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Harry
musste wohl etwas eingenickt sein, denn das Trappeln von Füßen auf der Treppe
zum Schlafsaal ließ ihn auffahren. Es war schon dunkel geworden. Er setzte sich
auf und wandte sich zur Tür, die mit einem Mal krachend aufflog. „Sie
kommen!“, rief Ron atemlos und stürzte ins Zimmer. Augenblicklich war Harry
hellwach. Er sprang aus dem Bett, schlüpfte in seine Hausschuhe und lief hinter
Ron her, der sich direkt wieder umgedreht hatte und die Treppe
hinuntergesprungen war. Ron stand am Fenster im Gemeinschaftsraum. Er hatte
einen Flügel geöffnet und sich hinausgelehnt. „Das
musst du dir anschauen!“, rief er begeistert und zeigte hinunter auf die
Auffahrt zum Schloss. Harry
schob Ron etwas zur Seite und schaute hinaus. Entlang der Auffahrt schwebten
Fackeln in der Luft und eine lange Prozession von Kutschen ohne Pferde zog den
Weg herauf. Vor dem Eingangsportal hielten sie und spuckten drei, vier oder auch
manchmal fünf Schüler aus. Dann fuhren sie den weiten Bogen der Auffahrt
wieder hinunter zum See, wo noch eine schier unübersehbare Menge an Leuten
wartete, nahmen erneut Schüler auf und stellten sich an der Schlange an. Auf
dem See schwammen kleine Kähne mit Lampions an ihrem Bug, und auch darin saßen
Schüler. Auch am anderen Ufer des Sees stand noch eine kleine Gruppe von Schülern.
Harry wusste, dass es die Erstklässler waren, denn diesen Weg hatte er vor vier
Jahren auch gemacht. Es war so etwas wie ein Ritual, jedenfalls wurden alle
Erstklässler in den schaukelnden Booten über das schwarze Gewässer gefahren,
während die anderen Schüler direkt am Bahnhof Hogsmead von den Kutschen
abgeholt wurden. Die Luft war gefüllt mit Lachen und Schwatzen und aus der
Eingangshalle drang fröhliches Leben durch die Flure bis hinauf in den Turm der
Gryffindors. Harry
spürte, wie er beiseite gedrängt wurde, und als er sich umsah, erkannte er
Hermine, die aus dem Mädchenschlafsaal gekommen war und nachsehen wollte, was
los war. „Ach,
sie kommen!“, meinte sie. „Wollen wir nicht hinunter gehen?“ „Ja,
lasst uns runtergehen. Ich freue mich auch schon auf das Essen!“, rief Ron
begeistert und rieb sich den Bauch. Harry warf noch einen Blick auf den Vorplatz
des Schlosses. Er war fasziniert von der geheimnisvollen Stimmung, die das
Flackern der Fackeln erzeugte. Dann riss er sich los und nickte. Ron und Hermine
waren schon beim Eingangsloch zum Gemeinschaftsraum. Hermine stupste gegen das
Portrait, das mit leisem Knarzen aufschwang. „Kommst
du?“, fragte Ron ungeduldig. „Ja!“,
antwortete Harry und lief hinter
seinen beiden Freunden her. Von der Halle her drang ein solcher Lärm zu ihnen
herauf, dass sie ihre eigenen Schritte kaum hörten. Oben an der großen,
geschwungenen Treppe blieben sie stehen. Wo heute Nachmittag nur der Hausmeister
einsam in der Halle gearbeitet hatte, waberten unzählige Schüler
durcheinander. Auch hier brannten Fackeln und der große Kronleuchter, der
mitten in der Halle an einer langen Kette hing,
erstrahlte im Licht von tausend Kerzen. Schüler aller Jahrgangsstufen
strömten durch das Eingangsportal in die Halle und schlenderten gleich weiter,
durch eine weit geöffnete Flügeltür in den festlich geschmückten Speisesaal.
Professor McGonagall, die Hauslehrerin der Gryffindors und stellvertretende
Schulleiterin, führte eine Gruppe verschüchtert dreinblickender Kinder in den
kleinen Seitenraum. Harry erinnerte sich nur zu gut an die Mischung aus Angst
und Neugierde, die er damals empfunden hatte, als er das erste Mal seinen Fuß
in die Schule setzte und er wusste, wie die Erstklässler sich dieses Jahr fühlen
mussten. Als die Gruppe im Raum verschwunden war, schlossen sich die Türen wie
durch Geisterhand. Harry
blickte auf und sah Peeves, den frechen Poltergeist, der auf dem Kopf hängend
den Kronleuchter umkreiste und sich die bunte Schar betrachtete. Offensichtlich
hielt er Ausschau nach geeigneten Opfern für einen Streich, den er spielen
wollte. Harry wollte sich gerade wieder den Schülern zuwenden, als er bemerkte,
wie Peeves plötzlich in der Luft stillstand. Er schwebte auf den Kronleuchter
zu und pflückte sich einige geschliffene Glasfacetten heraus. Dann zielte er
und warf sie in schneller Folge in die Menge. Unruhe entstand. Harry konnte
erkennen, wen es getroffen hatte. Crabbe und Goyle standen wie Felsen in der
Brandung, rieben sich die Hinterköpfe und starrten irritiert nach oben. Das
gackernde Lachen von Peeves schwebte herüber und Augenblicke später ertönte wütendes
Geschrei. Jetzt war auch Draco Malfoy zu sehen, der zwar groß war und mit
seinem silberhellem Haarschopf in der Menge auffiel, aber immer noch von seinen
beiden Vasallen Crabbe und Goyle um fast einen Kopf überragt wurde. Draco hielt
sich die Stirn und drohte mit der anderen Faust in Peeves Richtung. Harry stieß
Ron an und zeigte grinsend auf die Gruppe. Ron grinste zurück. „Da
hat sich Peeves ausnahmsweise mal die richtigen ausgesucht.“, meinte er mit
Genugtuung. Langsam
füllte sich der Saal und die drei beschlossen. auch hinunter zu gehen. Draco
und seine beiden Freunde waren immer noch damit beschäftigt, sich über den
Poltergeist aufzuregen, als Harry unmittelbar an ihnen vorbei zur Tür des
Saales ging. „Schöne
Begrüßung!“, grinste er und sah Draco direkt ins Gesicht. „Potter!“,
rief Draco und sein Ärger wich sofort einem fiesen Grinsen. „Habe gehört,
dass du dich in den Ferien bei Dumbledore eingeschleimt hast!?“ „Ach
weist du, Malfoy“, meinte Harry überlegen, „Manche können halt nur in den
Fußstapfen ihres Vaters laufen, und manche machen eigene Schritte!“ Dann
hob er das Kinn und stolzierte an den verblüfften drei Slytherins vorbei in den
Festsaal. Malfoy bekam den Mund nicht mehr zu und Crabbe und Goyle glotzten blöde.
