6. Die erste Prophezeihung
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Prolog
1. Das seltsame Fest
2. Snapes große Stunde
3. Neville
4. Streik
5. Die Schulmannschaft
6. Die erste Prophezeihung
7. Halloween
8. Mad Eye
9. Johns Begabung
10. Eine wunderbare Arena
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Am Dienstag Morgen fühlte Harry sich miserabel. Wieder hatte er eine katastrophale Nacht hinter sich. Er hatte von Draco Malfoy und seiner Mutter geträumt, den gleichen Traum, den er schon einmal geträumt hatte, nur viel deutlicher und schrecklicher. Schweißgebadet war er hochgeschreckt, und kaum dass er sich seiner Umgebung bewusst war, hörte er in seinem Inneren diesen eigenartigen Gesang. Alle versuche, diese Stimme von sich fern zu halten, alles Zuhalten seiner Ohren nützte nichts. Der Klang war klarer und deutlicher denn je und Harry hatte das Gefühl, als würde eine Alarmglocke schrillen.

Harry stand auf. Vor dem Fenster beschien der volle Mond eine mit Raureif überzuckerte Wiese. Es war eiskalt im Schlafsaal. Das Singen übertönte die Geräusche der schlafenden Anderen. Harry verließ den Saal und ging die Treppe hinunter in den Gemeinschaftsraum. Im Kamin glommen die Reste des heruntergebrannten Feuers und strahlten eine leichte Restwärme in den Raum.

Harry steuerte auf den Eingang zu. Der Gesang war unverändert laut, nur er wurde noch klarer, je mehr er sich der Hinterseite des Portraits näherte. Er stupste gegen die Leinwand und das Gemälde schwang auf.

„Musst du mich mitten in der Nacht wecken!?“, tönte von der anderen Seite her eine schläfrige Stimme.

„Entschuldigung“, murmelte Harry und trat aus der Öffnung. Auch hier war das Geräusch nicht lauter, als im Schlafsaal, nur es schien jetzt direkt in seinem Kopf zu entstehen und es begann sich in seine Gedanken zu schneiden, wie ein scharfes Messer. Es tat förmlich weh, und Harry schlug seine Beiden Hände auf die Ohren. Mit einem Mal verstummte der Gesang und es war totenstill. Harry schaute den Gang entlang, der durch die Fenster mit mildem Mondlicht gefüllt war. Wo war der Klang hin verschwunden? Verwundert schüttelte Harry seinen Kopf.

„Na, hast du jetzt erreicht, was du wolltest?“, fragte die fette Dame im Portrait beleidigt. „Und, was hat es gebracht? Ich bin jetzt wach.“

Damit schwang sie wieder zurück und verschloss den Eingang.

„Es tut mir leid.“, sagte Harry und drehte sich um. „Ich habe so ein komisches Geräusch gehört, und ich wollte nachsehen, ob es von hier draußen kommt. Aber ich habe mich wohl geirrt.“

„Das kann jeder behaupten!“, maulte die fette Dame und verzog das Gesicht. „Ich habe für solche Scherze nichts übrig.“

„Ich kann nur sagen, dass es mir leid tut.“, antwortete Harry und ging auf das Portrait zu. „Drachenstein!“

Das Passwort, das die fette Dame nach der Rückkehr von Ron, Hermine und Harry aus Rumänien vergeben hatte war immer noch gültig. Jedenfalls bis jetzt. Denn das Portrait bewegte sich keinen Millimeter.

„Lass mich bitte hinein.“, sagte Harry und unterdrückte ein Gähnen.

„Warum sollte ich?“, fragte die fette Dame mit unschuldiger Miene.

„Ich habe mich doch schon entschuldigt!“ Harry wurde langsam ärgerlich. Die fette Dame meinte, sich an Harry rächen zu können, indem sie von einem Moment zum Anderen das Kodewort für den Zugang geändert hatte. Es war kalt im Gang und Harry begann zu frieren. Er rieb sich die Arme, um ein wenig wärme zu erzeugen.

„Muss ich jetzt die ganze Nacht vor ihnen auf den Knien rutschen, dass sie mich hineinlassen?“, fragte er müde.

Die fette Dame verschränkte ihre Arme und starrte an die Decke. Harry wartete.

„Ich habe wirklich ein Geräusch gehört.“, begann nach einer Weile von Neuem. „Es war wie der Gesang des Phoenix. Ich wollte einfach nachschauen, ob ich mir das eingebildet habe, oder ob es wirklich da war.“

„So so, der Phoenix!“, sagte die fette Dame und erstaunlicherweise wirkte sie jetzt nicht mehr beleidigt, sondern aufmerksam. „Das ist seltsam...“

„Was ist seltsam?“, merkte Harry auf.

„Das Portrait vom alten Dippet erzählte mir, dass der Phoenix letztens gesungen hat...“

„Wann war das?“ Harry war aufgeregt. Sollte es wirklich der Phoenix sein, der ihn jetzt schon zum zweiten Mal aus dem Schlaf gerissen hatte?

„Ach Junge, was fragst du mich. Zeit ist für mich wie eine Wolke. Sie vergeht einfach... Wie soll ich mich erinnern, wann das war?“

„Das ist wichtig für mich!“, rief Harry fast. „War es vielleicht in der Nacht von letzten Mittwoch auf Donnerstag?“

„Lass mich nachdenken!“ Die fette Dame schwieg für einen Augenblick.

„Das kann sein“, sagte sie dann, „aber nagle mich nicht darauf fest. Doch, es war in der Nacht, denn Dippet sagte mir, dass er in der Nacht kein Auge zugetan hätte. Der Vogel sei die ganze Nacht wie wild im Büro herumgeklettert. Und auf seinen Rahmen sei er gestiegen und stell dir vor, er hat dann ganz ungeniert von dort herunter ge... gemacht.“

„Es ist doch der Phoenix gewesen!“, sagte Harry triumphierend. „Dann habe ich mich doch nicht geirrt!“

Die fette Dame sah ihn prüfend an. Dann sagte sie:

„Na gut. Das neue Passwort heißt ‚Rosenhain’. Du hast Glück, dass ich so ein großes Herz habe.“ Dabei legte sie ihre Hand auf den wogenden Busen.

Harry nannte das Passwort und wurde hinein gelassen. Seine Füße waren wie Eisklumpen. Er ging zum Feuer, legte ein paar Späne auf und blies in die Glut. Einen Moment später züngelte ein kleines Flämmchen auf, erfasste die Späne und loderte dann hoch. Harry legte sogleich ein paar Holzscheite in die Flammen, dann zog er sich einen Sessel heran und setzte sich. Die Füße legte er auf die immer noch warmen Steinplatten vor dem Kamin. Schnell wurde es ihm wieder warm.

