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Der Tisch
der Slytherins blieb auch leer, als bereits das Mittagessen aufgefahren wurde.
Kaum ein Schüler bediente sich an den reich belegten Platten. Auch am
Lehrertisch fehlte jemand: Professor Snape. Dumbledore jedoch schien sich nicht
im Mindesten darüber aufzuregen. Er unterhielt sich lächelnd mit Professor
McGonagall. Dann stand er aber doch auf und klopfte mit der Gabel gegen ein
Glas. Die Schüler, die aufgeregt miteinander diskutierten, verstummten. „Meine
lieben Schülerinnen und Schüler!“, begann Professor Dumbledore. „Sie
werden sich sicher gewundert haben, dass der Tisch des Hauses Slytherin leer
ist. Keine Sorge, sie sind nicht verschwunden. Jedoch in Anbetracht der
Ereignisse, die vorgestern Abend geschehen sind, haben sich die Schüler von
Slytherin für einen Streik entschieden. Ich verstehe ihre Argumente zwar nicht,
aber ihre Aufregung ist durchaus nachvollziehbar. Leider kann
ich noch nichts genaues über den Grund für die Ereignisse von vorgestern
sagen. Wir verfolgen einige Hinweise, aber für eine Aussage ist es noch zu früh.
Ich bitte sie daher, sich nicht in unnötigen Diskussionen zu verstricken.
Sobald wir etwas genaues wissen, werden wir sie darüber informieren. Eine Bitte
habe ich noch: Verhalten sie sich den Schülern von Slytherin gegenüber
vollkommen normal. In der derzeitigen Situation können unbedachte Bemerkungen
und Fragen zu einer unnötigen Eskalation führen. Da wir annehmen, dass sich
das Problem in den nächsten Tagen lösen wird, wäre ein Streit zwischen den Häusern
nur Zeitverschwendung. So, und
jetzt wünsche ich ihnen einen guten Appetit.“ Dumbledore
setzte sich wieder. Seine Rede hatte jedoch nicht zu einer Beruhigung geführt.
Jetzt brandete wieder eine Diskussion auf. Wofür sollte ein Streik nützen?.
Was wollten die Slytherins damit bezwecken?. An einigen Tischen kamen Gerüchte
auf, der Blutige Baron solle die Slytherins gefangen halten. Snape hätte gekündigt.
Das Haus Slytherin würde aufgelöst und die Schüler auf die anderen Häuser
verteilt. Harry hatte
seinen eigenen Verdacht, und dieser Verdacht gab ihm keinesfalls ein gutes Gefühl.
Irgendwie musste das mit dem Zauberstab zusammenhängen, der bei seinem Kampf
mit Lord Voldemort vernichtet worden war. Sollte es etwa so sein, dass diese
„Reliquie“ für den Erhalt des Hauses Slytherin lebenswichtig war? Hermine
beobachtete Harry, der langsam und nachdenklich aß. Sie ahnte, womit er sich in
seinen Gedanken beschäftigte. Schließlich dachte sie, genau so wie er, an das
eigenartige Gespräch mit der Maulenden Myrthe, das ja nur wenige Stunden zurück
lag. „Wollen
wir gleich ein bisschen spazieren gehen?“, fragte sie unvermittelt. Sie hatte
das Gefühl, dass sie und Harry miteinander reden sollten. Harry fuhr aus seinen
Gedanken auf und starrte sie an. Dann schien er die Frage verstanden zu haben. „Ja, ich
glaube, das sollten wir.“, sagte er tonlos. Hermine,
immer noch glaubend, dass sie zu dick sei, hatte sich nur etwas Salat genommen
und war bereits fertig mit dem Essen. Sie lehnte sich zurück und wartete, dass
auch Harry seinen Teller leer gegessen hatte. „Vielleicht
können wir ja zum See hinunter gehen.“, meinte Harry, als er sein Besteck
zusammengelegt und den Teller von sich geschoben hatte. „Wollen
wir losgehen?“, fragte Hermine. Harry
nickte. Sie standen auf, gingen in den Gryffindorturm, um sich festes Schuhwerk
und winddichte Kleidung anzuziehen, dann wanderten sie durch das Portal und über
die große Wiese hinunter zum See. Es war kalt geworden und der Sturm von
gestern Abend hatte das restliche Laub von den Bäumen gefegt. Es stürmte zwar
nicht mehr, aber der immer noch starke Wind trieb dunkle Wolken über den
Himmel. Aus den Kaminen des Schlosses wurde der Rauch auf die Wiese hinuntergedrückt
und die Luft mischte sich mit dem Geruch verbrannten Holzes. Harry mochte den
Geruch, denn er erinnerte ihn daran, dass Weihnachten nicht mehr lange auf sich
warten ließ. Jetzt kam die Zeit der gemütlichen Stunden vor dem Kamin, des
heimeligen Kerzenscheins und der leckeren Vorweihnachtsplätzchen, die die
Hauselfen jeden Morgen in einer großen Schale auf den Tisch im
Gemeinschaftsraum stellten. Es war aber auch die Zeit, in der die Mannschaften
sich auf dem Quidditch-Feld trafen um zu Trainieren. „Denkst du
an den Zauberstab?“, fragte Hermine. Sie hakte sich bei ihm unter. „Ja!“,
sagte Harry und seufzte. „Wenn der Zauberstab wirklich diese Reliquie ist,
dann sehe ich schwarz für die Slytherins. Er ist unwiderruflich zerstört.“ „Aber es
kann doch nicht sein, dass Slytherin untergeht, nur weil der Zauberstab nicht
mehr existiert. Ich frage mich, welches Haus noch so eine Reliquie hat, und was
mit Hogwarts passiert, wenn diese auch zerstört werden...“ „Gryffindor
hat so etwas, glaube ich.“, sagte Harry. „Damals als ich in der Kammer des
Schreckens war, habe ich das Schwert von Godric Gryffindor in der Hand gehalten.
