7. Halloween
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Prolog
1. Das seltsame Fest
2. Snapes große Stunde
3. Neville
4. Streik
5. Die Schulmannschaft
6. Die erste Prophezeihung
7. Halloween
8. Mad Eye
9. Johns Begabung
10. Eine wunderbare Arena
Weiter gehts mit...

 

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Am späten Nachmittag, das Licht des Tages war von einem düsteren Grau in undurchdringliches Schwarz übergegangen, ließen Fußgetrappel und aufgeregt fröhliche Stimmen Harry aus seinen Gedanken hochfahren. Seit zwei Stunden hatten er und Draco dumpf brütend in ihren Betten gelegen, nur einmal gestört durch Madame Pomfrey, die hereingekommen war und das Licht angeknipst hatte, und hatten kein Wort mehr miteinander gesprochen.

Jetzt merkte auch Draco auf, hob den Kopf und sah in Richtung der Tür, ließ ihn dann aber enttäuscht sinken, als er merkte, dass diese Stimmen Hermine und Ron gehörten.

„Ich will erst einmal nachsehen, ob die Beiden wach sind.“, hörten sie Madame Pomfrey streng sagen. „Ihr wartet hier!“

Ron und Hermine stürmten jedoch direkt hinter Madame Pomfrey ins Krankenzimmer, die zuerst ärgerlich war, als sie aber sah, dass Harry und Draco wach waren, zuckte sie mit den Schultern, ließ ein beleidigtes „Pfff!“ hören und rauschte hinaus.

„Hallo Harry!“, rief Ron. „Ey, Mann, was haben sie mit dir gemacht?“ Dann sah er, dass in dem Nachbarbett Draco lag.

„Hast du ihn fertig gemacht?“, fragte Ron begeistert. Draco sandte ihm einen missbilligenden Blick, drehte sich auf die Seite und sah unbeteiligt aus dem Fenster.

„Hallo Ron, hallo Hermine!“, antwortete Harry. „Nein, ich habe ihn nicht fertig gemacht. Wir leiden nur, äh, an der selben...Krankheit.“

„Wieso Krankheit?“, fragte Ron. „Wir haben gehört, dass die Slytherins dich zusammengeschlagen haben! Wieso redest du da von Krankheit?“

„Das stimmt, Harry“, pflichtete Hermine ihm bei. „Was ist passiert?“

„Woher wisst ihr, dass ich verprügelt worden bin?“, fragte Harry. „Ich habe niemandem so etwas gesagt.“

„Harry, ich verstehe dich nicht!“, sagte Ron aufgebracht. „Das ist doch schon in der ganzen Schule rum. Die Slytherins haben ihren Streik abgebrochen und Crabbe und Goyle erzählen jedem, der es nicht hören will, dass sie dich fertig gemacht haben. Wieso nimmst du sie in Schutz? Wieso nimmst du dieses Ekel da in Schutz? Harry, das verstehe ich nicht.“

„Komm, Ron, reg dich nicht auf.“, versuchte Hermine ihn zu beschwichtigen. „Wer weiß, was Crabbe und Goyle für einen Blödsinn erzählen. Aber mal wirklich, Harry, was ist passiert? Wir haben von Professor Dumbledore nur gehört, dass er dich auf die Krankenstation gebracht hat, und dass wir dich jetzt besuchen könnten. Du musst dir mal vorstellen, was wir den ganzen Nachmittag durchgemacht haben. Du warst zu den Slytherins gegangen, und bist einfach verschwunden. Als wir nachgeschaut haben, war niemand mehr da, und keiner hat uns gesagt, was los ist. Du bist den ganzen Nachmittag verschwunden geblieben. Dann haben die beiden Gorillas von Malfoy angefangen Geschichten herum zu erzählen. Du glaubst ja nicht, was für Sorgen wir uns gemacht haben.“

„Es ist nichts weiter passiert“, sagte Harry, „als dass ich mit den Slytherins über die Schulmannschaft gesprochen habe, und dann sind wir plötzlich umgefallen. Madame Pomfrey weiß auch nicht warum.“

„Aber warum ausgerechnet ihr beide?“, fragte Ron verwundert.

„Keine Ahnung!“, meinte Harry. Er wusste selbst nicht, warum er seine Freunde belog, aber irgendetwas hatte ihn zurückgehalten, die Wahrheit zu sagen. Ron sah ihn misstrauisch an. Harry machte jedoch ein unschuldiges Gesicht, in dem Ron vergeblich danach suchte, was Harry gerade dachte. Schließlich, auch wenn es ihm schwer fiel, verdrängte er sein Misstrauen.

„Bist du heute Abend wieder fit?“, fragte er. „Wir wollen doch die Schattenpilze mit Magister Baumann suchen gehen. Wirst du dabei sein?“

Harry war froh, dass er nicht mehr mit Fragen gelöchert wurde. Fast erleichtert sagte er:

„Ich hoffe es. Wenn ich es richtig verstanden habe, können wir heute raus.“

Ron beugte sich zu Harry hinunter und senkte seine Stimme.

„Wir haben etwas vor, mit den Pilzen. Kannst du dich an die Leuchtpilze erinnern, die Professor Sprout uns gezeigt hat?“

Harry nickte.

„Was ist damit?“

Ron senkte seine Stimme zu einem Flüstern.

„Wir haben etwas vor, für Halloween. Jetzt am Wochenende ist doch die große Party. Hermine und ich haben einige dieser Pilze aus dem Gewächshaus geklaut.“

Er grinste.

„Neville ist auch dabei. Er hat mit der Baumann geredet. Sie würde uns helfen, diesen Trank daraus zu machen, mit dem man das Skelett sichtbar macht. Stell dir vor, Neville hat sie gefragt. Ist ein Ding, oder?“

„Bei der Baumann wundert es mich nicht.“, sagte Harry und grinste.

„Das wird ein Spass, sag’ ich dir!“, sagte Ron begeistert. „Also, was meinst du, bist du heute Abend wieder raus?“

„Ich glaube schon. Mir geht es gut. Ich bin nicht krank, warum sollte Madame Pomfrey mich nicht rauslassen?“

Hermine hatte sich bis jetzt etwas im Hintergrund gehalten. Jetzt beugte auch sie sich zu Harry hinunter und fragte leise:

„Was ist denn jetzt passiert, Harry? Du hast vorhin nicht die Wahrheit gesagt.“

Harry sah sie ungnädig an.

„Ich kann es jetzt nicht sagen.“, flüsterte er und nickte andeutungsweise zu Draco hinüber. „Aber vielleicht erzähle ich es heute Abend. Ok?“

Hermine nickte zufrieden. Sie schien etwas zu wissen. Ron blickte erstaunt in die Runde, zog es aber vor, nichts zu sagen. Sie redeten noch ein paar Minuten, dann verabschiedeten sich die Beiden und ließen Harry und Draco allein.