Was wollte der Phoenix von ihm? Es schien ja sicher, dass nur er den Gesang gehört hatte. War Tom Riddle wieder aufgetaucht? Das konnte nicht sein, denn das Tagebuch war durch den Giftzahn des Basilisken für immer zerstört, und Tom Riddle somit für alle Ewigkeiten ausgelöscht worden. War es Voldemort, der wieder etwas plante? Nein, auch das kam nicht in Frage, seine Narbe war ein untrüglicher Sensor für Voldemort und hatte Harry noch nie im Stich gelassen.

Er beschloss, irgendeinen Vorwand zu benutzen, um Professor Dumbledore in seinem Büro aufzusuchen. Vielleicht würde er etwas Näheres erfahren, wenn er dem Phoenix gegenüber stand. Irgendeinen Grund musste es für das seltsame Benehmen von Fawks geben, denn ansonsten saß er tagein tagaus auf seiner Stange und wartete auf seine Verbrennung und sein Wiederauferstehen.

Harry wartete noch ein paar Minuten, bis seine Füße merklich wärmer geworden waren. Dann stand er auf, legte noch ein paar dicke Hölzer in das Feuer und ging zurück in den Schlafsaal. Alles war ruhig. Nur das gleichmäßige Schnaufen seiner Zimmergenossen war zu hören. Er legte sich unter seine Decke, zog sie bis zur Nase herauf und fiel bald in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Als Harry dann am nächsten Morgen aufwachte, fühlte er sich unendlich müde. Er wusste nicht, wie lange er in dieser Nacht gewacht hatte, aber nach dem brennen seiner Augen zu schließen, mussten es wohl einige Stunden gewesen sein. Sofort erinnerte er sich an das seltsame Gespräch mit der fetten Dame und an seinen Entschluss, möglichst bald Professor Dumbledore aufzusuchen und Kontakt mit dem Phoenix aufzunehmen. Mühsam erhob er sich aus seinem warmen Bett. Im Winter war die Luft im Schlafsaal morgens immer sehr kalt, erst im Laufe des Tages, wenn die Wärme des Gemeinschaftsraumes durch die offene Tür drang, wurde es erträglicher. Noch schlimmer war es im Badezimmer, und so beeilte er sich mit der Morgenwäsche.

Beim Frühstück gähnte er mehrmals und genoss es, dass er als inzwischen fünfzehnjähriger schon Bohnenkaffee trinken durfte. Das belebte ihn ein wenig, aber die Aussicht, heute wieder Unterricht bei Professor Snape zu haben drückte seine Stimmung ins Bodenlose. Mürrisch beantwortete er Hermines Frage, ob er mit seinem Bericht fertig geworden sei und er beteiligte sich nicht an dem fröhlichen Geschnatter, das um ihn herum herrschte.

Mit einem äußerst unguten Gefühl schlich er schließlich den Gang entlang zum Klassenzimmer. Die beiden Pergamentrollen hatte er in seine Tasche gesteckt. Schweigend setzte er sich auf seinen Platz neben Ron. Ron kannte Harry inzwischen ganz gut und wusste, dass man ihn, wenn er mit so einem Gesicht herumlief, am Besten in Frieden ließ. Wenige Minuten später kam Snape in das Klassenzimmer. Er schmiss seine Mappe auf das Lehrerpult, stellte sich vor die Klasse und verschränkte die Hände hinter seinem Rücken. Dann sah er die Schüler mit einem lauernden Blick an, bis auch der letzte sein Flüstern eingestellt hatte.

„Guten Morgen!“, zischte Snape kalt. „Ich habe mir ihre Aufsätze angesehen und ich muss sagen, dass sie meine Erwartungen bei weitem übertroffen haben. In den letzten vier Jahren haben sie so gut wie nichts über die dunklen Künste gelernt. Ihr Wissensstand ist katastrophal!“

Er begann, unruhig vor den Schülern hin und her zu laufen.

„Ich befürchte“, begann er aufs Neue, „dass unser junger Freund Harry Potter“ und den Namen betonte er mit besonderer Schärfe „der einzige ist, der schon einige Erfahrungen gemacht hat, was die dunklen Kräfte zustande bringen können. Allerdings wird auch sein Wissen nur äußerst rudimentär sein.

Das werden wir in diesem Schuljahr ändern. Sie können sich darauf einstellen, dass ich den Stoff der vergangenen Jahre mit ihnen bis zu den Sommerferien durchnehmen werde. Und ich werde sie prüfen. Ich gebe ihnen einen guten Rat:“

Jetzt wurde seine Stimme leise und drohend.

„Lernen sie so viel sie können. Ich gebe keinem eine zweite Chance. Und sie, Miss Granger, werden mit ihrem Büchereiwissen auch nicht weiter kommen, denn in diesem Jahr geht es um praktische Erfahrungen. Bilden sie sich nicht ein, dass sie mich mit oberlehrerhaften Wortmeldungen beeindrucken können.“

Snape kehrte zum Lehrerpult zurück und setzte sich. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. Scharf musterte er einen Schüler nach dem anderen. Dann fiel sein Blick auf Harry.

„Potter!“ Seine Stimme zerschnitt die Stille wie ein Peitschenhieb. „Haben sie ihren Bericht fertig?“

Harry wurde blass. Hastig kramte er in seiner Tasche und zog die beiden Pergamentrollen hervor.

„Hier...hier ist er!“, stotterte er und hielt sie hoch. Snape zog verwundert eine Augenbraue hoch. Für einen Augenblick wich seine finstere Miene ehrlicher Anerkennung.

„Sie überraschen mich.“, sagte er. „Ich hatte gesagt, das sie etwa zwei Meter schreiben sollen. Wo haben sie die Zeit her genommen, gleich zwei Rollen zu beschreiben?“

„Ich habe...ich...die Ereignisse sind so kompliziert, dass ich nicht weniger schreiben konnte, um sie alle aufzuschreiben.“

Snape streckte seine Hand aus und bedeutete Harry, ihm die Rollen zu bringen. Harry stand auf und brachte sie nach vorne. Er wollte sich wieder zu seinem Platz begeben, doch Snape hielt ihn zurück.

„Warten sie!“, sagte er scharf.

Harry blieb unschlüssig stehen. Snape nahm die Rolle, auf die eine große Eins gemalt war, löste das Band, das sie zusammen hielt und begann, den Text zu überfliegen. Nach einer Weile sagte er:

„Alles Geschwafel! Ich wollte von ihnen einen Bericht, und keinen Roman. Zugegeben, ihr Stil ist nicht schlecht, aber er passt nicht in meinen Unterricht. Sei’s drum. Ich möchte, dass sie der Klasse vorlesen, was in dem Kloster geschehen ist. Ich nehme an, es ist auf der zweiten Rolle.“

Er reichte Harry die Rolle, und Harry löste das Band. Nach einigem Suchen hatte er die Stelle gefunden und begann zu lesen. Harry nannte ohne zu zögern den Namen des dunklen Lord und jedes Mal, als der Name fiel, zuckten einige Schüler zusammen. Snape dagegen hörte aufmerksam zu und hier und da schlich sich ein gemeines Grinsen in sein Gesicht. Als Harry von den Ratten vorlas, die Voldemort auf ihn gehetzt hatte, hielten die Schüler den Atem an. Schließlich kam er zu der Stelle, an der Voldemort den Drachenstein fand und aufhob. Snapes Gesicht drückte höchste Aufmerksamkeit aus.