Kann sein, dass es auch so etwas ist.“ Hermine lächelte.
„Das kann wenigstens nicht so leicht kaputt gehen.“, sagte sie. Sie kamen
unten am Wasser an. Der See sah unheimlich und schwarz aus. Der Wind fegte kalt
vom anderen Ufer herüber und ließ Wellen an das Ufer klatschen. Sie schwenkten
auf den Pfad, der am Ufer entlang führte. Jetzt blies ihnen der Wind ins
Gesicht, und sie schwiegen eine Weile. Etwa auf
halbem Weg um den See kommt eine Felsengruppe, die von ein paar windschiefen
Kiefern umgeben ist. Hermine und Harry steuerten darauf zu, um sich ein wenig in
den Windschatten der Felsen zu setzen. Von dort aus hat man einen herrlichen
Blick auf das Schloss, das stolz und majestätisch über dem See am Hang thront.
Sie erreichten die Felsen und suchten sich einen trockenen Platz unter einem Überhang.
Sie setzten sich auf einen langen Steinbrocken, der wie eine Bank da lag. Dort
saßen sie auch oft im Sommer, meist Abends, wenn die untergehende Sonne das
graue Schloss mit einem sanftroten Schimmer überzog. „Was können
wir den überhaupt machen?“, fragte Harry. „Wenn das Weiterbestehen von
Slytherin von diesem Zauberstab abhängt, dann werde ich das Gefühl nicht los,
einen Teil Schuld daran zu haben, wenn es bald nicht mehr existiert.“ Hermine
legte beschwichtigend ihre Hand auf seinen Arm. „Das
siehst du falsch, Harry.“, sagte sie leise. „Nur Voldemort trägt, wenn überhaupt,
eine Schuld. Er war es doch, der den Zauberstab und den Drachenstein angefasst
hat. Er war es doch, der dich mit dem Zauberstab vernichten wollte.“ „Schon,
aber...“ Harry schüttelte den Kopf. „Ich habe nicht bemerkt, wie ich den
Stein verloren habe. Ich war es, der den Stein in seine Hände gespielt hat.
Wenn die Slytherins das erfahren, dann werden sie mich umbringen.“ „Sie
werden dich doch nicht umbringen!“, rief Hermine empört. „Harry, mach dich
nicht verrückt! Du kannst nichts dafür.“ „Das weiß
ich doch, Hermine. Aber du kennst Draco und seine Freunde. Sie denken nicht
nach, wenn sie einen Grund finden, jemanden fertig zu machen. Und ich mache mir
außerdem Sorgen, dass Snape, wenn er den Bericht von mir liest, das alles brühwarm
erzählt und sie gegen mich aufbringt. Für Snape ist das doch auch ein
gefundenes Fressen, du weißt, wie sehr er mich hasst.“ Hermine
schwieg. Insgeheim hatte sie genau so gedacht. Und sie hatte keine Argumente, um
Harrys Sorgen zu entkräftigen. „Weißt
du, Harry, egal, was passiert, ich werde zu dir halten. Wenn schon, dann gehen
wir gemeinsam da durch!“ Harry sah
sie an und lächelte. „Das ist
sehr lieb von dir, Hermine.“, sagte er und machte eine kurze Pause. „Ich
glaube auch nicht, dass ich Angst habe. Professor Dumbledore steht auf unserer
Seite und Sirius und Lupin. Aber ich befürchte, dass die nächsten Wochen ganz
schön schwierig werden. Ich bin froh, dass ich nächsten Dienstag nach London
reise. Dann bekomme ich wenigstens nicht die erste Welle ihrer Wut mit.“ „Vielleicht
musst du auch nicht alles aufschreiben. Kannst du nicht schreiben, dass
Voldemort dir den Drachenstein weggenommen hat?“, fragte Hermine mit einem
leisen Schimmer von Hoffnung in ihrer Stimme. „Dann muss
ich es selbst schreiben.“, meinte Harry. „Wer garantiert, dass die flotte
Schreibefeder sich nicht irgend einen Mist ausdenkt, oder sich genau an die
Wahrheit hält? Ich glaube, es ist egal. Snape wird es so interpretieren, wie er
es braucht. Um den Ärger kommen wir nicht herum.“ Dann
schwiegen beide lange. Jeder ging seinen Gedanken nach. Nach einer viertel
Stunde fühlte Harry, dass es ihm kalt wurde. Er musste sich wieder ein bisschen
bewegen. „Wollen
wir weitergehen?“, schlug er vor. „Ja, ist
gut.“, sagte Hermine und stand auf. „Mir wird auch langsam kalt. Wollen wir
zurück, oder ganz um den See gehen?“ „Wenn wir
weiter gehen, kommen wir an Hagrids Hütte vorbei. Wäre doch eine Gelegenheit,
uns zum Tee einzuladen, oder?“ „Gute
Idee!“ Sie gingen
um den Felsen herum. Zufällig wandte Harry noch einmal den Kopf, um einen Blick
auf das Schloss zu werfen. Er blieb stehen. Hermine bemerkte sein Zögern und
drehte sich um. „Was
ist?“, fragte sie. „Kennst du
den?“, fragte Harry zurück. „Draco! Er muss uns belauscht haben!
Verdammt!“ Draco Malfoy
schlenderte am See entlang, auf dem Pfad, den sie gekommen waren zurück zum
Schloss. Er schien es nicht eilig zu haben. „Komisch...“,
meinte Hermine. „Wenn er uns belauscht hätte, dann würde er sich doch
beeilen, es seinen Freunden zu erzählen, oder?“ „Hm,
vielleicht...“ Harry überlegte.
