Bücher, legte sie auf einen Stapel vor den Regalen, fuhr durch die Regalböden, holte die Instrumente heraus und schaffte sie auf einen freien Fleck des Fußboden vor dem Fenster, steckte die Bücher in die frei gewordenen Stellen der Regale und widmete sich dann den Zeitungen und Zeitschriften. Schließlich hatte der Zauber im Wohnzimmer einigermaßen Platz geschaffen, sauste durch die Tür und begann nun in der Küche herumzuklappern.

Die vier Besucher fanden nun jeder einen Stuhl, zogen ihn herbei und setzten sich vor den Ohrensessel, in den sich Moody in der Zwischenzeit ächzend niedergelassen hatte.

„So“, begann er aufs Neue. „Dann wollen wir mal zum Wichtigen kommen. Ich habe in den letzten zwei Wochen die Winkelgasse und die Nocturngasse unter die Lupe genommen. Die Lage sieht nicht besonders gut aus. Mich wundert, dass die Todesser sich in der Woche vor Ferienende zurück gehalten haben. Ich vermute fast, dass sie ihre eigenen Kinder nicht erschrecken wollten. Jetzt sieht die Sache ganz anders aus. Jeder, der in die Gasse kommt und einen der offiziellen Eingänge benutzt, wird gründlich kontrolliert. Finden sie einen, den sie auf ihrer Liste haben, verschwindet er einfach sang und klanglos. Keiner traut sich nachzufragen.“

„Mein Gott, das ist ja schrecklich!“, sagte Magister Baumann ganz bestürzt.

„Ja, schön ist das nicht. Wir werden noch finstere Zeiten erleben. Was ich euch sagen will ist, dass wir uns in höchste Gefahr begeben, wenn wir in die Winkelgasse gehen. Zumindest, wenn wir so tun als wäre nie etwas geschehen. Jeder von uns, bis auf sie, junge Dame, hat einen Grund, Voldemort und den Todessern nicht über den Weg zu laufen. Und ganz besonders betrifft das unseren jungen Schützling.“

Er deutete auf Harry. Magister Baumann ließ ihren Blick zwischen Moody und Harry hin und her schweifen, dann besann sie sich, murmelte ein „Ich hätte nie gedacht, dass es so schlimm ist!“ und fragte aufgeregt:

„Aber, warum sind wir dann hier? Es kann doch nicht sein, dass wir unser Leben riskieren, nur weil Hogwarts eine Schulmannschaft aufstellen will.“

„Meine liebe Miss Baumann“, schaltete sich Dumbledore jetzt ein. „Natürlich ist es gefährlich. Das will ich gar nicht in Frage stellen. Aber stellen sie sich vor, alle Welt würde jetzt in eine Schreckenslähmung verfallen. Dann hätten sie doch erreicht, was sie wollen. Nein, im Gegenteil, gerade jetzt, wo eine Gruppe fanatischer Dunkelmagier meint, die Weltherrschaft erringen zu müssen, ist es von ungeheurer Wichtigkeit, ihnen zu zeigen, dass es Magier gibt, die sich nicht von ihrem Gehabe beeindrucken lassen.

Sehen sie, jeder von uns, die wir hier in diesem Zimmer versammelt sind, hat besondere Fähigkeiten. Ja, ich spreche auch von Ihnen, Miss Baumann, stellen sie ihr Licht nicht hinter den Scheffel! Und unser junger Freund Harry hat sein Können nun schon oft genug bewiesen. Aber zu unserer eigenen Sicherheit haben wir uns zusammen gefunden, um diese an sich ganz leichte Aufgabe zu erledigen, die leider etwas gefährlicher geworden ist, als wir ursprünglich angenommen haben. Alastor ist nur noch der fehlende Baustein in unserem Puzzle, und ich habe ihn angesprochen, weil er der einzige ist, der uns vor einer nahenden Gefahr rechtzeitig warnen kann. Seien sie also ganz beruhigt, wir werden einen schönen Einkaufsbummel durch die Winkelgasse machen. Das verspreche ich ihnen. Alastor, was hast du geplant?“

Moody erhob sich langsam von seinem Sessel und humpelte mit hinter dem Rücken verschränkten Armen zum Fenster.