Nachdem Harry die Zerstörung des Zauberstabes beschrieben hatte, hob Snape die Hand und zischte:

„Bis hier hin. Geben sie mir den Bericht und setzen sie sich!“

Harry kehrte zu seinem Platz zurück. Alle sahen ihn mit Bewunderung an. Der Bericht war sehr eindrucksvoll und ohne jede Beschönigung geschrieben. Das fand bei den Schülern Anerkennung.

„So!“, begann Snape. „Jetzt wissen wir, was sich in dem Kloster zugetragen hat. Und wir wissen noch etwas. Voldemort ist nicht besiegt, es ist ihm nur ein Werkzeug genommen worden. Stimmt es, Potter, dass der Zauberstab der ist, der einst Salazar Slytherin gehört hat?“

Harry durchfuhr es eiskalt. Vor dieser Frage hatte er sich den ganzen Morgen und die ganze letzte Woche gefürchtet.

„Ja.“, sagte er schwach.

„Ist es möglich“, fragte Snape gedehnt, „dass der Verlust dieses Zauberstabes nicht nur Voldemort die Macht nahm, sondern auch Einfluss auf unsere Schule hat?“

Dabei sah er Harry mit stechenden Augen an. Harry wollte am liebsten unter seiner Bank versinken.

„Du kannst nichts dafür!“, flüsterte eine Stimme hinter ihm. Es war Hermine, die genau so wie er befürchtete, dass Snape seine Schlüsse weiter ziehen würde. Snape begnügte sich jedoch damit, Harry in Angst versetzt zu haben. Er grinste leicht, dann stand er auf und stellte sich vor die Klasse.

„Ich habe bemerkt, dass sie alle bei dem Namen Voldemort“ – den Namen dehnte er besonders – „das große Zähneklappern bekommen. Das ist nur ein Ausdruck ihrer Verweichlichung. Sie werden sich daran gewöhnen müssen, diesen Namen auszusprechen. Nur wenn sie die Angst vor Voldemort verlieren, haben sie eine Chance gegen ihn zu bestehen. Es scheint, als sei unser kleiner Draufgänger Voldemort furchtlos entgegengetreten, was ich nicht glaube, denn ich bin überzeugt, dass es nur bodenloser Leichtsinn und reine Selbstüberschätzung war. Und in seinem Leichtsinn hat er einige gravierende Fehler gemacht.

Nehmen wir zum Beispiel die Ratten. Die einzig richtige Antwort wäre eine Schar Greifvögel gewesen. Der Versuch mit der Feuerwand war geradezu lächerlich. Damit haben sie Voldemort nur gezeigt, dass sie ihm hoffnungslos unterlegen sind. Und nahezu tollpatschig war, dass sie den Stein verloren haben. Man muss sich das vorstellen: Da hat jemand einen der mächtigsten magischen Gegenstände, und hat nichts Besseres zu tun, als ihn zu verlieren. Dass sie das überlebt haben, verdanken sie nur ihrem unverschämten Glück!“

Die Klasse hielt den Atem an. In Harry begann der Ärger hoch zu kochen. Mühsam hielt er sich zurück. Am liebsten hätte er Snape angeschrieen. Aber er wusste, dass Snape es nur darauf anlegte, dass Harry die Kontrolle über sich verlor. Dann hätte er eine Gelegenheit gehabt, Harry eine Strafarbeit aufzubrummen. Inzwischen kannte Harry Professor Snape so gut, dass er ihn in dieser Beziehung durchschaute und nicht mehr so reagierte wie früher. Ein hasserfülltes Lächeln zog sich um die schmalen Lippen von Snape. Auch er kannte Harry und wusste, was in ihm vor ging. Er genoss es, Harry bis an den Rand der Weißglut zu reizen, in dem Wissen, dass Harry all seine Kraft aufbot, gelassen zu wirken.

Zum Glück beendete der Gong die Stunde und alle atmeten auf. Harry war froh, dass er ungeschoren davon gekommen war. Er wollte gerade aufstehen, und sich seine Tasche über die Schulter werfen, als Snapes Stimme noch einmal die Luft zerschnitt.

„Potter!“, sagte er kalt, „Professor McGonagall hat mich angesprochen, dass sie noch Spieler für die Schulmannschaft suchen. Sie können heute Nachmittag um zwei Uhr in den Turm der Slytherins kommen. Bletchley wird vor dem Eingang auf sie warten, und sie hineinlassen. Ich erwarte, dass sie wenigstens zwei unserer Spieler in das Team aufnehmen.“

Harry nickte.

„Zwei Uhr...“, sagte er, dann lief er aus dem Raum.

 

Obwohl zu Mittag die köstlichsten Speisen aufgefahren wurden, stocherte Harry lustlos und ohne Appetit auf seinem Teller herum. Nur der knurrende Magen veranlasste ihn, ein paar Bissen zu sich zu nehmen. Zu sehr lag ihm der Termin um zwei Uhr auf der Seele. Er wünschte sich, es wäre Abend und er würde mit Magister Baumann und den anderen aus seiner Klasse diese magischen Schattenpilze auf der Wiese suchen. Magister Baumann war in jedem Falle in diesem Schuljahr die angenehmste Lehrerin, wenn man einmal von Hagrid absah, der aber eher zu den persönlichen Freunden gezählt wurde.

Es war nicht nur die Aufgabe, sich in die Höhle des Löwen zu wagen, ein mal war er schon in den Räumen der Slytherins gewesen, damals, als er herausfinden wollte, ob Malfoy der Erbe von Slytherin war, sondern er fürchtete sich davor, dass die Quidditch-Spieler von Slytherin ihm in der Schulmannschaft das Leben zur Hölle machten. Zu gut kannte er Draco und Flint und auch Bletchley, der sich als äußerst unfairer Spieler erwiesen hatte.

