1. Das seltsame Fest
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Prolog
1. Das seltsame Fest
2. Snapes große Stunde
3. Neville
4. Streik
5. Die Schulmannschaft
6. Die erste Prophezeihung
7. Halloween
8. Mad Eye
9. Johns Begabung
10. Eine wunderbare Arena
Weiter gehts mit...

 

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Harry musste wohl etwas eingenickt sein, denn das Trappeln von Füßen auf der Treppe zum Schlafsaal ließ ihn auffahren. Es war schon dunkel geworden. Er setzte sich auf und wandte sich zur Tür, die mit einem Mal krachend aufflog.

„Sie kommen!“, rief Ron atemlos und stürzte ins Zimmer. Augenblicklich war Harry hellwach. Er sprang aus dem Bett, schlüpfte in seine Hausschuhe und lief hinter Ron her, der sich direkt wieder umgedreht hatte und die Treppe hinuntergesprungen war. Ron stand am Fenster im Gemeinschaftsraum. Er hatte einen Flügel geöffnet und sich hinausgelehnt.

„Das musst du dir anschauen!“, rief er begeistert und zeigte hinunter auf die Auffahrt zum Schloss.

Harry schob Ron etwas zur Seite und schaute hinaus. Entlang der Auffahrt schwebten Fackeln in der Luft und eine lange Prozession von Kutschen ohne Pferde zog den Weg herauf. Vor dem Eingangsportal hielten sie und spuckten drei, vier oder auch manchmal fünf Schüler aus. Dann fuhren sie den weiten Bogen der Auffahrt wieder hinunter zum See, wo noch eine schier unübersehbare Menge an Leuten wartete, nahmen erneut Schüler auf und stellten sich an der Schlange an. Auf dem See schwammen kleine Kähne mit Lampions an ihrem Bug, und auch darin saßen Schüler. Auch am anderen Ufer des Sees stand noch eine kleine Gruppe von Schülern. Harry wusste, dass es die Erstklässler waren, denn diesen Weg hatte er vor vier Jahren auch gemacht. Es war so etwas wie ein Ritual, jedenfalls wurden alle Erstklässler in den schaukelnden Booten über das schwarze Gewässer gefahren, während die anderen Schüler direkt am Bahnhof Hogsmead von den Kutschen abgeholt wurden. Die Luft war gefüllt mit Lachen und Schwatzen und aus der Eingangshalle drang fröhliches Leben durch die Flure bis hinauf in den Turm der Gryffindors.

Harry spürte, wie er beiseite gedrängt wurde, und als er sich umsah, erkannte er Hermine, die aus dem Mädchenschlafsaal gekommen war und nachsehen wollte, was los war.

„Ach, sie kommen!“, meinte sie. „Wollen wir nicht hinunter gehen?“

„Ja, lasst uns runtergehen. Ich freue mich auch schon auf das Essen!“, rief Ron begeistert und rieb sich den Bauch. Harry warf noch einen Blick auf den Vorplatz des Schlosses. Er war fasziniert von der geheimnisvollen Stimmung, die das Flackern der Fackeln erzeugte. Dann riss er sich los und nickte. Ron und Hermine waren schon beim Eingangsloch zum Gemeinschaftsraum. Hermine stupste gegen das Portrait, das mit leisem Knarzen aufschwang.

„Kommst du?“, fragte Ron ungeduldig.

„Ja!“, antwortete Harry und lief  hinter seinen beiden Freunden her. Von der Halle her drang ein solcher Lärm zu ihnen herauf, dass sie ihre eigenen Schritte kaum hörten. Oben an der großen, geschwungenen Treppe blieben sie stehen. Wo heute Nachmittag nur der Hausmeister einsam in der Halle gearbeitet hatte, waberten unzählige Schüler durcheinander. Auch hier brannten Fackeln und der große Kronleuchter, der mitten in der Halle an einer langen Kette hing,  erstrahlte im Licht von tausend Kerzen. Schüler aller Jahrgangsstufen strömten durch das Eingangsportal in die Halle und schlenderten gleich weiter, durch eine weit geöffnete Flügeltür in den festlich geschmückten Speisesaal. Professor McGonagall, die Hauslehrerin der Gryffindors und stellvertretende Schulleiterin, führte eine Gruppe verschüchtert dreinblickender Kinder in den kleinen Seitenraum. Harry erinnerte sich nur zu gut an die Mischung aus Angst und Neugierde, die er damals empfunden hatte, als er das erste Mal seinen Fuß in die Schule setzte und er wusste, wie die Erstklässler sich dieses Jahr fühlen mussten. Als die Gruppe im Raum verschwunden war, schlossen sich die Türen wie durch Geisterhand.

Harry blickte auf und sah Peeves, den frechen Poltergeist, der auf dem Kopf hängend den Kronleuchter umkreiste und sich die bunte Schar betrachtete. Offensichtlich hielt er Ausschau nach geeigneten Opfern für einen Streich, den er spielen wollte. Harry wollte sich gerade wieder den Schülern zuwenden, als er bemerkte, wie Peeves plötzlich in der Luft stillstand. Er schwebte auf den Kronleuchter zu und pflückte sich einige geschliffene Glasfacetten heraus. Dann zielte er und warf sie in schneller Folge in die Menge. Unruhe entstand. Harry konnte erkennen, wen es getroffen hatte. Crabbe und Goyle standen wie Felsen in der Brandung, rieben sich die Hinterköpfe und starrten irritiert nach oben. Das gackernde Lachen von Peeves schwebte herüber und Augenblicke später ertönte wütendes Geschrei. Jetzt war auch Draco Malfoy zu sehen, der zwar groß war und mit seinem silberhellem Haarschopf in der Menge auffiel, aber immer noch von seinen beiden Vasallen Crabbe und Goyle um fast einen Kopf überragt wurde. Draco hielt sich die Stirn und drohte mit der anderen Faust in Peeves Richtung. Harry stieß Ron an und zeigte grinsend auf die Gruppe. Ron grinste zurück.

