4. Zauberlehrling
Impressum Fan Fiction Links Mein neues Buch

Nach oben
1. Die Flucht
2. Düstere Zeiten
3. Auf Perpignans Place
4. Zauberlehrling
5. Hermine
6. Bücherwürmer
7. Spurensuche
8. Der Angriff
9. Eine Entscheidung
Weiter gehts mit...

 

zurück zur Startseite

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Harry aufwachte. Er hatte blendend geschlafen. Irgend etwas hatte ihn geweckt. Jetzt hörte er das leise Klopfen an der Tür, das er unbewusst im Schlaf wahrgenommen hatte.

„Ja?“ rief er und setzte sich auf.

Die Tür öffnete sich und Arthur steckte seinen Kopf durch den Spalt.

„Guten Morgen, Master Potter. Es ist wunderschönes Wetter und Mr. Perpignan würde nach dem Frühstück gerne einen kleinen Spaziergang mit ihnen machen. Er beauftragte mich, sie zu wecken.“

„Danke, Mr. ... äh, Arthur!”, sagte Harry. Er konnte sich nicht daran gewöhnen, wie ein Herr behandelt zu werden.

„Haben sie noch einen besonderen Wunsch zum Frühstück, Master Potter?“

„Nee, ähm, vielleicht einen Toast und Honig. Haben Sie auch Malzkaffee?“

„Selbstverständlich, Master Potter.“, sagte Arthur. „Ich habe im Teesalon eingedeckt, wo sie gestern Abend gespeist haben.“

Arthur zog seinen Kopf zurück und schloss die Tür. Harry ließ sich wieder in die Kissen zurück sinken und betrachtete die Deckenmalerei. Wie schön musste es sein, so reich und sorgenfrei zu leben. Durch das geöffnete Fenster hörte er Vogelgezwitscher und das leise Plätschern des Zierbrunnens. Hier herrschten ganz andere Laute als im Ligusterweg. Dort waren zwischen 7 und 8 Uhr nur die Motoren der Leute zu hören, die zur Arbeit fuhren. Danach war meistens bis Mittag, wenn die Kinder von der Schule kamen, drückende Stille. Nicht einmal die Vögel, die es natürlich auch im Ligusterweg gab, nahm man wahr. Am späten Nachmittag liefen die Rasenmäher und an den heißen Tagen im Sommer konnte man das regelmäßige Ticktick der Rasensprenger hören. Noch später kamen dann die Jugendlichen mit ihren Mopeds. Alles in allem waren die Geräusche im Ligusterweg eher künstlich und störten.

Hier dagegen stimmten einen die Laute fröhlich, sie strahlten eine natürliche Ruhe aus, auch wenn sie viel deutlicher in das Bewusstsein traten, als die Alltagsgeräusche der Stadt. Sie waren runder und weicher, variantenreicher und gehörten schlichtweg in die Welt. Harry war am vorherigen Abend, wenn im Gespräch mit Henri eine Pause entstanden war, das gleichmäßige, hölzerne und langsame Klacken der Standuhr aufgefallen. Alles hier schien sich in dieser langsamen und gleichmäßigen Art zu bewegen. Beim Weggehen von Arthur hatte Harry die gleichmäßigen Schritte und das Knarren des Parkettbodens gehört und gewusst, dass hier nichts in Eile geschah.

Was für ein Ort war das! Selbst in Hogwarts herrschte oft Hektik und das helle klirrende Lachen und das Getrappel der Schüler in den Fluren erfüllte die Luft. Der einzige Platz, an dem eine ähnliche Ruhe herrschte, war die Hütte von Rubeus Hagrid, den Harry gerne besuchte, und mit einem mal wurde ihm klar, dass er es nicht nur wegen Hagrid tat, sondern weil er diese Ruhe so als wohltuend empfand. In diesem Augenblick liebte Harry die Welt und das Leben so abgrundtief, dass er das Gefühl hatte, davon zerrissen zu werden.