Nach dem Essen machte er einen kleinen Spaziergang vor dem Schloss. Die frische und kalte Luft tat gut. Sie fegte durch seinen Kopf und blies die schweren Gedanken beinahe weg. Als er kurz vor zwei Uhr die Treppe zum Portal hinaufstieg, fühlte er sich ein wenig besser. Oben blieb er kurz stehen, holte noch einmal tief Luft, dann öffnete er die Tür und ging mit großen Schritten durch die Eingangshalle. Der Eingang zu den Gemächern der Slytherins lag in einem Kellergang, der gespenstisch mit flackernden Fackeln ausgeleuchtet wurde. Wahrscheinlich lag es daran, dass der Slytherin-Turm zwar der mächtigste, aber auch der niedrigste der vier Türme war, in denen die Häuser von Hogwarts untergebracht waren. Vermutlich musste der Gemeinschaftsraum deshalb in das Untergeschoss verlegt werden. Harry ging den langen, düsteren Gang entlang und hörte das Hallen seiner eigenen Schritte. Vor dem Gemälde, das die Tür zu dem Gemeinschaftsraum verschloss, stand, mit verschränkten Armen an die Wand gelehnt Bletchley und grinste Harry schon von weitem an.

„Hallo.“, sagte Harry unsicher.

Bletchley nickte nur kurz, löste sich von der Wand und murmelte das Passwort. Harry verstand es nicht, aber es interessierte ihn auch nicht sonderlich. Das Gemälde schwang auf und gab die Öffnung zum Gemeinschaftsraum frei. Bletchley trat einen Schritt zurück, bedeutete Harry mit der Hand, einzutreten und stieg nach ihm durch die Öffnung. Das Gemälde fiel mit einem Krachen wieder zu.

In dem Gemeinschaftsraum hatten sich offensichtlich alle Slytherins versammelt. Sie standen in einem Halbkreis um Harry herum, in der Mitte stand Draco Malfoy, links und rechts von ihm Crabbe und Goyle wie zwei Leibwächter. Sie hatte äußerst dämliche Mienen aufgesetzt, anscheinend wollten sie aufmerksam und wichtig wirken. Kaum war Harry eingetreten, schloss sich der Kreis hinter ihm. Ein komisches Gefühl schlich seinen Rücken hinauf.

Die Slytherins ließen sich Zeit und sahen Harry unverwandt an. Verlegen trat er von einem Bein aufs andere.

„Hallo.“, sagte er noch einmal und blickte unsicher in die Runde. „Äh, ich, äh...ich bin gekommen...weil...“

Harry machte eine kleine Pause um seine Gedanken zu sammeln. Warum hatte er sich auch keine Gedanken gemacht, was er sagen wollte. Er ärgerte sich über seine Nachlässigkeit. Er straffte sich.

„Äh, ich bin gekommen, weil ich euch fragen wollte, ob ihr in der Schulmannschaft mitmachen wollt...“

Wieder kam nur Schweigen.

„Ihr wisst doch, dass ich eine Schulmannschaft aufbauen soll, oder?“

Jetzt trat Draco einen Schritt vor. Gedehnt sagte er:

„Wir wissen es schon, dass du dich wieder einmal profilieren willst.“

„Nein, ..., so ist das nicht.“ Harry schüttelte den Kopf. „Professor McGonagall möchte das...“

„Hört, hört!“, grinste Draco. Er ging auf Harry zu und baute sich vor ihm auf. Draco war im letzten Jahr gewachsen. Jetzt war er etwa einen halben Kopf größer als Harry, dabei schlank und bleich und mit fadendünnem blonden Haar, dass er manchmal fast wirkte, als wäre er nicht von dieser Welt. Er sah zu Harry herab und sein Blick strahlte die Arroganz eines Jungen aus, der sein Leben lang auf andere herabsehen konnte, weil er aus einer sehr reichen Familie kam.

„Ich frage mich“, sagte Draco herablassend, „welchen Grund McGonagall haben könnte, ausgerechnet dich damit zu beauftragen. Du bist ein Nichts, wie dein Vater, nur ein dummer Zufall hat deinen Namen an die Öffentlichkeit gespült. Welchen Grund kann sie gehabt haben?“

„Dir steht nicht zu, etwas über meinen Vater zu sagen!“, rief Harry ärgerlich. Draco lächelte einen Augenblick, dann gefror sein Gesicht.

„Dein Vater interessiert mich nicht. Im Moment, glaube mir, interessierst nur du mich.“

Harry schloss für eine Sekunde die Augen, atmete tief durch, dann sagte er mit ruhiger Stimme:

„Hör zu, Draco. Ich möchte mich nicht mit dir streiten. Ich habe nur ein Interesse, und das ist die Schulmannschaft. Rein von der sportlichen Seite. Ja? Verstehst du mich? Oder schwebst du schon so über den Anderen, dass man Latein mit dir reden muss?“

Wieder lächelte Draco.

„Der wird frech, soll ich ihm einen auf die Glocke geben?“, meldete sich Goyle und trat einen Schritt vor.

„Halts Maul!“, herrschte Draco ihn an. Dann wandte er sich wieder an Harry.

„Gut. Du willst also über Quidditch mit uns reden. Sei’s drum. Also?“

Harry atmete auf. Einen Augenblick hatte er geglaubt, Draco wolle ihn angreifen. Dann hatte Snape wohl doch nicht mit ihnen über seinen Bericht gesprochen. Aber ganz offensichtlich wollte er sich nur vor den Slytherins profilieren.

„Ja“, begann Harry und überlegte, wie er es am besten sagen konnte. „Eigentlich war es die Idee von Victor Krum. Er hat vorgeschlagen, dass die Schulmannschaft von Durmstrang einmal gegen Hogwarts spielen sollte.“

Er machte eine kurze Pause und wartete die Reaktion der Slytherins ab. Die standen jedoch mit unbeweglichen Gesichtern um ihn herum. Nur Draco nickte. Beruhigt fuhr Harry fort.

„Dumbledore hat es McGonagall erzählt, und die hat mir gesagt, ich solle mich um den Aufbau einer Schulmannschaft kümmern. Sie würde uns auch helfen, dass wir, wenn wir gut sind, in die Liga kommen.“

Jetzt zeigten einige Slytherins eine Reaktion. Hier und da wurde kurz miteinander geflüstert. Harry fühlte, dass er auf dem richtigen Weg war.

„Ich habe bereits mit den Ravenclaws und den Hufflepuffs gesprochen. Euch habe ich leider seit einer Woche nicht gesehen, sonst wäre ich früher auf euch zu gekommen.“

„Gut. Und wer macht mit?“, fragte Draco kurz.

„Von den Ravenclaws wird Roger Davies mitmachen. Als Treiber. Und Linus Lonnigan könnte Hüter werden. Vielleicht bekommen wir auch Geoffrey Rondstadt von den Hufflepuffs. Aber er ist der Einzige von ihnen, der in Frage kommt. Und aus Gryffindor werden noch Angelina Johnson und Katie Bell mitmachen. Und ich natürlich.“

„Und du natürlich!“, wiederholte Draco.