„Wir werden uns tarnen“, sagte er, „genau so, wie ich es immer tue, wenn ich mich an die Öffentlichkeit begebe. Ich habe ein paar schwarze Kutten besorgt, so dass wir uns von den Todessern zumindest äußerlich nicht unterscheiden. Sie, Miss Baumann“, und er drehte sich zu ihr um, „bitte ich, sich anders zu schminken. Legen sie blasse Farben auf und malen sie sich Schatten unter die Augen. Das ist weniger auffällig. Hier finden sie die nötigen Utensilien.“

Er zeigte auf eine kleine Schachtel, die mitten auf dem Tisch lag.

„Dann werden wir den Schattenzauber anwenden. Du kennst ihn noch, nicht wahr Albus? Er ist mir ein treuer Begleiter geworden. Der Schattenzauber wird uns so gut wie unsichtbar machen, wenn wir uns dem Tageslicht aussetzen. Er wird unser Licht schlucken und uns zu Schatten unserer selbst machen. Jeder, der uns begegnet wird nur eine Verdunklung wahrnehmen. Die meisten weichen intuitiv einem solchen Lichtspiel aus, ohne zu wissen warum, so dass wir nicht in die Gefahr kommen mit jemandem zusammen zu stoßen. Sollten wir Freunde treffen, genügt ein einziges Wort, um uns für sie sichtbar zu machen. Also, Albus, meinst du, das wird genügen?“

„Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann.“, sagte Dumbledore zufrieden. „Dann lasst uns mal anfangen. Ich jedenfalls möchte heute Abend nicht zu spät zum Abendessen nach hause kommen.“

„Gut, ziehen wir uns um. Wir werden übrigens mit Flohpulver reisen. Ich habe mir gedacht, dass Ollivanders ein geeignetes Ziel ist, und habe mit Ollivander schon Kontakt aufgenommen. Er erwartet uns.“

Ohne Eile legten sie ihre Umhänge ab und streiften sich die Schwarzen über. Magister Baumann entfernte ihre Schminke und puderte sich das Gesicht weiß ein. Dann malte sie sich mit unglaublich sicherem Strich dunkle Schatten unter die Augen. Mit etwas Rouge auf den Wangen, hatte sie nun etwas von einem Vampir, der gerade von seiner nächtlichen Wanderung nach Hause gekommen war. Ihr Haar band sie zu einem festen Knoten und zog die Kapuze tief in ihr Gesicht. Es sah schon eigenartig aus und hatte etwas verschwörerisches an sich, als die fünf Schwarzen Gestalten sich vor Moodys Kamin versammelten. Moody zündete mit seinem Zauberstab ein Feuer an, entnahm dann einer kleinen Blechdose, die er aus seiner Tasche gezogen hatte, eine Prise Pulver und warf sie ins Feuer. Das loderte sogleich grünlich auf und hob seine Flammen.

„Wird ganz schön eng.“, brummte Hagrid etwas unwillig. Moodys Kamin war ein ganz normaler Einfamilienhaus-Wohnzimmerkamin, und Hagrid befürchtete, dass er in dem engen Loch stecken bleiben würde.

Moody schob Hagrid zum Feuer.

„Nur hinein, mein Kamin ist nicht zu eng!“, sagte er. Hagrid bückte sich tief hinunter, stellte sich, so gut er konnte in das Feuer und rief:

„Ollivander“

Augenblicke später sah man nur noch einen bunten Wirbel, und Hagrid war verschwunden. Als nächstes ging Magister Baumann, dann Harry. Harry hatte das Flohpulver bisher nur zwei mal benutzt und jedes Mal war es fast zu einem folgenschweren Unfall gekommen. Er hatte kein gutes Gefühl, als er in die Flammen trat, holte aber wegen seiner Erfahrungen schon vorher tief Luft und rief nun klar und deutlich:

„Ollivander!“

Alles begann sich um ihn zu drehen. Es fühlte sich an, als würde er durch den Schlauch eines Staubsaugers gezogen. Es schwirrte und heulte um ihn herum, die Farben verschwammen zu einem bunten Nebel und nach wenigen Sekunden machte es „Ploff“ und er landete in der Asche eines Kamins. Nach Atem ringend stolperte er aus dem Kamin heraus und sah sich um. Er war wieder bei Ollivander im Hinterzimmer gelandet. Er war erleichtert, dass diesmal alles glatt gegangen war.