„Ich möchte
zu gerne wissen, wo er gesteckt hat.“, sagte er dann. „Komm, lass uns
nachschauen, das Gras müsste plattgetreten sein, an der Stelle, wo er gestanden
hat.“ Er ging
wieder zu der Felsengruppe zurück und untersuchte den Boden. Langsam bewegte er
sich um die Felsen herum immer den Blick auf das Gras gerichtet. An einem Spalt
blieb er stehen. „Hier,
hier hat er gesessen. Siehst du den Abdruck?“, sagte er und winkte Hermine
herbei. Sie kam und betrachtete die Stelle. Überall lagen kleine
Pergamentschnipsel herum. „Hier kann
er uns nicht gehört haben.“, sagte sie. „Hör doch, wie der Wind in den Bäumen
rauscht. Weißt du was, ich glaube, er ist hierher gekommen, um ungestört eine
Nachricht zu lesen. Schau mal, diese Schnipsel auf dem Boden.“ Sie hockte
sich nieder und hob ein größeres Stück davon auf. Sie betrachtete es. Es war
ein Teil eines Briefes, mit strengen und gleichmäßigen Buchstaben beschrieben.
‚Krank’, konnte sie entziffern und ‚...hause’ stand darunter. „Das
scheint ein Brief gewesen zu sein.“, meinte Harry, der ihr über die Schulter
geschaut hatte. „Vielleicht von seinem Vater?“ „Ja, von
einer Frau ist es nicht, die hat bestimmt eine andere Schrift. Und es muss von
einem Erwachsenen sein...“ „Mensch
Hermine, vielleicht steht da etwas drin von Voldemort. Meinst du, wir können
die Fetzen aufsammeln und wieder zusammenfügen?“ Hermine sah
Harry missbilligend an. „Möchtest
du, dass man deine Briefe von Sirius liest? Harry! Das macht man nicht!“ „Na ja,
aber immerhin ist Dracos Vater ein Todesser. Das CI5 liest auch private Post,
wenn es um Terroristen geht, oder? Und Voldemort und die Todesser sind doch auch
so etwas wie Terroristen!“ Harry begann
einige Schnipsel aufzusammeln. „Was
machst du da?“, fragte Hermine. „Harry, ich habe da kein gutes Gewissen.“ „Ich will
doch nur sehen, ob da irgend etwas von Voldemort steht, oder von den Todessern.
Ich lese ja nicht den ganzen Brief, ich schau doch nur, ob ich etwas finde. Wenn
ich nichts finde, dann schmeiße ich sie wieder weg.“ Hermine
seufzte. Aber sie half ihm, die Zettel aufzuklauben. Harry schaute sich die
Worte an. Die Fetzen, die ihm unwichtig schienen, legte er schön sauber auf
einen trockenen Platz in der Felsspalte. „Da! Ich
hab es doch gewusst. Schau hier! Da steht eindeutig ‚Lord...’! Siehst du.
Damit kann nur Voldemort gemeint sein. Ich muss den Brief lesen.“ Hastig
klaubte er die Stücke des Pergamentes zusammen, suchte noch einmal den Boden im
näheren Umkreis ab, und als er nichts mehr fand, steckte er sie in seine
Tasche. Hermine reichte ihm unsicher die Stücke, die sie noch in der Hand
gehalten hatte. „Ich habe
kein gutes Gefühl dabei. Wir sind nicht der Geheimdienst. Wenn, dann sollten
wir das Professor Dumbledore geben, und er sollte entscheiden, was damit gemacht
wird.“ „Nee, das
ist auch nicht gut.“, sagte Harry. „Wenn da wirklich nichts dran ist, dann
blamieren wir uns bis auf die Knochen. Lass uns bis heute Abend darüber
nachdenken. Ist dir das recht, Hermine?“ „Ja. Ich
weiß es einfach nicht. Ich bin ... ja, ist Ok! Aber jetzt lass uns zu Hagrid
gehen! Mir ist wirklich kalt.“ Sie gingen
auf den Pfad zurück und folgten ihm um den See. Bald hatten sie den Wald
erreicht und wenige Schritte weiter standen sie vor der Tür zu Hagrids Hütte.
Harry klopfte. Drinnen hörten sie ein Poltern, dann schwere Schritte und die Tür
wurde geöffnet. „Harry,
Hermine!“, brummte Hagrid freundlich. „Das ist ja nett, dass ihr mich
besuchen kommt. Habe mir fast schon so etwas gedacht und einen Tee aufgesetzt.
Habe euch auf der anderen Seite des Sees gesehen. Ron ist auch schon da. Na dann
kommt mal rein!“ Sie betraten
die Hütte. Am Tisch saß Ron und grinste sie an. „Ich habe
euch weggehen gesehen und habe mir gedacht, ich besuche mal Hagrid.“, sagte
er. „Hallo
Ron.“, sagte Harry und quetschte sich auf die Bank. „Das ist
ein Ding, mit dem Streik.“, meinte Hagrid, der Wasser in die große Teekanne
goss. Er stellte sie auf einem Untersetzer auf den Tisch und holte Tassen aus
dem Schrank. „Hoffe, es gibt keine Krawalle. Ich trau dem Braten nicht so
ganz.“ „Wieso
streiken die denn? Weißt du etwas mehr darüber?“, fragte Harry. „Ich
glaube, sie haben Angst.“, antwortete Hagrid. Er setzte sich auf den Hocker.