Malfoy schien nach einer passenden Antwort zu suchen, aber es glückte ihm
nicht. „Mensch,
das war klasse!“, sagte Ron anerkennend, als sie den Gryffindor-Tisch erreicht
hatten und sich einen Platz aussuchten. Der Saal war wieder einmal herrlich
geschmückt. Große Fahnen mit den Wappen der vier verschiedenen Häuser
schwebten über den langen, in den Farben der Häuser geschmückten Tischen. Über
dem Lehrertisch schwebte das Hogwarts-Banner, das in seinem Wappen die Symbole
der Häuser und darunter in Gold gestickt den Schriftzug „Hogwarts, Schule für
Zauberei“ trug. Auf den Tischen standen zwölfarmige goldene Leuchter, deren
Kerzen den Saal in strahlendes Licht tauchten. Die Gedecke waren ebenfalls aus
purem Gold und gerade der Gryffindor-Tisch mit seiner blauen Tischdecke sah
besonders festlich dazu aus. „Komisch“,
meinte Hermine. „Sonst ist Draco doch immer so schlagfertig! Schaut mal rüber!
Da setzt er sich ganz kleinlaut an ihren Tisch. Ob er krank ist?“ „Das
liegt bestimmt an dem Teil von dem Kronleuchter, das er an den Kopf bekommen
hat.“, meinte Ron grinsend. „Das hat sein Gehirn so durcheinander geschüttelt,
dass er nicht mehr klar denken kann.“ „Ja,
irgendwie hast du recht, Hermine.“, sagte Harry, als er sich umgedreht und
Draco eine Weile beobachtet hatte. „Er sieht auch ziemlich blass aus.“ „Ihr
macht euch doch keine Sorgen um Malfoy!“, rief Ron entrüstet. Harry
grinste. „Keine Sorge, Ron. Soweit sind wir noch nicht heruntergekommen.“ „Ich
bin mir da nicht so sicher, Harry!“, warf Hermine ein. „Wir kennen Malfoy
doch als ziemliches Ekel...“ „Was
er uns heute ja auch schon bewiesen hat!“, rief Ron entrüstet dazwischen.
Hermine fuhr unbeirrt fort. „...aber
ich habe den Eindruck, es geht ihm nicht gut. Er hätte sonst nie zugelassen,
dass du das letzte Wort hast. Wenn ihm nicht direkt etwas eingefallen wäre, hätte
er es dir sicherlich nachgerufen! Schau mal, er sieht immer noch vollkommen überrumpelt
aus...“ Sie
deutete mit ihrem Blick hinüber zum Slytherin-Tisch, wo die drei sich gerade
niederließen. Crabbe schaute finster zu den Freunden herüber, während Goyle
mit dümmlichem Gesicht auf Draco einredete. Draco stützte müde den Kopf in
die Hand und beachtete Goyle gar nicht. Er sah noch nicht einmal verärgert aus. „Vielleicht
hängt das damit zusammen, dass er jetzt endlich kapiert hat, dass sein Vater
ein Todesser ist.“, meinte Harry nachdenklich. „Vielleicht ist sein
Heldenbild kaputt gegangen...“ Der
Saal füllte sich langsam mit aufgeregten Schülern. Fred und George kamen durch
die Tür und steuerten auf die drei Freunde zu. „Hallo
ihr drei!“, begrüßten sie Harry, Ron und Hermine. Sie setzten sich direkt
neben sie. „Wie war es in Rumänien? Was habt ihr da alles erlebt? Mom hat
sich tierische Sorgen gemacht!“ Der
letzte Satz war mit etwas vorwurfsvoller Miene an Ron gerichtet. „Ich
schicke ihr morgen eine Eule!“, verteidigte sich Ron. „Wir sind doch heute
erst angekommen.“ „Erzähl
mal, Harry!“, forderte ihn Fred auf. „Das
ist eine lange Geschichte.“, sagte Harry und machte eine abwehrende
Handbewegung. „Wenn ihr nichts dagegen habt, machen wir das nachher, wenn wir
wieder im Turm sind. Es muss ja auch nicht jeder mitkriegen, was passiert ist,
oder?“ „Harry!