Mr. Ollivander saß an seinem Schreibtisch. Davor standen schon Hagrid, der seinen Kopf zwischen die Schultern gezogen hatte, damit er nicht an die Decke stieß und Magister Baumann, und sie sahen erwartungsvoll zum Kamin.

„Hallo Harry!“, sagte Mr. Ollivander erfreut. “Schön dich zu sehen. Wie geht es dir?“

„Oh, hallo Mr. Ollivander”, sagte Harry. “Danke, mir geht es gut.“

Mr. Ollivander musste lächeln.

„George“, sagte er, „nenn mich doch George.“

„Danke, Mr. Ollivander, ... George, natürlich, ich vergaß…”

Harry war es etwas unangenehm, George Ollivander bei seinem Vornahmen zu nennen. Ollivander war für ihn so etwas, wie eine Respektsperson, er strahlte eine Würde aus, die Harry automatisch in das „Sie“ rutschen ließ. Aber Ollivander gehörte zum Orden der Druiden, genau so wie Henry Perpignan und, seit einigen Wochen auch Harry und Hermine. Unter den Brüdern dieses Ordens war das „Du“ die übliche Art, sich anzureden, aber Harry befürchtete, dass es ihm sehr schwer fallen würde..

Es rumpelte wieder im Kamin und jetzt plumpste Professor Dumbledore durch den Schornstein in das Hinterzimmer. Einen Augenblick später kam auch Alastor Moody an. In dem jetzt folgenden Begrüßungstrubel fand Harry keine Gelegenheit, Ollivander nach seinem Befinden und den schweren Tagen im September zu fragen. Auch wollte er gerne wissen, wie es John ging, John, der kleine Junge, der Harry mit Informationen über die Vorgänge in der Winkelgasse versorgt hatte, als Voldemort noch den Zauberstab von Salazar Slytherin besaß und auf der Suche nach Harry war. John war von den Todessern auf üble Art zugerichtet worden und genas nur langsam von dem Überfall.

Aber jetzt, im Augenblick, spielte er nur eine Nebenrolle. Dumbledore kannte Mr. Ollivander auch schon viele Jahre und hatte ihn lange nicht mehr gesehen. Daher drehten sich alle Gespräche zunächst um das Wiedersehen und um die gesamtpolitische Lage und vieles mehr, für was sich Herren in gesetzterem Alter interessieren. Auch war es nötig, sich über die aktuelle Lage in der Winkelgasse zu erkundigen, und als man die wichtigsten Dinge geklärt hatte, empfahl Dumbledore, man solle nun aufbrechen um in den Laden Qualität für Quidditch zu gehen.

Madeye Moody ließ sein magisches Auge umherschweifen, dass Harry von dem Anblick fast schwindelig wurde. Dann bat Moody alle um die nötige Aufmerksamkeit, denn er wollte nun den Schattenzauber anwenden.

„Wir werden uns gleich selber nur noch als Schatten wahrnehmen.“, sagte er. „Wenn wir uns jemandem zu erkennen geben wollen, dann sagt das Wort resplande, wenn ihr wieder zu Schatten werden wollt, dann sagt sombra. Also...“

Er hob seinen Zauberstab, richtete ihn auf seine Begleiter und sagte bei jedem „Sombroses!“. Kaum war das Wort ausgesprochen, verdunkelte sich die ganze Person und verlor an Kontur. Schließlich war nur noch eine dunkle Färbung in der Luft an der Stelle, an der die Person gestanden hatte, wahrzunehmen. Einzig die Schattengestalten selber erkannten sich und konnten sogar die groben Gesichtszüge ihres Gegenübers erkennen, nur waren sie so dunkel, als wäre es Nacht geworden. Harry probierte sofort aus, wie er wieder licht werden konnte, denn jetzt wollte er die Gelegenheit ergreifen, Mr. Ollivander zumindest zu sagen, dass er nachher noch einmal zu Besuch kommen und mit ihm reden wolle.

Er murmelte „Resplande!“ und löste sich sofort aus dem Schatten. Sein Körper nahm wieder Form an.

