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Am
nächsten Morgen, direkt nach dem Aufwachen, fiel Harry ein, dass er vollkommen
vergessen hatte, sich mit Hermine am verabredeten Punkt zu treffen. Schnell
kleidete er sich an und lief in den Saal hinunter. Als er sie am Frühstückstisch
antraf, murmelte er eine Entschuldigung. „Wofür?“,
fragte Hermine. „Ich
hab dich gestern sitzen lassen.“, sagte er. „Ach!...Ja!“
Hermine schlug sich vor die Stirn. „Nein, Harry, ich habe dich sitzen
lassen!“ „Wie,
du warst auch nicht da?“ „Nein.
Das habe ich völlig vergessen! Das ist mir noch nie passiert!“ Sie
sahen sich an und lachten. „Wollen
wir das gleich noch machen?“, fragte sie. „Wir
haben doch gleich Zaubertränke. Schaffen wir das denn in der Zeit?“ Hermine
überlegte kurz. Dann sagte sie: „Ich
denke schon. Es sind nur ein par Worte, und ich habe es schon mal gemacht.
Sollte eigentlich kein Problem sein.“ „Wenn
das nur ein paar Worte sind“, fragte Harry verwundert, „Warum können wir es
denn nicht auch im Gemeinschaftsraum machen?“ „Willst
du, dass es irgendjemand mitbekommt? Stell dir vor, das macht die Runde und
Snape erfährt es. Ich glaube, dann hast du ein Problem.“ „Hm...“
Harry kratzte sich am Kopf. „Na ja, ich meine, mir ist es egal. ... Gehen wir
direkt nach dem Frühstück?“ „Ja,
ist, glaube ich, das Beste.“ Direkt
nachdem sie ihren Frühstückskakao ausgetrunken hatten, machten sie sich auf
den Weg. Das Klo der Maulenden Myrthe lag im dritten Stock. Es war ein
heruntergekommenes Mädchenklo, in das niemand freiwillig ging. Es wurde von dem
Geist eines Mädchens bewohnt, das vor fast fünfzig Jahren dort ums Leben
gekommen war. Es war Myrthe, die hier damals dem schrecklichen Basilisk begegnet
war. Ein Blick des Basilisken hatte sie getötet. Seit dem spukte oder wohnte
sie in dem Mädchenklo, und weil sie ständig jammerte und sehr schnell
beleidigt war, hieß sie ‚Die maulende Myrthe’. Und weil eben dieses Klo aus
den unterschiedlichsten Gründen nie besucht wurde, eignete es sich hervorragend
für Dinge, die nicht jeder mitbekommen sollte. Harry
und seine Freunde Ron und Hermine hatten Myrthe schon vor langer Zeit kennen
gelernt, damals, als sie herausfinden wollten, wer der Erbe Slytherins ist, und
wer die Kammer des Schreckens geöffnet hatte. Sie hatten Draco Malfoy in
Verdacht, und Hermine braute in einer der Klo-Kabinen den Vielsafttrank, mit dem
man sich für eine Stunde in eine andere Person verwandeln konnte. Sie wollten
Draco aushorchen, indem sie sich in Crabbe und Goyle und Millycent Bulstrote
verwandeln wollten. Das Ganze war ein Flop, einerseits für Ron und Harry, weil
sie nichts herausfinden konnten, andererseits für Hermine, die sich durch einen
tragischen Fehler in eine menschliche Katze verwandelte. Noch heute mussten
Harry und Ron heimlich grinsen, wenn die Sprache darauf kam. Als
Hermine und Harry, die zuvor noch eben eine Feder aus Harrys Schreibmappe geholt
hatten, das Klo betraten, hörten sie in der letzten Kabine ein entsetzliches
Wimmern. Hohl und unheimlich klang es. „Das