„Da hat sich Peeves ausnahmsweise mal die richtigen ausgesucht.“, meinte er mit Genugtuung.

Langsam füllte sich der Saal und die drei beschlossen. auch hinunter zu gehen. Draco und seine beiden Freunde waren immer noch damit beschäftigt, sich über den Poltergeist aufzuregen, als Harry unmittelbar an ihnen vorbei zur Tür des Saales ging.

„Schöne Begrüßung!“, grinste er und sah Draco direkt ins Gesicht.

„Potter!“, rief Draco und sein Ärger wich sofort einem fiesen Grinsen. „Habe gehört, dass du dich in den Ferien bei Dumbledore eingeschleimt hast!?“

„Ach weist du, Malfoy“, meinte Harry überlegen, „Manche können halt nur in den Fußstapfen ihres Vaters laufen, und manche machen eigene Schritte!“

Dann hob er das Kinn und stolzierte an den verblüfften drei Slytherins vorbei in den Festsaal. Malfoy bekam den Mund nicht mehr zu und Crabbe und Goyle glotzten blöde. Malfoy schien nach einer passenden Antwort zu suchen, aber es glückte ihm nicht.

„Mensch, das war klasse!“, sagte Ron anerkennend, als sie den Gryffindor-Tisch erreicht hatten und sich einen Platz aussuchten. Der Saal war wieder einmal herrlich geschmückt. Große Fahnen mit den Wappen der vier verschiedenen Häuser schwebten über den langen, in den Farben der Häuser geschmückten Tischen. Über dem Lehrertisch schwebte das Hogwarts-Banner, das in seinem Wappen die Symbole der Häuser und darunter in Gold gestickt den Schriftzug „Hogwarts, Schule für Zauberei“ trug. Auf den Tischen standen zwölfarmige goldene Leuchter, deren Kerzen den Saal in strahlendes Licht tauchten. Die Gedecke waren ebenfalls aus purem Gold und gerade der Gryffindor-Tisch mit seiner blauen Tischdecke sah besonders festlich dazu aus.

„Komisch“, meinte Hermine. „Sonst ist Draco doch immer so schlagfertig! Schaut mal rüber! Da setzt er sich ganz kleinlaut an ihren Tisch. Ob er krank ist?“

„Das liegt bestimmt an dem Teil von dem Kronleuchter, das er an den Kopf bekommen hat.“, meinte Ron grinsend. „Das hat sein Gehirn so durcheinander geschüttelt, dass er nicht mehr klar denken kann.“

„Ja, irgendwie hast du recht, Hermine.“, sagte Harry, als er sich umgedreht und Draco eine Weile beobachtet hatte. „Er sieht auch ziemlich blass aus.“

„Ihr macht euch doch keine Sorgen um Malfoy!“, rief Ron entrüstet.

Harry grinste. „Keine Sorge, Ron. Soweit sind wir noch nicht heruntergekommen.“

„Ich bin mir da nicht so sicher, Harry!“, warf Hermine ein. „Wir kennen Malfoy doch als ziemliches Ekel...“

„Was er uns heute ja auch schon bewiesen hat!“, rief Ron entrüstet dazwischen. Hermine fuhr unbeirrt fort.

„...aber ich habe den Eindruck, es geht ihm nicht gut. Er hätte sonst nie zugelassen, dass du das letzte Wort hast. Wenn ihm nicht direkt etwas eingefallen wäre, hätte er es dir sicherlich nachgerufen! Schau mal, er sieht immer noch vollkommen überrumpelt aus...“

Sie deutete mit ihrem Blick hinüber zum Slytherin-Tisch, wo die drei sich gerade niederließen. Crabbe schaute finster zu den Freunden herüber, während Goyle mit dümmlichem Gesicht auf Draco einredete. Draco stützte müde den Kopf in die Hand und beachtete Goyle gar nicht. Er sah noch nicht einmal verärgert aus.

„Vielleicht hängt das damit zusammen, dass er jetzt endlich kapiert hat, dass sein Vater ein Todesser ist.“, meinte Harry nachdenklich. „Vielleicht ist sein Heldenbild kaputt gegangen...“

Der Saal füllte sich langsam mit aufgeregten Schülern. Fred und George kamen durch die Tür und steuerten auf die drei Freunde zu.

„Hallo ihr drei!“, begrüßten sie Harry, Ron und Hermine. Sie setzten sich direkt neben sie. „Wie war es in Rumänien? Was habt ihr da alles erlebt? Mom hat sich tierische Sorgen gemacht!“

Der letzte Satz war mit etwas vorwurfsvoller Miene an Ron gerichtet.

„Ich schicke ihr morgen eine Eule!“, verteidigte sich Ron. „Wir sind doch heute erst angekommen.“

„Erzähl mal, Harry!“, forderte ihn Fred auf.

„Das ist eine lange Geschichte.“, sagte Harry und machte eine abwehrende Handbewegung. „Wenn ihr nichts dagegen habt, machen wir das nachher, wenn wir wieder im Turm sind. Es muss ja auch nicht jeder mitkriegen, was passiert ist, oder?“

„Harry! Harry Potter!”, ertönte eine nur zu bekannte Stimme aus der Menge. „Seht ihr, da ist Harry Potter!“

Collin Creevy wühlte sich aus dem Pulk von Drittklässlern heraus und lief winkend auf Harry zu. Harry wandte sich ab und verzog das Gesicht.

„Der schon wieder!“, murmelte er.

„Hallo Harry!“, rief Collin begeistert. „Wie waren deine Ferien?“

„Langweilig...“, brummte Harry missmutig.