„Ähm...George..., ähm...ich, ich möchte gerne, wenn wir fertig sind, noch einmal vorbeikommen. Ich habe noch viel zu Fragen, und ich möchte gerne auch noch etwas erzählen. Ist das in Ordnung?“

„Aber natürlich, Harry.“, antwortete George Ollivander. „Ich hätte dich auch noch darum gebeten. Nur es wäre sinnvoll, wenn du allein kommen könntest. Lässt sich das machen?“

„Ja. Irgendwie bekomme ich das schon hin. Danke, George...“

„Harry, wo bleibst du?“, schallte plötzlich Hagrids Stimme durch den Raum.

„Ja, ich komme!“, rief Harry, tarnte sich wieder und lief hinter den Anderen her durch den Laden und auf die Winkelgasse hinaus.

Madeye Moody war schon voraus gegangen. Immer wieder blieb er stehen und betrachtete prüfend die Umgebung. Es war ruhig auf der Winkelgasse. Ganz im Gegensatz zu den herbstlichen Tagen, an denen die Schüler sich mit allerlei Dingen versorgten, die sie für die Schule benötigten, und man kaum einen Schritt vor den Anderen setzen konnte, ohne mit jemandem zusammen zu stoßen, war die Gasse jetzt fast menschenleer.

Die wenigen Zauberer, die mit tief in die Gesichter gezogenen Hüten die Gasse entlang liefen, hielten sich im Schatten der Häuser und nutzten immer wieder die Geschäfts- und Hauseingänge, um stehen zu bleiben, und sich umzusehen. Nirgendwo sah man mehrere Leute zusammen stehen und miteinander reden. Alles schien in einer panischen Hast zu sein. Nie verweilte jemand länger, als dringend nötig an einer Stelle, sogleich wurde weitergehastet und schnellstmöglich ein Geschäft aufgesucht. Moody hielt die Anderen ebenfalls an, trotz ihrer Tarnung, den Schatten der Häuser zu nutzen und sich zu beeilen.

Harry erkannte die Eisdiele von Florean Fortescue, aber was er sah, erfüllte ihn mit Schrecken. Eine Fensterscheibe war notdürftig mit Brettern geflickt worden, das Schild über seiner Eisdiele hing schief herunter und auf einen großen Karren wurden Tische und Stühle verladen. Gerade kam Fortescue mit einem Karton auf dem Arm heraus und lud ihn auf den Karren.

„Was ist denn da los?“, fragte Harry und Hagrid, der neben ihm ging antwortete mit düsterer Stimme:

„Florean gibt auf. Das Geschäft ist diesen Sommer katastrophal gelaufen, und vor kurzem ist er angegriffen worden, wie er einen nicht reinblütigen Zauberer bedient hat. Er hat die Schnauze voll und geht nach Italien.“

„Ja, aber, ... er hatte die beste Eisdiele der ganzen Welt. Er kann doch nicht einfach abhauen...“

Harry war sichtlich irritiert. Das, was er in den letzten zwei Minuten gesehen hatte, erinnerte ihn gar nicht mehr an die Winkelgasse, die er gekannt und so sehr geliebt hatte.

„Harry, die Zeiten haben sich geändert.“, sagte Hagrid leise. „Und du solltest nicht so laut reden. Keiner weiß, wer gerade zuhört.“

„Aber Hagrid.“, flüsterte Harry heiser. „Das können wir uns doch nicht gefallen lassen. Wir müssen doch etwas tun. Voldemort macht alles kaputt. Er zerstört alles, was  schön war!“

„Ich weiß Harry.“ Hagrid klang niedergeschlagen. „Und ich glaube, es wird noch schlimmer kommen. Aber wir müssen erst zusammenfinden, bevor wir etwas tun können. Das geht nicht von jetzt auf gleich. Hab Geduld, Harry.”