„Ja!“, sagte Harry verwundert. „Sollte ich nicht mitmachen?“

„Ich sehe nur, dass du dir wieder einmal die Rosinen herauspickst. Ich würde wahrscheinlich sogar mitmachen. Aber nur als Sucher!“ Draco grinste ganz eigenartig, als wäre er noch nicht ganz fertig. Er hatte irgend etwas vor, und Harry, der das sehr wohl bemerkte, begann, sich unwohl zu fühlen. Auf der Anderen Seite hatte er vielleicht die Chance, Draco von der Schulmannschaft fern zu halten, und das war ihm durchaus recht. Im Vergleich zu Draco waren ihm die anderen Slytherins fast sogar sympathisch.

„Das wird nicht gehen.“, sagte er daher mit fester Stimme. „Den Sucher der Schulmannschaft werde ich machen. Aber wir brauchen noch zwei Treiber und einen Jäger. Überleg es dir.“

Dracos Augen verengten sich zu Schlitzen. Er trat ganz dicht an Harry heran.

„Du hast mich nicht verstanden, Potter.“, sagte er leise und drohend. „Es wird keine Schulmannschaft geben, an der du teilnehmen wirst, wenn Slytherins mitspielen sollen.“

„Was soll das?“, fragte Harry verärgert und wich einen Schritt zurück. „Auf dich kann ich sehr gut verzichten, Malfoy. Du bist eh kein guter Spieler. Du kannst nur mit Fowls gewinnen!“

Draco lächelte ihn arrogant an. Dann winkte er Crabbe zu sich.

„Zeig’s ihm!“, sagte er gelassen.

Crabbe kam zu den Beiden, griff unter seinen Umhang und holte zwei Rollen Pergament hervor. Langsam und genüsslich rollte er eines der Pergamente auf und hielt es Harry unter die Nase.

„Kennst du das?“, fragte Draco mit triumphierendem Unterton in seiner Stimme. Harry starrte auf das Pergament. Ein eisiger Schreck war ihm in die Glieder gefahren.

„Wo...woher habt ihr das?“, stammelte Harry.

„Nun, sagen wir, wir haben es gefunden. Es ist ein ganz netter Bericht. Wir haben auch gelesen, wie es zu der Schulmannschaft gekommen ist. Du hast uns nichts Neues erzählt. Wir haben noch etwas gelesen. Du ahnst, was?“

Harry schüttelte den Kopf. Seine Gedanken waren wie gelähmt. Snape! Schoss es ihm durch den Kopf. Snape hat es tatsächlich getan!

„Habt ihr das von Snape bekommen?“, fragte er fassungslos.

 „Wenn du es genau wissen willst“, antwortete Draco, „wir haben es ihm abgenommen. Ein kleiner Tipp vom Baron! Also, wie war das noch mit dem Zauberstab von Salazar Slytherin?“

„Wenn ihr es schon gelesen habt, warum fragst du dann noch?“, fragte Harry mit dem Mut der Verzweiflung. Er hatte plötzlich das Gefühl, in eine Falle geraten zu sein, aus der es kein Entrinnen mehr gab. Instinktiv ballte er seine Hände zu Fäusten, bereit sich mit allen Mitteln zu verteidigen.

 „Er sagte, dass da etwas über den Zauberstab von Salazar Slytherin drin stände“, sagte Draco gelassen, „was uns interessieren würde. Und er hat recht behalten. Ich nehme an, du weißt, was es mit diesem Zauberstab auf sich hat?“

Draco sah Harry prüfend an. Harry fühlte eine Eiseskälte seinen Rücken empor steigen. Unsicher sah er sich um, musste aber feststellen, dass die Slytherins einen engen Kreis um ihn geschlossen hatten.

„Natürlich...“, antwortete er zögerlich. „Es ist ein Zauberstab mit einem Kern aus dem Pulver eines Drachensteins. Ein sehr mächtiger Zauberstab, den Voldemort dafür verwenden wollte, mich zu töten.“

„Ja sicher, ein mächtiger Zauberstab...“, wiederholte Draco. „Kennst du die Bedeutung des Zauberstabes?“

Harry setzte eine möglichst unschuldige Miene auf.

 „Was soll er für eine Bedeutung haben?“, fragte er. „Es ist ein Zauberstab mit Drachensteinkern gewesen. Ein sehr mächtiger Zauberstab...“

„Ja, ein sehr mächtiger Zauberstab“, wiederholte Draco. Sein Gesicht verfinsterte sich. „Ein Zauberstab mit einer besonderen Bedeutung für das Haus Slytherin.“

„Ach, wirklich?“

Draco trat einen Schritt auf Harry zu. Seine Augen blitzten.

„Willst du mir wirklich weis machen, dass du es nicht weißt?“, zischte er wütend. „Was war letzte Woche in dem Mädchenklo der maulenden Myrthe?“

„Wieso? Nichts war...“

„Doch!“, rief Draco triumphierend. „Myrthe hat dir von der Reliquie erzählt. Und du hast sofort gewusst, dass es sich um den Zauberstab handelte. Du wusstest, dass es an dem Zauberstab lag, dass wir in diesem Jahr keine neuen Schüler bekommen haben. Du hast es schon gewusst, als du bei diesem Henry warst. Du und dein Freund Perpignan habt euch das ganz fein ausgedacht. Ihr habt die ganze Zeit gewusst, was es mit dem Zauberstab auf sich hat. Ihr wusstet, dass er für den Erhalt von Slytherin lebensnotwendig war. Du hast nur eine Gelegenheit gesucht, uns zu schaden. Und das ist dir gelungen!“

„Ich hatte keine Ahnung davon!“, rief Harry und wich einen Schritt zurück. „Kannst du dir vielleicht vorstellen, dass ich mit Voldemort ein ernstes Problem habe? Ihr Slytherins interessiert mich nicht die Bohne.“

Harry begann ebenfalls wütend zu werden. Er drehte sich um und wollte zum Ausgang gehen. Aber die Slytherins hatten einen dichten Ring um ihn gezogen. Sie standen wie eine Mauer vor ihm und feixten ihn an.

„Jetzt werden wir dir zeigen, was passiert, wenn man sich mit den Slytherins anlegt!“, hörte er Draco hinter sich sagen.

Harry versuchte sich einen Weg durch die eng stehenden Slytherins zu bahnen. Vielleicht schaffte er es zum Ausgang zu kommen, wenn er jetzt schnell loslief. Aber der Kreis hatte sich so eng geschlossen, dass er schon von den Ersten aufgehalten wurde. Er versuchte, sich hindurch zu kämpfen, aber duzende Arme griffen nach ihm und rissen ihn zu Boden. Schon waren Crabbe und Goyle da, die nur auf ein Signal gewartet hatten, und stürzten sich auf ihn. Crabbe setzte sich mit seinem ganzen Gewicht auf seine Brust und drückte seine arme auf den Boden. Dann hagelten Schläge und Tritte auf ihn ein.