„Ich hoffe, dieses Jahr wird wieder Quidditch gespielt.“, plapperte Collin unbeeindruckt weiter. „Hast du in den Ferien trainiert? Gryffindor wird dieses Jahr bestimmt wieder den Pokal gewinnen. Was meinst du, Harry?“

„Schon möglich...“

Zum Glück kamen gerade die Lehrer durch eine Seitentür und setzten sich an den Lehrertisch. Das Stimmengewirr ebbte ab und verstummte. Hagrid, ehemaliger Wildhüter und jetziger Lehrer für die Pflege magischer Geschöpfe, erblickte Harry und winkte ihm mit einem breiten Grinsen zu. Auch Professor Dumbledore schickte einen freundlichen Blick über seine Brille mit den halbmondförmigen Gläsern in ihre Richtung. Professor Snape, der Lehrer für Zaubertränke, hatte ein selbstgefälliges Grinsen aufgesetzt. Dumbledore ging neben einer jungen Frau in festlicher Robe her. Galant zog er ihr einen Stuhl zurück, auf den sie sich setzte und ihm dafür ein bezauberndes Lächeln schenkte.

„Boahhh!“, hörten Ron, Hermine und Harry einen lauten Seufzer neben sich. Neville saß da und glotzte wie ein altes Auto zum Lehrertisch hinüber. Harry grinste und stieß Ron in die Seite.

„Schau dir Neville an. Ich wette, so eine Frau hat er sein Lebtag noch nicht gesehen...“

„Hey Neville!“, rief Ron eine Spur zu laut. „Liebe auf den ersten Blick?!“

Neville zuckte zusammen und sein rosa Gesicht schwoll dunkelrot an.

„N...N...Nein...Ähhh“, stotterte er und plumpste auf seinen Stuhl. Verschämt schlug er die Augen nieder.

„Wo bleibt Lupin?“, fragte Harry etwas ratlos „Dumbledore hat doch gesagt, dass er wieder ‚Verteidigung gegen die dunklen Künste’ geben soll...“

„Das hat er nie gesagt!“, sagte Hermine etwas schnippisch. „Er meinte nur, dass wir uns freuen dürfen.“

„Ja, aber er weiß doch, dass wir Lupin wieder haben wollen...“, meinte Ron.

„Das ist euer Wunsch. Aber warum soll nicht einmal eine Frau ein Fach geben, das sonst immer von Männern beherrscht wurde. Ist euch nicht aufgefallen, dass immer nur Männer in diesem Fach unterrichtet haben. Und dass diese Männer es nicht länger als ein Jahr ausgehalten haben? Ich finde, es wird Zeit, dass eine Frau einmal zeigen kann, dass sie dieses Fach mindestens genau so gut geben kann. Professor Dumbledore hat ja auch lange genug gebraucht, bis er das festgestellt hat.“

Harry und Ron sahen sich an und zuckten die Schultern. Sollte Hermine sich während der Ferien zu einer Emanze entwickelt haben? Einen eigenen Kopf hatte sie ja schon immer. Wenn das wahr war, dann konnten sie sich im nächsten Jahr auf einiges gefasst machen. Zu gut war ihnen die Elfen-Gewerkschaft B.Elfe.R in Erinnerung.

Alle Lehrer hatten sich herausgeputzt, nur Snape wirkte etwas schmuddelig mit seinem fettigen, strähnigen Haar. Auf die Ferne wirkten die hinter dicken Brillengläsern versteckten Augen von Professor Trelawney, der Lehrerin für Wahrsagen, noch riesenhafter als sonst.

„Na, gehst du dieses Jahr noch mal zu Wahrsagen?“, fragte Ron mit einem gehässigen Grinsen und schaute Hermine frech ins Gesicht.

„Vielleicht, um die alte Schnepfe zu ärgern!“, sagte Hermine schnippisch. „Aber bestimmt nicht, weil ich dort etwas lernen will!“

„Scheint doch nicht so schlimm zu sein, mit ihr...“, flüsterte Ron Harry zu.

Professor Dumbledore wartete noch einen Augenblick, bis sich alle gesetzt hatten, dann stand er auf, strich sich seinen langen silbernen Bart zurecht und sagte:

„Guten Abend, liebe Schülerinnen und Schüler. Ich freue mich, euch alle so wohlbehalten und gesund und munter hier in unserer Schule begrüßen zu können. Ich hoffe, ihr hattet eine angenehme Reise.“

Hier machte er eine kurze Pause und blickte in die Runde, als würde er eine Antwort erwarten. Hier und da schienen einige Schüler auch zu nicken.

„So“, fuhr Professor Dumbledore fort, „nachdem wir die offizielle Begrüßung hinter uns gebracht haben, wollen wir uns mal den neuen Schülern widmen. Ich bitte darum, sie herein zu holen.“

Er winkte zu der inzwischen geschlossenen Saal-Türe, die sich nun wieder auftat und setzte sich mit einem zufriedenen Lächeln.

Einen Augenblick später kam Professor McGonagall herein und führte die Erstklässler zwischen den Tischen hindurch direkt vor den Lehrertisch. Hier stand schon der dreibeinige Stuhl bereit, auf dem gleich der sprechende Hut liegen würde. Die Erstklässler ließen verschüchterte und staunende Blicke durch den Saal schweifen.

Professor McGonagall ordnete die Neuen in einem Halbkreis um den alten Stuhl, ging zu Professor Flitwick, einem Winzling von Menschen, hinüber und flüsterte ihm etwas zu. Er erhob sich, verschwand durch die Seitentür und kam nach wenigen Augenblicken mit einem alten, verbeulten und ausgefransten Zaubererhut wieder, den er auf den dreibeinigen Stuhl stellte. Dann hoppelte er auf seinen kurzen Beinen wieder um den Lehrertisch herum, zwängte sich an Professor Sprout und Hagrid vorbei und setzte sich wieder auf seinen Platz.

Jetzt schaute Professor McGonagall mit erhobenem Kopf in die Runde und das Gemurmel, das sich nach Dumbledores kurzer Begrüßung erhoben hatte verstummte wieder.