„Warum hast du ihnen nicht alles erzählt?“, fragte Draco unvermittelt. „Sie sind deine Freunde!“

„Ich weiß nicht. Ich habe das Gefühl, dass das nur eine Sache zwischen uns beiden ist.“

„Ich werde nicht schlau aus dir. Wahrscheinlich bist du genau so ein verrückter Oberedelheini, wie dein Vater. Meine Güte“, brummte er eher zu sich, „In was bin ich da nur reingeraten!“

In dem Moment kam Madame Pomfrey in das Krankenzimmer.

„Na, meine beiden Jungs, wie geht es uns denn jetzt?“ Sie war so ekelhaft freundlich, dass Harry versuch war, eine freche Antwort zu geben. Er konnte sich gerade noch zurückhalten und presste ein „Sehr gut“ hervor.

„Na, ich glaube, dann dürft ihr aufstehen. Es ist ja gleich Zeit fürs Abendessen. Aber ich warne euch. Strengt euch nicht zu sehr an. Und geht nicht allein irgendwo hin, nehmt immer jemanden mit, der Hilfe holen kann, wenn ihr einen Rückfall erleidet. So, und jetzt raus aus den Betten, ich will auch einmal fertig werden.“

Das ließen sie sich nicht zweimal sagen. Wie zwei Grashüpfer waren sie aus den Betten geschlüpft, zogen ihre Klamotten an und liefen mit einem knappen „Tschüss“ aus dem Zimmer.

Nach dem Abendessen, bei dem die drei Freunde über ihre Halloween-Verkleidung sprachen, und sich begeistert in Vorfreude hineinsteigerten, versammelten sich die Gryffindor-Schüler aus Harrys Jahrgang und, zu ihrem Leidwesen auch die Slytherins in der Vorhalle. Eigenartigerweise hielten diese sich mit bissigen Bemerkungen zurück. Harry blickte verstohlen zu ihnen hinüber und bemerkte, dass Draco fast heimlich zu Harry herübersah, und, als sich ihre Blicke begegneten, schnell wegschaute.

Magister Baumann hatte sich einen glänzenden dunkelgrünen Umhang mit pelzbesetzter Kapuze angezogen. Ihr langes blondes Haar trug sie heute offen und es quoll seidig aus der Kapuze hervor. Als Harry Neville sah, wie der ihr mit hochrotem Kopf und freudig strahlendem Gesicht entgegenging und ihr den Korb abnahm, in den sie die Pilze sammeln wollten, musste er unwillkürlich lächeln. Einerseits verstand er Neville, denn auch er fand, dass Magister Baumann eine außergewöhnlich schöne Frau war, und wenn sie ihn mit ihren rehbraunen Augen ansah, lief auch ihm ein wohliger Schauer über den Rücken.

Aber er wusste, dass sie viel zu alt für ihn war, und sich mitnichten für einen der Schüler interessieren würde. So bewunderte Harry seine Lehrerin und mochte sie einfach nur. Neville dagegen hatte es voll und ganz erwischt. Nachts sprach er im Traum von ihr, und wenn er am nächsten Morgen von den Schlafsaalgenossen damit aufgezogen wurde, war es ihm höchst unangenehm. Aber er saß oft verträumt am Fenster und schaute gedankenverloren auf den herbstlichen See hinaus und wenn er Magister Baumann begegnete, bestand er aus purem Glück.

Magister Baumann begrüßte die Schüler, ganz besonders die neu hinzugekommenen aus Slytherin und ging dann voraus, durch das Eingangsportal auf die große Wiese. Sie wurde nur schwach von den hohen Fenstern des Speisesaales beleuchtet. Die Schüler stellten sich im Halbkreis vor ihre Lehrerin und hörten aufmerksam zu, als sie eine kurze Wiederholung der letzten Unterrichtsstunde gab. Schließlich waren die Slytherins mit dem nötigen Wissen ausgestattet und jetzt suchte Magister Baumann unter den Schülern einen, der das magische Licht heraufbeschwören sollte. Ihr Blick blieb bei Draco Malfoy hängen, dessen weißblondes Haar in dem schwachen Licht ein wenig heller schien, als das der anderen Schüler.

„Sie, junger Mann“, sagte sie. „Wie heißen Sie?“

„Mein Name ist Malfoy.“, antwortete Draco. „Draco Malfoy.“

„Ach sie sind Draco Malfoy!“, sagte sie mit einem bezaubernden Lächeln, das ihre weißen Zähle in der Dunkelheit blitzen ließ, „Dann sind sie der zweite Junge, der heute diesen eigenartigen Unfall hatte. Wie geht es ihnen?“

Harry hätte schwören können, dass Malfoy eine freche Bemerkung auf der Zunge hatte, aber auch er schien sich nicht der Ausstrahlung dieser Frau entziehen zu können.

„Danke, Magister Baumann!“, sagte Draco und klang überraschenderweise etwas verlegen. „Mir geht es gut.“

„Mr. Malfoy, möchten sie es versuchen?“

Draco nickte und trat einen Schritt vor. Er hob den Zauberstab.

„Warten sie noch einen Augenblick“, sagte Magister Baumann. Sie hob ihren Stab, murmelte ein paar Worte und wie durch Geisterhand wurden die langen grün-weißen Fensterläden vor die hohen Fenster des Speisesaales zugeklappt. Jetzt lag die Wiese in völliger Dunkelheit.

„Bitte Mr. Malfoy!“, war ihre weiche Stimme mit der fürchterlichen Aussprache durch die Schwärze zu hören.

Draco hob wieder den Zauberstab. Er schwang ihn durch die Luft und rief „Fluoreszenca“. Ganz schwach breitete sich um ihn herum ein leises Glimmen von schwarzbläulichem Licht aus und zog sich wie eine Ölspur auf einer Regenpfütze über die Wiese. Und dann, als hätte man tausend kleine Kerzen angezündet, leuchtete ein Pilz nach dem Anderen in strahlendem Blau auf und die Wiese wurde in ein geheimnisvolles Licht getaucht.

Harry wunderte sich. Damals, als der dunkle Lord das Anwesen von Henry Perpignan angegriffen hatte, war auch das magische Licht erzeugt worden. Aber er hatte keine Pilze entdeckt, und so wie es hier aussah, musste es Tausende und Abertausende von diesen seltsamen Pilzen geben. Hatte Henry ein anderes Licht gemacht?

„Äh, eine Frage!“, meldete er sich.

