5. Hermine
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1. Die Flucht
2. Düstere Zeiten
3. Auf Perpignans Place
4. Zauberlehrling
5. Hermine
6. Bücherwürmer
7. Spurensuche
8. Der Angriff
9. Eine Entscheidung
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Seit zwei Wochen waren sie aus Mallorca zurück. Hermines Eltern hatten die Arbeit in ihrer Gemeinschaftspraxis wieder aufgenommen und Hermine verbrachte die Tage in gepflegter Langeweile. Sie hatte nichts mehr zu lesen und war aus lauter Verzweiflung schon an die Bücher ihrer Mutter gegangen, die mit Vorliebe „Rosamunde Pilcher“ las. Viel lieber würde sie schon einen Blick in die neuen Schulbücher werfen, aber der Besuch der Winkelgasse stand erst in 2 Wochen an. Zuerst wollten ihre Eltern den Betrieb wieder zum Laufen bekommen.

Hermine lag auf einer Gartenliege in der prallen Sonne der Terrasse, konnte sich aber nicht richtig auf die Geschichte konzentrieren. Sie hasste langweilige Liebesromane, die vor Schmalz nur so troffen. Sie las eher anspruchsvolle Literatur, nur der Vorrat war inzwischen erschöpft. Sie legte das Buch auf den Boden, strich ihr Haar aus der Stirn, legte sich zurück und schloss die Augen. Dann würde sie halt noch ein bisschen in der Sonne braten. Seit sie sich langsam zur Frau entwickelte, war sie eitel geworden und legte viel Wert auf ihr Aussehen. Auf der Insel war sie bei einem Starfriseur gewesen und hatte sich von ihm eine neue Frisur machen lassen. Das war gar nicht so einfach gewesen, und der Friseur hatte lange mir ihr diskutiert, was man mit der dichten Mähne anstellen konnte. Zu Glück hatte er gut Englisch gesprochen, denn Hermine konnte kaum ein paar Brocken Spanisch.

Schließlich war eine freche, schwarz gefärbte Punk-Frisur mit Ecken und Kanten und einem Fransenpony entstanden, die zwar sehr gewöhnungsbedürftig war, ihr hübsches Gesicht aber viel besser zur Geltung brachte. Zuerst war sie erschrocken vom Spiegel zurückgewichen, aber als ihre Eltern einstimmig bekundeten, wie gut ihr das stünde und ihre Urlaubsbekanntschaft Giovanni, ein junger Italiener, der als Animator in einem anderen Hotel arbeitete, sie nur noch anhimmelte, gestand sie sich ein, daß die Zeiten des kleinen Mädchens Hermine ein für alle Mal vorbei waren. Die Jungs am Strand hatten sich nach ihr umgedreht und durch die Zähne gepfiffen, bei einigen hatte es ihr wohl gefallen, auch wenn ihr die anderen damit sehr auf die Nerven gegangen waren.

‚Ich bin mal gespannt, was Harry und Ron sagen, wenn wir uns wieder treffen.’ Sie freute sich auf ihre Freunde und überlegte, dass sie den beiden eigentlich noch einen Brief schreiben sollte. Aber jetzt schlaffte sie gerade so schön ab. Die Sonne brannte heiß auf ihren ohnehin schon braunen Korper und der Schweiß perlte auf ihrer Haut. Krummbein hatte es sich zu ihren Füssen bequem gemacht, hielt aber Abstand, um nicht auch noch von Hermine gewärmt zu werden.

Wieder schloss sie die Augen und versank in einen Wachschlaf. Leise drangen die Geräusche von spielenden Kindern und der nahen Hauptstraße an ihr Ohr. Plötzlich hörte sie ein Flattern und ein dunkler Schatten zog über ihre geschlossenen Lider. Sie erschrak, setzte sich auf und öffnete die Augen. Eine Eule ließ sich am Fußende ihrer Liege nieder und streckte ihr ein Bein hin, um das ein Band geschlungen war. Hermine stutzte. Sie beugte sich vor und tastete danach. An dem Band war etwas befestigt, das sie nicht sehen konnte. Sie knüpfte es los und fühlte in ihrer Hand eine Pergamentrolle.

„Danke, meine Kleine,“ sagte sie und strich der Eule über den Kopf. „Wie soll ich das denn lesen, ich kann es ja nicht sehen?“

Die Eule legte den Kopf schief und es sah aus, als würde sie mit der Schulter zucken. Dann breitete sie die Flügel aus und erhob sich in die Luft. Hermine stand auf und ging ins Haus. Krummbein, froh, in die Kühle des Hauses zu kommen, folgte ihr.

‚Mal in den Büchern nachschauen, was man mit einem unsichtbaren Brief macht...’ dachte sie und ging in ihr Zimmer. Ein Luftzug ließ die Tür ins Schloss fallen. Hermine ging zum Fenster und machte es zu. Dann wollte sie die Tür wieder öffnen und bemerkte, dass das Pergament in ihrer Hand Gestalt annahm und langsam wieder sichtbar wurde. Sie öffnete die Tür und musste mit Erstaunen feststellen, dass sich das Pergament wieder auflöste. Sofort schloss sie die Tür wieder und wartete, bis der Brief wieder sichtbar war. Dann entrollte sie ihn und begann zu lesen. Als sie die Zeilen von Voldemort und  Harrys Flucht las, erschrak sie zunächst. An der Stelle, an der sie eingeladen wurde hellte sich ihr Gesicht auf und sie lächelte. Natürlich hatte sie Lust zu kommen. Und nicht die Bücher allein wares es, die sie lockten, sondern die Freude, einen ihrer Freunde wiederzusehen und aus der Langeweile der Muggel-Ferien zu entkommen. Nachdem Sie den Brief gelesen hatte, zerbröselte er zu Pulver, das sich beim Herunterrieseln in Luft auflöste.