Harry Potter!”, ertönte eine nur zu bekannte Stimme aus der Menge. „Seht
ihr, da ist Harry Potter!“ Collin
Creevy wühlte sich aus dem Pulk von Drittklässlern heraus und lief winkend auf
Harry zu. Harry wandte sich ab und verzog das Gesicht. „Der
schon wieder!“, murmelte er. „Hallo
Harry!“, rief Collin begeistert. „Wie waren deine Ferien?“ „Langweilig...“,
brummte Harry missmutig. „Ich
hoffe, dieses Jahr wird wieder Quidditch gespielt.“, plapperte Collin
unbeeindruckt weiter. „Hast du in den Ferien trainiert? Gryffindor wird dieses
Jahr bestimmt wieder den Pokal gewinnen. Was meinst du, Harry?“ „Schon
möglich...“ Zum
Glück kamen gerade die Lehrer durch eine Seitentür und setzten sich an den
Lehrertisch. Das Stimmengewirr ebbte ab und verstummte. Hagrid, ehemaliger Wildhüter
und jetziger Lehrer für die Pflege magischer Geschöpfe, erblickte Harry und
winkte ihm mit einem breiten Grinsen zu. Auch Professor Dumbledore schickte
einen freundlichen Blick über seine Brille mit den halbmondförmigen Gläsern
in ihre Richtung. Professor Snape, der Lehrer für Zaubertränke, hatte ein
selbstgefälliges Grinsen aufgesetzt. Dumbledore ging neben einer jungen Frau in
festlicher Robe her. Galant zog er ihr einen Stuhl zurück, auf den sie sich
setzte und ihm dafür ein bezauberndes Lächeln schenkte. „Boahhh!“,
hörten Ron, Hermine und Harry einen lauten Seufzer neben sich. Neville saß da
und glotzte wie ein altes Auto zum Lehrertisch hinüber. Harry grinste und stieß
Ron in die Seite. „Schau
dir Neville an. Ich wette, so eine Frau hat er sein Lebtag noch nicht
gesehen...“ „Hey
Neville!“, rief Ron eine Spur zu laut. „Liebe auf den ersten Blick?!“ Neville
zuckte zusammen und sein rosa Gesicht schwoll dunkelrot an. „N...N...Nein...Ähhh“,
stotterte er und plumpste auf seinen Stuhl. Verschämt schlug er die Augen
nieder. „Wo
bleibt Lupin?“, fragte Harry etwas ratlos „Dumbledore hat doch gesagt, dass
er wieder ‚Verteidigung gegen die dunklen Künste’ geben soll...“ „Das
hat er nie gesagt!“, sagte Hermine etwas schnippisch. „Er meinte nur, dass
wir uns freuen dürfen.“ „Ja,
aber er weiß doch, dass wir Lupin wieder haben wollen...“, meinte Ron. „Das
ist euer Wunsch. Aber warum soll nicht einmal eine Frau ein Fach geben, das
sonst immer von Männern beherrscht wurde. Ist euch nicht aufgefallen, dass
immer nur Männer in diesem Fach unterrichtet haben. Und dass diese Männer es
nicht länger als ein Jahr ausgehalten haben? Ich finde, es wird Zeit, dass eine
Frau einmal zeigen kann, dass sie dieses Fach mindestens genau so gut geben
kann. Professor Dumbledore hat ja auch lange genug gebraucht, bis er das
festgestellt hat.“ Harry
und Ron sahen sich an und zuckten die Schultern. Sollte Hermine sich während
der Ferien zu einer Emanze entwickelt haben? Einen eigenen Kopf hatte sie ja
schon immer. Wenn das wahr war, dann konnten sie sich im nächsten Jahr auf
einiges gefasst machen. Zu gut war ihnen die Elfen-Gewerkschaft B.Elfe.R in
Erinnerung. Alle
Lehrer hatten sich herausgeputzt, nur Snape wirkte etwas schmuddelig mit seinem
fettigen, strähnigen Haar. Auf die Ferne wirkten die hinter dicken Brillengläsern
versteckten Augen von Professor Trelawney, der Lehrerin für Wahrsagen, noch
riesenhafter als sonst. „Na,
gehst du dieses Jahr noch mal zu Wahrsagen?“, fragte Ron mit einem gehässigen
Grinsen und schaute Hermine frech ins Gesicht. „Vielleicht,
um die alte Schnepfe zu ärgern!“, sagte Hermine schnippisch. „Aber bestimmt
nicht, weil ich dort etwas lernen will!“ „Scheint
doch nicht so schlimm zu sein, mit ihr...“, flüsterte Ron Harry zu. Professor
Dumbledore wartete noch einen Augenblick, bis sich alle gesetzt hatten, dann
stand er auf, strich sich seinen langen silbernen Bart zurecht und sagte: „Guten
Abend, liebe Schülerinnen und Schüler. Ich freue mich, euch alle so
wohlbehalten und gesund und munter hier in unserer Schule begrüßen zu können.
Ich hoffe, ihr hattet eine angenehme Reise.“ Hier
machte er eine kurze Pause und blickte in die Runde, als würde er eine Antwort
erwarten. Hier und da schienen einige Schüler auch zu nicken. „So“,
fuhr Professor Dumbledore fort, „nachdem wir die offizielle Begrüßung hinter
uns gebracht haben, wollen wir uns mal den neuen Schülern widmen. Ich bitte
darum, sie herein zu holen.“ Er
winkte zu der inzwischen geschlossenen Saal-Türe, die sich nun wieder auftat
und setzte sich mit einem zufriedenen Lächeln. Einen
Augenblick später kam Professor McGonagall herein und führte die Erstklässler
zwischen den Tischen hindurch direkt vor den Lehrertisch. Hier stand schon der
dreibeinige Stuhl bereit, auf dem gleich der sprechende Hut liegen würde. Die
Erstklässler ließen verschüchterte und staunende Blicke durch den Saal
schweifen. Professor
McGonagall ordnete die Neuen in einem Halbkreis um den alten Stuhl, ging zu
Professor Flitwick, einem Winzling von Menschen, hinüber und flüsterte ihm
etwas zu. Er erhob sich, verschwand durch die Seitentür und kam nach wenigen
Augenblicken mit einem alten, verbeulten und ausgefransten Zaubererhut wieder,
den er auf den dreibeinigen Stuhl stellte. Dann hoppelte er auf seinen kurzen
Beinen wieder um den Lehrertisch herum, zwängte sich an Professor Sprout und
Hagrid vorbei und setzte sich wieder auf seinen Platz. Jetzt
schaute Professor McGonagall mit erhobenem Kopf in die Runde und das Gemurmel,
das sich nach Dumbledores kurzer Begrüßung erhoben hatte verstummte wieder. „Meine
lieben Schülerinnen und Schüler!“, begann Professor McGonagall feierlich.