Er stand auf. Seine Sachen hatte er gestern Abend achtlos über den Stuhl am Sekretär geworfen. Jetzt lagen sie ordentlich gefaltet auf der Lehne. War in der Nacht jemand hergekommen und hatte hier aufgeräumt? Harry wusch sich im Bad und versuchte, seine widerspenstigen Haare mit einem Schildpatt-Kamm zu zähmen. Dann zog er sich an. Er hatte keine Lust, den Umhang und den spitzen Hut anzuziehen. Sie kamen ihm so uniformiert vor und er fand, dass es hier nicht angebracht wäre. Vielmehr wählte er eine Jeans und ein T-Shirt. Henry hatte gestern auch keine Zaubererkleidung getragen. Er sah eher aus wie ein englischer Landlord. Das einzige Problem war, dass er den Zauberstab nicht in den Ärmel stecken konnte. Also nahm er seine Umhängetasche und verstaute ihn dort. Er hatte sich angewöhnt, wenn er außerhalb des Ligusterwegs war, immer seinen Zauberstab bei sich zu tragen.

Harry ging hinunter zum Frühstück, das er allein zu sich nahm. Nur Arthur hielt sich diskret im Hintergrund und sorgte dafür, dass es Harry an nichts mangelte. Nachdem Harry fünf gebutterte Toasts mit Honig und zwei Tassen Malzkaffee zu sich genommen hatte, stand er auf und ging in den Garten vor dem Haus. Henry unterhielt sich in der Wagenremise mit Rattle. Als er Harry die Treppe herunter kommen sah, klopfte er Rattle freundschaftlich auf die Schulter und kam zu Harry herüber.

„Guten Morgen Harry,“, sagte er fröhlich. „Gut geschlafen?“

„Guten Morgen, ja ausgezeichnet. Sie wollten mit mir einen Spaziergang machen?“

„Ja, lassen Sie uns ein wenig die Gegend erkunden. Ich denke, da kann man am Besten darüber reden, wie wir die nächsten Tage verbringen wollen. Haben Sie ihren Zauberstab mit?“

„Ja, warum?“

„Vielleicht brauchen Sie ihn. Lassen Sie sich überraschen..“

Sie wandten sich zur Einfahrt und gingen gemütlich über den Kiesweg. Der Kies knirschte unter ihren Schuhen. Am Tor wandten Sie sich nach rechts und gingen auf dem Fahrweg im Schatten der Kastanien an der efeubewachsenen Mauer entlang. 

„Ich habe mir vorgenommen, Ihnen ein wenig von meinen Ländreien zu zeigen.“, begann Henry. „Waren Sie schon mal hier in der Gegend?“

Harry verneinte. Er atmete tief durch und sog die frische, kühle Luft ein.

„Es ist sehr schön hier. Heute morgen habe ich an den Ligusterweg gedacht und ich muss sagen, schade, dass nicht alle Menschen so leben könne wie Sie. Vielleicht wären Onkel Vernon und Tante Petunia dann auch besser drauf.“

„Ja, vielleicht. Aber glauben Sie nicht, dass es hier nicht auch zu Streitereien kommen kann.“

„Gehört das alles Ihnen?“, fragte Harry und fuhr mit der Hand die Linie Horizonts entlang.

„Zum Teil, ja. In dieser Richtung reicht mein Land bis zum Horizont. Im Westen grenzt es an eine Abtei. Wir werden gleich in einen Wald kommen, hinter dem die Grenze verläuft. Und der Hügel, an dem Sie angekommen ist, ist die nördliche Spitze meiner Ländreien. Im Osten reicht es bis auf wenige Meilen ans Meer. Der letzte Streifen ist staatliches Land und im Süden endet es kurz hinterm Horizont.“

„Das ist ja gewaltig. Sind Sie ein Lord oder so etwas?“

„Nein. Mein Ururururgroßvater konnte damals keinen Titel annehmen, auch wennn seine Frau eine Adelige war. Er kam halt aus Frankreich und damals bestand noch die Feindschaft zwischen den beiden Ländern. Aber macht das etwas aus?“