ist Myrthe!“, flüsterte Hermine. „Die
ist ja wieder drauf heute!“, flüsterte Harry zurück. „Hey, Myrthe, wir sind’s!“, rief er und öffnete die Tür zur Kabine. Myrthe war nicht zu sehen, aber aus der Kloschüssel tönte ein lautes: „Waaas
wollt ihhhihr? Wollt ihr mich auch quälen?“ Harry
schaute Hermine an, die sich gerade ebenfalls in die Kabine gezwängt hatte. „Nein,
Myrthe“, sagte sie. „Wir quälen dich doch nicht. Wir wollen dich
besuchen.“ „Laaaaast
mihich in Ruhe!“, heulte Myrthe und ihr Gejammer wurde durch die Kloschüssel
wie durch ein Megaphon verstärkt. Es klang schauerlich. Hermine trat an die Schüssel
und schaute hinein. Myrthe hatte sich in dem Abfluss zusammen gekauert und die
Arme schützend über den Kopf gelegt. „Was
ist los Myrthe?“, fragte Hermine mit sorgenvoller Stimme. „Ist etwas nicht
in Ordnung?“ „Nihichts
ist in Ordnung!“, jammerte sie. „Komm
erzähl!“, sagte Harry. „Was ist denn passiert?“ „Der
blutige Baron war hier!“, jammerte Myrthe und zog ihren Kopf ein. „Was
hat er denn gemacht?“, wollte Hermine wissen. „Er
hat fürchterlich getobt. Er hat über den sprechenden Hut geschimpft. Und er
hat alle Lehrer und Schüler verflucht. Und dann hat er mich gesehen und hat all
seine Wut an mir ausgelassen. Aber mit Myrthe kann man das ja machen! Er hat
mich in das Klo gestopft und abgezogen!“ „Aber
Myrthe, dir tut das doch nicht weh, außerdem sitzt du selber ziemlich oft im
Klo. Und ab und zu landest du im See, wenn jemand abzieht.“, versuchte Harry
zu beruhigen. „Aber
dann, dann will ich es selber. Weil mir langweilig ist. Aber der blutige
Baron...“ Wieder
heulte Myrthe laut auf „Können
wir irgendetwas tun, damit du dich wieder beruhigst?“, fragte Harry. „Jaaa!
Lasst mich in Ruhe...“ „Das
geht nicht so schnell, wir müssen noch ein wenig zaubern.“, sagte Hermine.
„Aber wenn es dir hilft, dann gehen wir in eine andere Kabine. Komm Harry!“ Sie
schlossen die Kabinentür hinter sich. Im benachbarten Kabinett klappte Hermine
den Deckel herunter und forderte Harry auf,
seine Feder darauf zu legen. Dann holte sie ihren Zauberstab heraus,
machte eine schreibende Bewegung über der Feder und murmelte: „Ecrivate
analogon!“ Mit
einem Mal kam Leben in die Feder. Sie glühte hell auf und tauchte die Umgebung
in grelles rosa Licht. Übermütig hüpfte sie hoch und fuhr an der Wand
entlang. Mit unglaublicher Geschwindigkeit kritzelte sie allerlei Unsinn an die
Wand und hörte erst auf, als kein Flecken mehr in der Kabine frei war. Dann
fiel sie erschöpft und mit bebendem Kiel auf den Klodeckel zurück. „Verstehst
du jetzt, warum ich das unbedingt hier machen wollte?“, fragte Hermine. Harry
nickte. „Aber, warum macht sie das?“ Hermine
lächelte. „Sie
tragen das ihr Leben lang mit sich herum. Jede Feder kann das und wartet nur
darauf, dass man es mit dem Spruch aus ihr herausholt. Dann ist sie so überschwänglich,
dass sie sich erst einmal all die Jahre von der Seele schreiben muss, die sie
nicht selber schreiben kann. Wenn genügend Platz ist, kritzelt sie stundenlang.