‚Seltsamer Brief’, dachte sie. ‚Wie soll ich denn mit Flohpulver reisen, wenn wir gar keinen Kamin haben? Aber das kann Harry ja nicht wissen, er war ja noch nicht hier.’

„Was meinst du, Krummbein, wollen wir verreisen?“

Sie konnte es kaum erwarten, dass ihr Vater an Abend nach Hause kam. Er war immer der erste, der Feierabend machte. Mutter Granger bereitete die Krankenakten für den nächsten Tag vor und machte noch die Tagesabrechnung fertig. Dafür konnte sie morgens etwas länger schlafen und brauchte erst um 10 Uhr in die Praxis zu kommen. Hermine war sich sicher, dass ihre Eltern es erlauben würden, deshalb kramte sie ihren Koffer hervor und begann zu packen.

Vater Granger kamm, wie jeden Abend, pünktlich um zwanzig Minuten vor Sieben. Die Praxis lag etwa 10 Fussminuten vom Haus der Grangers entfernt, und da sie immer pünktlich Feierabend machten, konnte man schon eine Uhr danach stellen. Er legte Hermine zur Begrüßung einen Arm um die Schulter und gab ihr einen Schmatz auf die Wange.

„Na mein Schatz, wie war dein Tag?“

„Schrecklich, Pa. Der Vormittag ging ja noch, weil ich im Haushalt was zu tun hatte, aber die Nachmittage sind grauenhaft langweilig. Ich habe nichts mehr zu lesen und ich glaube, ich sterbe, wenn ich nicht bald die neuen Schulbücher bekomme.“

Hermine hatte sich abgewöhnt, sofort mit den Neuigkeiten herauszuplatzen, besonders, wenn es darum ging, von ihren Eltern eine erlaubnis einzuholen. Zunächst sorgte sie für Gemütlichkeit und Entspannung. Sie hatte den Tee aufgebrüht, das Abendessen bereitet – sie war eine ausgezeichnete Köchin – und sah nun zu, dass ihr Pa sich an den Tisch setzte und sich erholen konnte. Sie platzte fast vor Aufregung und war fahrig in ihren Bewegungen, so dass sie fast die Teekanne fallen gelassen hätte. Glücklicherweise bemerkte ihr Vater nichts, er hatte die Zeitung auf dem Tisch entdeckt und überflog die Schlagzeilen.

Eine Reihe mysteriöser Todesfälle sorgte in London für Aufregung. Scotland Yard hatte eine Sonderabteilung gebildet und versuchte herauszufinden, ob es sich um natürliche oder gewaltsame Todesfälle handelte. Spuren waren keine zu entdecken, es gab auch keine Krankheitsbilder, nicht einmal einen Schlaganfall, die Verstorbenen gehörten keiner besonderen Risikogruppe an, waren alle in unterschiedlichem Alter und kerngesund und die Polizei tappte im Dunklen. Jeden Tag konnte man über die Misserfolge der Beamten in der Zeitung lesen.

Hermine setzte sich zu ihrem Vater an den Tisch. Sie konnte keinen Bissen hinunter bekommen, schenkte sich aber einen Tee ein und trank ihn in kleinen Schlucken.

„Ist dir nicht gut,Hermine?“, fragte Pa Granger, als er es bemerkte.

„Doch, doch. Ich habe mir nur gedacht, dass ich noch ein Kilo weniger vertragen könnte...“

Pa Granger grinste. „Ihr Teenager seid doch alle verrückt. Kind, du bist gertenschlank, die Jungs müssten auf dich fliegen. Was musst du noch abnehmen?“

„Ich glaub, meine Jeans fangen an zu kneifen. Vielleicht habe ich im Urlaub zu gut gelebt?!“

„Gut, das sehe ich ein.“, grinste er, „Wir haben auch kein Geld, neue Klamotten zu kaufen. Und wenn Du nichts isst, dann sparen wir auch noch zusätzlich.“

„Pa, veräppel mich nicht!“, sagte Hermine mit gespieltem Ärger. „Paaa?“

„Ja, mein Kind?“

„Du, Pa, wenn ich dich um etwas bitte, erlaubst du es dann?“

„Wenn es mir möglich ist, kann es schon sein.“ Er kannte das Spiel und ging gerne darauf ein.

„Du, Pa, ich bin von jemandem eingeladen worden.“

„Darf ich fragen von wem?“

„Von Harry...“

„Ach, Harry, dein Schulfreund. Hat er Geburtstag?“

„Pa! Ich gehe nicht mehr auf Kindergeburtstage. Und Harry hat auch keinen Geburtstag. Er macht Urlaub auf dem Land, und er hat mir geschrieben, ob ich nicht kommen möchte, er langweilt sich so.“ Na ja, das war ein wenig geschwindelt, aber Hermine verstand es durchaus, ihrem Pa klarzumachen, dass es kaum eine andere Möglichkeit gab, als ja zu sagen.

„Wo auf dem Land ist er denn?“

„Das kann ich nicht sagen. Es soll eine Überraschung sein.“

„Und wie lange möchtest du ihn besuchen?“

„Na ja, bis zum Ende der Ferien...?“

„Oha, ich glaube, das muß ich erst mit Deiner Mutter besprechen.“

Hermine wusste, dass sie ihrem Vater nur noch ein paar Argumente liefern mußte. Er würde das schon mit ihrer Mutter regeln. Normalerweise mochte Ma Granger nicht, wenn Hermine, die ja erst 15 Jahre alt war, für so lange Zeit weg fuhr, es sei denn in die Schule, wo sie unter Aufsicht stand.