„Angeblich schieben sie das auf die nicht reinblütigen Schüler. Sie sagen,
das vergiftet die Atmosphäre im Schloss, und da die Slytherins ausschließlich
Reinblütler sind, sind sie als erste betroffen. Sie werden nicht mehr am
Unterricht teilnehmen, in dem auch, wie sie sagen ‚Schlammblüter’ sitzen.
Wenn ihr mich fragt, ich finde das reichlich überzogen.“ „Das kommt
bestimmt von Malfoy.“, meinte Ron. „Ich wette, er hat sie alle geimpft.“ „Oh nein,
Ron.“, sagte Hagrid. „Der Blutige Baron hat das schon vor vierzig Jahren
verbreitet. Unser lieber Draco hat es von ihm.“ „Ich weiß
noch, wie der Baron abgezischt ist“, bemerkte Hermine, „als Slytherin keine
Neuen bekommen hat. Der war so etwas von stinksauer!“ Harry stand
auf und griff nach der Teekanne. Fragend hielt er sie Ron hin, der auffordernd
nickte. Harry goss der Reihe nach die Tassen voll und setzte sich wieder hin. „Sind die
Slytherins in Hungerstreik getreten?“, fragte Ron. „Sie waren heute nicht
einmal beim Essen!“ „Sie essen
in ihrem Gemeinschaftsraum.“, sagte Hagrid. „Sie wollen nicht einmal mehr
mit Gemischtblütigen zusammen speisen. Dumbledore hat die Hauselfen angewiesen,
sie zu versorgen.“ „Die
spinnen doch total!“, rief Ron. „Was wollen die damit bezwecken?“ Hagrid
zuckte mit den Schultern. „Vielleicht wollen sie Aufmerksamkeit erregen.“,
meinte er. „Sollen
wir von heute früh erzählen?“, flüsterte Harry zu Hermine. Sie überlegte
kurz und nickte dann. „Wir haben
heute früh ein interessantes Gespräch mit der maulenden Myrthe gehabt.“,
begann Harry. Dann erzählte er in knappen Worten, was Myrthe über den blutigen
Baron gesagt hatte. Als er die Reliquie erwähnte, hob Hagrid eine Augenbraue. „Hm“,
brummte er. „Wenn das wirklich mit dem Zauberstab von Slytherin zusammenhängt,
dann sieht die Sache verdammt schlecht aus. Könnte eine Menge Ärger geben,
wenn das heraus kommt.“ „Aber
Harry kann doch gar nichts dafür!“, sagte Hermine. „Ich weiß
es, und du weißt es.“, sagte Hagrid nachdenklich. „Aber ob die Slytherins
das so akzeptieren...?“ „Siehst
du, Hermine!“, meinte Harry und machte ein sorgenvolles Gesicht. „Hagrid
sieht das genau so, wie ich.“ Hermine
zuckte mit den Schultern. „Dann müssen
wir es ihnen erklären.“, sagte sie. „Ich
glaube, die lassen es sich nicht erklären. Oder willst du dich vor sie stellen
und sagen: ‚Nun passt mal auf, so wie ihr denkt ist es falsch?“, bemerkte
Ron mit finsterem Blick. „Das
Schlimme ist“, sagte Harry, „dass ich für Snape einen genauen Bericht
schreiben muss, was in Rumänien vorgefallen ist. Da muss ich auch schreiben,
wie der Zauberstab vernichtet wurde. Wenn die Slytherins das erfahren, dann habe
ich eine Menge Ärger am Hals.“ Hagrid
nickte. „Das kann sein. Bis wann musst du denn den Bericht abgeben?“ „Nächsten
Dienstag, wenn wir wieder Verteidigung gegen die dunklen Künste haben. Snape
will seinen Unterricht darauf aufbauen. Mann, bin ich froh, dass wir nächsten
Dienstag nach London fahren.“ „Du,
Harry“, begann Hagrid und es war ihm anzusehen, dass er etwas schweres auf dem
Herzen hatte. „Ich befürchte, dass wir am Dienstag nicht nach London reisen können.
Der Streik, weißt du? Dumbledore will, dass ich da bleibe...“ Harry
starrte ungläubig auf Hagrid. „Nicht nach London...?“, fragte er
fassungslos. „Ja, sieh
mal, Harry, wir wissen nicht, in welcher Richtung der Schuss los geht. Wenn die
Slytherins vor haben, Ärger zu machen, dann müssen alle Lehrer da sein...“ „Aber...
was kannst du dabei machen?“, fragte Harry aufgeregt. „Ich meine, wieso
ausgerechnet du? Du hast doch sonst nicht so viel mit dem Unterricht zu tun.
Sollst du dann magische Wesen auf die Slytherins hetzen?“ „Nein, das
nicht.“ Hagrid konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. „Aber wir Lehrer,
egal welches Fach wir geben, müssen zusammenstehen. Dumbledore redet gerade mit
Snape. Er will ihn dazu verpflichten, auf der Seite der Lehrerschaft zu
stehen.“ „Das wird
er nie schaffen. Snape ist doch der schlimmste Hetzer, wenn es um Harry
geht.“, sagte Ron. „Und er ist der Hauslehrer!“ „Ich frage
mich, wie ich den Dienstag überleben soll.“, sagte Harry niedergeschlagen.
„Die Slytherins warten doch nur auf einen Grund, über mich herfallen zu können.“
„Kopf
hoch, Harry!“, brummte Hagrid. „Wird schon nicht so schlimm werden.