Drum sollte man immer möglichst kleine Räume nehmen, sonst muss man so lange
warten, bis man weiter machen kann.“ „Wie,
das war noch nicht alles? Sie schreibt doch?!“ „Wir
müssen sie noch mit deinen Gedanken verbinden. Wie soll sie sonst für dich
schreiben?“ Das
sah Harry ein, auch wenn er sich noch gar nicht vorstellen konnte, wie das
geschehen mochte. Von oben war ein leises Kichern zu hören. Harry sah hoch und
erblickte das runde, durchsichtige Gesicht von Myrthe. „Das
ist toll! Diese Feder hat das ganze Klo vollgemalt. Ich kann es nur nass
machen!“, kicherte sie. „Ach,
Myrthe, bist du jetzt doch heraus gekommen?“, fragte Hermine. „Was
macht ihr da?“, fragte Myrthe neugierig und schwebte nun langsam in die Kabine
hinein. „Wir
machen eine ‚Flotte schreibe Feder’.“, antwortete Harry. Dann wandte er
sich wieder an Hermine. „Wie geht
es weiter?“ „Nimm
die Feder in die Hand, aber sein vorsichtig. Sie könnte sich wehren!“ „Wie?
Eine Feder ist doch nicht gefährlich!“, lachte Harry und griff hin. „Au!“,
rief er und betrachtete erstaunt einen kleinen roten Punkt an seinem Finger. Die
Feder hatte sich hochgeschnellt und ihn in seinen Finger gestochen. „Du
blödes Ding du!“, rief er erbost und griff beherzt zu. Die Feder wand sich in
seiner Hand und versuchte, sich zu befreien. „Schnell, Hermine, ich habe
sie!“ „Augenblick!“,
sagte Hermine gelassen, hob ihren Zauberstab und murmelte: „Telegenesis!“ Augenblicklich
wurde die Feder ruhig. Sie schien sich in Harrys Richtung zu neigen, gerade so,
als würde sie ihm zuhören. „Du
solltest sie jetzt in die Tasche stecken.“, meinte Hermine und schob den
Zauberstab wieder in den Ärmel. „Sonst fängt sie bei jeder Gelegenheit an zu
schreiben und schreibt Dinge, die du gar nicht willst. Wenn du ihr den Auftrag
gibst etwas bestimmtes zu schreiben, dann hol sie heraus und denke an das, was
sie schreiben soll. Dann geht sie hin, und sammelt alles in deinen Gedanken, was
damit zusammenhängt. Und das schreibt sie in ordentlicher Form auf. Natürlich
in deiner Handschrift.“ „Danke,
Hermine. Du hast mir echt geholfen.“ „Keine
Ursache. Du hast mir auch schon geholfen. Eine Hand wäscht die andere.“ Dann
wandte er sich um und sah Myrthe, die neugierig auf die Feder blickte. „Wieder
alles in Ordnung?“, fragte er. „Was hat denn der blutige Baron gehabt? Er
ist zwar ein finsterer Geselle, aber ich habe noch nie gesehen, dass er so
ausrastet.“ Myrthes
Gesicht verdüsterte sich. „Wisst
ihr denn nicht, was mit Slytherin passiert ist?“, fragte Myrthe erstaunt. „Doch,
na klar, wir waren doch dabei!“, antwortete Harry. „Ist der denn immer noch
sauer deswegen?“ „Natürlich.
Stell dir vor, was das für Slytherin bedeutet.“, sagte Myrthe. „Er schrie,
‚Es wird zuende gehen mit Slytherin. Wir werden nie mehr neue Schüler
bekommen’!“ „Na,
ganz so schlimm wird es doch nicht werden.“, sagte Hermine. „Oh
doch!“ Myrthe hob den Finger und schaute sie wie ein Lehrer an, der etwas ganz
wichtiges zu erzählen hatte. „Es ist der Anfang vom Ende. Der Blutige Baron
hat etwas von einer Reliquie gesagt, die nun ein für alle mal vernichtet sei.
Wisst ihr nicht, dass jedes Haus einige Gegenstände von seinen Gründern
aufbewahrt? Gryffindor hat zum Beispiel das Schwert von Gothrick Gryffindor, und
Hufflepuff besitzt noch das alte Kräuterbuch von ihr und noch einige Gegenstände.