„Ja, Mr. Potter?“

„Hm, ich ...ich habe dieses Licht schon einmal gesehen, in der Nähe von Newcastle. Da waren aber keine Schattenpilze zu sehen. Kann das sein, dass die nicht überall vorkommen?“

„Das haben sie gut beobachtet, Mr. Potter“, antwortete Magister Baumann, die nun von einer schwachen bläulichen Aura umgeben war, „wenn ich es recht in Erinnerung habe, liegt Newcastle in der Nähe des Meeres? Ach, ich bin in Geographie noch nie besonders gut gewesen. Aber, wenn es so ist, dann kann es durchaus sein, dass die Schattenpilze dort etwas seltener sind, als hier im Inland. Sie vertragen den Salzgehalt in der Luft nicht so gut. Aber es gibt sie auch dort, es ist eine andere Form, die sich angepasst haben. Sie wachsen dort nur im Wald, aber es gibt sie auch an der Küste.“

„Ach so.“, sagte Harry. Es schien ihm eine plausible Erklärung zu sein. Magister Baumann forderte die Schüler nun auf, jeder ein paar, aber nur ein paar zu sammeln. Sie sollten möglichst mit einem Messer abgeschnitten werden, und da sie angenommen hatte, dass keiner der Schüler eines dabei hatte, verteilte sie Messer aus ihrem Korb. Schon nach wenigen Minuten war der Korb voll und leuchtete wie ein großer japanischer Lampion.

„Vielen Dank, meine Lieben.“, sagte Magister Baumann. „Ich denke, das wird für unseren Unterricht ausreichen. So, bevor wir nun hineingehen, möchte ich noch einen kurzen Hinweis geben. Morgen Nachmittag möchte ich meine erste Stunde ‚magisches Kochen’ geben. Wenn sie Lust haben, daran teilzunehmen, dann möchte ich sie bitten, sich um fünfzehn Uhr in der Küche von Hogwarts einzufinden. Jetzt wünsche ich ihnen noch einen schönen Abend.“

Draco durfte das magische Licht auch wieder löschen, und Magister Baumann öffnete mit einem kurzen Zauberspruch die Flügel der Fensterläden, so dass sie mit dem herausfallenden Licht ohne Stolpern wieder zu der Treppe kamen.

Oben in der Eingangshalle, Neville hatte den Korb getragen und händigte ihn ihr gerade aus, rief sie Ron, Hermine und Harry mit geheimnisvollem Lächeln zu sich.

„Ich finde ihre Idee für Halloween wirklich bezaubernd. Am Freitagabend, nach dem Essen kommen Sie doch bitte zu mir in das Klassenzimmer. Ich werde den Trank dann fertig haben. Er hält etwa drei Stunden an, wenn ich etwas mehr von den Pilzen hinzufüge, vielleicht sogar dreieinhalb. Ist das in Ordnung?“

„Ja, natürlich!“, nickten alle Vier und grinsten. „Das wird ein Spaß!“

Plötzlich schlug sich Ron vor den Kopf.

„Wir sind so blöd!“, rief er.

„Wieso?“, fragten Hermine, Harry und Neville gleichzeitig. Auch Magister Baumann sah etwas überrascht aus.

„Mann, wir haben doch Klamotten an!“, sagte Ron und hob beschwörend die Hände. „Da sieht man das doch gar nicht. Oder sollen wir nackt rumlaufen?“

Harry grinste bei dem Gedanken, und Neville wurde wiedereinmal rot.

„Hm, stimmt.“, sagte Magister Baumann nachdenklich. „Daran habe ich auch nicht gedacht. Aber ich glaube, ich habe da schon eine Idee. Ich muss nur noch einmal in einem Buch nachsehen. Wenn ich mich recht erinnere, gibt es ein Elixier...“

„Was für ein Elixier?“ Alle starrten gebannt auf die Lehrerin. Die aber schmunzelte nur und meinte:

„Lassen sie sich überraschen. Wir sehen uns am Samstag. Vielleicht eine halbe Stunde, bevor das Fest beginnt?“

Die Vier stimmten zu. Magister Baumann lächelte zum Abschied noch, ließ sich von Neville den Korb geben. Der hätte sie am liebsten noch begleitet und ihr geholfen, die Pilze zum Trocknen auszubreiten, aber sie lehnte dankend ab. Dann glitt sie die Treppe hinauf und verschwand hinter der Tür, die zum Lehrerflügel führte.

„Was für eine Frau...“, stöhnte Neville mit glänzendem Gesicht.

Ron musste sich den Mund zu halten, um nicht los zu prusten und erntete von Hermine einen strengen Blick, der so viel heißen sollte, wie ‚Lass Neville in Ruhe!’

„Was wollen wir machen, wenn sie keine Lösung findet?“, fragte Harry.

„Sie wird eine Lösung finden!“, sagte Hermine bestimmt. „Schließlich ist sie eine Frau!“

„Was hat das denn damit zu tun?“, fragte Ron und verdrehte die Augen.

„Ganz einfach, mein lieber Ron.“, sagte Hermine schnippisch. „Frauen haben wesentlich mehr Ausdauer bei der Suche nach Lösungen. Sie geben einfach nicht so schnell auf, wie Männer.“

„Ey, was soll der Quatsch den jetzt schon wieder!“, warf Harry ärgerlich ein. „Ich habe eine ganz normale Frage gestellt und Ihr nutzt sie nur wieder um euch in die Wolle zu kriegen. Ich frag noch mal: Was machen wir, wenn sie keine Lösung findet?“

„Warts doch einfach ab!“, sagte Hermine, hob die Nase und lief die Treppe hinauf.

„Mann ist die doof!“, murmelte Ron. „Will die jetzt hier so einen Emanzen-Club eröffnen? Dann gute Nacht!“

Harry musste auf einmal gähnen. Er sah müde aus.

„Ich glaub, ich geh jetzt hoch und lege mich ins Bett. War ein ganz schöner Misttag.“

Er fühlte wieder seine Knochen schmerzen, und mit einem Mal kam ihm die Erinnerung an die Geschehnisse  des Tages. Nur der Abend war einigermaßen vergnüglich gewesen. Er musste sich eingestehen, dass er Neville durchaus verstehen konnte. Was für eine Frau!

Die nächsten Tage verliefen ruhig und gingen schnell vorüber. Ein absoluter Höhepunkt war die Unterrichtsstunde bei Hagrid. Die Woolwoodys tollten mit den Schülern in ihrer unbeholfen wirkenden Art über die Wiese und spielten Verstecken mit ihnen. Hermine ging jetzt jeden Abend zu Hagrid und half ihm, die Tiere zu füttern. Eines Abends brachte sie eines dieser Wollknäuel mit in den Gemeinschaftsraum und sagte, dass es so anhänglich geworden sei, dass sie überlege, es zu adoptieren. Ron fragte sie, ob sie vielleicht ihren fetten Kater dafür in die Wüste schicken wollte, aber er erntete nur einen kühlen Blick.