„Meine lieben Schülerinnen und Schüler!“, begann Professor McGonagall feierlich. „Wieder einmal ist es soweit, dass wir unsere neuen Schüler auf die vier Häuser aufteilen. Auch wenn sie es alle schon wissen, erkläre ich den Erstklässlern kurz wie es funktioniert.“ Dann wandte sie sich an die neuen Schüler, die sie gespannt ansahen.

„Dieser sprechende Hut erkennt für jeden von euch, zu welchem Haus er gehört. Ihr werdet jetzt einer nach dem anderen vortreten, den Hut auf euren Kopf setzen und genau zuhören, was er zu sagen hat. Er wird euch das Haus mitteilen. Sobald er es gesagt hat, setzt ihr den Hut wieder ab und begebt euch zu dem Tisch, der das Haus repräsentiert!“

Unruhe kam im Saal auf. Dieses war der spannendste Augenblick der ganzen Zeremonie. Einige der älteren Schüler hatten Geschwister, die dieses Jahr nach Hogwarts kamen und waren natürlich gespannt darauf, wohin sie geschickt wurden. Gemeinhin kam es so, dass die Geschwister dem gleichen Haus zugeordnet wurden, aber es waren auch Ausnahmen möglich. Dann gab es immer heftige Diskussionen und die Neuen, die nicht zu ihren älteren Schwestern oder Brüdern kamen, waren sichtlich irritiert.

„Aber zunächst wollen wir uns den Gesang des Hutes anhören!“, rief Professor McGonagall in den Saal, in dem wieder kurzzeitiges Gemurmel aufbrandete. Sie nahm sich einen Stuhl, der vor dem Lehrertisch stand und setzte sich. Der Saal war totenstill.

Nur diejenigen, die ganz vorne saßen, konnten sehen, wie sich über der zerfransten Krempe des Hutes ein kleiner Spalt auftat. Mit leiser, aber durchdringender, hoher Stimme begann der Hut zu singen.

 

„Die Neuen sind da und das ist gut,

Sie kommen zu hören vom alten Hut,

In welches Haus sie gehen mögen,

Auch wenn ein anderes sie vorzögen.

Doch ich kann lesen in ihrem Herzen

Kann die Wünsche ihnen ausmerzen

Und leite sie ihrem Schicksal zu

Auf dass ihre Sorgen geben ruh

In welches Haus sie auch kommen mögen

Ich werde es ihnen ins Ohr hinein legen.“

 

Der alte Hut verstummte für einen Moment. Dann sang er weiter, aber die Melodie, die bis hierher lieblich geklungen hatte wurde plötzlich düster und unheimlich.

 

„Doch gebt acht und höret gut zu,

zwei Feinde werden zu Freunden werden.

Der Streit geht für dieses Jahr zur Ruh,

denn sie werden ein Geheimnis bergen.

Ein Haus wird sein wie es nie zuvor war

Ein Lehrer muss sein Gewissen befragen

Ein Vogel wird es richten zwar

Zwei Schüler aber werden die Lasten tragen.“

 

Wieder folgte eine Pause und es hatte den Anschein, als hätte der Hut sein Lied beendet. Im ganzen Saal herrschte Totenstille. Alle hielten den Atem an. Dann begann der Hut wieder zu singen.

 

„Dennoch wird es auch Freude geben.

Die ganze Schule wird sprühen vor Leben.

Allen einen Gruß.

Ich mach’ jetzt Schluss!“

 

Kaum hatte der Hut sein Lied beendet, schwirrte der Saal von Stimmen. Aufgeregt tuschelten die Schüler miteinander. Die Lehrer sahen sich ratlos an. Was bedeuteten die düsteren Voraussagen des sprechenden Hutes? Harrys uns Dracos Blick trafen sich. Beide fragten sich, wen der Hut mit den „Feinden“ meinte.

Professor McGonagall stand auf. Sie holte ihren Zauberstab aus dem Ärmel und klopfte energisch auf den Tisch. Langsam ebbte das Gemurmel ab.

„Meine lieben Schüler!“, sagte sie mit erhobener Stimme. „Wir wissen nicht, was uns der sprechende Hut damit sagen wollte. Aber wir sollten auch seine letzten Verse nicht außer Acht lassen. Immerhin sagte er doch, dass es auch Freude geben wird.“

Sie schaute einen Moment in die Runde, dann wandte sie sich den Erstklässlern zu.  

„Jetzt, meine Lieben, ist der große Augenblick gekommen. Ich werde euch nach dem Alphabet aufrufen. Ihr geht dann zu dem Stuhl, nehmt den Hut, den ihr euch auf den Kopf setzt und setzt euch dann auf den Stuhl. Sobald er euch den Namen des Hauses genannt hat, begebt ihr euch zu dem Tisch, der das Haus repräsentiert. Ich zeige euch noch einmal die Tische. Dieses...“

und sie deutete mit dem Arm auf den Tisch der Slytherins

„... ist der Tisch des Hauses Slytherin. Dieses der Tisch des Hauses Ravenclaw, dieses ist der Tisch von Hufflepuff und dieses der von Gryffindor.“

Sie kramte in ihrer Tasche nach einem Pergament, das sie ausrollte und las mit feierlicher Stimme den ersten Namen.

„Penelope Poolberry!“

Ein kleines Mädchen mit langen schwarzen Haar trat vor den Stuhl und griff unsicher nach dem Hut. Sie stülpte ihn sich über den Kopf und setzte sich tastend auf den Stuhl. Wenige Augenblicke später tönte der Hut „Ravenclaw!“. Penelope stand auf, riss sich den Hut vom Kopf, legte ihn wieder zurück und stolperte mit hochrotem Kopf auf ihren Tisch zu. Die Ravenclaws klatschten und rückten zusammen, so das sie sich setzen konnten.