Es gibt aber auch Dinge, die nicht hier auf Hogwarts sind, sondern irgendwo da
draußen. Und von Salazar Slytherin gab es wohl auch noch etwas, das da draußen
war, und das es jetzt nicht mehr gibt. Der Erhalt von den Häusern wird aber von
den Reliquien bestimmt.“ „Der
Zauberstab!“, entfuhr es Harry. „Was
für ein Zauberstab?“, fragte Myrthe. „Ich
glaube, es ist besser, wenn wir noch nichts sagen.“, mischte sich Hermine ein.
„Wir sollten erst einmal mit Professor Dumbledore reden.“ „Ich
sehe schon.“, sagte Myrthe beleidigt. „Mir braucht man es ja nicht zu erzählen!“ „Ich würde sagen, es ist zu deinem Schutz.“,
meinte Hermine. „Wenn du es nicht weißt, dann kann der Blutige Baron es auch
nicht aus dir herausprügeln. Und wir wissen ja auch noch nicht, ob unsere
Vermutung stimmt.“ „Ach so..., wenn ihr meint...“ „Was hat denn jetzt diese Reliquie mit dem Baron zu
tun?“ „Der
Blutige Baron glaubt, dass eine der Reliquien zerstört wurde, und nun wird
Slytherin keine Schüler mehr bekommen. Was soll denn ein Hausgeist machen, wenn
er kein Haus mehr hat. Er wird zum Nichts, so wie ich. Jeder kann mit ihm
machen, was er will, sogar Peeves wird keinen Respekt mehr vor ihm haben. Und
noch mal sterben kann er auch nicht. Was soll er denn machen?“ „Hm“,
machte Harry, „meinst du denn, dass das damit zusammenhängt? Kann es nicht
ein Zufall sein, dass dieses Jahr kein neuer Schüler für Slytherin ausgewählt
wurde?“ „Nein,
Harry.“, sagte Hermine. „Die Statistiken der letzten sechshundert Jahre
haben gezeigt, dass immer fast genau die gleiche Anzahl für jedes Haus bestimmt
ist. Hast du das denn nicht letztes Jahr in Geschichte von Hogwarts gehört?“ „Da
bin ich nicht gewesen. Geschichte interessiert mich nicht. ... Aber es kann doch
mal eine Ausnahme geschehen. Zufall oder so etwas. Die Schüler müssen doch
auch in die Häuser passen, oder?! Schau dir Malfoy, Crabbe und Goyle an, würdest
du jemals einen von den dreien in ein anderes Haus als Slytherin stecken?“ „Darum
geht es, glaube ich, nicht.“, sagte Hermine. „Ich glaube, dass die Schüler
in dem Augenblick für das Haus geschaffen sind, wenn der Hut es ihnen sagt. Ich
bin mir ziemlich sicher, dass da etwas dran ist, was Myrthe sagt.“ „Wir
sollten echt mit Dumbledore reden...“, meinte Harry. Dann schlug er sich mit
einem Mal vor den Kopf. „Mensch, Hermine, wir müssen los. Die Stunde hat ja
schon angefangen!“ „Ohwei!“,
sagte sie. „Ich bin noch nie zu spät gekommen! Und das ausgerechnet in der
ersten Stunde! Was wird sie für einen Eindruck von uns bekommen? Myrthe, wir müssen
los. Wenn du noch etwas davon hörst, erzählst du es uns?“ „Ja,
mache ich. Ich freu mich auf Besuch. Vielleicht kommt ihr ja dann öfter!“ „Tschüß,
Myrthe!“, sagte Harry, packte seine Tasche und lief los. Sie rannten zum
Treppenhaus und die vier Absätze hinunter, in den Keller, in dem das Labor für
Zaubertränke lag. Die Gänge waren ausgestorben und aus den Klassenzimmern
drangen leise Stimmen. „Wie
spät haben wir es denn schon?“, fragte Hermine außer Atem. „Keine
Ahnung! Meine Uhr ist doch kaputt.“ Sie
erreichten die Tür und rissen sie auf. Magister Baumann unterbrach ihren
Vortrag und sah sie erstaunt an. „Oh,
da sind ja noch zwei Schüler! Guten Morgen!“, sagte sie freundlich. „Es