Die ganze Zeit gingen Harry und Draco sich aus dem Weg. Wenn sie sich einmal begegneten, was in dem Trubel der Festvorbereitungen unvermeidbar war, dann sahen sie sich unsicher und äußerst skeptisch aber nicht ohne Neugier an. Sie sprachen nicht miteinander, warfen sich aber auch keine Beleidigungen mehr an den Kopf. Vielmehr beobachteten sie einander, jeder darauf wartend, dass der Andere einen ersten Schritt machen würde. Sie mussten noch einmal miteinander reden, aber sie trauten sich nicht, aufeinander zuzugehen, vor allem wollten sie sich keine Blöße vor dem eigenen Haus geben.

Überraschenderweise kam am Donnerstag Mittag, als er in der Halle auf Hermine wartete, die vor dem Essen noch einmal auf die Toilette gegangen war,  Bletchley auf Harry zu. Etwas unbeholfen und sichtlich verunsichert brummte er „Hallo.“ Dann schien er einen Augenblick nach Worten zu suchen und presste dann hervor:

„Wir haben nachgedacht. Malfoy und ich, wir wollen mitmachen. Ich als Treiber und Draco als Jäger.“

Harry war höchst überrascht, und er staunte Bletchley offen an. Dann grinste er.

„Find ich gut.“, sagte er. Das war das Einzige, was er heraus bekam.

„Hör mal!“, sagte Bletchley und schaute unsicher zu seinen Füßen hinunter. „War `n Missverständnis. Ist das wieder Ok?“

Harry kratzte sich verlegen am Ohr, dann sah er Bletchley an, wusste zunächst nicht, was er sagen sollte, nickte einmal bedächtig und meinte:

„Jaaa. Ist Ok.“

„Gut. Kannst ja mal an unseren Tisch kommen. Dann können wir darüber reden, ja?“

„Mach ich.“

Bletchley schien sichtlich erleichtert. Er drehte sich um, wandte noch einmal den Kopf und hob kurz die Hand, dann schlurfte er davon. Harry stand kopfschüttelnd in der Halle und konnte es nicht fassen. Er fühlte sich ungemein erleichtert.

Am Freitag Abend kam Post. Hedwig war ein paar Tage verschwunden gewesen. Harry hatte sich aber keine Sorgen gemacht, denn er wusste, dass die lange Zeit in der Eulerei für die Vögel oft langweilig war und sie daher gerne mal für ein paar Tage ausflogen. Seltsamerweise waren sie immer dann wieder zurück, wenn man sie mit einem Brief  irgendwohin schicken wollte.

Hedwig war mit einem ganzen Schwarm von Eulen in den Speisesaal geflattert und hatte auf Harrys Teller zwei Briefe fallen lassen, die er nur mit Mühe davor bewahren konnte, mit Sauce durchtränkt zu werden. Es waren Briefe von Perpignans Place, einer hatte die Handschrift von Sirius und der Andere trug die Schriftzüge von Henry. Harry schob sie in seinen Umhang, beeilte sich mit dem Abendessen und brach schon nach wenigen Minuten in den Gryffindor-Turm auf.

Kaum dass er sich auf sein Bett gesetzt hatte, nestelte er schon die Briefe aus seiner Tasche und brach hastig das Siegel, das auf Sirius Pergament befestigt war. Er begann zu lesen.

 

„Mein lieber Harry,

 

Es freut mich, Dir einmal gute Nachrichten mitteilen zu können. Dein Freund Henry ist ein wunderbarer Mensch und wir verbringen so schöne Abende miteinander, wie ich sie schon seit vielen Jahren nicht mehr erlebt habe. Fast möchte ich meinen, wir könnten Freunde werden, so viel verbindet uns schon nach so kurzer Zeit.

Ich fühle mich hier ausgesprochen wohl, kann mich endlich einmal erholen und muss nicht ständig auf der Flucht sein. Ich habe sogar ein paar Pfund zugenommen. Du solltest mich sehen, nichts erinnert mehr an den Sirius, wie er aus Askaban geflohen ist. Henry war so freundlich, seinen Schneider kommen zu lassen und mir ein paar Maßanzüge und Umhänge nähen zu lassen. Sie müssen ein Vermögen gekostet haben und ich hoffe, dass ich irgendwann wieder nach London komme, so dass ich ihm die Summe aus meinen Ersparnissen zurückzahlen kann.

Henry hat viele Abende mit mir und Remus über Strategien gesprochen, wie wir meine Rehabilitation vorantreiben können. Leider ist das Ministerium zur Zeit wegen der Todesser etwas in Aufregung, so dass sie meinen Fall erst einmal auf Eis gelegt haben. Ich hatte mich schon gewundert, wann das Schreiben endlich kommt. Henry hat ein paar Freunde im Ministerium und konnte so an Insider-Informationen kommen.

Er rät mir, einen offiziellen Revisions-Antrag beim Magier Gerichtshof zu stellen. Inzwischen haben wir auch einige wirklich stichhaltige Beweise für meine Unschuld in der Hand. Henry hat einen Anwalt zum Freund, einer aus seinem Orden, der in Britannien ein sehr hohes Ansehen hat und einer der Besten sein soll. Er kommt uns nächste Woche besuchen und wird sich meine Geschichte anhören und die Beweise sichten.

Es sieht so aus, als könnten wir Anfang nächsten Jahres den Prozess neu aufrollen. Das wird zwar noch einmal ein sehr schwerer Gang, aber ich bin inzwischen sicher, dass alles gut ausgeht. Wirst Du an Weihnachten zu uns kommen? Wir alle würden uns sehr freuen.

Schreib mir mal, wie es Dir jetzt geht. Es soll ja einiges los sein in Eurer Schule.

 

Viele liebe Grüße sendet Dir

 

Dein Sirius.“

 

Harry hatte Tränen in den Augen. Er fühlte unbändiges Glück durch seinen Körper strömen. Langsam ließ er den Brief sinken und starrte ins Leere. Er konnte sich kaum vorstellen, wie Sirius in ordentlichen Kleidern aussah, vielleicht war er dem Sirius auf dem Hochzeitsphoto seiner Eltern wieder ein wenig ähnlicher geworden. Schließlich gab Harry sich einen Ruck, legte den Brief zur Seite und nahm sich das Pergament von Henry.

 

„Sei gegrüßt, Bruder.

 

Dein Pate ist ein sehr angenehmer Zeitgenosse und ich genieße es, nicht mehr allein auf dem großen Anwesen zu sein. Arthur lässt Dich grüßen, und George Ollivander, der inzwischen wieder in seinen Laden zurück gekehrt ist, lässt dir einen Gruß von John ausrichten. Es geht ihm jetzt wieder einigermaßen besser, und er ist aus dem Krankenhaus entlassen. Vielleicht schafft er es noch, dieses Jahr nach Hogwarts zu kommen, aber ich fürchte, die Schulbehörde wird seine Einschulung um ein Jahr verschieben. Erst muss er sich ganz erholen.