Harry schwieg bedrückt. Ein großes Unwohlsein beschlich ihn. Nach wenigen Metern hatten sie den Laden Qualität für Quidditch erreicht. Auch hier hatte sich etwas geändert. Die großen Schaufenster waren durch schwere Gitter geschützt. Aber die Auslage ließ Harrys Herz sofort höher schlagen. Neben reichverzierten Kästchen mit Bällen fand er Besenpflege-Sets, Trikots und natürlich einige herrliche Besen ausgestellt. Mitten im Fenster schwebte, wie damals schon, ein Feuerblitz. Darunter stand ein kleines goldumrahmtes Täfelchen mit der Aufschrift „Der beste Besen aller Zeiten. Exklusiv bei Qualität für Quidditch“ und dem Preis von vierhundertfünfundneunzig Galleonen. Moody stellte sich vor den Laden und sah sich um. Dann winkte er den Anderen und flüsterte:

„Geht hinein. Ich halte hier Ausschau. Wenn etwas ist, klopfe ich an die Scheibe. Dann tarn euch schnellstens wieder.“

Professor Dumbledore öffnete die Tür und die Vier glitten in den Laden hinein. Der Verkäufer, der hinter einem schweren, eichenen Tresen stand, blickte erstaunt zum Eingang. Dann griff er schnell unter die Theke und holte seinen Zauberstab hervor.

„Wer ist da?“, fragte er.

Professor Dumbledore murmelte “Resplande“ und machte sich wieder sichtbar.

„Bitte...“, sagte er und hob die Hände. „Wir wollen nichts schlechtes, wir mussten uns nur tarnen. Mein Name ist Albus Dumbledore, Schulleiter von Hogwarts.“

Der Verkäufer senkte den Stab und ließ erleichtert die Luft aus seinen Lungen entweichen. Jetzt hoben auch Hagrid, Harry und Magister Baumann ihren Schatten auf.

„Professor Dumbledore!“, sagte der Verkäufer freundlich, „welche Ehre, dass sie in unseren Laden kommen. Was kann ich für sie tun?“

„Wir wollen ein paar Besen kaufen.“, antwortete Dumbledore. „Wir brauchen sie für eine Schulmannschaft. Ich denke...“, und dabei schob er Harry vor, „dass unser junger Freund hier ihnen sagt, was er braucht.“

Der Verkäufer lächelte Harry freundlich zu, dann fiel sein Blick auf Harrys Stirn und er erschrak.

„Sie,...sie sind Harry Potter!?“, fragte er mit leiser Stimme und es hatte den Anschein, dass er sich im Laden umsah, ob ihn jemand hören konnte.

„Kommen sie bitte mit nach hinten.“, fuhr er fort, ohne eine Antwort abzuwarten. „Hier vorne ist es zu unsicher.“

Er öffnete eine Tür hinter dem Tresen und ließ die vier in einen Raum eintreten, der offensichtlich als Lager diente. Hier waren an den Wänden Haken angebracht, an denen unzählige Besen hingen. Als sie eingetreten waren, ging er noch einmal zur Ladentür und schloss sie ab. Dann eilte er hinter ihnen her ins Lager uns schloss die Tür.

„Es freut mich, sie in meinem Laden begrüßen zu dürfen, aber in den schlechten Zeiten, die wir erleben, ist es für Leute wie sie sehr gefährlich, in die Winkelgasse zu kommen. Ich bewundere ihre Kühnheit. Also, um was für Besen soll es sich handeln?“

Harry sah zu Professor Dumbledore hinüber. Der nickte nur freundlich.

„Ich dachte an Feuerblitze, oder zumindest den Nimbus 2001. Wir wollen Turniere machen, gegen andere Schulen, und vielleicht schaffen wir es auch in die Liga. Da müssen es schon gute Besen sein.“

Der Verkäufer nickte. Er ging zu einem großen Schrank hinüber, öffnete die Türen und holte einen Besen heraus. Diesen hielt er in die Luft und ließ ihn los. Es war ein Feuerblitz, der nun in der Luft stand, als wäre er an Seilen aufgehängt.

„Das ist unser neuestes Modell, der Feuerblitz ligero, es ist das Nachfolgemodell des vor zwei Jahren erschienenen Feuerblitzes. Er wurde noch einmal gründlich überarbeitet, der Feuerblitz hatte noch einige Schwächen, zu viel Eigengewicht, und die Aerodynamik stimmte noch nicht hundertprozentig. Er sehr schönes Stück.“

Damit schwieg er und beobachtete, wie Harry andächtig um den Besen herum ging, unfähig, ihn zu berühren. Er betrachtete alle Details und freute sich an der eleganten Form. Der Stiel war etwas abgeflacht, nur dort, wo die Hände lagen wies er eine leichte Verdickung auf.