Mit einem Mal hörte Harry einen schrillen Ton, fast wie eine Alarmglocke. Es war der Gesang des Phoenix, der immer lauter und schriller wurde. Er begann, in seinen Ohren zu schmerzen und bohrte sich in sein Bewusstsein, dass er den Schmerz der Schläge kaum noch spürte. Harry keuchte, dann begann er zu schreien. Der Gesang wurde immer lauter, dröhnender, er begann sein Gehirn aufzufressen und Harry fühlte seinen Schädel platzen. Ein bohrender Schmerz breitete sich hinter seiner Stirn aus, nicht so, wie wenn seine Narbe brannte, viel tiefer und viel eindringlicher. Der Schmerz nahm ihm seine Gedanken.

Wild warf er den Kopf herum. Mit schier übermenschlicher Kraft schaffte er es, Crabbe abzuwerfen, aber nun war seine Brust frei und die Schläge trommelten auf seine Rippen. Harry versuchte, sich zusammen zu krümmen, schützend seine Arme vor seinen Bauch zu halten, aber der Schmerz in seiner Stirn lähmte ihn. Er riss die Augen auf, vor denen sich ein roter Schleier breit machte. Da sah er Draco. Draco hatte die Hände hoch gerissen und hielt sich seine Ohren zu. Auch er schrie und sein Gesicht spiegelte den Schmerz wieder, der hinter seiner Stirn toben musste. Draco hob seinen Kopf und sein Blick traf den von Harry. Augenblicklich verschwand der Schmerz in Harrys Kopf. Das Klingen des Gesangs wurde erträglicher und dann hatte Harry das Gefühl, in Dracos Kopf schauen zu können. Er sah Dracos Gedanken, seine Verwunderung. Und er wusste, dass Draco in seinen Kopf sah. Dann verlor er das Bewusstsein.

 

 

„Sehen sie, Professor, er wacht auf.“ Harry hörte die Stimme von Madame Pomfrey. „Jetzt müssen wir nur noch ein Bisschen warten, dann ist der junge Malfoy auch wieder unter uns.“

Harry schlug die Augen auf. Sein ganzer Körper schmerzte dumpf. Aber Harry dachte nicht an die Schläge, die er von den Slytherins empfangen hatte. Etwas viel eindrucksvolleres schob sich in sein Gedächtnis. Er hatte eine seltsame Erinnerung, keineswegs ein Traum, der sich vor seinen Augen abgespielt hatte, es war viel realer gewesen. Er und Draco waren durch einen endlosen dunklen Raum geschwebt. Sie hatten sich an den Händen gehalten und ihr Bewusstsein hatte sich vereint. Harry hatte aus Dracos Augen seine kranke Mutter gesehen, die bleich und abgemagert, fast durchscheinend wie der Tod unter den weißen Laken ihres Bettes gelegen hatte.

Er wusste, dass Draco durch seine Augen Henry und die Höhle, in der er den Drachenstein gefunden gesehen hatte. Er wusste, dass Draco in seinem Körper dabei war, wie er auf Voldemort gestoßen war. Was war geschehen? Wieso hatte er sich mit Draco verbinden können, wieso ausgerechtet mit diesem Draco, den er hasste wie die Pest?

Dann waren sie vor dem Phoenix gestanden, der riesenhaft wie ein Drache herunter geschwebt und vor ihnen gelandet war.

‚Fawks!’, hatte Harry gerufen. ‚Was ist los Fawks?’

Die Stimme des Phoenix hatte einen seltsamen und unwirklichen Klang gehabt. So, als würden sie in einer großen Kathedrale stehen, ganz am Ende und Fawks am Altar. ‚Habt keine Angst!’, hatte der Phoenix gesagt. Seine Stimme hatte sich im endlosen Raum verloren. Draco hielt immer noch die Hand von Harry. Er hatte sie gedrückt und Harry angelächelt.

Harry schüttelte sich bei der Erinnerung. Draco und lächeln? Höchstens, wenn er wieder etwas gemeines vor hatte! Aber das war ein freundliches Lächeln gewesen.

‚Es ist an der Zeit, dass ihr den gemeinsamen Weg findet.’, hatte der Phoenix gesagt. ‚Nur ihr zwei seid in der Lage Slytherin zu retten.’

‚Wie?’, hatte Harry erstaunt gefragt.

‚Ihr werdet den wahren Erben von Slytherin finden. Jeder von euch wird einen Teil dazu beitragen. Jeder von euch wird dem anderen etwas geben, um eure Kraft zu vereinen. Du Draco und du Harry, ihr werdet eure Feindschaft begraben müssen, denn nur zwei Freunden ist es erlaubt, die Lösung zu finden.’

‚Aber, warum kann ich den nicht mit Ron...wir sind doch Freunde?’

‚Du Draco bist der, der die Macht hat. Du Harry bist der, der das Wissen hat. Nur gemeinsam könnt ihr den Weg gehen.’

Damit breitete der Phoenix seine Flügel aus und schwang sich in die Luft. Immer kleiner wurde er, und schließlich verschwand er in der Endlosigkeit. Dann hatte Harry die Stimme von Madame Pomfrey gehört.

„Ich danke ihnen, Poppy.“, sagte Professor Dumbledore. Er stand auf der einen Seite des Bettes und blickte freundlich zu Harry hinab. „Hallo Harry, da bist du ja wieder.“

Madame Pomfrey stand auf der anderen Seite des Bettes, in dem Gang, der zwischen Harrys und dem Bett lag, in dem Harry zu seiner Überraschung Draco liegen sah. Draco war bleich wie immer, nein, noch bleicher, mit fast wächserner Haut. Er begann sich gerade zu bewegen.

„Da sehen sie, Professor, auch Draco kommt wieder zu sich.“, sagte sie.

„Dann bin ich ja froh.“, entgegnete Professor Dumbledore. „Hallo Draco, wie geht es dir?“

Draco richtete sich auf, wurde aber sofort von Madame Pomfrey wieder in die Kissen zurück gedrückt.

„Sie bleiben schön brav liegen!“, sagte sie in strengem Ton. „Solange wir nicht wissen, was ihnen fehlt, dürfen sie sich auf keinen Fall anstrengen!“

„Poppy, ich bitte sie!“, sagte Dumbledore begütigend. „Es geht ihm doch anscheinend wieder ganz gut. Seien sie doch nicht gar so streng mit den Jungs.“

„Mein lieber Dumbledore. Noch bin ich hier in diesem Hause für die Gesundheit der Schüler verantwortlich. Und so lange überlassen sie es bitte mir, zu entscheiden, ob jemand liegen bleiben muss oder nicht.“

Dumbledore sah sie über den Rand seiner halbmondförmigen Brille an und lächelte. Dann beugte er sich über Harrys Bett und sah Harry ernst an.