„Wieder einmal ist es soweit, dass wir unsere neuen Schüler auf die vier Häuser
aufteilen. Auch wenn sie es alle schon wissen, erkläre ich den Erstklässlern
kurz wie es funktioniert.“ Dann wandte sie sich an die neuen Schüler, die sie
gespannt ansahen. „Dieser
sprechende Hut erkennt für jeden von euch, zu welchem Haus er gehört. Ihr
werdet jetzt einer nach dem anderen vortreten, den Hut auf euren Kopf setzen und
genau zuhören, was er zu sagen hat. Er wird euch das Haus mitteilen. Sobald er
es gesagt hat, setzt ihr den Hut wieder ab und begebt euch zu dem Tisch, der das
Haus repräsentiert!“ Unruhe
kam im Saal auf. Dieses war der spannendste Augenblick der ganzen Zeremonie.
Einige der älteren Schüler hatten Geschwister, die dieses Jahr nach Hogwarts
kamen und waren natürlich gespannt darauf, wohin sie geschickt wurden.
Gemeinhin kam es so, dass die Geschwister dem gleichen Haus zugeordnet wurden,
aber es waren auch Ausnahmen möglich. Dann gab es immer heftige Diskussionen
und die Neuen, die nicht zu ihren älteren Schwestern oder Brüdern kamen, waren
sichtlich irritiert. „Aber
zunächst wollen wir uns den Gesang des Hutes anhören!“, rief Professor
McGonagall in den Saal, in dem wieder kurzzeitiges Gemurmel aufbrandete. Sie
nahm sich einen Stuhl, der vor dem Lehrertisch stand und setzte sich. Der Saal
war totenstill. Nur
diejenigen, die ganz vorne saßen, konnten sehen, wie sich über der zerfransten
Krempe des Hutes ein kleiner Spalt auftat. Mit leiser, aber durchdringender,
hoher Stimme begann der Hut zu singen. „Die
Neuen sind da und das ist gut, Sie
kommen zu hören vom alten Hut, In
welches Haus sie gehen mögen, Auch
wenn ein anderes sie vorzögen. Doch
ich kann lesen in ihrem Herzen Kann
die Wünsche ihnen ausmerzen Und
leite sie ihrem Schicksal zu Auf
dass ihre Sorgen geben ruh In
welches Haus sie auch kommen mögen Ich
werde es ihnen ins Ohr hinein legen.“ Der
alte Hut verstummte für einen Moment. Dann sang er weiter, aber die Melodie,
die bis hierher lieblich geklungen hatte wurde plötzlich düster und
unheimlich. „Doch
gebt acht und höret gut zu, zwei
Feinde werden zu Freunden werden. Der
Streit geht für dieses Jahr zur Ruh, denn
sie werden ein Geheimnis bergen. Ein
Haus wird sein wie es nie zuvor war Ein
Lehrer muss sein Gewissen befragen Ein
Vogel wird es richten zwar Zwei
Schüler aber werden die Lasten tragen.“ Wieder
folgte eine Pause und es hatte den Anschein, als hätte der Hut sein Lied
beendet. Im ganzen Saal herrschte Totenstille. Alle hielten den Atem an. Dann
begann der Hut wieder zu singen. „Dennoch
wird es auch Freude geben. Die
ganze Schule wird sprühen vor Leben. Allen
einen Gruß. Ich
mach’ jetzt Schluss!“ Kaum
hatte der Hut sein Lied beendet, schwirrte der Saal von Stimmen. Aufgeregt
tuschelten die Schüler miteinander. Die Lehrer sahen sich ratlos an. Was
bedeuteten die düsteren Voraussagen des sprechenden Hutes? Harrys uns Dracos
Blick trafen sich. Beide fragten sich, wen der Hut mit den „Feinden“ meinte. Professor
McGonagall stand auf. Sie holte ihren Zauberstab aus dem Ärmel und klopfte
energisch auf den Tisch. Langsam ebbte das Gemurmel ab. „Meine
lieben Schüler!“, sagte sie mit erhobener Stimme. „Wir wissen nicht, was
uns der sprechende Hut damit sagen wollte. Aber wir sollten auch seine letzten
Verse nicht außer Acht lassen. Immerhin sagte er doch, dass es auch Freude
geben wird.“ Sie
schaute einen Moment in die Runde, dann wandte sie sich den Erstklässlern zu. „Jetzt,
meine Lieben, ist der große Augenblick gekommen. Ich werde euch nach dem
Alphabet aufrufen. Ihr geht dann zu dem Stuhl, nehmt den Hut, den ihr euch auf
den Kopf setzt und setzt euch dann auf den Stuhl. Sobald er euch den Namen des
Hauses genannt hat, begebt ihr euch zu dem Tisch, der das Haus repräsentiert.
Ich zeige euch noch einmal die Tische. Dieses...“ und
sie deutete mit dem Arm auf den Tisch der Slytherins „...
ist der Tisch des Hauses Slytherin. Dieses der Tisch des Hauses Ravenclaw,
dieses ist der Tisch von Hufflepuff und dieses der von Gryffindor.“ Sie
kramte in ihrer Tasche nach einem Pergament, das sie ausrollte und las mit
feierlicher Stimme den ersten Namen. „Penelope
Poolberry!“ Ein
kleines Mädchen mit langen schwarzen Haar trat vor den Stuhl und griff unsicher
nach dem Hut. Sie stülpte ihn sich über den Kopf und setzte sich tastend auf
den Stuhl. Wenige Augenblicke später tönte der Hut „Ravenclaw!“. Penelope
stand auf, riss sich den Hut vom Kopf, legte ihn wieder zurück und stolperte
mit hochrotem Kopf auf ihren Tisch zu. Die Ravenclaws klatschten und rückten
zusammen, so das sie sich setzen konnten. „Lesley
Palmer!“ Diesmal
war es ein brünettes Mädchen mit vielen Locken. „Gryffindor!“,
rief der Hut und vom Tisch der Gryffindors war lautes Gejohle und Klatschen zu hören. „Stanley Withers!“ „Gryffindor!“ „Berty Hagen!“ „Hufflepuff“ „Samantha Stone!“ „Ravenclaw!“ „Conny Rivers!“ „Hufflepuff“ Die
Schüler vom Tisch der Slytherins begannen unruhig zu werden. Bislang war ihnen
noch kein Schüler zugeordnet worden. „Gryffindor!“ „Hufflepuff“ „Ravenclaw!“ „Ravenclaw!“ „Hufflepuff“ Die
Lehrer begannen sich einander zuzuneigen und leise miteinander zu tuscheln.