Vielleicht haben sie ja bis dahin ihren Streik beendet, dann fahren wir nach
London. Dann bist du erst einmal aus der Schusslinie. Und außerdem, ich bin überzeugt,
dass Snape vernünftig ist. Er wird das nicht einfach herausposaunen.“ „Dein Wort
in Gottes Ohr.“, murmelte Harry. Es begann
bereits zu dämmern, als sie schließlich Hagrids Hütte verließen. Sie hatten
noch lange diskutiert, bis Hagrid schließlich gesagt hatte, dass es keinen Sinn
habe weiter zu spekulieren. Als die Drei sich zum Abendessen in den Saal
begaben, herrschte hier einige Aufregung. Wie zu erwarten, war der Tisch der
Slytherins auch diesmal leer. Allerdings schwebte ein schwarzen Transparent über
dem Tisch, auf dem mit giftgrünen Buchstaben geschrieben stand: „Schlammblüter
raus aus Hogwarts!“ Über den
Tisch tanzten verschiedene Plakate auf denen Sprüche wie „Schlammblut
verdirbt Slytherin“ oder „Für ein reinblütiges Hogwarts!“ oder gar:
„Wir speisen nicht mit Schlammblütern“. Natürlich sorgten diese Plakate
besonders bei den Erstklässlern, und besonders bei denen, die nicht reinen
Blutes waren, und das waren immerhin die Mehrzahl, für enorme Aufregung. Die
Kleinen wandten sich ängstlich an die Größeren ihrer Häuser und wollten
wissen, was das ganze solle, aber die älteren Jahrgänge wussten auch nicht
mehr und machten sich in zum Teil ärgerlichen Äußerungen Luft. Argus Filch,
der die Tumulte mitbekommen hatte – Miss Norris, seine Katze hatte ihn
sicherlich herbeigeholt – versuchte, die Plakate einzufangen. Diese jedoch
wichen ihm geschickt aus, so dass Filch schließlich schwer atmend und mit
hochrotem Kopf auf einen Stuhl sank. Nach einem kurzen Augenblick fluchte er
laut, sprang auf und stürmte durch die Tür, durch die die Lehrer den Saal
immer betraten, hinaus. Minuten später
kam er laut schimpfend und auf Professor Dumbledore, den er an einem Ärmel
hinter sich herzog, einredend, wieder. „Schauen
sie sich diese Sauerei an, Professor! Das ist eine Schande für die Schule!“ Wieder
versuchte er nach einem Plakat zu greifen, doch er fasste in Leere. „Die Schüler
werden immer unverschämter! Es wird Zeit, Professor, dass sie drakonische Maßnahmen
ergreifen!“ „Nun
beruhigen sie sich doch erst einmal.“, sagte Dumbledore freundlich. „Diese
Plakate machen doch nichts schmutzig oder kaputt.“ „Sie
beschmutzen die Ehre Hogwarts!“, rief Filch. Sein Gesicht war zornesrot.
Dumbledore zog seinen Zauberstab aus dem Ärmel und schwang ihn durch die Luft.
„Finite corso!“ rief er. Die Plakate hörten auf zu tanzen und fielen auf
den Tisch, wo sie liegen blieben. Das Transparent schwebte, wie eine Feder hin
und her pendelnd, herunter und bedeckte die Plakate. „So, mein
lieber Mr. Filch. Ist der von ihnen gewünschte Zustand dieser Schule wieder
hergestellt?“ „Hrmpf!“,
schnaubte Filch. Er raffte die Plakate und das Tuch zusammen und wollte es sich
unter den Arm klemmen. „Nein,
bitte, Mr. Filch.“, sagte Dumbledore und streckte eine Hand aus. „Würden
sie das bitte mir geben? Ich denke, ich muss mich mal mit Professor Snape
unterhalten, und da würde ich es ihm ganz gerne zeigen.“ Mr. Filch
starrte Dumbledore mit zusammengekniffenen Augen an. Dann gab er sich einen
Ruck, warf Dumbledore die Sachen in den Arm und stampfte wütend davon.
Dumbledore runzelte die Stirn. Er schaute sich im Saal um und sah hundert
Augenpaare auf sich gerichtet. Er besann sich kurz, lächelte dann und
schlenderte auf die Lehrertür zu. Natürlich
gingen die Diskussionen auch während des Essens weiter. Harry hielt sich aber
mit Äußerungen zurück. Er wollte nichts unbedachtes sagen, das ihn vorzeitig
ins Spiel bringen konnte. Nach dem Essen zog er sich mit Hermine und Ron in ein
leeres Klassenzimmer zurück. Er holte die Pergamentschnipsel aus seiner Tasche
und erklärte Ron, was vor ihrem Besuch bei Hagrid passiert war. Ron war sofort
Feuer und Flamme und ließ sich von Hermines Einwänden nicht beeindrucken. Während
Harry und Ron eifrig damit beschäftigt waren, die Stücke des Briefes zusammen
zu puzzeln, saß sie nur unbeteiligt neben ihnen und sah zu. Nach einer geraumen
Zeit hatten Harry und Ron die Teile so zusammen gelegt, dass ein fast vollständiger
Brief daraus wurde. Es fehlten zwar noch einige kleine Teile, aber der Text war
lesbar. Der Brief war tatsächlich von Lucius Malfoy und an seinen Sohn
gerichtet. Harry las vor. „Mein
lieber Sohn, Deine Äußerungen
bei deiner Abreise auf dem Bahnsteig von Gleis neundreiviertel haben mich
zutiefst schockiert. Ich weiß, wie sehr Du Deine Mutter liebst. Ihr seid Euch
auch viel näher, als Du mir, was ich oft bedauere. Dennoch ist es falsch, zu
behaupten, ich und nur ich allein sei schuld an der Krankheit Deiner Mutter. Als
sie krank wurde, war ich mit dem Lord in Rumänien, was auch Du weißt. Deine
Mutter und ich haben uns vorher nicht gestritten, wir sind im Frieden
auseinander gegangen. Sie ist auch
erst ein paar Tage vor meiner Rückkehr krank geworden. Und, wie du weißt, habe
ich alles getan, um sie wieder genesen zu lassen. Nachdem die Ärzte keinerlei körperliche
Krankheit festgestellt hatten, habe ich sie mit ihrem Einverständnis auf eine
nervliche Krankheit untersuchen lassen, was ebenfalls negativ ausgefallen ist.