Der eigentliche Grund, warum ich schreibe, ist, dass ich Dich und Deine beiden Freunde gerne über Weihnachten zu mir einladen möchte. Ich könnte mir vorstellen, dass Du Deinen Paten gerne wiedersehen möchtest, außerdem freue ich mich auch, ebenso Arthur, der jetzt schon über das Weihnachtsmenü nachdenkt, und wir werden noch ein paar Brüder zu Gast haben.  Es wird Zeit, dass Ihr unseren Orden ein wenig kennen lernt.

 

Schreibe mir bitte, ob Du kommst, und ob Du jemanden mitbringst.

 

Bis dann

 

Henry.“

 

Harry ließ den Brief sinken. Eine Mischung von Aufregung und Freude durchströmte ihn. Er griff noch einmal zu dem Brief von Sirius, den er auf seine Bettdecke gelegt hatte. Der Brief war jedoch verschwunden und an seiner Stelle lag ein kleines Häufchen gelblichen Pulvers. In dem Moment fühlte er, wie das Pergament, das er noch in der Hand hielt, weich wurde und sich ebenfalls in Pulver auflöste.

‚Schade!’, dachte Harry, als er sich bewusst wurde, dass Henry die Briefe präpariert hatte, so dass sie sich selbst zerstörten. Zu gerne hätte er die Zeilen von Sirius noch einmal gelesen, zu schön waren die Nachrichten und zu gerne hatte er von der Erholung seines Paten gelesen. Aber er verstand sehr wohl, dass diese beiden Briefe Informationen enthielten, die, so sie in falsche Hände gerieten, für ihre Schreiber und natürlich auch für Harry eine große Gefahr bedeuteten.

Konnte er Ron mitnehmen? Hermine stand außer Frage. Sie war selbst in die Geheimnisse eingeweiht, und er konnte sich vorstellen, dass auch sie darauf brannte, mehr über die Gemeinschaft der Druiden zu erfahren. Aber Ron? Ron kannte das Geheimnis nicht, und er durfte es zumindest nicht aus Harrys oder Hermines Mund erfahren. Hatte Henry vor, Ron ebenfalls einzuweihen? Und wie hatte er es zu verstehen, dass Sirius vom „Orden“ schrieb? War Sirius etwa schon ein Druide geworden?

Eine Menge Fragen türmten sich vor Harry auf, und sein Besuch auf Perpignans Place gewann immer mehr an Spannung. Aber in jedem Falle freute er sich über die Einladung. Endlich konnte er einmal in sicherer Umgebung ein paar Tage mit Sirius verbringen, und Henry, das wurde Harry mit einem Mal in aller Deutlichkeit bewusst, hatte er auch in sein Herz geschlossen. Mit einem Lächeln auf den Lippen erinnerte er sich an die gebeugte und steinalte Gestalt von Arthur, und als er an die gemütlichen Stunden am Kamin der Bibliothek in Henrys Anwesen dachte, wurde ihm warm ums Herz.

In dieser Nacht schlief Harry ruhig und traumlos, und, als er am nächsten Morgen aufwachte fühlte er sich ausgeruht und entspannt, wie schon lange nicht mehr. Sein Körper hatte sich von den Prellungen erholt, nichts tat mehr weh, wenn er sich streckte, und er genoss es, die Arme hinter seinen Kopf zu legen und den Rücken durchzubiegen, um den Schlaf aus seinen Muskeln zu drücken.

Heute war der große Tag, das Fest, auf das sich alle Schüler im neuen Schuljahr freuten. Heute Abend würde es nicht nur ein tolles Essen geben, sondern sie würden in einer perfekten Verkleidung eine Menge Spaß haben. So verflog der Vormittag wie im Nu. Im Unterricht hatte kaum ein Schüler die nötige Aufmerksamkeit aufgebracht und die Lehrer nahmen es mit strenger Miene aber auch einem lustigen Augenzwinkern zur Kenntnis.

Den Nachmittag verbrachten die Drei kurzentschlossen bei Hagrid, der sich über den Besuch sehr freute. Eine dampfende Tasse Tee vor sich stehend und ein Stück von Friedwulfas Keksen mampfend fragte Harry, ob Hagrid jetzt mit nach London reisen würde, wenn Dumbledore und er die Besen besorgen wollten.

„Natrürlich, Harry!“, brummte Hagrid gemütlich. „Glaubst du denn, ich würde mir solch eine Gelegenheit entgehen lassen? Allein das Bier im tropfenden Kessel ist es Wert, in die Winkelgasse zu kommen. Und wir werden Madeye Moody besuchen. Er wird mitkommen und ein wachsames Auge auf uns haben, man weiß ja nie in den düsteren Zeiten...“

„Glaubst du, dass wir Ärger mit den Todessern bekommen?“, fragte Harry. „Ich dachte, sie wären jetzt ruhiger geworden. Henry hat mir einen Brief geschrieben, in dem er gesagt hat, dass Mr. Ollivander wieder in seinen Laden zurückgekehrt ist.“

„Ach, ich denke, es ist ein wenig Gras über die Sache gewachsen. Dein spezieller Freund weiß ja jetzt, dass du in Hogwarts bist und er nicht an Dich herankommen kann. Ich schätze, er wird auf eine passende Gelegenheit warten.“

„Ich wäre da sehr vorsichtig.“, meldete sich Hermine. „Die Todesser sind ganz schön miese Typen!“ Sie erinnerte sich an die Zwei, die sie auf offener Gasse bedrängt hatten.

„Mach dir keine Sorgen, Harry!“, sagte Hagrid beruhigend. „Ich glaube kaum, dass Voldemort dich ausgerechnet am nächsten Dienstag auf offener Straße angreifen wird. Er fürchtet sich zwar nicht mehr vor dir, seit er auf diesem Friedhof dein Blut mit seinem gemischt hat, aber er ist auch ein politisch denkender Mensch. Eine so offene Konfrontation schadet ihm in seiner derzeitigen Situation eher, als dass sie ihm nützt. Er ist sich seiner Anhänger noch nicht ganz sicher, und er weiß, dass das Ministerium alles tut, seiner habhaft zu werden. Moody und alle anderen Auroren sind wieder aktiv, und das ist eine Truppe, die sogar er fürchten muss.“

„Ich freue mich darauf, Moody kennen zu lernen.“, meinte Harry und lehnte sich entspannt zurück. „Und wenn er dabei ist, dann brauchen wir uns auch keine Sorgen zu machen.“

„Hm, da fällt mir ein,“ sagte Hagrid, „es kommt noch jemand mit. Diese neue Lehrerin, die wollte sich auch mal London, oder besser, die Winkelgasse ansehen. Professor Dumbledore hat sie eingeladen, er meint, dass das eine gute Gelegenheit wäre, einmal etwas über Land und Leute zu lernen.“

„Meinst du, Hagrid“, fragte jetzt Ron, „wir beide könnten auch mitfahren?“ er deutete dabei auf Hermine und sich. „Ich habe nach den Ferien noch keine Gelegenheit gehabt, dort einzukaufen, und mir fehlen noch ein paar wichtige Sachen. Federn zum Beispiel...“

Hagrid überlegte kurz, dann sagte er:

„Ich werd mal mit Dumbledore reden. Was habt ihr am Dienstag für Unterricht?“

„Verteidigung ...“ Ron sprach das Wort mit deutlicher Abneigung aus.