„Weißt du Pa, Harry ist bei einem Freund von Mr. Ollivander, und er schreibt, dass er dort viel lernen kann. Für mich wäre das auch ganz toll, bestimmt habe ich dann im nächsten Jahr super Zeugnisse. Und du weist doch, wie sehr ich Bücher liebe und Harry hat von einer gaanz tollen Bibliothek gesprochen. Du willst doch auch, dass ich eine gute Schülerin bin oder Pa?“ Dabei himmelte sie ihn an, dass Mr. Granger in Lachen ausbrach.

„Kind...Kind,“, sagte er und wischte sich die Augen. „Gut. Ich rede mit Ma. Wenn du da so gerne hin willst...“

„Danke Pa. Du bist der beste Pa der Welt!“ rief Hermine, sprang auf und umarmte ihren Vater stürmisch. ‚Siehst du, klappt doch.’, dachte sie zufrieden.

„So, da es ja nun heraus ist, kannst du jetzt wieder essen. Guten Appetit.“

Als dann eine Stunde später Ma Granger nach Hause kam, hielt sich Hermine zunächst im Hintergrund. Sie wusste, dass ihr Vater allein mit ihrer Mutter reden musste, und vor allem den Zeitpunkt selbst bestimmen wollte. Da sie aber viel Vertrauen in die Überzeugungsfähigkeiten ihres Pa hatte, blieb sie so gelassen, wie man es vor einer aufregenden Reise überhaupt sein konnte. Schließlich, es war kurz vor Zehn und Hermine hatte sich gerade ich ihr Zimmer zurückgezogen, klopfte es an ihre Tür und Ma kam herein.

„Hallo Ma!“, sagte Hermine und sah ihre Mutter erwartungsvoll an. Ma setzte sich neben ihre Tochter auf die Bettkante.

„Pa hat mir erzählt, dass du Harry besuchen willst?“, fing sie an. „Du weißt, dass ich dich nicht gerne so lange weg lassen möchte.“

„Ma, ich bin sicher, dass Harry gut aufgehoben ist. Der Freund von Mr. Ollivander soll sehr nett sein, schreibt Harry. Und ich komme hier um vor Langeweile. Ihr seid den ganzen Tag in Eurer Praxis, und das bisschen Aufräumen und Putzen habe ich in einem halben Vormittag geschafft. Bis die Ferien vorbei sind, bin ich bestimmt verkümmert.“

Ma lächelte, nahm Hermines Hand.

„Ich weiß, meine Kleine.“ Sie benutzte immer noch gerne diesen Ausdruck, obwohl sie wiederholt mit Schrecken feststellen musste, wie groß und erwachsen Hermine inzwischen geworden war. Die Jahre auf Hogwarts hatten aus dem kleinen Mädchen, das sie vor 4 Jahren praktisch dorthin entlassen hatte, einen fast erwachsenen Teenager gemacht, der sehr wohl seinen eigenen Kopf hatte. Gut, das hatte sie immer schon gehabt. Glücklicherweise hielten sich die Pubertätsausbrüche in Grenzen, dafür waren auch Hermine die Tage, die sie in ihrer Familie verbrachte, zu schade. Aber allein, wenn man sie ansah, musste man feststellen, wie sehr sie schon zur Frau geworden war.

„Ich glaube,“, fuhr Ma Granger fort, „ich kann es dir nicht verwehren.“ Ihr Blick fiel auf den gepackten Koffer. „Und gepackt hast du ja auch schon. Wie soll ich dich denn noch halten?“

„Komm, Ma, sei nicht traurig. Ich pass auf mich auf. Und ich schreibe dir auch, wenn ich angekommen bin. Harry und ich haben so viel erlebt, was soll denn da noch passieren?“

„Passieren kann immer etwas. Aber gut.“ Sie holte tief Luft und seufzte leise. „Wann möchtest denn reisen?“

„Ich dachte, morgen nach dem Frühstück. Ich fahre dann erst in die Winkelgasse und besorge mir die Bücher, die wir dieses Jahr mitbringen müssen. Dann gehe ich zu Mr. Ollivander, und der wird mich zu Harry schicken.“

„Also dann, bis Morgen.“, sagte Ma und drückte Hermines Hand. Sie blickte ihr einen Augenblick wehmütig in die Augen und stand dann auf.

„Gute Nacht Ma.“

„Gute Nacht mein Schatz.“

 

Am nächsten Morgen konnte Hermine es kaum erwarten, dass es los ging. Dennoch frühstückte sie mit ihrer Mutter und wartete bis zehn Uhr, bis ihre Ma in die Praxis ging. Dann nahm sie ihren Koffer, rief Krummbein und schob ihn in seinen Transportkäfig. Krummbein wehrte sich, aber Hermine kannte das schon und blieb unnachgiebig. Schließlich beugte sich Krummbein ihrem Willen und legte sich beleidigt in die hinterste Ecke.

Sie hatte schwer zu schleppen, und sie war froh, dass sie keinen Umhang, sondern eine Shorts und ein T-Shirt trug. Trotz der Frühe des Vormittags war es schon heiß und eine drückende Schwüle kündigte ein Gewitter an. Sie hatte nur kurz bis zur Bushaltestelle zu gehen. Dort zog sie sich einen Fahrschein aus dem Automaten und setzte sich in den Schatten des Häuschens. Nach ein paar Minuten kam der Bus, sie stellte Koffer und Katzenkäfig auf den Platz für Gepäckstücke und setzte sich auf den nächsten Platz. Der Bus war fast leer, aber hier drin war es noch heißer und drückender als draußen. Diese modernen Busse waren lang nicht mehr so schön, wie die alten, roten Doppeldecker, von denen im Sommer einige ein offenes oberes Verdeck hatten. Sie war gerne oben gefahren und hatte sich den Wind um die Nase wehen lassen.