Sie selbst sagt, dass sie nicht weiß, warum sie so krank geworden ist. Du siehst
also, mein lieber Draco, man kann nicht einfach ein Urteil über jemanden
sprechen, ohne die genauen Umstände zu kennen. Es betrübt mich, dass du nicht
auch den Weg gehen willst, den ich gehe. Der dunkle Lord wird für uns alle
bessere Zeiten schaffen. Ich halte Dir zu Gute, dass du noch jung bist, und dich
erst einmal orientieren musst. Aber dass Du so vehement gegen meine so wichtige
Arbeit sprichst, verstehe ich nicht. Ich denke, wir sollten in den
Weihnachtsferien noch einmal ausführlich darüber sprechen. Hoffentlich geht es
Narzissa dann besser. Viele Grüße
Dein
Vater“ Harry war
enttäuscht. Ein wenig rührte sich auch sein Gewissen. Es war doch ein sehr
persönlicher Brief, und die Informationen, die er sich erhofft hatte, standen
nicht darin. Jetzt hätte er es am liebsten ungeschehen gemacht. Auf eine andere
Art war der Brief jedoch sehr aufschlussreich. Harry begann, über Draco
nachzudenken. Er begann ihn mit etwas anderen und nicht so sehr von Abneigung
gelenkten Augen zu sehen. Bislang hatte er sich nicht vorstellen können, dass
Draco fähig war, Gefühle zu haben. Aber offensichtlich ging ihm die Krankheit
seiner Mutter sehr nahe, was für eine tiefe Liebe sprach. Und da hatte Draco
Harry, zumindest bis zu seinem 13 Lebensjahr einiges voraus. Harry kannte bis zu
dem Augenblick, an dem sich Sirius als freund seiner Eltern und als sein Pate
herausstellte dieses Gefühl nicht. Harry
wunderte sich auch, dass Draco seinen Vater angriff, weil dieser ein Anhänger
Voldemorts war. Er hatte bisher fest daran geglaubt, dass Draco ebenfalls auf
der dunklen Seite stand. Und, wenn er nachdachte, deuteten auch alle Handlungen
und Aussagen, die von Draco kamen, darauf hin. Sollte Draco etwa seine Meinung
geändert haben? Sollte das vielleicht mit der Krankheit seiner Mutter zusammenhängen?
Was war das für eine seltsame Krankheit, die nicht körperlich und auch nicht
psychisch zu sein schien? All diese
Gedanken schossen durch seinen Kopf, als er jäh von Hermine unterbrochen wurde.
„Harry!“,
sagte sie harsch. „Ich hoffe, du hat ein schlechtes Gewissen. Ich habe es dir
gleich gesagt, dass dieser Brief nur Draco etwas angeht.“ Harry sah
sie unverwandt an. Dann nickte er langsam. „Du hast
recht, Hermine.“, antwortete er. „Es war nicht gut. Aber es ist nun einmal
geschehen. Und ich muss sagen, dass der Brief auf seine Weise wichtig für mich
ist. Ich glaube, ich habe Draco bisher ziemlich unterschätzt.“ „Hey,
wirst du jetzt auch ein Slytherin?“, fragte Ron. „Harry Potter und Draco
werden Busenfreunde. Das wäre doch die Schlagzeile für den Tagespropheten!“ Harry lächelte
Ron mitleidig an. „Du verstehst nichts, Ron.“, sagte er nur. Er fegte die Pergamentschnipsel zusammen in seine Hand und steckte sie wieder in seine Tasche. Als sie zurück im Turm der Gryffindors waren, nahm er sie und warf sie in die Flammen des Kamins. Am Abend zog Harry sich in den Schlafsaal zurück. Er wollte mit seinem Bericht für Snape beginnen. Nachdem er aus seinem Koffer eine Rolle Pergament geholt und diese auf seinem Bett ausgerollt und mit Schuhen am oberen und am unteren Ende beschwert hatte, damit sie sich nicht mehr zusammenrollte, öffnete er sein Schreibmäppchen und holte die Feder heraus. Fast beschwörend sah er sie an und dachte: ‚Bitte schreib keinen Blödsinn! Snape soll nicht merken, dass ich es nicht selbst geschrieben habe! Und bitte! Denk dir etwas aus, wie der Zauberstab zerstört wurde. Bring mich nicht zu sehr ins Spiel.“ Dann setzte er die Feder auf
das Pergament, legte sich daneben auf sein Bett und schloss die Augen. Er
wanderte zurück in den Sommer, in die heißen Tage im Ligusterweg Nummer 4, als
Onkel Vernon ihn aus der Küche gerufen hatte. Neben sich hörte er das Kratzen
der Feder, die emsig Wort für Wort auf das Pergament schrieb. Als er sich an
den Gartengnom erinnerte, musste Harry grinsen. Irgendwie war dieser kleine
Kerl, so dumm wie er war, ziemlich drollig gewesen. Dann zogen die Bilder der
Reise mit dem Flohpulver und seine Landung im Laden von Mr. Ollivander vor
seinem geistigen Auge vorüber. Mit einem Mal fuhr Harry hoch
und die Feder hörte auf zu schreiben. ‚Stopp!’, dachte er.