Professor Snape blickte verstört in den Saal, und als er angesprochen wurde
zuckte er merklich zusammen. „Ravenclaw!“ „Hufflepuff“ „Gryffindor!“ „Gryffindor!“ „Hufflepuff“ Professor
Dumbledore stand auf. Nervös rieb er die Hände aneinander. Er ließ seinen vom
Slytherin-Tisch zum sprechenden Hut und zurück schweifen. Dann schaute er
hilflos zu Professor Snape hinüber. Auch Snape war aufgesprungen. Er fuchtelte
mit den Armen herum, als wollte er Einwand erheben, aber er brachte kein Wort
heraus. Jetzt warteten nur noch wenige Erstklässler darauf, ihr Haus zu
erfahren, und noch immer war der Name Slytherin nicht gefallen. Snapes Gesicht
wurde grau. Schließlich
war nur noch ein Erstklässler übrig. Professor McGonagall presste mühsam
seinen Namen hervor. „Benjamin
Brighton!“ Der
Junge schlich mit eingezogenen Schultern zum Stuhl und setzte den Hut auf den
Kopf. Fast flehend schaute Snape auf den Hut, und als der den Namen „Gryffindor!“
ausrief, sackte er bestürzt auf seinen Stuhl. Betroffenes Schweigen herrschte.
Die Schüler von Slytherin starrten mit einer Mischung aus Entsetzen und Angst
auf den Lehrertisch. Professor McGonagall huschte um den Lehrertisch herum und
begann mit Professor Dumbledore zu flüstern. Professor Trelawney kämpfte sich
von ihrem Platz aus zu Snape und tätschelte ihm tröstend auf die Schulter. Der
blutige Baron, der Hausgeist der Slytherins stieß plötzlich einen grauenhaften
Wutschrei aus, hob sich in die Luft und zischte erregt schimpfend durch den
Saal. Dann verschwand er in dem großen Baldachin, der die Wand gegenüber den
hohen Fenstern schmückte. Von oben ertönte ein heiseres und unsicheres
Gegacker. Peeves schwebte kopfüber unter der Decke und versuchte kläglich, der
Situation etwas lustiges abzugewinnen. Professor
Dumbledore richtete sich auf, rückte seine Brille zurecht und begann mit lauter
Stimme zu sprechen. „Tja,
liebe Schüler. Das haben wir noch nie hier in Hogwarts erlebt. Diese Ereignis
wird das Haus Slytherin für sieben Jahre zeichnen. So lange wird es einen
Jahrgang in diesem Hause nicht geben. Wir wissen noch nicht, warum es so
gekommen ist, ob es Zufall war oder Ausdruck einer höheren Fügung. Wir werden
das in den nächsten Tagen prüfen... Das
hat mich jetzt erst einmal aus dem Konzept gebracht, muss ich zugeben...Nun ja,
...dennoch ... es gibt noch einige Neuigkeiten, die ich euch mitteilen möchte.“
Er
machte eine kurze Pause. Dann blickte er in die Runde, schnitt eine Grimasse und
fuhr etwas gelassener fort. „Zunächst
einmal möchte ich mich entschuldigen, dass wir das Schuljahr etwas verspätet
angefangen haben. Leider musste ich mich aufgrund der politischen Situation und
der Ereignisse am Ende des letzten Schuljahres auf eine Dienstreise begeben. Ich
habe die Schulen Beauxbatons und Durmstrang, sowie die Enklave der Riesen
besucht und diplomatische Beziehungen aufgenommen. Das hat natürlich einige
Zeit in Anspruch genommen. In
unserer Lehrerschaft hat es dieses Jahr einige Veränderungen gegeben. Die
Stelle des Lehrers für die Verteidigung gegen die dunklen Künste wird
Professor Snape übernehmen.“ Zaghafter
Jubel war von den verstörten Slytherins zu hören. Harry stand wie unter
Schock. „Professor
Snape hegt schon sehr lange den Wunsch, diese Stelle zu bekommen und er konnte
mich davon überzeugen, dass er sehr gut geeignet dafür ist, zumal er
eingehende Erfahrungen im Kampf gegen die dunklen Mächte erlangt hat. Dann
darf ich euch noch ein neues Mitglied des Lehrkörpers vorstellen. Unsere
Lehrerin für Zaubertränke, Magister Baumann, ist aus Deutschland zu uns
gekommen. Sie wird hier ihr Refrendariat machen, und, wenn sie und ihr und ich
mit ihrer Arbeit zufrieden sind, hat sie sich bereit erklärt, auch in Zukunft
als Professor für Zaubertrankkunde an unserer Schule zu unterrichten.“ Neville
war aufgesprungen und applaudierte mit hochrotem Kopf. Die anderen Schüler
fielen ein. Magister Baumann erhob sich lächelnd und nickte den Schülern zu. „Guten
Abend. Vielen Dank für den herzlichen Empfang. Ich glaube, ich werde mich hier
sehr wohl fühlen.“ „Hübsch
ist sie ja!“, bemerkte Ron. „Sie spricht nur einen grauenhaften Akzent! Hey
Neville, hast’n guten Geschmack!“ Magister
Baumann nahm wieder Platz, und als der Applaus abebbte, fuhr Professor
Dumbledore fort. „Also,
meine lieben Schülerinnen und Schüler. Ich denke, nach der langen Reise werdet
ihr Hunger haben. Also: ich erkläre das Festmahl für eröffnet! Fahrt die
Speisen auf!“ Er
machte eine Handbewegung und sogleich füllten sich die goldenen Schüsseln und
Platten auf den Tischen mit herrlichsten Speisen. Es gab Lammbraten,
Kalbssteaks, Medallions vom Schwein, verschiedene klare und sämige Suppen,
diverse Gemüse und Beilagen wie Herzogin-Kartoffeln oder schlichtweg Pommes
Frites. In den Karaffen stiegen verschiedene Fruchtsäfte empor und Flaschen mit
Mineralwasser ploppten auf die Tische. Die Luft wurde auf einmal mit wunderbaren
Düften durchzogen und allen lief das Wasser im Munde zusammen. Die
Schüler, die mit dem Hogwarts-Express angereist waren, hatten enormen Hunger,
denn die letzte Mahlzeit, die sie bekommen hatten, war das Frühstück in ihrem
Elternhaus gewesen. Auf der Fahrt hierher gab es zwar einen Verkaufswagen, der
permanent von einem Ende des Zuges zum anderen geschoben wurde, und an dem man
sich für wenige Sickel schon leckere Snacks kaufen konnte, aber alle freuten
sich auf das abendliche Eröffnungsfest, und allein die Vorfreude steigerte den
Appetit. Einzig
die Slytherins machten einen verstörten Eindruck und zögerten beim Zugreifen.