Hagrid grinste.

„Bei Snape? Mal schauen, was ich machen kann...“

„Danke, Hagrid!“, rief Ron erfreut. Hagrid wiegelte aber ab, denn er konnte keinen Erfolg versprechen. Inzwischen hatte es draußen zu dämmern begonnen. Hermine wollte sich noch ein Bisschen schön machen, wie sie es ausdrückte. Ron und Harry sahen sich an und grinsten. Hagrid lächelte verständnisvoll und begleitete die Drei zur Tür.

„Viel Spaß heut Abend!“, rief er hinter ihnen her. „Bin mal gespannt, als was ihr geht!“

„Lass dich überraschen!“, rief Harry zurück. Dann folgte er den beiden über die Wiese zum Schloss hinauf.

Um halb Acht stiegen sie aufgeregt die Treppe hinunter zu dem Verließ, in dem die Unterrichtsstunden für Zaubertränke statt fanden. Magister Baumann erwartete sie bereits. Sie hatte ein kleines violettes Feuer auf einem der Labortische entfacht und in dem Kessel, der auf einem Dreibein über der Flamme stand, brodelte ein interessant nach Waldboden duftendes Gebräu. Es hatte eine gelbe Farbe und kleine braune Stückchen wurden darin herum gewirbelt.

„Na, ihr seid ja pünktlich auf die Minute!“, begrüßte Magister Baumann sie. „Der Trank ist fertig. Aber ich möchte erst einmal eure Kleider behandeln, sonst sieht man ja nichts.“

Sie nahm aus ihrer Handtasche ein kleines Flakon mit einer klaren Flüssigkeit. Hermine war als erste an der Reihe. Magister Baumann bat sie, ihren Umhang auszuziehen, besprühte ihre Hose und ihren Pullover mit einem feinen Nebel und legte dann den Umhang auf den Tisch, um mit ihm ebenso zu verfahren. Nachdem Ron, Neville und Harry die gleiche Prozedur hinter sich gebracht hatten, verteilte Miss Baumann den Trank auf fünf tönerne Becher, nahm einen und bedeutete den vieren, sich ebenfalls einen zu nehmen. Wie auf Kommando hoben sie ihren Becher zu den Lippen und tranken ihn in einem Zug aus.

Harry erinnerte sich an den scheußlichen Geschmack des Vielsafttrankes und all der anderen Tränke, die sie im Unterricht gebraut und an sich ausprobiert hatten. Daher war er angenehm überrascht, dass dieser Trank durchaus gut schmeckte.

Magister Baumann schien seine Gedanken zu erraten.

„Ich habe etwas hinzugefügt, das den Geschmack angenehmer macht.“, verkündete sie mit einem leichten Lächeln. Dieses Lächeln jedoch wurde immer breiter und lippenloser, bis nur noch ein kahler Kranz ihrer ebenmäßigen Zähne zu sehen war. Das Gesicht verlor an Form und begann in einem unheimlichen grünen Licht zu glimmen. Harry sah sich nach den Anderen um. Nur noch als Umrisse konnte er erkennen, dass es sich um menschliche Wesen handelte. Das ganze Skelett glomm nun durch die Umhänge hindurch und überstrahlte die Körper seiner Freunde. Ein wohlig-gruseliger Schauer lief über seinen Rücken, als eines der Skelette anfing zu sprechen, und dabei nur die Bewegung des Kiefers zu sehen war.

„Das sieht ja toll aus“, hörte er Hermine sagen.

„Harry, wer bist du denn?“, meldete sich Ron und wedelte mit einer Knochenhand in der Luft herum.

„Hier bin ich!“, sagte Harry und versuchte sich in einem tiefen, hohlen Lachen. Dabei hob er beide Arme, spreizte die Finger und ging bedrohlich auf das Skelett zu, das gerade mit Rons Stimme gesprochen hatte. Neville zuckte ein wenig zurück.

„Mannomann, mannomann“, stöhnte er. „Das ist ja richtig unheimlich!“

„Neville!“, lachte Ron.  „mach dir nicht ins Hemd! Meinst du, du siehst besser aus?“

„Ich hätte nicht gedacht, dass das so schrecklich aussieht.“, gestand Neville mit einem leichten Zittern in der Stimme.

„Ich glaube, wir werden eine Menge Spaß haben, heute Abend!“, ließ sich Magister Baumann vernehmen. „Wollen wir aufbrechen?“

Sie verließen das Gewölbe und wanderten den Gang entlang.

„Ich finde es toll, dass sie auch mitmachen!“, sagte Hermine.

„Ach, wissen sie, Hermine“, antwortete Miss Baumann, „Ich war auch einmal Schülerin in einer Zaubererschule. Wir haben damals jede Menge Unsinn gemacht. Wir waren eine Clique von fünf Mädchen, die nichts ausgelassen haben. Wenn ich daran denke, wie wir unseren Hausmeister immer hochgenommen haben.“

Sie musste lachen.

„Hatten sie auch so einen wie unseren Mr. Filch, so ein Ekel?“, wollte Ron wissen.

„Mr. Filch ist ein Ekel? Das ist mir neu. Zu mir ist er immer ausgesprochen höflich!“

„Zu uns nicht.“, stellte Harry fest. „Er sucht immer einen Grund, einen von uns Schülern zu bestrafen oder bei den Lehrern zu verpetzen. Aber am schlimmsten ist Miss Norris. Sie kennen doch seine Katze?“

„Dieses kleine Ungeheuer, das überall herumstreift? Wo man immer den Eindruck hat, sie hört einem ganz genau zu? Die kenn ich. Nein, unser Hausmeister war an sich ein ganz netter Mensch. Er hatte sieben Kinder, die selber alle Schüler auf Burg Rabeneck waren. Er hat auch nur geschimpft, wenn wir es zu arg getrieben hatten.“

Sie stiegen gerade die Treppe hinauf und betraten die große Halle. Hier war wunderbar geschmückt worden. An jeder der Säulen hingen Lampions, die unterschiedlichste finstere magische Wesen darstellten und durch kleine flackernde Kerzen erleuchtet wurden, wodurch sie fast lebendig wirkten. Kleine, durchscheinende Gespenster und Fledermäuse flatterten durch die Halle und umschwirrten den großen Kronleuchter, wie die Motten das Licht.