‚Ich muss vorsichtig sein. Wenn die Feder irgendetwas zu den Druiden schreibt,
dann bekomme ich Schwierigkeiten. Mal lesen...’ Harry nahm das Pergament, auf
dem die Feder geduldig wartete und begann zu lesen. „ Bericht über die
Ereignisse am Ende der Ferien ’Harry!.....Haaarrrrrry!’
dröhnte Onkel Vernons Stimme aus der Küche. ‚Verdammt, wo bleibst du?
Kerl!’ ‚Ich...ich komme!’ rief
ich und stolperte aus meiner Kammer. Ich nahm gleich 2 Stufen auf einmal, als
ich die steile Treppe hinunterhastete. Onkel Vernon klang sehr wütend, und ich
wusste aus Erfahrung, dass es besser war, sich zu beeilen, wenn mein Onkel mich
rief....“ ‚Mann, das liest sich ja wie
ein Buch!’, dachte Harry. Er las weiter und fand, dass die Feder alles, was er
erlebt hatte sehr detailliert aufgeschrieben hatte. Sogar das Gespräch mit John
war erstaunlich genau aufgeschrieben. Etwa die Hälfte des Pergamentes war
bereits verbraucht. ‚Wie viele Rollen werde ich
noch benötigen?’, fragte er sich. ‚Aber von mir aus soll sie ruhig so
weiter schreiben. Je länger der Bericht wird, um so länger braucht Snape, um
ihn zu lesen. Vielleicht habe ich dann noch ein paar Tage Ruhe...’ Wieder legte sich Harry auf
seinen Rücken und lenkte die Gedanken in die Vergangenheit. An der Stelle, wo
es zu ersten Mal um die Druiden ging, setzte er sich auf und öffnete die Augen.
Gebannt verfolgte er, was die Feder schrieb: „Mit einem Plopp wurde die Verbindung unterbrochen und
Mr. Ollivanders Kopf verschwand aus dem Kamin. Henry ging zurück in die Bibliothek, wo Hermine und ich
schweigend und gespannt warteten. ‚So Leute, jetzt wird es ernst.’, begann Henry. ‚Ich
habe von George die Nachricht, dass Voldemort kurz davor steht, heraus zu finden
wo ihr seid. Wir müssen jetzt einige Dinge vorbereiten, um einen ersten Angriff
abzuwehren’...“ Dann, auf einmal machte die Feder eine Pause. Sie schien zu überlegen, oder in sich hinein zu horchen. Sie streckte sich kurz, als hätte sie eine Idee gehabt und fuhr fort zu schreiben. „Hermine und ich starrten ihn gebannt an. Henry grinste.
‚Ich habe mir überlegt, dass ich daraus ein Fest für meine alten Freunde
machen werde’, fuhr Henry fort. ‚Wisst ihr, wir haben damals auch gerne
zusammen gearbeitet, wenn wir schwierige Aufgaben zu lösen hatten. Sie alle
sind erfahrene Kämpfer...’“ Harry atmete erleichtert auf. Dankbar blickte er auf die Feder hinunter, die einen Moment inne gehalten hatte. Als sie sein Einverständnis fühlte, machte sie einen kurzen Hüpfer und flog dann wieder über das Pergament. Inzwischen näherte sich die Rolle, die immerhin fast vier Meter lang gewesen war, ihrem Ende. Harry stieg vom Bett und holte eine weitere Rolle aus seinem Koffer, die letzte. Er würde sich wohl von Hermine noch eine leihen müssen. Was Snape wohl sagen würde, wenn er so viele Meter von Harry bekam. Hoffentlich würde er nicht misstrauisch werden. ‚Ich sage einfach’, dachte er, ‚ich habe sowieso immer Tagebuch geführt, und das sei es halt. Dann kann ich ihn auch noch ein wenig ärgern.’ Irgendwann gingen ihm aber die Erinnerungen aus. Er wurde müde und konnte sich nicht mehr so gut konzentrieren. Draco Malfoy schlich sich in seine Gedanken. Immer wieder ertappte sich Harry dabei, wie er über Dracos Mutter nachdachte, und fuhr jedes Mal erschrocken hoch und starrte auf das Pergament. Aber die Feder ließ sich nicht beeindrucken, kam eine Unterbrechung, dann wartete sie geduldig, und sobald Harry sich wieder auf den Bericht konzentrierte, schrieb sie weiter. Dann aber ging es nicht mehr. Harry nahm die Feder, bedankte sich bei ihr und steckte sie wieder in sein Schreibmäppchen. Zufrieden betrachtete er die Rollen, die dicht an dicht mit Zeilen gefüllt waren, und die sich wie ein spannender Roman lesen ließen. ‚Sollte ich irgendwann einmal nichts werden, dann werde ich Schriftsteller.’, dachte er. ‚ ‚Diese Feder hat einen verdammt guten Stil...’ Von unten, aus dem Gemeinschaftsraum drangen Stimmen und Gelächter. Es war anscheinend noch nicht so spät wie er dachte, und Harry beschloss, noch einmal hinunter zu gehen. Er rollte die Pergamentstreifen zusammen und klemmte sie sich unter den Arm. Hermine sollte sie lesen, und ihr Urteil dazu abgeben. Als er die Treppe hinunter gegangen war und den Gemeinschaftsraum betrat, stand ein Pulk von Gryffindors um den Tisch. Sie schwatzten fröhlich durcheinander. Mitten drin konnte Harry Fred und George ausmachen. Sie hatten glänzende Gesichter und wurden von allen Seiten mit Fragen bestürmt. Harry bahnte sich eine Weg durch die Menge. Als er vor dem Tisch stand, sah er, was die Aufregung verursacht hatte. Auf dem Tisch stand ein Karton mit allerlei Scherzartikeln, die Fred und George in der letzten Zeit entwickelt hatten. Direkt neben dem Karton tobte eine kleine Figur, die einen Zauberer mit weißem Rauschebart darstellte. Grelle Blitze schossen aus seinem winzigen Zauberstab hervor, und wen diese Blitze trafen, der bekam entweder eine dicke Nase, oder Fledermausohren oder Haare, die verdächtig nach Spaghetti mit Parmesan aussahen. Nach einigen Sekunden verschwanden die Missbildungen wieder, und die Schüler, die um den Tisch herum standen riefen immer wieder den Namen der kleinen Figur. Jedes mal, wenn Merlin gerufen wurde, fuhr die Figur herum und blitzte den Rufer mit einem Zauber an. Je nachdem, was für ein absonderliches Ergebnis dieser Zauber hatte, brachen die umstehenden in tobendes Gekicher aus. „Hey, Harry, da bist du ja!