„Nehmen sie ihn ruhig in die Hand.“, forderte ihn der Verkäufer auf.

Harry berührte vorsichtig den Besenstiel. War der alte Feuerblitz noch aus dunklem und schwerem Holz, so hatte der neue ein helles und ganz leichtes Holz vom Ginko-Baum. Das Reisig war von japanischer Trauerweide gefertigt und glitt geschmeidig durch seine Finger. Harry spürte den Besen ganz leicht vibrieren und er fühlte, dass allein Gedanken ihn schon steuern konnten.

„Er ist wunderbar.“, sagte er. Er sah zuerst den Verkäufer, dann Professor Dumbledore fragend an.

„Was kostet er denn?“, fragte Dumbledore.

„Nun ja, er ist ein klein Wenig teurer als der ursprüngliche Feuerblitz. Als einzelnes Exemplar steht er mit sechshundertundfünfzig Galeonen in der Liste.“

„Oh“, sagte Harry enttäuscht. „Das ist viel zu teuer für uns.“

„Wie viele brauchen sie denn, Mr. Potter?“, fragte der Verkäufer.

„Nun ja, für eine komplette Mannschaft. Aber ich habe ja schon einen Feuerblitz, also brauchen wir nur sechs. Auf der anderen Seite müssen wir wenigstens zwei Reservebesen haben...“

„Warten sie einen Augenblick.“, sagte der Verkäufer. „Ich werde mal kurz mit dem Hersteller reden. Vielleicht findet sich ein Weg, dass sie direkt ab Werk kaufen. Dann könnte es sein, dass sie ihn billiger bekommen.“

Er verschwand durch eine Seitentür und kam nach ein paar Minuten mit strahlendem Gesicht wieder.

„Ich denke, es kann so gehen. Sie sagen, dass, wenn sie eine Menge von zehn Stück abnehmen, wissen sie, dass ist die kleinste Großhandelsmenge, dann können sie ihn zum Großhandelspreis bekommen.“

„Und wie hoch liegt der?“, fragte Dumbledore.

„Vierhundertzwanzig. Zuzüglich Versand, es sei denn, sie holen sie selbst ab, dann entfällt das natürlich.“

„Was meinst du, Harry?“, fragte Dumbledore, obwohl er Harrys Antwort schon wusste. Er hatte mit Vergnügen das Leuchten in Harrys Augen beobachtet, als er ehrfürchtig um den Besen geschlichen war.

„Können wir uns das leisten?“, fragte Harry zurück und sein Gesicht begann zu glänzen.

„Ich würde sagen, ... ja.“ Dumbledore grinste.

Harry freute sich unbändig. Fast wäre er Dumbledore um den Hals gefallen. Hagrid klopfte ihm auf die Schulter und brummte:

„Dann kann ja fast nichts mehr schief gehen, mit der Schulmannschaft. Lässt du mich beim Training zuschauen?“

Harry lächelte.

„Klar!“, sagte er.

Nachdem Professor Dumbledore die Formalitäten erledigt hatte, tarnten sie sich wieder als Schatten und verließen den Laden. Moody nickte ihnen zu und sagte, dass alles ruhig gewesen sei. Jetzt wollte Magister Baumann noch bei Madame Malkins vorbeischauen. Sie musste einfach die Gelegenheit nutzen, in einem Londoner Kleiderladen zu stöbern. Die Verkäuferinnen erschraken nicht schlecht, als mitten im Laden plötzlich vier Gestalten sichtbar wurden, nachdem sich die Tür ohne erklärbaren Grund geöffnet hatte und auf einmal eine eigenartige Düsternis herrschte.  Moody war wieder draußen geblieben und beobachtete die Gasse.

Die Umstände konnten rasch geklärt werden. Wie auch der Laden für Quidditch-Zubehör war Madame Malkins Geschäft für Roben und Zaubererkleidung menschenleer.