Nach zwanzig Minuten bog der Bus in die Straße ein, an deren Ende die Kneipe „Der tropfende Kessel“ lag. Die Haltestelle war ganz in der Nähe und die beiden Omas, die sich irgendwann ihr gegenüber hingesetzt hatten schauten ziemlich irritiert, als Hermine in dieser verruchten Gegend ausstieg. Sie betrat den tropfenden Kessel. Hie war nichts los. Nur Tom, der Barkeeper stand hinter der Theke und polierte Gläser. Da im Tropfenden Kessel viele Zauberer aus und ein gingen, um durch den geheimen Eingang in die Winkelgasse zu kommen, beachtete Tom sie gar nicht und Hermine ging gleich durch den Schankraum in den Hof. Dort stellte sie den Koffer ab, suchte den Ziegel und drückte ihn mit der Hand in die Mauer. Das Loch in der Wand tat sich auf und Hermine schleppte ihr Gepäck in die Winkelgasse.

Sie hatte die Straße noch nie so leer erlebt. Selbst bei Florean Fortescue, dem Inhaber der besten Eisdiele in London, saß niemand unter den bunten Sonnenschirmen. Sonst trat man sich hier auf die Füße, wenn all die Schüler von Hogwarts mit ihren Eltern hierher kamen um die Schulsachen einzukaufen. Hermine fand, dass das der schönste Tag im Jahr war. Hier hatte sie ihre Freunde wiedergesehen, hatte neue Bücher gekauft, und die Eisbecher, die mit allerlei zauberhaften Extras versehen waren, schmeckten einfach einzigartig.

Zuerst ging sie in Ollivanders Zauberstabladen. Da sie von hier aus reisen sollte, wollte sie Mr. Ollivander fragen, ob sie ihr Gepäck bei ihm unterstellen konnte. Mr. Ollivander war sehr freundlich zu ihr, ließ sogar Krummbein aus dem Käfig und stellte ihm eine Schale mit verdünnter Milch hin. Hermine sagte, sie wolle noch die Besorgungen für das Schuljahr machen und wunderte sich, als Mr. Ollivander sie zur Vorsicht mahnte. Er sagte es treiben sich viele Todesser hier herum. Sie konnte sich keinen Reim darauf machen, denn sie hatte keine Menschenseele in der Gasse gesehen, höchstens einen kleinen Jungen, der auf der Mauer gegenüber Mr. Ollivanders Laden saß. Und der sah nicht so aus, als wäre er ein Todesser. Sie wischte den Gedanken weg, wie eine lästige Fliege. Bei Flourish and Blotts erstand sie die Bücher, im Schreibwahrenladen füllte sie ihre Bestände an Federkielen und Pergament auf und bei Eeylops kaufte sie ein paar Leckereien für Krummbein.

Schließlich zog sie schwer bepackt die Winkelgasse entlang und steuerte auf Ollivanders Laden zu.

„Hallo junge Dame!“, hörte sie eine fiese Stimme hinter sich. Sie fühlte sich an den Tonfall von Draco erinnert. „Können wir tragen helfen?“

Sie drehte sich um. Zwei schwarz gekleidete Zauberer mit unangenehmen Gesichtern standen vor ihr und grinsten. Der eine war lang und ziemlich dürr, hatte ein tief durchfurchtes blasses Gesicht, und der andere, ein kleiner Dicker, schien unter Bluthochdruck zu leiden. Jedenfalls hatte er einen ziemlich roten Kopf und schwitzte stark. Beide rochen unangenehm nach Schweiß und machten einen verlotterten Eindruck.

„Bist du nicht die junge Granger?“, fragte der längere der beiden.

„Ja!“, sagte Hermine kurz angebunden und straffte sich.

„Fast hätten wir dich nicht wiedererkannt, wenn die Verkäuferin bei Eeylops nicht deinen Namen genannt hätte. Bist du nicht die kleine Freundin von diesem Potter? Jetzt siehst du ja aus wie ein echter Muggel. Kannst deine Herkunft doch nicht leugnen, stimmts, Schlammblut.“ Dabei lachten sie gehässig.

„Ich wüsste nicht, was wir miteinander zu tun haben. Wer sind sie überhaupt?“, fragte sie ärgerlich.

„Kuck mal, sie plustert sich auf!“, grinste der kleine Dicke und fasste sie am Arm. „Hör zu Schlammblut, wir wollen keine Leute wie dich in der Winkelgasse. Jetzt sind andere Zeiten angebrochen!“ Er kniff die Augen zusammen und betrachtete sie drohend.

„Lassen Sie mich los!“, herrschte sie ihn an.

Der Lange trat jetzt vor und stieß sie heftig mit der flachen Hand. Sie stolperte, und wäre beinahe hingefallen, wenn der kleine Dicke sie nicht am Arm gehalten hätte. Hermine kam eine entsetzliche Ahnung. Langsam verstand sie, wieso es hier so menschenleer war. Das waren die Todesser, die Mr. Ollivander meinte und die nur darauf aus waren, nicht reinblütige Zauberer anzumachen. Unwillkürlich wollte sie nach ihrem Zauberstab greifen, musste aber zu ihrem Schrecken feststellen, dass sie keinen Umhang trug. Sie hatte ihren Stab im Koffer gelassen.