Sie diskutierten aufgeregt miteinander. Hin und wieder wurden von den anderen
Tischen neugierige Blicke hinüber geworfen, aber über das köstliche Essen
vergaßen die meisten, was soeben noch für größte Bestürzung gesorgt hatte. Harry
spürte ein heftiges grollen in seinem Magen. Auch er, wie seine Freunde, hatten
seit ihrer Ankunft nur ein paar Süßigkeiten, die sie noch schnell in Hogsmead
gekauft hatten, gegessen. Er konnte sich aber nicht so recht entscheiden, womit
er anfangen wollte. Nach einigen Überlegungen beschloss er, einfach mit einer
Suppe anzufangen und sich dann von allem nach und nach eine kleine Portion auf
seinen Teller zu laden. Aber er schaffte es nicht, alles zu probieren. Nachdem
er sich ein Schweinemedallion und ein Kalbssteak gegönnt, und jedes Mal ein
bisschen Gemüse und Pommes dazu gewählt hatte, beschloss er, noch ein wenig
Platz für die zu erwartenden Nachspeisen zu lassen. Als
alle Schüler mit den Hauptgängen abgeschlossen hatten, verschwanden die Schüsseln
und Teller wie von Geisterhand vom Tisch. Kaum war Platz geschaffen worden,
wurde der Tisch mit kristallenen Schalen und Tellerchen eingedeckt. Es gab
verschiedene Cremes, Eis und frisches Obst. Harry schaffte nur noch einen
kleinen Teller, auf den er sich von Allem nur ein kleines Bisschen lud, und als
er den dann leer geputzt hatte, strich er sich zufrieden über den Bauch und
lehnte sich zurück. „Ahhh,
das war lecker!“, grunzte er zufrieden. Ron bemühte sich immer noch, von dem
Nachtisch in sich hineinzustopfen. „Mpfgblmpfff!“,
antwortete er mit vollen Backen und nickte zur Unterstützung seiner Zustimmung. „Du
frisst ja, wie ein Kanalarbeiter!“, bemerkte Hermine mit missbilligendem
Blick. Sie hatte nur wenig genommen und war als erste des ganzen Tisches fertig
geworden. „Hast
du keinen Hunger?“, fragte Harry und sah Hermine verwundert an. „Ach
nee, nicht so sehr...“ Hermine
schien diese Frage etwas in Verlegenheit zu bringen. Ron stupste Harry in die
Seite und sagte leise: „Das
haben die Mädchen alle. Die meinen immer, sie würden zu fett. Ginny fängt
auch schon damit an.“ „Hermine
ist doch gar nicht fett.“, meinte Harry. „Wenn ich mir die anderen anschaue,
dann hat sie fast die beste Figur!“ „Ich
glaube, das liegt an den Genen. Die sind so programmiert. Können nicht
anders...“ Harry
wusste nicht, ob er grinsen sollte. Es war ihm schon aufgefallen, dass Hermine
in der letzten Zeit eigenartige Züge angenommen hatte. Als sie nach den Ferien
auf Perpignans Place angekommen war, hatte sie sich eine neue Frisur machen
lassen, eine punkige Frisur mit Fransen und Ecken, und ganz schwarz hatte sie
ihr Haar gefärbt. Auf Durmstrang hatte er bemerkt, dass sie begonnen hatte,
sich zu schminken. Er wusste, dass Frauen sich gerne Schminken, aber bei Hermine
hatte er es niemals vermutet. Sie war doch Hermine! Und nicht eine von den
Frauen... Dann musste er doch grinsen. Aber er lächelte nicht über die
Eigenarten von Hermine, sondern über seine Gedanken. Natürlich wurde Hermine,
genauso wie er und Ron, die den Stimmbruch hinter sich hatten, langsam
erwachsen. Und sie interessierte sich ja schon fast ein Jahr lang für Jungen,
und wenn Harry ehrlich zu sich war, dann ertappte er sich immer wieder dabei,
dass er Parvati oder Cho oder anderen Mädchen hinterher schielte. Aber er würde
niemals offen zugeben, dass er sich für Mädchen interessierte! Inzwischen
hatten die Gespräche am Tisch zu den Ereignissen mit dem sprechenden Hut zurück
gefunden. Das Essen war nur eine kurze Ablenkung gewesen. Nun wurden offene
Blicke zu den Slytherins hinüber geworfen, deren Tisch sich jetzt langsam
leerte. Sie zogen sich in ihren Gemeinschaftsraum zurück, um ungestört über
die Katastrophe, wie sie es mittlerweile nannten, zu sprechen. Professor Snape
war ebenfalls und unbemerkt verschwunden. Auch Professor Dumbledore war auf
einmal nicht mehr da und niemand hatte bemerkt, dass er aufgestanden und
hinausgegangen war. Vermutlich fand jetzt im Haus Slytherin eine Krisensitzung
statt. „Ich
verstehe das nicht.“, sagte Katie Bell, eine Gryffindor Schülerin und Jägerin
in der Gryffindor Quidditch-Mannschaft, die ganz in der Nähe von Harry saß. „Das
hängt bestimmt damit zusammen, dass ‚Du weißt schon wer’ wieder da
ist.“, sagte Dean Thomas. Mit ‚Du weist schon wer’ meinten die Zauberer
Lord Voldemort, der so schreckliches Unglück über die Zaubererwelt gebrachte