Dumbledore kannte Madame Malkins und bat eine der Verkäuferinnen, ihn in ihr Büro zu führen. Inzwischen suchte Magister Baumann einige schöne Festumhänge aus und verschwand in den Umkleidekabinen. Madame Malkins freute sich über den Besuch. Sie kam mit Dumbledore in den Laden zurück, um sich selbst um Magister Baumann zu kümmern. Man sah es ihr an, dass sie schwere Sorgen hatte.

„Die Geschäfte laufen sehr schlecht.“, klagte sie. „Wenn das Haus nicht mir gehören würde, hätte ich schon längst schließen müssen. Zum Glück bin ich von Angriffen bisher verschont geblieben. Aber es kommt kaum noch jemand in die Winkelgasse. Nur die Stammkunden kaufen noch bei mir, aber sie bestellen oft nur per Eule, und wir verschicken die Sachen dann. Albus, wann wird das nur aufhören?“

Dumbledore zuckte betrübt die Schultern.

„Es tut mir leid, meine Liebe. Aber das kann ich dir nicht sagen. Versuch durchzuhalten, es werden bessere Zeiten kommen.“

„Ein schwacher Trost.“, antwortete sie. „Wenn das Weihnachtsgeschäft dieses Jahr nichts wird, dann werde ich wohl meine Leute entlassen müssen. Du weißt, wie weh mir das tut. Es sind gute Leute...“

Magister Baumann entschied sich für eine Bordeauxfarbene Robe mit Pelzbesatz, ließ sie sich einpacken und zahlte. Dumbledore verabschiedete sich und nahm Madame Malkins tröstend in den Arm. Dann verließen sie das Geschäft.

Harry musste noch im Auftrag von Ron ein paar Schreibutensilien kaufen. Dann gingen sie zur Gringotts-Bank. Hagrid begleitete Harry hinunter, in die Kammer 713, in der Harry Geld abholte. Irgendetwas flüsterte ihm ein, dass er diesmal mehr holen müsse und Harry packte sich die Tasche so voll mit Galeonen, dass sie schwer an dem gespannten Trageriemen hing.

„Warum nimmst du so viel?“, wollte Hagrid wissen, als sie wieder in der Lore saßen und nach oben fuhren.

„Ach, ich weiß nicht. Ich habe das Gefühl, dass ich so schnell nicht mehr hierher komme. Da ist es wohl besser, ich nehme etwas mehr mit.“

Hagrid brummte zustimmend. „Wer weiß...“, sagte er leise.

Magister Baumann war ein Bisschen enttäuscht, dass ihre hohen Erwartungen nicht n Erfüllung gegangen waren. Sicher, sie hatte einiges über die Todesser und die bedrückende Situation in England gehört, aber in Hogwarts und auch in Hogsmead war nicht viel zu davon spüren. Dort befand sich alle im Einfluss des Pulses der schule, dort herrschte unbeschwertes Leben. Hier aber, in London, in der Winkelgasse schien alles nur noch traurig und düster zu sein.

Schnell verlor sie die Lust, als Schatten von einem Laden zum nächsten zu hetzen, auch wenn die in den Schaufenstern ausgestellten waren allemal ihr Interesse erregten, waren doch die äußeren Umstände einem Einkaufsbummel sehr abträglich. Nachdem sie noch einige Läden besucht hatten, sagte sie mit einem tiefen Seufzer:

„Ich glaub, ich habe gesehen, was ich sehen musste. Von mir aus können wir wieder nach Hause.“

Das es aber gerade auf die Mittagszeit zu ging und Hagrid, der nichts besorgen musste, sich als einziges Ziel des Besuches ein Glas Bier im tropfenden Kessel gewünscht hatte, beschlossen sie, dort hin zu gehen und einen Imbiss einzunehmen. Nachdem sie durch das Loch in der Mauer in den Hinterhof gelangt waren, ging Hagrid allein voraus in die Kneipe. An einem Tisch saßen zwei dunkel gekleidete Gestalten und unterhielten sich leise. Hagrid ahnte, dass es sich um Posten der Todesser handelte, die nur darauf warteten, dass jemand den Tropfenden Kessel betrat und sie ihn direkt in Augenschein nehmen konnten. Tom stand hinter dem Zapfhahn und lehnte sich an einen Schrank. Misstrauisch schaute er zu den beiden Gestalten hinüber. Hagrid schlich leise sich bis zur Theke, nahm sich einen Stift und einen Bierdeckel und kritzelte mit krakeliger Schrift darauf:

„Hallo Tom,

können wir in Dein Hinterzimmer?