„Lesley Palmer!“

Diesmal war es ein brünettes Mädchen mit vielen Locken.

„Gryffindor!“, rief der Hut und vom Tisch der Gryffindors war lautes Gejohle und Klatschen zu hören.

„Stanley Withers!“

„Gryffindor!“

„Berty Hagen!“

„Hufflepuff“

„Samantha Stone!“

„Ravenclaw!“

„Conny Rivers!“

„Hufflepuff“

Die Schüler vom Tisch der Slytherins begannen unruhig zu werden. Bislang war ihnen noch kein Schüler zugeordnet worden.

„Gryffindor!“

„Hufflepuff“

„Ravenclaw!“

„Ravenclaw!“

„Hufflepuff“

Die Lehrer begannen sich einander zuzuneigen und leise miteinander zu tuscheln. Professor Snape blickte verstört in den Saal, und als er angesprochen wurde zuckte er merklich zusammen.

„Ravenclaw!“

„Hufflepuff“

„Gryffindor!“

„Gryffindor!“

„Hufflepuff“

Professor Dumbledore stand auf. Nervös rieb er die Hände aneinander. Er ließ seinen vom Slytherin-Tisch zum sprechenden Hut und zurück schweifen. Dann schaute er hilflos zu Professor Snape hinüber. Auch Snape war aufgesprungen. Er fuchtelte mit den Armen herum, als wollte er Einwand erheben, aber er brachte kein Wort heraus. Jetzt warteten nur noch wenige Erstklässler darauf, ihr Haus zu erfahren, und noch immer war der Name Slytherin nicht gefallen. Snapes Gesicht wurde grau.

Schließlich war nur noch ein Erstklässler übrig. Professor McGonagall presste mühsam seinen Namen hervor.

„Benjamin Brighton!“

Der Junge schlich mit eingezogenen Schultern zum Stuhl und setzte den Hut auf den Kopf. Fast flehend schaute Snape auf den Hut, und als der den Namen „Gryffindor!“ ausrief, sackte er bestürzt auf seinen Stuhl. Betroffenes Schweigen herrschte. Die Schüler von Slytherin starrten mit einer Mischung aus Entsetzen und Angst auf den Lehrertisch. Professor McGonagall huschte um den Lehrertisch herum und begann mit Professor Dumbledore zu flüstern. Professor Trelawney kämpfte sich von ihrem Platz aus zu Snape und tätschelte ihm tröstend auf die Schulter.

Der blutige Baron, der Hausgeist der Slytherins stieß plötzlich einen grauenhaften Wutschrei aus, hob sich in die Luft und zischte erregt schimpfend durch den Saal. Dann verschwand er in dem großen Baldachin, der die Wand gegenüber den hohen Fenstern schmückte. Von oben ertönte ein heiseres und unsicheres Gegacker. Peeves schwebte kopfüber unter der Decke und versuchte kläglich, der Situation etwas lustiges abzugewinnen.

Professor Dumbledore richtete sich auf, rückte seine Brille zurecht und begann mit lauter Stimme zu sprechen.

„Tja, liebe Schüler. Das haben wir noch nie hier in Hogwarts erlebt. Diese Ereignis wird das Haus Slytherin für sieben Jahre zeichnen. So lange wird es einen Jahrgang in diesem Hause nicht geben. Wir wissen noch nicht, warum es so gekommen ist, ob es Zufall war oder Ausdruck einer höheren Fügung. Wir werden das in den nächsten Tagen prüfen...

Das hat mich jetzt erst einmal aus dem Konzept gebracht, muss ich zugeben...Nun ja, ...dennoch ... es gibt noch einige Neuigkeiten, die ich euch mitteilen möchte.“

Er machte eine kurze Pause. Dann blickte er in die Runde, schnitt eine Grimasse und fuhr etwas gelassener fort.

„Zunächst einmal möchte ich mich entschuldigen, dass wir das Schuljahr etwas verspätet angefangen haben. Leider musste ich mich aufgrund der politischen Situation und der Ereignisse am Ende des letzten Schuljahres auf eine Dienstreise begeben. Ich habe die Schulen Beauxbatons und Durmstrang, sowie die Enklave der Riesen besucht und diplomatische Beziehungen aufgenommen. Das hat natürlich einige Zeit in Anspruch genommen.

In unserer Lehrerschaft hat es dieses Jahr einige Veränderungen gegeben. Die Stelle des Lehrers für die Verteidigung gegen die dunklen Künste wird Professor Snape übernehmen.“

Zaghafter Jubel war von den verstörten Slytherins zu hören. Harry stand wie unter Schock.

„Professor Snape hegt schon sehr lange den Wunsch, diese Stelle zu bekommen und er konnte mich davon überzeugen, dass er sehr gut geeignet dafür ist, zumal er eingehende Erfahrungen im Kampf gegen die dunklen Mächte erlangt hat.

Dann darf ich euch noch ein neues Mitglied des Lehrkörpers vorstellen. Unsere Lehrerin für Zaubertränke, Magister Baumann, ist aus Deutschland zu uns gekommen. Sie wird hier ihr Refrendariat machen, und, wenn sie und ihr und ich mit ihrer Arbeit zufrieden sind, hat sie sich bereit erklärt, auch in Zukunft als Professor für Zaubertrankkunde an unserer Schule zu unterrichten.“

Neville war aufgesprungen und applaudierte mit hochrotem Kopf. Die anderen Schüler fielen ein. Magister Baumann erhob sich lächelnd und nickte den Schülern zu.

„Guten Abend. Vielen Dank für den herzlichen Empfang. Ich glaube, ich werde mich hier sehr wohl fühlen.“

„Hübsch ist sie ja!“, bemerkte Ron. „Sie spricht nur einen grauenhaften Akzent! Hey Neville, hast’n guten Geschmack!“

Magister Baumann nahm wieder Platz, und als der Applaus abebbte, fuhr Professor Dumbledore fort.