tut mir leid, dass wir zu spät kommen!“, keuchte Hermine. Sie und Harry drückten
sich auf zwei noch freie Plätze. „Wir waren noch im... wir mussten noch
dringend etwas erledigen und sind aufgehalten worden. Soll nicht wieder
vorkommen.“ „Gut,
ich freue mich, dass sie es doch noch geschafft haben. Ich bin übrigens Johanna
Baumann, die neue Lehrerin für Zaubertränke. Mit wem habe ich das Vergnügen?“ „Ich
heiße Hermine Granger.“, antwortete Hermine. „Ach,
Miss Granger. Es freut mich. Ich habe schon einiges von ihnen gehört. Sie
sollen eine sehr gute Schülerin sein.“ Hermine
wurde rot. Sie wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. „Dann
sind sie Harry Potter?“, wandte sich Magister Baumann an Harry. Der nickte
nur. 2Auch
von ihnen habe ich schon gehört. Man erzählte mir, dass sie einer der besten
Quiddich-Spieler der Schule sind?“ Wieder
nickte Harry. Er war etwas abgelenkt, denn als er sich umsah, bemerkte er, dass
kein Slytherin-Schüler an dem Unterricht teilnahm. Hatten sie die beiden Häuser
getrennt? Er beugte sich zu Hermine hinüber und flüsterte leise: „Hast
du schon bemerkt, dass Draco und seine Konsorten nicht da sind?“ Hermine
schaute sich um und zuckte die Schultern. „Stimmt“,
flüsterte sie zurück. „Vielleicht liegt es daran, dass Snape nicht mehr
Zaubertränke gibt. Nur, warum sind sie dann nicht in ‚Verteidigung gegen die
dunklen Künste’?“ „Keine
Ahnung.“, meinte Harry. „Aber ich finde das voll in Ordnung so.“ Hermine
grinste. Der Unterricht würde auf jeden Fall entspannter ablaufen, wenn sie
nicht ständig den Angriffen der Slytherins ausgesetzt waren. „Ich
denke, wir werden gut miteinander auskommen.“, fuhr Magister Baumann fort.
„Wo waren wir stehen geblieben?“ Neville
Longbottoms Finger schnellte nach oben. „Mister
Longbottom?“ „Sie
erzählten und von der Wirkungsweise der Schattenpilze.“ Neville
wirkte gar nicht unsicher. Er hatte zwar den gleichen roten Kopf, wie immer,
wenn er aufgerufen wurde, aber er stotterte überhaupt nicht und er wirkte eher
aufgeregt. Einige Schüler feixten, aber
Magister Baumann strafte sie mit einem strengen Blick. „Das
ist richtig, Mr. Longbottom. Vielen Dank. Also gut. Ich habe gerade erzählt,
dass es in unseren Breitengraden verschiedene Pilze gibt, die magische Fähigkeiten
ausbilden. Einige davon sind normale, allen bekannte Speisepilze, die von
Muggeln wie von Zauberern gerne gegessen werden. Nehmen wir nur den Steinpilz,
der sehr schmackhaft ist. Wenn er jedoch mit den richtigen Methoden behandelt
wird, kann man die magischen Fähigkeiten aus ihm herausziehen und für
wertvolle magische Tränke verwenden. Es ist jedoch sehr schwierig, seine Magie
zu extrahieren, es kommt auf die absolut genaue Rezeptur an, und nur erfahrene
Zauberer können mit dem Pilz umgehen. Aus
diesem Grund habe ich mich entschlossen, mit wesentlich eindeutiger magischen
Pilzen anzufangen. Und zwar sind das die Schattenpilze. Weiß jemand, was
Schattenpilze sind?“ Zwei
Arme schnellten hoch. Es waren die Arme von Hermine und...Neville. Harry staunte
nicht schlecht. Er kannte Neville nur als jemanden, der sich möglichst hinter
dem Rücken seiner Mitschüler versteckte, wenn ein Lehrer eine Frage stellte.