hatte, dass es als unglückbringend angesehen wurde, wenn man seinen Namen
aussprach. Harrys Eltern waren von ihm, dem dunklen Lord, ermordet worden. Seit
diesem schrecklichen Tag hatte Harry eine Zickzackförmige Narbe, die sich quer
über seine Stirn zog, und die ihn berühmt gemacht hatte. „Aber
ich habe immer gedacht“, warf Angelia Johnson ein, „dass die Slytherins am
ehesten mit ihm sympathisieren! Warum sollten denn ausgerechnet sie...“ „Vor
allen Dingen“, meinte Lee Jordan, „wenn die Gerüchte stimmen, dann ist der
Vater von Malfoy sogar einer der engsten Vertrauten von ‚Ihr wisst schon
wer’. Dann kann es eigentlich nicht damit zusammen hängen...“ „Es
sei denn, ‚Du weist schon wer’ hat sich mit Dracos Vater überworfen. Und
nun nimmt er Rache an den Slytherins, weil er sich verraten fühlt!“ sagte
Angelia und ihr Gesicht erhellte sich, weil sie glaubte, einem Geheimnis auf der
Spur zu sein. „Ja,
genau!“, rief Ron aufgeregt. „Habt ihr das Gesicht von Draco gesehen? Der
hat schon bei der Ankunft so komisch ausgesehen. Und erinnerst du dich an seine
Reaktion vorhin?“ Vor
Aufregung griff er nach Harrys Ärmel. „Was meinst du, Harry...sag doch
was!“ Harry
hatte bisher unbeteiligt da gesessen und nur zugehört. „Ich
weiß nicht, Ron. Ich glaube nicht, dass das mit Voldemort zusammenhängt.“ „Wie
kannst du den Namen aussprechen!“, rief Parvati entrüstet. Alicia Spinnet
nickte heftig mit dem Kopf. „Mach
mal Halblang!“, antwortete Ron für Harry. „Harry kann das eben. Er ist
nicht so ein Schisser wie ihr!“ „Ach
du...“ „Wie
kommst du denn darauf, dass ‚Du weist schon wer’ nichts damit zu tun
hat?“, hakte Lee Jordan nach. „Hast
du irgendeinen Verdacht?“, fragte Ron und sah Harry prüfend an. Harry schüttelte
nachdenklich den Kopf. „Nein,
aber...“, begann er, sprach aber nicht weiter. „Na
los, rück schon raus!“, drängelte Ron. „Ich
weiß es nicht! Ich habe so ein bestimmtes Gefühl!“, sagte Harry etwas
unwillig. „Hey,
komm, mach uns jetzt nicht neugierig!“, forderte Fred Weasley und George
pflichtete ihm bei. „Lasst
Harry doch in Ruhe!“, sagte Hermine. „Wenn er es nicht sagen will, dann soll
er es auch nicht sagen.“ „Ich
muss darüber nachdenken.“, sagte Harry. „Ich glaube, ich geh jetzt mal
hoch.“ „Du
Harry, du wolltest uns doch noch erzählen, wie es in Durmstrang war!“, sagte
George. „Was,
du warst in Durmstrang?“, fragte Parvati und sah Harry neugierig an. „Hat
das etwa mit Durmstrang zu tun?“, bohrte Angelia. „Nein!“,
sagte Harry und stand auf. „Mit Durmstrang bestimmt nicht.“ „Meinst
du etwa, mit dem Zauberstab?“, fragte Ron, der jetzt auch neugierig geworden
war. „Das
weiß ich eben nicht. Aber es könnte sein.“ Mit
Harry erhoben sich fast alle vom Gryffindor-Tisch. Die neuen waren noch etwas zögerlich,
unsicher, ob das, was sie taten richtig war. Der fast kopflose Nick, der die
Zeit des Essens damit verbracht hatte, den Erstklässlern seine traurige
Geschichte zu erzählen, kam nun herangeschwebt. Nick war der Hausgeist von
Gryffindor, der vor über fünfhundert Jahren durch einen Schwerthieb
hingerichtet worden war. Bedauerlicherweise hatte der Hieb seinen Kopf nicht
vollständig vom Rumpf getrennt, so dass er heute noch von den anderen Geistern
gehänselt wurde und auch nicht an dem Kopfball-Turnier der Geister teilnehmen
durfte. Darunter litt er sehr. „Der
Blutige Baron ist ziemlich erzürnt.“, meinte er. „Aber wenn ihr mich
fragt...Ich habe mich schon so oft über seine Bemerkungen geärgert, dass ich
es ihm fast schon gönne. Und er wird seine Wut an Peeves auslassen, da könnt
ihr sicher sein. Das, finde ich, hat fast schon wieder etwas schönes.“ Dann
lachte er unbeholfen und schwebte davon. Im
Gemeinschaftsraum der Gryffindors
versammelte sich fast das ganze Haus. Alle bedrängten Harry, von Durmstrang zu
erzählen, und da er ihnen nicht entkommen konnte, erzählte er in knappen
Worten und unter Auslassung vieler Ereignisse von seinen Ferienerlebnissen. Das
viele Essen hatte ihn außerdem müde gemacht, und so war er sehr dankbar, dass
er nach einer halben Stunde die Neugier der meisten befriedigt hatte und sich in
den Jungen-Schlafsaal zurückziehen konnte. Hier
waren es jedoch noch Fred und George, die sich nicht damit zufrieden gaben, was
Harry mit Rons und Hermines Unterstützung erzählt hatte. Harry ließ sich
erweichen, nachdem sie ihm eine Kollektion der neuesten Erfindungen aus ihren