„Also, meine lieben Schülerinnen und Schüler. Ich denke, nach der langen Reise werdet ihr Hunger haben. Also: ich erkläre das Festmahl für eröffnet! Fahrt die Speisen auf!“

Er machte eine Handbewegung und sogleich füllten sich die goldenen Schüsseln und Platten auf den Tischen mit herrlichsten Speisen. Es gab Lammbraten, Kalbssteaks, Medallions vom Schwein, verschiedene klare und sämige Suppen, diverse Gemüse und Beilagen wie Herzogin-Kartoffeln oder schlichtweg Pommes Frites. In den Karaffen stiegen verschiedene Fruchtsäfte empor und Flaschen mit Mineralwasser ploppten auf die Tische. Die Luft wurde auf einmal mit wunderbaren Düften durchzogen und allen lief das Wasser im Munde zusammen.

Die Schüler, die mit dem Hogwarts-Express angereist waren, hatten enormen Hunger, denn die letzte Mahlzeit, die sie bekommen hatten, war das Frühstück in ihrem Elternhaus gewesen. Auf der Fahrt hierher gab es zwar einen Verkaufswagen, der permanent von einem Ende des Zuges zum anderen geschoben wurde, und an dem man sich für wenige Sickel schon leckere Snacks kaufen konnte, aber alle freuten sich auf das abendliche Eröffnungsfest, und allein die Vorfreude steigerte den Appetit.

Einzig die Slytherins machten einen verstörten Eindruck und zögerten beim Zugreifen. Sie diskutierten aufgeregt miteinander. Hin und wieder wurden von den anderen Tischen neugierige Blicke hinüber geworfen, aber über das köstliche Essen vergaßen die meisten, was soeben noch für größte Bestürzung gesorgt hatte.

Harry spürte ein heftiges grollen in seinem Magen. Auch er, wie seine Freunde, hatten seit ihrer Ankunft nur ein paar Süßigkeiten, die sie noch schnell in Hogsmead gekauft hatten, gegessen. Er konnte sich aber nicht so recht entscheiden, womit er anfangen wollte. Nach einigen Überlegungen beschloss er, einfach mit einer Suppe anzufangen und sich dann von allem nach und nach eine kleine Portion auf seinen Teller zu laden. Aber er schaffte es nicht, alles zu probieren. Nachdem er sich ein Schweinemedallion und ein Kalbssteak gegönnt, und jedes Mal ein bisschen Gemüse und Pommes dazu gewählt hatte, beschloss er, noch ein wenig Platz für die zu erwartenden Nachspeisen zu lassen.  

Als alle Schüler mit den Hauptgängen abgeschlossen hatten, verschwanden die Schüsseln und Teller wie von Geisterhand vom Tisch. Kaum war Platz geschaffen worden, wurde der Tisch mit kristallenen Schalen und Tellerchen eingedeckt. Es gab verschiedene Cremes, Eis und frisches Obst. Harry schaffte nur noch einen kleinen Teller, auf den er sich von Allem nur ein kleines Bisschen lud, und als er den dann leer geputzt hatte, strich er sich zufrieden über den Bauch und lehnte sich zurück.

„Ahhh, das war lecker!“, grunzte er zufrieden. Ron bemühte sich immer noch, von dem Nachtisch in sich hineinzustopfen.

„Mpfgblmpfff!“, antwortete er mit vollen Backen und nickte zur Unterstützung seiner Zustimmung.

„Du frisst ja, wie ein Kanalarbeiter!“, bemerkte Hermine mit missbilligendem Blick. Sie hatte nur wenig genommen und war als erste des ganzen Tisches fertig geworden.

„Hast du keinen Hunger?“, fragte Harry und sah Hermine verwundert an.

„Ach nee, nicht so sehr...“

Hermine schien diese Frage etwas in Verlegenheit zu bringen. Ron stupste Harry in die Seite und sagte leise:

„Das haben die Mädchen alle. Die meinen immer, sie würden zu fett. Ginny fängt auch schon damit an.“

„Hermine ist doch gar nicht fett.“, meinte Harry. „Wenn ich mir die anderen anschaue, dann hat sie fast die beste Figur!“

„Ich glaube, das liegt an den Genen. Die sind so programmiert. Können nicht anders...“

Harry wusste nicht, ob er grinsen sollte. Es war ihm schon aufgefallen, dass Hermine in der letzten Zeit eigenartige Züge angenommen hatte. Als sie nach den Ferien auf Perpignans Place angekommen war, hatte sie sich eine neue Frisur machen lassen, eine punkige Frisur mit Fransen und Ecken, und ganz schwarz hatte sie ihr Haar gefärbt. Auf Durmstrang hatte er bemerkt, dass sie begonnen hatte, sich zu schminken. Er wusste, dass Frauen sich gerne Schminken, aber bei Hermine hatte er es niemals vermutet. Sie war doch Hermine! Und nicht eine von den Frauen... Dann musste er doch grinsen. Aber er lächelte nicht über die Eigenarten von Hermine, sondern über seine Gedanken. Natürlich wurde Hermine, genauso wie er und Ron, die den Stimmbruch hinter sich hatten, langsam erwachsen. Und sie interessierte sich ja schon fast ein Jahr lang für Jungen, und wenn Harry ehrlich zu sich war, dann ertappte er sich immer wieder dabei, dass er Parvati oder Cho oder anderen Mädchen hinterher schielte. Aber er würde niemals offen zugeben, dass er sich für Mädchen interessierte!

Inzwischen hatten die Gespräche am Tisch zu den Ereignissen mit dem sprechenden Hut zurück gefunden. Das Essen war nur eine kurze Ablenkung gewesen. Nun wurden offene Blicke zu den Slytherins hinüber geworfen, deren Tisch sich jetzt langsam leerte. Sie zogen sich in ihren Gemeinschaftsraum zurück, um ungestört über die Katastrophe, wie sie es mittlerweile nannten, zu sprechen. Professor Snape war ebenfalls und unbemerkt verschwunden. Auch Professor Dumbledore war auf einmal nicht mehr da und niemand hatte bemerkt, dass er aufgestanden und hinausgegangen war. Vermutlich fand jetzt im Haus Slytherin eine Krisensitzung statt.