Wenn er aufgerufen wurde, dann stotterte er sich etwas zusammen, was kaum
verstanden werden konnte, und aus diesem Grund wurde er nur noch aufgerufen,
wenn zum Beispiel Professor Snape wieder einmal ein Opfer brauchte. Sicher
hatte Neville eine besondere Vorliebe für Pflanzen. Im letzten Jahr hatte ihm
Barty Crouch Junior alias Madeye Moody ein Buch über Wasserpflanzen des
mediterranen Bereiches geschenkt. Zwar war seine Absicht dabei nicht, Neville
eine Freude zu machen, sondern er versuchte damit Harry bei der Lösung einer
schwierigen Aufgabe für das trimagische Turnier zu helfen, aber damals hatte
Harry zum ersten mal erfahren, dass es etwas gab, für das sich Neville
interessierte, und wovon er offensichtlich Ahnung hatte. Aber das hätte niemals
ausgereicht, Neville dazu zu bringen, freiwillig den Finger zu heben. Es musste
wohl etwas mit der neuen Lehrerin zu tun haben. Harry
betrachtete sie. Sie war eine große, schlanke Frau mit einem dicken,
geflochtenen Zopf aus blondem Haar. Ihr Gesicht war sehr ebenmäßig und ihre
blauen Augen hatten schon eine gewisse Ausstrahlung. Sie war, bei genauer
Betrachtung sogar eine schöne Frau. Sie verstand es auch, ihren himmelblauen
Umhang mit Eleganz zu tragen, und den spitzen Hut hatte sie keck in den Nacken
geschoben. Nur ihr Akzent war grauenhaft. Diese Deutschen konnte einfach kein
vernünftiges Englisch sprechen. Es klang hart und abgehackt, fast tonlos, und
es passte gar nicht zu der angenehmen Stimme von Magister Baumann. „Mister
Longbottom?“, fragte sie freundlich. „Die
Schattenpilze sind die einzigen rein magischen Pilze, die hier wachsen. Sie sind
normalerweise unsichtbar. Man kann sie in Neumondnächten sammeln, indem man ein
magisches Licht erzeugt, unter dem sie anfangen zu fluoreszieren. Sie werden für
bestimmte Verwandlungstränke und für Tränke benutzt, die die Kampfkraft erhöhen
sollen.“ „Sehr gut, Mr Longbottom. Ich
hätte es kaum besser erklären können. Sie interessieren sich für Pilze?“ „Schon,
aber auch für magische Pflanzen...“ Nevilles Gesichtsfarbe wurde noch
dunkler, als sie ohnehin schon war. „Das
ist gut. Was halten sie davon, wenn sie mit in diesem Schuljahr assistieren? Ich
bräuchte für die Vorbereitung der Stunden noch einen Schüler, der mir hilft
die leider sehr leicht verderblichen Pilzessenzen herzustellen und zu
konservieren. Möchten sie mir helfen?“ „Sehr...sehr
gerne, Magister Baumann!“, stotterte Neville und strahlte über das ganze
Gesicht. Magister
Baumann nickte ihm freundlich zu und begann dann, über die Schattenpilze zu erzählen. „Wie
Mr. Longbottom schon erwähnte, sind die Pilze unsichtbar. Man benötigt ein
magisches Licht, um sie zu finden. Das allein ist die Schwierigkeit, denn das
magische Licht ist nicht ganz einfach herzustellen. Ich würde vorschlagen, dass
wir es einmal versuchen. Der Spruch lautet „Fluoreszenca“. Er wandelt jede künstliche
Lichtquelle, wie diese Fackeln an der Wand in Lichtquellen des benötigten
magischen Lichtes um.“ Harry
erinnerte sich die Stunden im Labor von Henry Perpignan. Er hatte damals einen
Brief an Hermine geschrieben und Henry hatte mit Hilfe des magischen Lichtes den
Brief versiegelt und unsichtbar gemacht. „Wer
möchte es einmal versuchen?“, fragte Magister Baumann in die Runde. Wieder
wurden zwei Hände gehoben, nur dass es diesmal die von Hermine und Harry waren.