„Na, scheißt du dir jetzt in die Hose, Schlammblut?“ Jetzt stieß der Dicke sie und sie fiel hin. Sie schlug sich die Ellenbogen auf und blutete. Die Pakete wurden auf dem Pflaster verstreut.

„Was wollt ihr von mir?“, fragte sie erschrocken und versuchte, sich aufzurappeln.

„Was wir wollen? Wir wollen, dass du dich verpisst. Schlammblüter haben hier nichts mehr zu suchen. Die Zeit für euch ist um.“ Der Lange trat nach ihr und traf sie unterhalb der Rippen in den Bauch. Sie klappte wie ein Taschenmesser zusammen und schnappte nach Luft. Zum Glück hatte der Lange nicht zu fest zugetreten, so dass sie nach einigen Minuten wieder atmen konnte.

„Pass auf, Schlammblut!“, zischte der Lange, und beugte sich zu ihr herunter. „Das ist erst der Anfang. Wir wollen dich hier nicht mehr sehen. Pack dich fort! Das nächste Mal nehmen wir dich richtig auseinander. Hast du verstanden?“

„Jepp“, schnappte Hermine und hielt sich den Bauch. Am liebsten wäre sie in Tränen ausgebrochen, aber sie wollte sich diesem Abschaum gegenüber keinen Blöße geben. Mühsam rappelte sie sich hoch. Die beiden Zauberer lachten und gingen weg.

„Die kommt nicht wieder!“, hörte sie den Dicken lachen. Als sie um die Ecke verschwunden waren, sammelte sie ihre Pakete wieder ein. Jetzt liefen ihr Tränen über die Wange. Sie konnte es nicht verhindern, auch wenn sie mühsam versuchte, dagegen an zu schlucken. Ihr Bauch tat weh, die Ellenbogen schmerzten und die Pakete waren auf einmal so schwer, dass sie sie kaum noch tragen konnte. Sie schleppte sich zu Ollivanders Laden.

„Meine Güte, Miss Granger, was ist passiert?“, fragte Mr. Ollivander aufgeregt. Sofort eilte er in seine Gemächer und holte einen Verbandskasten. Hermine hatte sich in einen der Sessel im Laden fallen lassen. Sie schniefte und wischte sich die Tränen mit einem Taschentuch aus dem Gesicht.

„Die sind so gemein!“, sagte sie zornig. „Zu zweit über eine Frau herzufallen! Was für Schlappschwänze! Und so was hält sich für die Herren der Welt! Ich kann es nicht fassen!!“

„Beruhigen Sie sich, Miss Granger, Wir wollen erst mal nach den Wunden sehen. Sie bluten!“

„Ich kann mich nicht beruhigen!!!“, rief sie. „Wenn ich nur meinen Zauberstab dabei gehabt hätte! Ich hätte sie in Würmer verwandelt und zertreten! Diese Affengesichter! Diese Scheißkerle! Diese...“ Jetzt brach sie vollends in Tränen aus. „Diese Schweine...“, schluchzte sie.

Mr. Ollivander sah sehr bestürzt und hilflos aus. Er traute sich nicht, sie zu berühren, geschweige denn, sie in den Arm zu nehmen und zu trösten. Noch nie war er in einer solchen Situation gewesen. Also setzte er sich in den Sessel ihr gegenüber, legte den Verbandskasten auf seine Knie und hielt ihn mit beiden Händen fest.

„Nun beruhigen Sie sich doch, Miss Granger. Es ist vorbei, sie sind hier in Sicherheit.“

Hermine sah ihn durch den Tränenschleier an. Er machte ein so hilfloses Gesicht, dass sie trotz der Tränen lächeln musste.

„Geht...geht schon wieder.“, schniefte sie und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. „Ich...ich bin nur so wütend. Diese Blödmänner. Was bilden die sich ein. Die meinen, nur weil Voldemort wieder da ist, können sie sich benehmen, als gehöre die Welt ihnen!“

„Leider tun sie das. Und sie haben Erfolg damit. Sie pöbeln so lange herum, bis die Leute kuschen. Und wir alle haben Angst, die einen mehr, die anderen weniger. Haben Sie in der letzten Zeit die Zeitungen der Muggel gelesen?“

„Meinen Sie die seltsamen Todesfälle?“

„Ja, die meine ich. Wir Zauberer wissen, woran die Opfer gestorben sind. Am Todesfluch. Und wir wissen auch, dass es entweder Feinde von Voldemort waren oder schlichtweg Zauberer, die einen oder zwei Muggel als Eltern hatten.“

„Meine Güte, dann hab ich ja richtig Glück gehabt?“

„Nun, ganz so schlimm ist es nicht. In der Winkelgasse trauen sie sich noch nicht, bis zum letzten zu gehen. Zu viele Zauberer sehen zu. Sie können sicher sein, dass das gerade auch beobachtet wurde.“

„Wieso hat mir dann keiner geholfen?“

„Wissen sie was Angst ist?“

„Ja...vielleicht...richtige Angst? Nein...“

„Kommen Sie, lassen sie mich jetzt mal nach ihren Ellenbogen sehen. Aber es ist vielleicht besser, wir gehen in mein Büro. Es muss ja nicht jeder sehen, dass sie bei mir sind.“

Er stand auf und klemmte den Verbandskasten unter den Arm. Hermine lehnte die Hand, die er ihr bot, ab und stolzierte mit ihren Päckchen unter dem Arm hinter ihm her in das Büro. Die Wunden waren schnell versorgt. Auch Mr. Ollivander besaß etwas von der schnellheilenden Salbe. Er bot ihr noch etwas zu trinken an, was sie dankend annahm, dann erklärte er ihr, wie und wohin die Reise gehen sollte.