„Ich verstehe das nicht.“, sagte Katie Bell, eine Gryffindor Schülerin und Jägerin in der Gryffindor Quidditch-Mannschaft, die ganz in der Nähe von Harry saß.

„Das hängt bestimmt damit zusammen, dass ‚Du weißt schon wer’ wieder da ist.“, sagte Dean Thomas. Mit ‚Du weist schon wer’ meinten die Zauberer Lord Voldemort, der so schreckliches Unglück über die Zaubererwelt gebrachte hatte, dass es als unglückbringend angesehen wurde, wenn man seinen Namen aussprach. Harrys Eltern waren von ihm, dem dunklen Lord, ermordet worden. Seit diesem schrecklichen Tag hatte Harry eine Zickzackförmige Narbe, die sich quer über seine Stirn zog, und die ihn berühmt gemacht hatte.

„Aber ich habe immer gedacht“, warf Angelia Johnson ein, „dass die Slytherins am ehesten mit ihm sympathisieren! Warum sollten denn ausgerechnet sie...“

„Vor allen Dingen“, meinte Lee Jordan, „wenn die Gerüchte stimmen, dann ist der Vater von Malfoy sogar einer der engsten Vertrauten von ‚Ihr wisst schon wer’. Dann kann es eigentlich nicht damit zusammen hängen...“

„Es sei denn, ‚Du weist schon wer’ hat sich mit Dracos Vater überworfen. Und nun nimmt er Rache an den Slytherins, weil er sich verraten fühlt!“ sagte Angelia und ihr Gesicht erhellte sich, weil sie glaubte, einem Geheimnis auf der Spur zu sein.

„Ja, genau!“, rief Ron aufgeregt. „Habt ihr das Gesicht von Draco gesehen? Der hat schon bei der Ankunft so komisch ausgesehen. Und erinnerst du dich an seine Reaktion vorhin?“

Vor Aufregung griff er nach Harrys Ärmel. „Was meinst du, Harry...sag doch was!“

Harry hatte bisher unbeteiligt da gesessen und nur zugehört.

„Ich weiß nicht, Ron. Ich glaube nicht, dass das mit Voldemort zusammenhängt.“

„Wie kannst du den Namen aussprechen!“, rief Parvati entrüstet. Alicia Spinnet nickte heftig mit dem Kopf.

„Mach mal Halblang!“, antwortete Ron für Harry. „Harry kann das eben. Er ist nicht so ein Schisser wie ihr!“

„Ach du...“

„Wie kommst du denn darauf, dass ‚Du weist schon wer’ nichts damit zu tun hat?“, hakte Lee Jordan nach.

„Hast du irgendeinen Verdacht?“, fragte Ron und sah Harry prüfend an. Harry schüttelte nachdenklich den Kopf.

„Nein, aber...“, begann er, sprach aber nicht weiter.

„Na los, rück schon raus!“, drängelte Ron.

„Ich weiß es nicht! Ich habe so ein bestimmtes Gefühl!“, sagte Harry etwas unwillig.

„Hey, komm, mach uns jetzt nicht neugierig!“, forderte Fred Weasley und George pflichtete ihm bei.

„Lasst Harry doch in Ruhe!“, sagte Hermine. „Wenn er es nicht sagen will, dann soll er es auch nicht sagen.“

„Ich muss darüber nachdenken.“, sagte Harry. „Ich glaube, ich geh jetzt mal hoch.“

„Du Harry, du wolltest uns doch noch erzählen, wie es in Durmstrang war!“, sagte George.

„Was, du warst in Durmstrang?“, fragte Parvati und sah Harry neugierig an.

„Hat das etwa mit Durmstrang zu tun?“, bohrte Angelia.

„Nein!“, sagte Harry und stand auf. „Mit Durmstrang bestimmt nicht.“

„Meinst du etwa, mit dem Zauberstab?“, fragte Ron, der jetzt auch neugierig geworden war.

„Das weiß ich eben nicht. Aber es könnte sein.“

Mit Harry erhoben sich fast alle vom Gryffindor-Tisch. Die neuen waren noch etwas zögerlich, unsicher, ob das, was sie taten richtig war. Der fast kopflose Nick, der die Zeit des Essens damit verbracht hatte, den Erstklässlern seine traurige Geschichte zu erzählen, kam nun herangeschwebt. Nick war der Hausgeist von Gryffindor, der vor über fünfhundert Jahren durch einen Schwerthieb hingerichtet worden war. Bedauerlicherweise hatte der Hieb seinen Kopf nicht vollständig vom Rumpf getrennt, so dass er heute noch von den anderen Geistern gehänselt wurde und auch nicht an dem Kopfball-Turnier der Geister teilnehmen durfte. Darunter litt er sehr.

„Der Blutige Baron ist ziemlich erzürnt.“, meinte er. „Aber wenn ihr mich fragt...Ich habe mich schon so oft über seine Bemerkungen geärgert, dass ich es ihm fast schon gönne. Und er wird seine Wut an Peeves auslassen, da könnt ihr sicher sein. Das, finde ich, hat fast schon wieder etwas schönes.“

Dann lachte er unbeholfen und schwebte davon.

Im Gemeinschaftsraum  der Gryffindors versammelte sich fast das ganze Haus. Alle bedrängten Harry, von Durmstrang zu erzählen, und da er ihnen nicht entkommen konnte, erzählte er in knappen Worten und unter Auslassung vieler Ereignisse von seinen Ferienerlebnissen. Das viele Essen hatte ihn außerdem müde gemacht, und so war er sehr dankbar, dass er nach einer halben Stunde die Neugier der meisten befriedigt hatte und sich in den Jungen-Schlafsaal zurückziehen konnte.