Neville kauerte sich ein wenig zusammen, denn er wusste, dass er im Zaubern eine
äußerst klägliche Figur abgab. „Mr.
Potter! Wenn sie bitte nach vorne kommen würden, damit wir alle sehen, wie sie
es machen.“ Harry
erhob sich und ging nach vorne. „Nehmen
sie den Zauberstab, machen sie eine schwingende Bewegung und sagen sie ‚Fluoreszenca’,
genau so wie ich es ihnen jetzt vormache.“ Sie
hob ihren Zauberstab und schwang ihn durch die Luft. Als sie ‚Fluoreszenca’
sagte, knisterten die Fackeln kurz auf und wurden dunkel. Der ganze Raum war in
schwarzes Licht getaucht, nur die Gegenstände und die Personen erhielten eine
schwach bläuliche Aura. Auf dem Lehrerpult, auf dem eine kleine Schachtel
gestanden hatte, begannen plötzlich mehrere Pilze hell zu leuchten. „Sie
sehen, wenn man das Licht einmal erzeugt hat, dann ist es überhaupt kein
Problem mehr, die Pilze zu finden. Wir werden in der nächsten Woche einmal mit
den Fackeln hinaus gehen. Sie werden sehen, dass die ganze Wiese voll mit
Schattenpilzen steht. So, ich werde es jetzt wieder hell machen, und dann sind
sie dran, Mr. Potter. Fin Fluores!“ Es
wurde wieder hell im Raum. „So
Mr. Potter“, begann Magister Baumann aufs Neue, „jetzt nehmen sie den
Zauberstab in die Hand, konzentrieren sich, beschreiben einen kreisförmigen
Bogen durch die Luft und sagen ‚Fluoreszenca’. Dann werden wir sehen.“ Harry
war sich sicher, dass er es schaffen würde. Er zog seinen Stab aus dem weiten
Ärmel seines Umhanges und richtete ihn nach oben und schwang ihn durch den
Raum. Dann sagte er mit lauter Stimme: „Fluoreszenca!“ Augenblicklich
begannen die Fackeln wieder zu knistern, flackerten noch einmal hell auf und
wurden dunkel. „Sehr
gut, Mr. Potter!“, rief Magister Baumann erstaunt aus. „Das hat ja gleich
beim ersten Mal geklappt! Ich bin erstaunt. So, dann machen sie es bitte wieder
hell.“ Auch
das klappte auf Anhieb. Nach Harry konnten es noch einige andere Schüler
versuchen, die es mehr oder weniger gut zustande brachten. „Wenn
sie nichts dagegen haben, gehen wir in der nächsten Woche, am Abend vor der
Zaubertrank-Stunde hinaus auf die Wiese vor dem Schloss und suchen dort nach
Schattenpilzen. Bis dahin wäre es gut, wenn jeder von ihnen den Zauber
beherrscht. Sie können sich ja immer zu zweit zusammentun und ihn üben.