„Wir werden zusehen, dass sie so schnell wie möglich losreisen. Ich rufe eben Henri an und sage ihm Bescheid.“

Während er per Kamin telefonierte, packte Hermine die neuen Schulsachen in den Koffer und fing Krummbein ein. Dieser wehrte sich vehement gegen den Käfig, musste sich aber doch beugen und war wieder genau so beleidigt, wie am Morgen.

„Der nächste Teil der Reise wird nicht so gemütlich, wie die Busfahrt, mein Lieber, stell dich schon mal darauf ein.“, sagte sie.

Mr. Ollivander holte das Buch aus dem Regal und schlug es auf. In dem Moment erklang die Türglocke und eine Stimme, die Hermine nur zu bekannt war, rief: „Hallo? Hallo, Bedienung?“

„Oh mein Gott, das sind sie wieder...“, flüsterte Hermine entsetzt.

„Schnell, legen Sie die Hand auf das Bild!“, flüsterte Mr. Ollivander. Dann rief er in Richtung Laden: „Moment, moment, ein alter Mann ist doch kein Schnellzug!“

Hermine raffte ihre Sachen zusammen, schaffte es kaum, Krumbeins Käfig unterzubringen und legte ihre Hand auf das Bild. Im nächsten Augenblick verschwamm ihre Erscheinung und löste sich auf. Mr. Ollivander klappte das Buch zu und eilte zum Vorhang. Gerade wurde er aufgerissen.

„Wo bleiben sie denn?“, fragte der kleine Dicke misstrauisch.

„Meine Gicht. Ich komme so schwer aus dem Stuhl hoch.“, verteidigte sich Ollivander und hob mit gespielt schmerzverzerrtem Gesicht sein linkes Bein.

„Ist hier so’n junges Mädchen reingekommen?“, fragte der Lange und sah sich aufmerksam im Büro um.

„Ja, Miss Granger war kurz da und kaufte ein Pflegemittel für ihren Zauberstab. Warum?“

„Ich will wissen, ob sie noch hier ist! Sie verstecken sie doch nicht. Oder?“

„Was wollen denn die Herren von der jungen Dame?“ fragte Mr. Ollivander.

„Geht sie nichts an!“, schnauzte der Dicke. „Wir dürfen uns doch mal umschauen?!“

„Meine Herren, das sind meine Privaträume, ich muss protestieren!“

„Schnauze! Wenn wir sie erwischen, dass sie ein Schlammblut verstecken, sind sie dran! Klar?“

Mr. Ollivander zog es vor, nachzugeben. „Bitte.“, sagte er kurz und wies mit der Hand in sein Büro. Er setzte sich an seinen Schreibtisch, öffnete das Buch und begann darin zu lesen.

Die beiden Todesser durchsuchten flüchtig den Laden, das Büro und seine Wohnräume, öffneten Schränke und sahen in den Kamin. Als sie nichts gefunden hatten, kamen sie noch einmal ins Büro und der Lange sagte drohend:

„Sie haben noch mal Glück gehabt. Aber ich warne sie! Wir behalten sie im Auge.“

Dann verließen sie den Laden.

 

***

 

Hermine landete hart auf dem steinumfassten Grashügel, auf dem schon Harry seine Reise beendet hatte. Krummbein war während des Fluges wie verrückt im Käfig herumgesprungen und hatte gefaucht und miaut. Glücklicherweise war der Käfig nach dem Aufprall heil geblieben. Als Hermine nach ihrem Kater sehen wollte, sträubte er sei Fell und fauchte sie an, als wäre sie ein Straßenköter, der ihm ans Leder wollte.

„Ganz ruhig, mein Kleiner,“, beruhigte sie ihn, „es ist vorbei!“

Sie stand auf und schaute sich um. Schwere Wolken zogen am Horizont auf und es schien nicht mehr lange zu dauern und ein Gewitter brach herein. In der Ferne konnte sie einen einspännigen Wagen erkennen, auf dem zwei Menschen saßen. Der Wagen hielt direkt auf den Hügel zu und näherte sich schnell.

Hermine nahm ihr Gepäck und ging den Hügel hinunter, bis sie an einen schmalen Fahrweg kam. Hier setzte sie den Koffer ab und wartete. Nach ein paar Minuten bog das Gespann um eine Kurve und Hermine konnte Harry und einen älteren Herrn erkennen, die auf dem Kutschbock saßen. Sie winkte und Harry winkte zurück. Wenige Augenblicke später hielt der Ältere das Pferd vor ihr an und Harry sprang vom Bock.

„Hallo Hermine!“, rief er. „Mensch...du siehst toll aus. Was hast Du mit deinen Haaren gemacht?“

„Hallo Harry, schön dich wiederzusehen. Gefällt es dir?“

„Jaaahhh“, strahlte Harry. „Das ist Henry...Pörpinjäng und das hier ist Hermine!“

„Freut mich, sie kennenzulernen. Wir haben schon viel über sie gesprochen. Sagen Sie ruhig Henry zu mir, ich heiße übrigens Henri Perpignan. Darf ich Sie Hermine nennen?“

„Selbstverständlich, freut mich, Henry!“ sagte Hermine und streckte ihm die Hand hin. Harry verlud inzwischen den Koffer auf die Ladefläche. Den Käfig mit Krummbein hielt Hermine immer noch in der Hand, und als Harry ihn ihr abnehmen wollte, lehnte sie dankend ab. Krummbein hätte sich so aufgeregt, dass er jetzt ihre Nähe bräuchte, erklärte sie. Henry half ihr auf den Kutschbock und Harry, da vorne nun kein Platz mehr war, schwang sich auf das Brett und hockte sich neben den Koffer.