„Was ist passiert?“, fragte er. „Ron Weasley kam ganz aufgeregt in das Lehrerzimmer gelaufen und hatte großes Glück, dass er auf Professor Trelawney gestoßen ist. Sie ist gleich zu mir gekommen und wir sind hinunter zum Eingang des Slytherin-Hauses gelaufen. Es war eigenartig, Die ganzen Slytherin-Schüler standen im Kreis um euch beide herum, und ihr beide habt auf dem Boden gelegen und euch nicht mehr gerührt. Habt ihr euch gestritten?“

„Nein...äh, ja, nein, eigentlich nicht.“, Harry versuchte eine Erklärung zu finden. Er schaute kurz hinüber zu Draco, der aber auf dem Rücken lag und die Decke anstarrte.

„Es war so...“, begann Harry. „Ich wollte mit den Slytherins über die Schulmannschaft reden. Professor McGonagall hatte Professor Snape gefragt, und Professor Snape hat mir einen Termin bei den Slytherins verschafft. Wir haben dann noch über den Streik geredet, und auf einmal habe ich so ein komisches Geräusch gehört, das immer lauter geworden ist. Das wurde dann so laut, dass ich ohnmächtig geworden bin.“

„Hm“, machte Dumbledore. „Könnte es wie eine Glocke geklungen haben?“

„Ja, woher wissen sie das?“

„Hm, nun, ich war in meinem Büro, als es passiert ist. Du kennst ja den Phoenix. Es war sein Gesang. Er war außerordentlich unruhig und ist immer im Büro herumgeflattert.“

„Aber, warum sind sie denn nicht ohnmächtig geworden? Das muss in ihrem Büro ja noch viel lauter gewesen sein!“

Dumbledore lächelte geheimnisvoll.

„Das, mein lieber Harry, ist eines der Geheimnisse des Phoenix. Er kann sich direkt in die Gedanken einschalten. Daher habe ich von alledem nur mitbekommen, dass er unruhig war. Aber ich habe mir schon gedacht, dass irgendetwas gelaufen ist. Ich wusste nur nicht, was.“

Er sah Harry freundlich an, dann hob er seinen Blick, schaute zu Draco hinüber und sagte:

„Jetzt werde ich mich einmal um den jungen Mr. Malfoy kümmern. Es ist schon seltsam, dass er genau so betroffen ist, wie du.“

Damit ging er hinüber zu Dracos Bett. Harry war froh, dass Dumbledore ihn nicht weiter ausgefragt hatte. Irgend etwas hatte ihn zurück gehalten, Dumbledore von dem Überfall der Slytherins zu erzählen. War es die Anwesenheit von Draco? Oder hing es mit seinem seltsamen „Traum“ zusammen? Harry wusste es nicht.

Dumbledore ließ sich von Draco erzählen, was aus seiner Sicht passiert war. Draco versuchte, die Geschichte so zu erzählen, dass es für ihn nicht allzu unangenehm wurde. Die unangenehme Szene im Gemeinschaftsraum der Slytherins unterschlug er gänzlich und schloss sich damit Harrys Version an. Als er jedoch über den Gesang des Phoenix und über seinen Traum berichtete, wurde Harry aufmerksam. Natürlich erzählte er nicht, dass er und Harry sich an der Hand gehalten hatten, das wäre ihm doch zu peinlich gewesen, aber was die Prophezeiung des Phoenix anging, deckte sich seine Erzählung haargenau mit dem, was Harry im Traum erlebt hatte. Dumbledore bemerkte, wie Harry aufmerksam wurde, sich auf die Ellenbogen stützte und zuhörte. Er sah Harry fragend an und sagte:

„Du hast das Gleiche erlebt! Sehr seltsam.“

Harry nickte nur. Dumbledore lächelte wieder.

„Ich habe übrigens noch eine gute Nachricht. Die Slytherins haben ihren Streik aufgegeben. Es weiß zwar keiner außer euch beiden, was genau vorgefallen ist, aber es muss sie sehr beeindruckt haben. Mr. Flint hat mir, als wir euch hier her gebracht haben, gesagt, dass sie den Streik beenden wollen.“

Draco nahm die Nachricht ohne eine Regung entgegen. Harry jedoch merkte auf.

„Wenn sie den Streik beendet haben“, überlegte er, „dann können wir ja vielleicht doch noch nach London fahren, und Besen kaufen!“

„Ja, Harry. Das können wir. Ich denke, wir sollten es gleich in der nächsten Woche tun. Lass uns zuerst das Hall            oween-Fest hinter uns bringen. Hagrid wird mit uns beiden fahren. Er freute sich so sehr darauf, wieder mal im Tropfenden Kessel einen Humpen Ale zu trinken.“

Harry freute sie ungemein. Fast klatschte er in die Hände, und für einen Moment vergaß er, dass ihm jeder Knochen im Leib weh tat.

„Gut. Ich werde euch mal allein lassen.“, sagte Dumbledore. „Erholt euch gut, und ich hoffe, ihr seid heute Abend wieder fit.“

„Keine Sorge.“, meldete sich Madame Pomfrey. „Ich fürchte nur, dass der junge Potter noch eine Weile einen mächtigen Muskelkater haben wird, nach den vielen blauen Flecken zu schließen, die wir alle entfernt haben.“

Dumbledore zwinkerte Harry noch einmal zu, dann verließ er das Krankenzimmer. Madame Pomfrey holte aus ihrem Behandlungszimmer zwei Gläser mit einer trüben rosafarbenen Flüssigkeit. Sie stellte jedem ein Glas auf den Nachttisch und meinte:

„Das sollten sie noch trinken. Es wird sie stärken und die Nachwirkungen ihres Unfalls ein wenig lindern. Vielleicht schlafen sie ja noch ein Stündchen, dann können sie wieder aufstehen. Bei ihnen, Harry muss ich allerdings sagen, dass sie sich in den nächsten Tagen schonen sollten. Ich weiß nicht, warum sie so viele Blessuren davon getragen haben, und Mr. Malfoy keine. Haben sie auf dem Tisch gestanden, als es passiert ist?“

Harry nickte. Draco grinste.

„Ich sehe schon.“, sagte Madame Pomfrey mit einer Mischung aus Strenge und Mütterlichkeit. „Ein kleines Geheimnis...“

Sie rauschte davon. Jetzt setzte Harry sich auf und schaute zu Dracos Bett hinüber. Draco hatte sich wieder in die Kissen fallen lassen und starrte nun unverwandt zur Decke.

„Hast du das selbe geträumt, wie ich?“, fragte Harry vorsichtig.

Draco drehte seinen Kopf zu Harry. Misstrauen und Verachtung lagen in seinem Blick.

„Sieht so aus.“, meinte er.