„Nöö. Ich dachte nur, dass so viel Land nur im Besitz von Adeligen sein kann.“

Die beiden bogen auf den Weg ein, der vor dem Tor an der Mauer entlang führte. Eine Weile schwiegen sie. Nach ein paar hundert Metern, auf denen sich Harry ziemlich unwohl fühlte, machte die Mauer einen Knick vom Hauptweg weg. Ein kleiner Turm markierte die Ecke. Vom Hauptweg aus führte ein Trampelpfad an der Mauer weiter.

„Es wird eine Menge Recherchearbeit auf uns zukommen.“, fing Henry an. „Ich kann mir vorstellen, dass das nervenaufreibend und langweilig ist.“

Harry dachte an die langen Stunden in der Bibliothek von Hogwarts und fühlte schon jetzt seine Lust schwinden.

„Aber, was halten Sie davon, dass wir die Aufgabe, die auf Sie zukommt, mal richtig vorbereiten. Ich hätte Freude daran, wissen Sie, seit ich in den Ruhestand gegangen bin habe ich lange keinen Spass mehr gehabt.“

„Wie wollen Sie das vorbereiten? Ich meine, welche Aufgabe habe ich?“

„Jeder Mensch hat zu jedem Zeitpunkt eine Aufgabe. Ihre Aufgabe im Moment ist, zu überleben.“

Harry wurde rot. Natürlich wollte er Voldemort entkommen. Die Frage hatte er nur gestellt, weil er mit widerwillen an langweilige Stunden in der Bibliothek dachte.

„Ja schon,“, sagte er. „Das weiß ich natürlich. Meinen Sie, dass es wirklich so dramatisch ist?“

„Harry, ich glaube sie kennen Voldemort. Er wird nicht ruhen, bis er Sie aus dem Weg geschafft hat. Von allen Gegnern habe Sie sich als der Zäheste erwiesen, auch wenn Sie vielleicht in der Vergangenheit eher Glück als Können gezeigt haben. Immerhin verdankt Voldemort es Ihnen und niemand anderem, dass er 14 Jahre knapp an der Schwelle des Todes vegitiert hat. Können Sie sich vorstellen, dass sich ein so mächtiger Magier von einem Knaben an der Nase herumführen lassen will?“

Harry wurde verlegen. Es war eine deutliche Zurechtweisung und Harry schämte sich, so viel Dummheit gezeigt zu haben.

„Sie haben recht...“, sagte er hilflos.

 „Nun machen Sie mal nicht so ein Gesicht.“, grinste Henry und klopfte Harry auf die Schulter. „Ich war auch mal jung und habe nichts wirklich ernst genommen. Ich habe mir folgendes überlegt. Natürlich müssen wir einige Stunden, wenn nicht Tage mit Büchern verbringen. Aber ich weiß, dass die Konzentration schnell nachläßt, vor allem, wenn man lange kein Ergebnis hat. Deshalb denke ich, wir werden auch einige Experimente in meinem Labor durchführen. Es gibt da einige Wässerchen und Pülverchen, die ich mit Ihnen zusammen herstellen möchte, damit Sie sich einen kleinen Vorrat zusammenstellen können. Ich habe ein paar Rezepte, die mir in meiner aktiven Laufbahn immer wieder weitergeholfen haben und ich kann mir vorstellen dass Sie sie brauchen werden. Wie steht es denn mit Ihrem Wissen über die Verteidigung gegen die dunklen Künste?“

„Wir haben immer Probleme mit unseren Lehrern gehabt.“, antwortete Harry. „Am schlimmsten war Profesor Lockheart, bei dem haben wir gar nichts gelernt.“

„Ach Lockheart, diese Pfeife! Das kann ich mir vorstellen.“

„Am Besten hat mir der Unterricht bei Profesor Lupin gefallen, aber da haben wir hauptsächlich magische Wesen wie Grindelohs und Rotkappen durchgenommen. Im letzten Jahr hat uns Barty Crouch Junior etwas über Flüche beigebracht. Er hatte sich mit Vielsafttrank in Mr. Moody verwandelt.“

„Ja, ich kenne die Geschichte.“

Der Weg führte nun von der Villa weg, über das offene Feld und auf einen lichten Wald zu.