In der Ferne kündete ein Donner das Nahen des Gewitters an. Der Wind frischte auf und verwandelte die weiten Grasflächen in ein wogendes Meer. Henry spornte das Pferd an, aber es spürte die Spannung in der Luft und trabte, so schnell es konnte. Als sie durch das Tor zu Perpignans Place fuhren, fielen die ersten dicken Tropfen aus den dunklen Wolken, die sich über dem Land zusammengezogen und dem Tag eine schwefelgelbe, düstere Stimmung verliehen. Sofort war die Luft feuchtigkeitsgeschwängert und roch schwer nach Regen. Der Wind böhte auf, Stroh wurde herumgewirbelt und Rattle, der Stallknecht mühte sich, die Tore zu schließen, die im Wind hin und her schlugen. Er sprang schnell herbei und hielt das Pferd, das begann, unruhig zu werden.

Noch bevor der Regen herunterplatzte waren sie vom Wagen gesprungen, die Treppe hochgelaufen und standen jetzt, schweratmend, aber trocken in der Eingangshalle. Rattle zog das Pferd in die Stallgasse und schloß das letzte Tor.

„Mein Gott, das ging aber schnell. Aber nach der Trockenheit wird es dem Land gut tun, mal wieder etwas Regen abzubekommen.“, sagte Henry, der sich als erster wieder erholt hatte.

Harry starrte Hermine an. Wie hatte sie sich verändert. Vor den Ferien war sie noch der „muffige“, bücherverschlingende Backfisch gewesen, brav und streberhaft, immer mit wichtiger Miene, und jetzt stand eine junge Frau vor ihm, die eine Ausstrahlung hatte, wie er sie nie bei ihr vermutet hätte. Diese Frisur! Er hatte nie bemerkt, wie hübsch sie war. Zu ersten mal sah er sie in Zivil, sah, dass sie eine weibliche Figur hatte und dass sie es sehr gut verstand, diese durch ihre Kleidung zu betonen. Harry war baff. Und mit einem mal überfiel ihn eine Schüchternheit, die er sonst nicht kannte. Er hatte das Gefühl, Hermine war um Jahre erwachsener geworden, während er immer noch der kleine Junge von vor 4 Jahren war und sich nicht weiter entwickelt hatte.

Als Hermine ihn ansah, wurde er rot und senkte unwillkürlich den Blick. Sein Herz begann zu schlagen, als hätte er eine Prüfung im Trimagischen Turnier vor sich. Seine Hände wurden feucht und in seinem Bauch stieg ein eigenartiges Kribbeln hoch, das er nur kannte, wenn er Cho gegenüber stand. Harry schluckte.

„Was ist los, Harry, ist dir nicht gut?“, fragte sie und sah ihn besorgt an.

„Doch, ...doch doch! Mir geht’s gut. Vielleich, weil wir so gelaufen sind...“

‚Herrgott,’ dachte er. ‚Schau woanders hin, Hermine!’

Zum Glück erlöste ihn Henry, indem er zu Hermine sagte: „Ich zeig ihnen mal ihr Zimmer. Wenn Sie sich ein wenig frisch machen wollen..., in einer halben Stunde treffen wir uns hier im Teesalon zum Lunch. Darf ich ihren Koffer nehmen?“

„Ja, danke, Henry, sehr freundlich von ihnen!“

Ihre Stimme! Harry erkannte nichts von ihr wieder. Und wie sie sich an Henry ranschmiss! Harry schüttelte den Kopf. Nein, das tat sie nun auch wieder nicht. Sie war freundlich, weil Henry freundlich war.

Hermine lächelte Harry zu und ging dann hinter Henry die Treppe hinauf. Harry quälte sich ein Lächeln ab, drehte sich um und ging in die Bibliothek. Er ließ sich in einen Sessel fallen und starrte aus dem Fenster. Dicke Regentropfen trommelten an die Scheibe, Wolken jagten grau und schwer über den Himmel, aber am Horizont zeigte sich wieder ein hellerer Streifen. Das Gewitter war heftig, aber es schien bald vorbei zu sein. Harry saß wie betäubt da. Sein Kopf war leer, nur das brennende Kribbeln tobte in seiner Brust. ‚Scheiße!“, dachte er. „Scheiße! Scheiße! Scheiße! Was ist nur los mit mir?“ Er versuchte an Cho zu denken, aber seine Erinnerung flutschte ihm förmlich aus den Händen. Cho war plötzlich uninteressant!!! Harry weigerte sich, die Erkenntnis, die ihm schwante, zu akzeptieren. Er weigerte sich auch, Hermine so zu sehen, wie er sie gerade eben noch erlebt hatte. Nein! Er wollte die Hermine wiederhaben, die er kannte. Seine Hermine! Oder?

Harry stand auf, seufzte und stellte sich vor das Fenster. Auf dem Kies hatten sich Pfützen gebildet. Eimerweise wurde der Regen aus den Wolken geschüttet. Er war viel zu verwirrt, um einen klaren Gedanken zu fassen. Immer wieder sah er Hermine vor sich. Es war nicht nur ihr Aussehen, das ihn beeindruckt hatte, sie wirkte viel selbstbewusster, war sich ihrer Wirkung bewusst. Was war in den Ferien geschehen?