Hier waren es jedoch noch Fred und George, die sich nicht damit zufrieden gaben, was Harry mit Rons und Hermines Unterstützung erzählt hatte. Harry ließ sich erweichen, nachdem sie ihm eine Kollektion der neuesten Erfindungen aus ihren Experimenten mit magischen Scherzartikeln versprochen hatten. Zum Glück musste er nicht alles noch einmal erzählen, denn Fred und George fragten gezielt nach und füllten die Lücken, die Harry unten im Gemeinschaftsraum gelassen hatte.

Irgendwann gähnte Harry herzhaft. Es war trotz der zunächst sehr angenehmen Anreise und den tollen Neuigkeiten sehr erschöpft. Erst jetzt, zurück in Hogwarts, bemerkte er die Anstrengung, welche die Reise nach Durmstrang mit sich gebracht hatte. Und da, als er an den Tag zurück dachte, fiel ihm ein, dass er Ron noch gar nichts von seiner „Strafe“ erzählt hatte. Er bat Fred und George, die es sich auf seinem Bett bequem gemacht hatten, während er mit Ron auf Rons Bett saß, Schluss zu machen. Die beiden willigten ein und kündigten ihm für die nächsten Tage ein kleines Paket an.

Schnell wusch Harry sich und zog seinen Schlafanzug an. Als er in sein Bett kroch, lag Ron schon flach und hatte die Decke bis zu seiner Nase gezogen.

„Das war ein Tag!“, murmelte Ron.

„Du wirst lachen, aber ich hab noch eine Überraschung!“, kündigte Harry im Flüsterton an.

„Was denn jetzt noch?“, fragte Ron etwas unwillig. „Reicht es denn nicht schon für heute?“

„Nee, pass auf! Ich habe doch in den Ferien gezaubert. Habe ich dir davon erzählt?“

„Ich glaube ja. Hast du jetzt Schwierigkeiten mit dem Ministerium?“

„Öh...Nicht direkt. Das Ministerium hat es der Schule überlassen, mir eine Strafe aufzubrummen.“

„Und, was musst du machen? Pokale putzen?“

Ron klang schon fast etwas hämisch.

„Nein, halt dich fest! Ich soll eine Schulmannschaft aufbauen!“

„Eine was?“

„Eine Quidditch-Mannschaft, aus Schülern aller vier Häuser! Und wenn wir gut sind, dann können wir vielleicht in die Liga. Und am Ende des Jahres wollen wir ein Spiel gegen Durmstrang organisieren!“

„Mensch, das ist ja klasse!“, sagte Ron, etwas zu laut in seiner Begeisterung.

„Was ist klasse?“, tönte es von Nevilles Bett herüber.

„Nichts!“, sagte Ron abwehrend. „Nichts für dich...“

Dann wandte er sich wieder an Harry.

„Und, wann fängst du an?“

„Ich muss erst mal mit Dumbledore nach London, Besen kaufen.“, antwortete Harry. „Das wollen wir nächste Woche machen. Und dann muss ich Schüler finden und eine Mannschaft bilden.“

„Und hast du schon jemanden im Visier?“

„Hmm“, überlegte Harry, „Cho vielleicht und...“

„Cho ist doch auch Fänger. Willst du etwa nicht mehr mitmachen?“

„Da hast du recht. Ich glaube, das wird gar nicht so einfach...“

„Und willst du auch von den Slytherins einen im Team haben?“, fragte Ron ungläubig.

„Nee! Bloß nicht! Das gibt nur Streit!“

„Würde ich auch nicht machen.“, murmelte Ron und gähnte. „Was haben wir eigentlich morgen als erstes?“

„Weiß nicht, muss mal nachschauen.“

Harry griff unter das Bett und zog seine Tasche hervor. Nach einigem Suchen kramte er einen zerknitterten Zettel heraus.  

„Oh, nein! Wir haben ‚Verteidigung gegen die dunklen Künste’! Bei Snape! Das wird ein Desaster!“

„Na denn, gute Nacht!“, sagte Ron sarkastisch.

„Na ja, gute Nacht.“, sagte Harry. „Wir werden es überleben.“

So ging ein äußerst merkwürdiger Tag in dem Schloss zuende. Mehr als einer konnte keinen Schlaf finden. Die Schüler von Slytherin mussten fast unter Androhung von Strafe ins Bett geschickt werden. Sie hatten lange mit Professor Dumbledore und Professor Snape diskutiert. Aber sie hatten kein Ergebnis gefunden und ihr Gespräch drehte sich irgendwann nur noch im Kreise.

Snape war immer noch erschüttert. Wie sehr hatte er sich aus seine erste Stunde ‚Verteidigung gegen die dunklen Künste’ gefreut. Er hatte sich sogar vorgenommen Neville Longbottom in ruhe zu lassen und wenigstens höflich zu Harry Potter zu sein. Jetzt lag er nur noch mit offenen Augen in seinem Bett und starrte den Mond an, der durch sein kleines Kammerfenster schien.

Dumbledore wanderte unruhig in seinem Büro herum. Was hatte das zu bedeuten? Auch er stellte sich die Frage, ob Lord Voldemort seine Finger im Spiel hatte. Aber er konnte sich nicht vorstellen, dass ein, wenn auch außergewöhnlicher Zauberer wie der dunkle Lord, es schaffen könnte all die Schutz-Zauber von Hogwarts zu überwinden. Und warum ausgerechnet Slytherin?

„Was hat das zu bedeuten?“, fragte er Fawks, der ihm bei jeder Runde mit dem Blick gefolgt war. Der Phoenix sah ihn mit seinen weisen Augen an. Dann senkte er für einen kurzen Augenblick die Lider, als wollte er sagen, ‚Mach dir keine Sorgen, Albus!’.

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