Im Speisesaal waren die Tische mit schwarzen Tüchern gedeckt, auf denen kristallenes Geschirr wie Eisblumen blitzte. Überall auf den Tischen standen leuchtende Kürbisse, und  auch an den Wänden hingen sie und tauchten den Saal in ein geheimnisvolles, düsteres Licht. Der Himmel des Saales zeigte, obwohl draußen inzwischen undurchdringlicher Nebel herrschte, einen klaren Sternenhimmel und der Mond hatte ein Gesicht, als wäre er selber ein geschnitzter Kürbis.

Mitten in diesem Himmel schwebte ein gigantischer Kürbis, der aus Hagrids Monsterzüchtung stammen konnte, und statt einer Kerze loderte ein magisches Feuer in seinem Bauch und aus den Öffnungen für Mund, Nase und Augen waberte künstlicher Nebel herunter und legte einen unheimlichen Schleier in die Luft. Auch hier flogen Gespenster und Fledermäuse durch die Luft. Links neben dem Lehrertisch war eine kleine Bühne errichtet worden, auf der einige Musikinstrumente und ein Schlagzeug standen.

Die Schüler, die an den verschiedenen Tischen saßen oder zwischen ihnen herumwieselten hatten die tollsten Gewänder an. Einige hatten sich als Gespenster verkleidet, andere liefen als Vampire herum und wieder andere hatten sich Masken von schrumpeligen Hexen oder Monstern auf den Kopf gesetzt. Das beliebteste Spiel schien das Anschleichen und Erschrecken von Mitschülern zu sein. Immer wieder drang ein erschrecktes Gekreisch durch Stimmengewirr. Dumbledore hatte sich wieder einmal selbst übertroffen.

Er hatte bereits am Lehrertisch in Gesellschaft von Hagrid, Professor Sprout und Professor McGonagall platzgenommen und betrachtete die Szene mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen. Ein ungeheurer Lärm von Stimmen, Lachen und Giggeln drang aus der weit geöffneten Tür heraus. Als die fünf Skelette von der Halle aus den Speisesaal betraten, schrieen einige der Mädchen aus den jüngeren Jahrgängen entsetzt auf und lenkten die Aufmerksamkeit auf die Ankömmlinge. Stille kehrte ein.

Harry und seine Freunde steuerten auf den Tisch der Gryffindors zu, während Magister Baumann sich aus der Gruppe löste und gespenstisch schwebend auf den Lehrertisch zuglitt. Professor Sprout war aufgestanden.

„Aber das...!“, begann sie. „Das sind ja Leuchtpilze! Woher haben sie das?“

„Ach bitte, Professor Sprout!“, sagte Magister Baumann begütigend. „Lassen sie den Kindern doch ihren Spaß!“

„Ich...ich kann nicht glauben, dass sie... sie können sie nur gestohlen haben! Und dass sie da mitmachen! Magister Baumann! Das hätte ich ihnen nicht zugetraut!“

„Ich bitte dich, meine Liebe“, mischte sich Dumbledore nun ein. „Es ist ein Schülerspaß. Wir haben Halloween, da gelten andere Gesetze!“

„Ich finde aber, sie sollen betraft werden, für diesen Frevel. Sie hätten mich fragen sollen!“ Professor Sprout war sichtlich erregt. „Sagen sie mir die Namen dieser Schüler, Magister!“

Magister Baumann öffnete die blitzende Reihe von Zähnen, was allem Anschein nach ein Lächeln darstellen sollte.

„Nein!“, sagte sie vergnügt, aber bestimmt.

„Gut“, meinte Professor Sprout beleidigt. „Da ich sehe, dass es Gryffindors sind, kann ich nur das Haus bestrafen. Fünfzig Punkte Abzug!“

Damit setzte sie sich wieder und verschränkte die Arme vor ihrer Brust.

„Hättest du ihnen denn von den Leuchtpilzen gegeben, wenn sie gefragt hätten?“, fragte Dumbledore und sah sie grinsend über den Rand seiner Halbmondbrille an.

„Wo denkst du hin, Albus? Natürlich nicht!“, sagte Professor Sprout spitz.

„Siehst du.“, meinte Dumbledore gelassen. „Aber ich muss sagen, das sind die schönsten Verkleidungen für heute. Richtig einfallsreich. Ich finde, das muss belohnt werden. Ich würde vorschlagen, wir geben jedem der vier zwanzig Punkte. Was meinst du, Minerva?“

Professor McGonagall sah sichtlich irritiert zwischen Professor Dumbledore und Professor Sprout hin und her. Dann lächelte sie eines ihrer sehr selten Lächeln, nickte und sagte:

„Wie du meinst, Albus.“

Jetzt war Professor Sprout richtig beleidigt, was sich erst legte, als sie das vierte Glas Glühwein heruntergekippt hatte. Nun begann sie über den Vorfall zu lachen, lallte einiges unzusammenhängendes Zeugs und wankte später nach einigen weiteren Gläsern laut singend aus dem Speisesaal hinaus.

Inzwischen waren Harry, Ron, Hermine und Neville zuerst mit schierem Entsetzen empfangen worden. Sie sahen auch einfach unheimlich aus. Parvati klammerte sich an Seamus Finnigan, der, nachdem er den ersten Schrecken überwunden hatte, vorsichtig seinen Arm um sie legte und es durchaus als angenehm empfand, eine so reizende Mitschülerin neben sich sitzen zu haben und ihr seinen schützenden Arm reichen zu können.

Lavender Brown fand als erste ihre Fassung wieder.

„Wer seid ihr?“, fragte sie und versuchte ein Grinsen, das aber nicht so ganz zu ihrem entsetzten Blick passte.

„Darf ich vorstellen?“, brummte Harry mit der tiefsten und hohlsten Stimme, die er zustande brachte. „Das hier ist Neville, das Hermine und das ist Ron, meine Wenigkeit nennt sich Harry.“

„Stimmt nicht! Ich bin Ron“, meckerte das Skelett, das Harry mit Hermine bezeichnet hatte. Dann schwang es sich auf einen Stuhl, griff sich eine Walnuss aus der Kristallschale, knackte sie mit den Zähnen und ließ sie in seinem Gebiss verschwinden. Es sah urkomisch aus, wie sein Gebiss darauf herummahlte.

„Hey, wie habt ihr das gemacht?“, wollte Angelina wissen. „Das sieht richtig unheimlich aus!“

Ron senkte seine Stimme. „Neville und ich“, sagte er leise, „wir haben uns in die Gewächshäuser geschlichen, und ein paar von diesen Leuchtpilzen geklaut.“

Er blickte kurz zum Lehrertisch hinüber und sah, wie Professor Sprout, mit einer Hand zu ihnen herüberwinkend, aufgeregt mit Magister Baumann sprach. Sie stritten gerade über die Leuchtpilze. Wenige Sekunden später zog Professor Sprout dem Haus Gryffindor die Punkte ab und Dumbledore prämierte ihre Verkleidung als die beste des Abends. Harrys Blick wanderte zu Hagrid, der lächelnd herüberwinkte und seinen Daumen in die Höhe hielt. Offensichtlich wollte er damit andeuten, dass ihm die „Verkleidung“ gefiel.