Harry beschloss, erst einmal all seine Kraft zusammen zu nehmen und so normal wie möglich mit ihr umzugehen. Im lockeren Umgang miteinander erzählte sie ihm womöglich etwas, was ihm die Veränderung greifbarer machte. Schon letztes Jahr hatte sie eine gewisse Selbständigkeit gezeigt, als sie ihre Affäre mit Victor Krum angefangen hatte. War er damals eifersüchtig gewesen? Nein, allerhöchstens auf Victor, weil er den Mut besessen hatte, mit Hermine was anzufangen. Den Mut hatte er nicht. ‚Willuballmimir’ schoss ihm Übelkeit erregend durch den Kopf. Wie peinlich war es ihm gewesen, so versagt zu haben, als er Cho fragen wollte, ob sie mit ihm auf den Ball ging. Und dann war sie auch noch mit Diggory gegangen. Wie geht man mit Mädchen um? Vielleicht musste er sein Verhalten Hermine gegenüber ändern, doch er hatte noch keine Idee, wie.

Zu allem Überdruss hörte er jetzt auch noch Hermine und Henry lachend die Treppe herunterkommen. Er schloss die Augen und atmete tief durch. ‚Sei ganz normal!...Sei nett zu ihr!...Frag sie, wie die Ferien waren!...Frag sie irgendwas, so dass sie redet!...Ich bring kein Wort heraus!’, dachte er. Er stieß die Luft aus, straffte sich, warf einen letzten Blick durchs Fenster, so als würde er doch noch einen Rettungsanker suchen, dann ging er zur Tür und trat in die Halle.

„Harry, du hättest mir ruhig schreiben können wie schön es hier ist. Ich finde es total nett von euch, dass ihr mich eingeladen habt.“

„Jepp!“, war das einzige, was er heraus brachte. Immerhin stand er nicht mehr wie ein Idiot herum und wusste nichts mit sich anzufangen. Er brachte sogar ein Lächeln zustande, das sie erwiderte. Henry wies mit einer Hand zur Tür des Teesalons und sagte:

„Nach ihnen, Hermine.“

Harry sah ihr nach, wie sie durch die Tür schritt. Bewundernswert. Wo nahm sie auf einmal diese Haltung her? Er schlurfte als letzter hinterher und setzte sich an eine der Längsseiten des Tisches. Hermine saß natürlich Henry gegenüber. Arthur trat in Erscheinung und sorgte dafür, dass alle so reichlich nehmen konnten, bis sie nicht mehr wollten.

„Sie waren auf Mallorca?“, fragte Henry.

‚Das war meine Frage!’ dachte Harry und warf einen zornigen Seitenblick auf Henry.

Dieser bemerkte ihn aber nicht, sondern sah erwartungsvoll auf Hermine.

„Ja, es war wunderschön dort. Meine Eltern hatten ein Appartement in einer herrlichen Anlage gemietet. Es waren nur 5 Minuten bis zum Strand. Und Mallorca ist ja eine schöne Insel. Ich hatte sie mir vorgestellt, wie einen einzigen Touristensilo mit einer Kneipe neben der Anderen, aber das stimmt gar nicht.“

„Ja, ich kenne Mallorca, es ist aber schon eine Weile her, dass ich da war, es ist mir zu warm dort.“

„Warm ist es. Wir hatten drei Wochen wunderschönstes Wetter.“

„Das sieht man.“, sagte Harry, glücklich etwas sinnvolles gesagt zu haben.

„Pa ist ja immer etwas unruhig im Urlaub. Ma und ich liegen gerne am Strand und entspannen uns, aber Pa kann das nicht. Einmal hat er uns auf den Puig Major geschleppt. Das ist der höchste Berg von Mallorca, so etwa 1.400 m hoch. Zuerst haben wir ziemlich geschimpft, aber da oben war es schön kühl und man hat ja eine Aussicht! Wunderbar!“

„Stimmt, ich erinnere mich. Waren sie auch in Palma?“

„Ja, mehrmals. Man kann schön bummeln gehen. Und es gibt schöne Kunstausstellungen.“

„Wo waren sie denn da?“

“Carrer Sant Miquel und Passeig des Born. Sant Miquel hat eine tolle Sammlung. Miro, Picasso und so weiter.“

Harry ärgerte sich, dass er nicht mitreden konnte. Warum verdammt noch mal war er bei diesen Trotteln von Dursleys aufgewachsen. Seine Eltern hätten ihm bestimmt die Welt gezeigt, und dann stände er heute nicht so dumm da.

„Waren Sie auch in den Königsgärten?“, fragte Henri, dem immer mehr Stellen einfielen, die er früher gerne besucht hatte.

„Ja, sie sind schön. Das ist ein guter Ort um Pause zu machen. Man glaubt fast nicht, in einer Großstadt zu sein, wenn man dort ist.“

Schließlich war das Essen beendet, und Harry war erleichtert. Hermine hatte nichts von seinem Geisteszustand bemerkt, im Gegenteil, sie war sehr nett zu ihm und sah ihn oft an, wenn sie erzählte.

Als sie dann auf die Ereignisse in der Winkelgasse zu sprechen kam, vergaß Harry seine Probleme sogar für eine Weile, empfand echte Teilnahme und fragte besorgt nach. Henry machte ein sehr ernstes Gesicht und meinte:

„Wir müssen, glaube ich, noch vorsichtiger werden. Ich frage mich, warum George nicht wieder John zum Einkaufen geschickt hat. Wenn die Todesser schlau sind, könnte es sein, dass sie Rückschlüsse auf Harry ziehen. Dann ist es möglich, dass wir unerwünschten Besuch bekommen.“

Harry und Hermine nickten betroffen und die alte Angst machte sich bei Harry wieder bemerkbar.

Henry lächelte wieder, wie er es immer machte, wenn eine Situation ernst erschien.

„Schauen wir mal. Wir haben ja eine gute Informationsquelle und mein Heim ist gar nicht so ohne. Hier seid ihr erst mal sicher.“

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