Experimenten mit magischen Scherzartikeln versprochen hatten. Zum Glück musste
er nicht alles noch einmal erzählen, denn Fred und George fragten gezielt nach
und füllten die Lücken, die Harry unten im Gemeinschaftsraum gelassen hatte. Irgendwann
gähnte Harry herzhaft. Es war trotz der zunächst sehr angenehmen Anreise und
den tollen Neuigkeiten sehr erschöpft. Erst jetzt, zurück in Hogwarts,
bemerkte er die Anstrengung, welche die Reise nach Durmstrang mit sich gebracht
hatte. Und da, als er an den Tag zurück dachte, fiel ihm ein, dass er Ron noch
gar nichts von seiner „Strafe“ erzählt hatte. Er bat Fred und George, die
es sich auf seinem Bett bequem gemacht hatten, während er mit Ron auf Rons Bett
saß, Schluss zu machen. Die beiden willigten ein und kündigten ihm für die nächsten
Tage ein kleines Paket an. Schnell
wusch Harry sich und zog seinen Schlafanzug an. Als er in sein Bett kroch, lag
Ron schon flach und hatte die Decke bis zu seiner Nase gezogen. „Das
war ein Tag!“, murmelte Ron. „Du
wirst lachen, aber ich hab noch eine Überraschung!“, kündigte Harry im Flüsterton
an. „Was
denn jetzt noch?“, fragte Ron etwas unwillig. „Reicht es denn nicht schon für
heute?“ „Nee, pass auf! Ich habe doch in den Ferien gezaubert. Habe
ich dir davon erzählt?“ „Ich
glaube ja. Hast du jetzt Schwierigkeiten mit dem Ministerium?“ „Öh...Nicht
direkt. Das Ministerium hat es der Schule überlassen, mir eine Strafe
aufzubrummen.“ „Und,
was musst du machen? Pokale putzen?“ Ron
klang schon fast etwas hämisch. „Nein,
halt dich fest! Ich soll eine Schulmannschaft aufbauen!“ „Eine
was?“ „Eine
Quidditch-Mannschaft, aus Schülern aller vier Häuser! Und wenn wir gut sind,
dann können wir vielleicht in die Liga. Und am Ende des Jahres wollen wir ein
Spiel gegen Durmstrang organisieren!“ „Mensch,
das ist ja klasse!“, sagte Ron, etwas zu laut in seiner Begeisterung. „Was
ist klasse?“, tönte es von Nevilles Bett herüber. „Nichts!“,
sagte Ron abwehrend. „Nichts für dich...“ Dann
wandte er sich wieder an Harry. „Und,
wann fängst du an?“ „Ich
muss erst mal mit Dumbledore nach London, Besen kaufen.“, antwortete Harry.
„Das wollen wir nächste Woche machen. Und dann muss ich Schüler finden und
eine Mannschaft bilden.“ „Und
hast du schon jemanden im Visier?“ „Hmm“,
überlegte Harry, „Cho vielleicht und...“ „Cho
ist doch auch Fänger. Willst du etwa nicht mehr mitmachen?“ „Da
hast du recht. Ich glaube, das wird gar nicht so einfach...“ „Und
willst du auch von den Slytherins einen im Team haben?“, fragte Ron ungläubig. „Nee!
Bloß nicht! Das gibt nur Streit!“ „Würde
ich auch nicht machen.“, murmelte Ron und gähnte. „Was haben wir eigentlich
morgen als erstes?“ „Weiß
nicht, muss mal nachschauen.“ Harry
griff unter das Bett und zog seine Tasche hervor. Nach einigem Suchen kramte er
einen zerknitterten Zettel heraus. „Oh,
nein! Wir haben ‚Verteidigung gegen die dunklen Künste’! Bei Snape! Das
wird ein Desaster!“ „Na
denn, gute Nacht!“, sagte Ron sarkastisch. „Na
ja, gute Nacht.“, sagte Harry. „Wir werden es überleben.“ So
ging ein äußerst merkwürdiger Tag in dem Schloss zuende. Mehr als einer
konnte keinen Schlaf finden. Die Schüler von Slytherin mussten fast unter
Androhung von Strafe ins Bett geschickt werden. Sie hatten lange mit Professor
Dumbledore und Professor Snape diskutiert. Aber sie hatten kein Ergebnis
gefunden und ihr Gespräch drehte sich irgendwann nur noch im Kreise. Snape
war immer noch erschüttert. Wie sehr hatte er sich aus seine erste Stunde
‚Verteidigung gegen die dunklen Künste’ gefreut. Er hatte sich sogar
vorgenommen Neville Longbottom in ruhe zu lassen und wenigstens höflich zu
Harry Potter zu sein. Jetzt lag er nur noch mit offenen Augen in seinem Bett und
starrte den Mond an, der durch sein kleines Kammerfenster schien. Dumbledore
wanderte unruhig in seinem Büro herum. Was hatte das zu bedeuten? Auch er
stellte sich die Frage, ob Lord Voldemort seine Finger im Spiel hatte. Aber er
konnte sich nicht vorstellen, dass ein, wenn auch außergewöhnlicher Zauberer
wie der dunkle Lord, es schaffen könnte all die Schutz-Zauber von Hogwarts zu
überwinden. Und warum ausgerechnet Slytherin? „Was
hat das zu bedeuten?“, fragte er Fawks, der ihm bei jeder Runde mit dem Blick
gefolgt war. Der Phoenix sah ihn mit seinen weisen Augen an. Dann senkte er für
einen kurzen Augenblick die Lider, als wollte er sagen, ‚Mach dir keine
Sorgen, Albus!’. |