„Dann werden wir uns also auch mit ein paar wirksamen Flüchen auseinander setzen.“

„Warum tun Sie das alles?“ fragte Harry.

„Vielleicht, um nicht aus der Übung zu kommen. Vielleicht auch, weil ich Freude daran habe, das was ich gelernt habe, weiterzugeben. Vielleicht auch, weil ich sehe, dass Sie Hilfe brauchen, auch wenn Sie das nicht selber einsehen wollen. George Ollivander wußte schon, warum er Sie zu mir schickte. Er kennt mich.“

Der Wald wurde immer dichter. Zuerst hatten Buchen und Eichen viel Licht auf den Boden gelassen. Je weiter sie jedoch in den Wald vordrangen, desto mehr bestimmten Tannen den Bewuchs. Nur ein schmaler Streifen blauen Himmels war über dem Weg zu erkennen. Mit einem mal tat sich eine grasbewachsene Lichtung auf, in deren Mitte ein Kreis aus großen Steinen gebildet war.

„Wir sind da.“, sagte Henry.

„Was wollen wir hier?“, fragte Harry, dem es langsam unheimlich geworden war, zumal Henry die letzten Minuten nicht mehr gesprochen hatte.

„Das ist ein Ort, den ich früher oft besucht habe. Sagen wir mal so, das ist mein magischer Schießplatz. Hier habe ich verschiedenste Flüche und Zauber ausprobiert. Der Ort ist ein alter heiliger Platz der Kelten, wo sich schon vor 2000 Jahren die Druiden in ihrer Kunst geübt haben.“

Sie gingen durch ein Steintor in den Kreis. In der Mitte des Kreises bleib Henry vor einem Tisch aus Steinen stehen und drehte sich zu Harry um.

„Der Vorteil dieses Platzes ist, dass kein Zauber reellen Schaden anrichten kann. Die Druiden haben ihn so angelegt, dass verirrte Flücke direkt nach oben ins All geleitet werden und dort verklingen können. Außerhalb der Mauer kann man gefahrlos stehen und zusehen. Mein Vater brachte mich damals her und zeigte mir eine Menge an Flüchen, die ich hier üben konnte. Das gleiche habe ich mit Ihnen vor.“

Harry staunte. In Hogwarts hatte er viel gelernt, aber als er das hier sah, und die Erklärungen von Henry hörte, kam ihm der Verdacht, dass dort nur eine Grundausbildung stattfand. Wie viele Geheimnisse mußte es geben, die womöglich nur von den Eltern an die Kinder weitergegeben wurden. Er begann neugierig zu werden.

„Für heute habe ich mir nur ein paar Kleinigkeiten vorgenommen. Ein paar Zauber, die Ihnen Wege öffnen sollen. Zauber, die sowohl in der Schwarzen Magie als auch in der Weißen Magie verwandt werden. Harmlose Zauber, die aber recht nützlich sind. Ich denke, sie werden in Hogwarts nicht gelehrt, weil man sie auf beiden Seiten anwenden kann.“

„Wir haben in Hogwarts auch den Imperius-Fluch gelernt!“, sagte Harry mit einem leichten Anflug von Entrüstung.

„Gut. Das lass ich so stehen. Anwenden dürfen Sie ihn jedenfalls nicht. Die Sprüche, die ich Ihnen heute zeigen will, können von dunklen Magiern dazu verwandt werden, große Zerstörungen zu verursachen. Denken Sie an Peter Pettigrew!“

„Der hat eine Bombe platzen lassen!“

„So ungefähr. Genaugenommen war es ein Pulverisierungsfluch, der je nach Art der Anwendung ziemlich heftige Reaktionen ablaufen lassen kann.“

„Kann man einen Fluch unterschiedlich anwenden?“, fragte Harry erstaunt.