“, rief Fred, als er Harry erblickte. „Schau, wir haben Wort gehalten.“ Harry bestaunte den kleinen Zauberer. Entzückt nahm er ihn in die Hand, hob ihn hoch, um ihn genauer zu betrachten und ehe er sich versah, hob der Kleine den Stab, richtete ihn auf Harry und schickte einen Zauber los. Harry wurde an der Stirn getroffen und bekam eine Beule, die fast auf Fußballgröße anschwoll und poppig bunt gestreift war. Ein kurzes Zischen ertönte und die Beule fiel flatternd in sich zusammen. Alle lachten. Auch Harry grinste und fühlte nach seiner Stirn. Es war aber alles wieder so wie vorher. „Der ist klasse!“, sagte er lachend. „Wie seid ihr auf die Idee gekommen?“ „Eigentlich wollten wir Snape explodiert mal etwas realistischer machen.“, erklärte George. „Aber meinst du, wir hätten Snape hingekriegt? Wir haben bestimmt zwanzig Figuren gemacht, keiner hatte so ein mieses Gesicht und so fettige Haare, wie Snape.“ „Und dann hatten wir mitleid mit den armen Kerlen“, fuhr Fred fort. „Wir haben abends im Garten gesessen und haben über den Unterricht gesprochen. Irgendwie sind wir dann auf Bubotubler Eiter gekommen. Der macht doch so schöne Beulen im Gesicht. Na ja, dann haben wir die Sache immer weiter gesponnen, und schließlich ist Merlin daraus geworden.“ „Wir haben uns gedacht“, sagte George, „weil du uns die Geschichte mit dem Drachenstein erzählt hast, sollst du den ersten Original Weasleys Dussel-Merlin bekommen. Und, schau mal in der Kiste!“ George griff in den Karton und holte ein paar Päckchen heraus. In einer Klarsicht-Tüte lagen seltsame, grüne und flauschige Kugeln. George öffnete die Tüte und legte eine Kugel auf den Tisch. Zunächst passierte nichts, doch dann gab es einen Knall und die Kugel zerbarst. Einen Augenblick später waren alle Umstehenden mit einem ekligen, übelriechenden Schleim bekleckert. Alles schrie durcheinander, doch die Schleimfetzen glitten an ihnen herab und krochen, wie eine Schar von grünen, pelzigen Raupen zurück zu der Stelle, an der die Kugel gelegen hatte. Sie vereinigten sich und dann lag die Kugel, so als wäre nichts geschehen, friedlich auf ihrer Stelle. Schnell nahm George sie vom Tisch und ließ sie wieder in die Tüte fallen. „Erinnert mich an die Stinkbomben, die Dudley immer und überall fallen gelassen hat.“, sagte Harry. „Aber die Dinger sind viel besser. Ich glaube, ich werde Dudley mal eine ins Bett stecken.“ Die anderen Päckchen enthielten nette Erfindungen von Fred und George. Es war zum Beispiel ein Kartenspiel dabei, das mehrere Spieler bei Snape explodiert ersetzen konnte. Für einsame und lange Reisen, bemerkte Fred. Ein kleines Büchlein war auch dabei. Als Harry es aufschlug, sah er, dass es voller herrlicher Zaubererwitze war. „Es erfindet immer neue Witze.“, kommentierte George. „Und das alles ist für mich?“, fragte Harry ungläubig und wühlte in dem Karton. „Natürlich!“, sagte Fred. „So ganz uneigennützig ist das ja auch nicht. Viele Sachen konnten wir noch nicht richtig testen. Das einzige, was wir wissen ist, dass sie harmlos sind. Aber wir möchten zu gerne wissen, ob sie auch ankommen. Magst du sie für uns testen?“ „Hm. Wenn Ron und die anderen mithelfen dürfen?“, meinte Harry. „Was du damit machst, ist deine Sache. Erzähl uns nur ab und zu, was du damit angestellt hast. Wir wollen auch ein bisschen lachen.“ An dem Abend war Harry sehr zufrieden. Noch lange hatten sie sich mit den Scherzartikeln befasst und sich überlegt, wen sie alles als Opfer nehmen würden. Professor Snape stand in der Liste ganz oben, nur als es darum ging, wer den ersten Schritt machen, und ihm einen solchen Scherzartikel unterschieben sollte, waren plötzlich alle unbeteiligt. Kurz bevor sich die Gruppe zerstreute und ins Bett ging, gab Harry Hermine noch die beiden Rollen Pergament, die seine Feder vollgeschrieben hatte. Hermine versprach, es am nächsten Tag zu lesen. Sie würden viel Zeit haben, denn es gab Vormittags nur zwei Stunden Geschichte der Zauberei, bei der sowieso kaum einer zuhörte und am Nachmittag würden sie Pflege magischer Geschöpfe haben. Harry freute sich schon auf den nächsten Tag. So. Das war es mit dem vierten Kapitel. Im nächsten wird Harry ziemlich schlecht träumen... |