„Wie?“, fragte Lee Jordan, „Neville war dabei? Der macht sich doch sonst immer in die Hose, wenn es spannend wird?“

„Ach so denkt ihr über mich?“, fragte Neville beleidigt. Lee wurde rot, er hatte nicht daran gedacht, dass Neville genau neben ihm saß, diese Skelette sahen auch wirklich Eines wie das Andere aus.

“Ach Neville, so hat er es sicher nicht gemeint.”, versuchte Dean Thomas zu vermitteln. „Ich mein’, besonders mutig bist du ja wirklich nicht. Aber ich finde es klasse, dass du dabei warst.“

„Danke.“, murmelte Neville.

„Tschuldigung, Neville!“, sagte Lee. „Find ich auch gut. Ist mir nur so rausgerutscht.“

„Und wer ist der fünfte?“, fragte Lavender und zeigte zum Lehrertisch hinüber.

„Das ist Magister Baumann!“, sagte Neville stolz, denn er schrieb sich einiges davon auf seine Fahne, dass sie mitgemacht hatte. „Sie hat uns den Trank gemacht.“

„Ist ja irre.“, meinte Dean. „Ich hab sie immer für so `ne ganz brave gehalten. Wie man sich irren kann...“ Ein wenig Bewunderung lag in seiner Stimme.

Mit einem Mal tönte Professor Dumbledores Stimme durch den Saal. Er hatte sie mit Hilfe des Sonorus-Spruchs verstärkt.

„Meine lieben Schülerinnen und Schüler, darf ich um etwas Ruhe bitten?“, sagte er laut und wartete, bis das Gemurmel und Gelache abgeebbt war. „Heute ist der einunddreißigste Oktober und wir feiern das Halloweenfest. Ich wünsche euch viel Spaß dabei. Wir haben natürlich auch etwas Besonderes für heute vorgesehen. Auf dieser Bühne, die ihr dort sehen könnt“, und dabei wies er mit dem Arm in die Richtung, „wird heute eine Gruppe von Jungen Leuten ihr Debüt geben. Es ist eine Gruppe, die von Schülern der siebten Klasse aufgebaut wurde, und die die Ferien genutzt hat, einige Songs einzustudieren. Begrüßt mit mir zusammen die ‚Roaring Dragons’!“

Beifall brandete auf, die Tür hinter dem Lehrertisch wurde aufgestoßen und fünf in wildesten Kostümen verkleideten Gestalten stürmten auf die Bühne. Sie griffen nach den Instrumenten und begannen einen schnellen Rock’n Roll anzustimmen. Im Saal wurde es düster, aber die Kürbisse drehten sich zur Bühne und begannen, mit bunten Lichtblitzen im Takt der Noten zu leuchten. Sofort war der Platz vor der Bühne gefüllt mit verkleideten Schülern, die im Takt der Musik auf und nieder hopsten und in die Hände klatschten.

„Die sind gut!“, brüllte Ron gegen die Lautstärke an und begann zu tanzen. In der Dunkelheit leuchteten seine Knochen hell und es sah sehr komisch aus, wie er und die anderen Skelette in der Menge tanzten. Harry antwortete nicht, aber er nickte heftig.

Das Konzert dauerte fast eineinhalb Stunden. Neben einigen selbst geschriebenen Liedern spielten sie eine Reihe von bekannten Stücken, und der ganze Saal tobte vor Begeisterung. Dann machten sie eine Pause, spielten danach aber noch fast bis Mitternacht. Langsam begannen die Skelette zu verblassen und die Gesichter von Ron, Hermine, Neville und Harry nahmen wieder Gestalt an. Auch Magister Baumann, die sich zum Tanzen zu ihnen gesellt hatte, erhielt ihr Aussehen wieder zurück.

Kurz nach Mitternacht war das Fest zu Ende. Die Schüler strömten gut gelaunt aus dem Speisesaal und in ihre Türme zurück. In der Halle gingen die Vier neben Magister Baumann her.

„Vielen Dank, dass sie das gemacht haben.“, sagte Harry. „Ich glaub, sie sind echt in Ordnung!“

Magister Baumann lächelte ihn an und zeigte ihre weißen Zähne.

„Ich hab’s gern getan.“, sagte sie. „Außerdem wusste ich nicht, wie ich mich verkleiden sollte. Ihr habt mich auf eine tolle Idee gebracht. Eigentlich muss ich mich bedanken.“

Harry wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Schnell verabschiedete er sich und lief die Treppe zum Gryffindor-Turm hinauf. Oben drehte er sich noch einmal um und winkte. Sie winkte zurück. Ron, Hermine und Neville kamen hinter ihm her, die Treppe herauf.

Einige der Gryffindors standen noch im Gemeinschaftsraum und scherzten miteinander. Als die Vier durch das Portraitloch stiegen, kam Fred direkt auf sie zu. Es schien, als hätte er auf sie gewartet.

„Ihr müsst unbedingt an das Rezept kommen.“, sagte er aufgeregt. „Das brauchen wir für unseren Scherzartikelladen!“

„Dafür brauchst du aber auch Leuchtpilze.“, bemerkte Hermine.

„Ich glaube, Professor Sprout hat sich ganz schön aufgeregt.“, meinte Neville. „Habt ihr gesehen, wie sie mit Magister Baumann geredet hat?“

„Ach, die Sprout!“, sagte George und winkte ab. „Die ist das geringste Problem. Wir besorgen uns eine Kultur und züchten selber Pilze. Bei uns zuhause haben wir so schön feuchte Keller, da werden wir irgendwann nicht mehr wissen, wohin mit dem Zeug.“

„Damit werden wir Tausende von Galeonen verdienen.“, freute Fred sich händereibend. „Sie werden es uns aus den Händen reißen.“

„Ich frag sie.“, sagte Neville plötzlich. „Ich glaube, sie zeigt es mir.“

Alle starrten Neville an. Das war ein Zug von ihm, den sie noch nicht kannten. Fred klopfte ihm auf die Schultern.

„Finde ich total in Ordnung, dass du das machen willst.“, sagte er anerkennend.

Harry war sehr zufrieden mit dem Tag. Lange flüsterte er noch mit Ron, als sie in ihren Betten lagen. Sie lachten über die lustigen Szenen des Abends und sie fanden beide Anerkennung für Neville, der sich seit neuestem in einem ganz anderen Licht zeigte, und natürlich auch für Magister Baumann.

„Sie ist eine tolle Frau!“, flüsterte Ron.

„Echt!“, bestätigte Harry.

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