Hagrid“

Dann nahm er den Bierdeckel in die Hand und hielt ihn so, dass Ton darauf aufmerksam werden musste. Zuerst erschrak Tom, doch dann schien er die Handschrift von Hagrid zu erkennen. Er stieß sich von dem Schrank ab und machte einen Schritt zu dem Zapfhahn hinüber. Mit einem Blick hatte er die Nachricht gelesen, nahm den Bierdeckel aus Hagrids Hand und zerknickte ihn mehrmals. Er warf ihn in den Mülleimer und flüsterte:

„Hallo Hagrid. Klar könnt ihr. Wie viele seid ihr?“

Dabei klapperte er ein wenig mit den Gläsern herum, die neben dem Zapfhahn standen und darauf warteten, mit Bier gefüllt zu werden.

„Wir sind fünf. Dumbledore, Harry, Moody und eine junge Lehrerin.“, antwortete Hagrid kaum hörbar.

„Geh schon mal nach hinten, ich hole die anderen rein.“, raunte Tom. Er klapperte noch mehr mit den Gläsern, dann rief er durch den Schankraum den beiden finsteren gestalten zu:

„He, ihr zwei! Wollt ihr ein Bier? Das muss doch langweilig sein, den ganzen Tag da zu sitzen!“

„Halts Maul, Tom. Du weißt, dass wir nicht zum Vergnügen hier sind!”, rief einer der beiden zurück.

„Ey Mann, ich geb’ einen aus. Bevor mir das ganze Bier schal wird, wie sowieso keiner kommt. Vielleicht kommt dann mal ein Bisschen Stimmung in die Bude!“

„Wenn das so ist! Dann lass mal rüberwachsen!“

Tom schenkte zwei Krüge bis zum Rand mit Lager. Sorgfältig strich er den Schaum ab, setzte die Krüge auf ein Tablett und gab diesem einen kleinen Schubs. Das Tablett schwebte durch den Raum und landete auf dem Tisch, an dem die beiden saßen. Sie nahmen die Krüge, prosteten Tom zu und tranken.

Währenddessen holte Tom den Mülleimer unter der Theke hervor und ging nach draußen, in den Hof. Als er die Schatten mehr erahnte, als sah, flüsterte er:

„Freut mich, dass ihr kommt. Geht ins Hinterzimmer, Hagrid ist schon da.“

Mit lautem Scheppern klappte er den Müllcontainer auf und leerte den Eimer hinein. Harry erkannte eine Gelegenheit, sich zu Mr. Ollivander zu begeben. Er mochte eh kein Bier, und das Lunchpaket, das er dabei hatte, reichte ihm vollkommen aus.

„Professor Dumbledore“, flüsterte er. „Ich würde jetzt gerne zu Mr. Ollivander gehen. Ich muss noch einiges mit ihm besprechen.“

„Harry!“, flüsterte Dumbledore zurück. „Ich kann dich nicht allein gehen lassen. Versteh mich bitte.“

„Bitte, Professor, man kann mich doch nicht sehen, und ich werde vorsichtig sein.“

„Ist schon in Ordnung!“, meldete sich jetzt Moody. „Ich gehe nicht mit hinein, und da kann ich auf Harry aufpassen. Lassen sie ihn ruhig gehen.“

„Gut Harry.“, sagte Dumbledore leise. „Wir kommen dann zu Ollivander. Wartest du dort auf uns?“

„Klar, mach ich. Danke, Professor Dumbledore!“

Tom hatte den Container wieder zugeklappt und ging auf die Tür zu. Schnell schlüpften Dumbledore und Magister Baumann in den Schankraum und Tom schloss die Tür hinter ihnen.

So, viel war ja nicht mehr zu schreiben, im 8. Kapitel. Das 9. werde ich aber erst veröffentlichen, wenn es fertig ist. Dann ist Eure Qual vielleicht nicht ganz so groß...  ;-)))

vorhergehendes Kapitel home nächstes Kapitel