Wichtig dabei ist, dass sie selbstzündende Fackeln benutzen.“ Sie
schaute kurz auf die Uhr. „Ja,
jetzt haben wir noch zehn Minuten. Ich würde vorschlagen, wir machen für heute
Schluss. Es lohnt sich nicht, wenn ich ihnen noch mehr über die Pilze erzähle,
es dauert schon eine Weile, bis ich die grundlegenden Fähigkeiten abgehandelt
habe. ... Ich habe noch etwas. Meine Leidenschaft sind nicht nur die Zaubertränke,
sondern auch das Kochen. Ich habe vor in den Nachmittagsstunden eine AG
anzubieten. Wenn sie Interesse haben, würde ich mir gerne mit einigen Schülern
das Thema ‚Magisches Kochen mit deutschen Rezepten’ vornehmen. Besteht bei
ihnen das Interesse?“ Zögernd
nickten einige Schüler, nur Neville entfuhr ein freudiges „Natürlich!“ „Gut.“,
sagte Magister Baumann. „Wenn ich genügend Schüler zusammenbekomme, dann
werde ich einen Zettel unten in der Halle aushängen. Dort können sie sich dann
eintragen. So, für heute wünsche ich ihnen noch einen schönen Tag. Wir sehen
uns dann am Dienstag Abend, ja?“ „Welch
ein Unterschied!“, sagte Harry, als sie die Treppe zur Halle hinunter gingen.
„Da könnte Zaubertränke ja durchaus mein Lieblingsfach werden.“ „Nevilles
Lieblingsfach ist das schon.“, stellte Ron mit einem Grinsen fest. „Was
mag es wohl zu bedeuten haben?, dass die Slytherins nicht mehr am Unterricht
teilnehmen?“, fragte Hermine. „An
Snape kann es wohl nicht liegen.“, meinte Harry. „Dann würde er sie mit in
die ‚Verteidigung gegen die dunklen Künste’ genommen haben. Ich glaube
eher, dass sie die Klasse verkleinert haben, weil die Baumann noch neu ist.“ Der
Speisesaal war noch leer. Sie setzten sich an den Tisch der Gryffindors. Die
Karaffen mit Wasser und Säften standen schon bereit und Harry nahm sich ein
Glas und schenkte sich ein. „Noch
jemand?“, fragte er und hielt die Karaffe hoch. „Ja,
ich!“, sagte Ron. Er hielt Harry ein Glas hin. „Das
mit dem Kochkurs ist ja auch eine verrückte Idee.“, sagte Harry, während er
einschenkte. „Wer will denn schon kochen lernen, wo wir doch den besten
Service der Welt haben?“ „Neville!“,
meinte Ron. „Ich
mache da auch mit!“, sagte Hermine. „Ich finde kochen sehr spannend. Und
vielleicht bringt sie uns ja ein paar tolle Tricks bei, wie man ohne Herd kochen
kann.“ „Kochen
ist ja auch eher was für Mädchen!“, sagte Ron und schaute Hermine frech ins
Gesicht. „Hör
mal, Ron!“, sagte Hermine ärgerlich. „Ich habe deine ewigen Sticheleien
satt. Kochen ist nicht nur etwas für Frauen. Die Männer sind nur zu faul dafür.
Nimm dir ein Beispiel an Neville. Ich habe vollen Respekt davor, dass er offen
zugibt, gerne zu kochen. Das kommt nur, weil deine Mutter dir alles in den
Hintern schiebt!“ „Neville
ist doch nur bis über beide Ohren verliebt!“, verteidigte sich Ron. „Ich
wette, er stellt sich beim Kochen genau so doof an, wie beim Zaubern.“ „Könnt
ihr mal aufhören zu streiten?“, mischte sich Harry ein,
dem das Herumgehacke auf Neville langsam auf die Nerven ging. „Lasst ihm doch
seine Freude!“ Langsam
füllte sich der Saal und ein Gewirr von Stimmen und Lachen schwirrte durch den
Raum. Die Schüler verteilten sich an die Tische und schwatzten fröhlich
miteinander. Bald wurde der Strom von Schülern, die durch die großen Flügeltüren
hereinkamen dünner. Und das Schwatzen wurde leiser und leiser, bis es schließlich
ganz verstummte. Betroffenheit machte sich auf den Gesichtern breit. Alle
starrten zum Tisch der Slytherins hinüber. Er war leer. So, das war es mit dem dritten Kapitel. Was ist mit den Slytherins? Befindet sich das Haus Slytherin in Auflösung? Ihr erfahrt mehr im nächsten Kapitel... |