„Aber warum?“, fragte Harry. „Warum ausgerechnet wir beide?“

„Weiß ich’s? Du kannst Fragen stellen...“

„Was meinte der Phoenix damit, du hast die Macht und ich das Wissen? Ich verstehe das nicht. Meint er, dass wir beide den Zauberstab zurückzaubern können?“

„Hör auf mit dem Zauberstab!“, knurrte Draco. „Sonst vergesse ich mich!“

„Aber es geht doch ganz offensichtlich genau darum.“, beharrte Harry.

„Halts Maul“, herrschte Draco ihn an. „Es ist schon schlimm genug, dass der Phoenix sagt, wir beide müssten Freunde werden. Ich weiß nicht, wie er sich das vorstellt!“

„Ich auch nicht.“, sagte Harry resigniert.

„Wenn ich nur daran denke“, begann Draco nach einem Moment des Schweigens, „Dass ich deine Hand gehalten habe...Buärks, da wird mir richtig schlecht!“

„Hihi“, lachte Harry, „hab ich mich auch gewundert. Wusste gar nicht, dass du so anhänglich bist!“

„Pass auf!“, zischte Draco wütend. „Ich komm dir da gleich rüber. Du hast wohl noch nicht genug!?“

„Doch. Das hat gereicht. Und irgendwann zahle ich es dir heim!“

„Pah!“

Die nächsten Minuten verbrachten sie schweigend. Dann begann Harry wieder zu sprechen.

„Ihr habt mir nicht die geringste Chance gegeben.“, sagte er.

„Warum sollten wir?“, fragte Draco verwundert.

„Ihr habt anscheinend nur gelesen, was ihr lesen wolltet. Das ist doch an den Haaren herbeigezogen, dass ich mir das mit Henry zusammen ausgedacht und geplant habe. Gib’s doch zu!“

„Und was ist das für ein Geheimnis zwischen dir und diesem Henry? Kannst du mir das erklären?“

Harry stockte für einen Augenblick der Atem. Er durfte niemandem erzählen, dass er dem Orden der Druiden beigetreten war. Aber wie sollte er Draco erklären, dass dieses Geheimnis nichts mit dem Zauberstab zu tun hatte? Fieberhaft überlegte er, aber schließlich musste er einsehen, dass er keine Erklärung fand.

„Hör zu, Draco“, begann er, „dieses Geheimnis hat nichts mit euch zu tun. Ich darf es nicht erzählen, weil dann mein Leben bedroht ist. Aber ich kann dir nur versichern, dass es mit euch nichts zu tun hat.“

„Du verlangst von mir, das ich das glaube?“, fragte Draco erbost.

„Ich musste schwören, dass ich nichts davon erzähle.“, versuchte Harry zu erklären. „Es hat etwas mit Henrys Arbeit zu tun. Ich bin mir sicher, dass es bei dir auch Geheimnisse gibt, die du nicht verraten darfst. Denk doch nur an deinen Vater! Er ist Anhänger von Voldemort. Bestimmt weißt du etwas von ihm, das...“

„Wage es nicht, so über meinen Vater zu sprechen!“, schrie Draco. Er hatte sich ruckartig aufgesetzt und starrte Harry mit leichenblassem, wutverzerrtem Gesicht an. Harry bemerkte, dass er einen Fehler gemacht hatte.

„Entschuldige.“, sagte er schnell. „Ist mir nur heraus gerutscht...“

Entgegen seiner Erwartung, dass Draco sich auf ihn stürzen würde, ließ dieser sich in die Kissen zurück sinken. Teilnahmslos starrte Draco an die Decke. Madame Pomfrey war durch den Schrei aufgeschreckt worden und kam jetzt aufgeregt in das Krankenzimmer.

„Was ist hier los?“, fragte sie mit schriller Stimme. „Ihr werdet euch doch nicht streiten?“

Draco hob den Kopf.

„Ist schon gut.“, sagte er müde. „Ich bin noch ein bisschen aufgeregt. Es ist nichts passiert.“

Misstrauisch ließ Madame Pomfrey ihren Blick zwischen Draco und Harry hin und her schweifen, dann räusperte sie sich theatralisch und ging wieder hinaus.

„Ihr solltet jetzt eure Medizin zu euch nehmen!“, sagte sie mit befehlendem Ton, bevor sie den Raum verließ.

„Tut mir leid, Draco.“, sagte Harry leise. „Ich wollte dich nicht verletzen. Aber verstehe doch, Ich kann dich nicht in das Geheimnis einweihen, aber wie soll ich dir klar machen, dass ich nicht mit Henry geplant habe, den Zauberstab zu zerstören. Zumindest habe ich nicht gewust, dass dieser Zauberstab so wichtig für Slytherin ist. Er war doch nie in der Schule, Voledmort hat ihn doch bei Ollivanders gekauft...“

„Hör auf.“, sagte Draco. „Ich glaube dir ja. Auch wenn ich nicht weiß warum. Aber ich glaube dir. Was wollen wir jetzt machen?“

„Wie? Was wollen wir machen?“

Draco holte genervt tief Luft und ließ sie langsam wieder heraus.

„Mit dem Phoenix.“, sagte er. „Kannst du mir erklären, was das soll?“

„Nein. Keine Ahnung. Vielleicht will er uns sagen, wie wir den Zauberstab wiederfinden. Vielleicht ist er ja nicht zerstört, sondern nur ... na ja, wie soll ich sagen, ... so etwas ähnliches, wie disappariert?“

„Was soll das“, fragte Draco eindringlich, „mit dieser Freundschaft? Was soll der Quatsch? Von Freundschaft kann man bei uns beiden wirklich nicht sprechen.“

„Ich glaube, er weiß, dass nur wir beide es schaffen, ihn wieder zu finden. Und dass wir beide dabei zusammen halten sollen, sozusagen die Feindschaft ruhen lassen sollen, oder so. Verdammt, ich kann mir auch keinen Reim darauf machen!“

„Lass mich darüber nachdenken.“, sagte Draco. „Wir reden später noch einmal. Ich werde jetzt dieses Zeug da nehmen und versuchen zu schlafen.“

„Gut.“, sagte Harry. „Vielleicht ist das das Beste. Ich denke auch noch darüber nach. Irgendeinen Sinn muss das Ganze ja geben.“

Er nahm das Glas, das neben seinem Bett auf den Nachtkästchen stand und roch daran. Es duftete leicht süßlich, wie künstliche Himbeere.

„Prost!“, sagte er und schüttete den Saft mit einem Zug herunter. Er schmeckte einfach scheußlich, schlimmer noch als der Vielsafttrank, den er als das bisher ekelhafteste Getränk in Erinnerung hatte. Dann lehnte er sich zurück und ließ seinen Gedanken den freien Lauf.

Puah! Geschafft! Das war ein ganz schön schwieriges Kapitel. Schließlich durfte ich noch nicht zu viel verraten. Aber jetzt kommt erst einmal Entspannung. Alles freut sich auf Halloween und Ron und Harry haben etwas mit den Schattenpilzen vor...

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