„Ja. Haben Sie noch keine sequenziellen Sprüche in Hogwarts durchgenommen?“

„Was für Sprüche?“

„Sequenziellen Sprüche. Das sind Sprüche, die sich aus mehreren Begriffen zusammensetzen lassen. Die nachfolgenden Worte wandeln den Spruch in die eine oder andere Richtung ab. Geben Sie mir mal Ihren Stab?“

Harry reichte ihm den Stab. Henry ging zu dem Tisch, hob zwei Kiesel auf und legte sie mit etwas Abstand auf die Steinplatte. Dann ging er ein paar Schritte zurück, bedeutete Harry, es ebenso zu tun, und hob den Zauberstab.

„Distensia fluvium!“, sagte er und deutete mit dem Zauberstab auf einen Kiesel. Der Kiesel begann, sich vor Harrys Augen in Sand aufzulösen. Er floss förmlich weg.

„Distensia explosivum!“ rief Henry, während er den Zauberstab auf den zweiten Kiesel richtete.

Mit einem ohrenbetäubenden Knall zerbarst der Kiesel in tausende von Stücke, die mit lautem Pfeifen durch die Luft flogen.

„Habe Sie den Unterschied bemerkt?“, fragte Henry und grinste.

„Keine Frage!“, antwortete Harry staunend.

„Hier, probieren Sie es!“, sagte Henry und reichte Harry den Stab. Wieder legte er zwei Kiesel auf den Tisch und trat zurück.

„Konzentrieren Sie sich... und los.“

Harry hob den Zauberstab, richtete ihn auf einen der Kiesel und sagte:

„Distensia explosivum!“

Der Kiesel machte „Plop!“ und rührte sich nicht mehr.

„Sie müssen sich etwas besser konzentrieren. Die sequenziellen Sprüche sind nicht ganz einfach. Man muss die Gedanken auf beide Teile richten. Man schaltet sozusagen zwischen dem ‚Distensia’ und dem ‚explosivum’ um. Versuchen Sie es noch einmal, aber nehmen Sie zuerst ‚fluvium’, sonst fällt der zweite Kiesel vom Tisch.“

Harry holte tief Luft und konzentrierte sich. ‚Distensia fluvium, Distensia fluvium’ dachte er und versuchte sich auf jedes der Worte besonders zu konzentrieren. Er hob den Zauberstab.

„Distensia fluvium!“, sagte er und deutete auf einen der Kiesel.

Der Kiesel wurde weich und etwas Sand rieselte an ihm herunter.

„Distensia fluvium!“, sagte er noch mal, versuchte sich noch besser auf die Worte zu konzentrieren und, siehe da, der Kiesel verlor an Form.

„Sehr gut!“, lobte Henry, „Sie machen das ganz ausgezeichnet.“

Harry dachte daran, wie er den „Accio“-Spruch geübt hatte. Mit einem mal hatte er das Gefühl, zu wissen, wie er sich zu konzentrieren hatte. Wieder hob er den Stab, richtete ihn auf den zweiten Kiesel und rief:

„Distensia explosivum!“

Mit einem lauten Knall zerstob der Kiesel. Harry strahlte vor Stolz und Henry klatschte beifällig in die Hände. „Sie lernen schnell, Harry, das muss ich schon sagen.“

„Ich habe daran gedacht, wie ich mit Hermine den ‚Accio’ geübt habe. Da ging es ganz leicht.“

Henry sah Harry prüfend an. „Hermine scheint eine wichtige Rolle in Ihrem Leben zu spielen.“, meinte er.

„Wir sind bloß befreundet.“, sagte Harry abwehrend.

„So meinte ich es auch nicht. Aber sie scheint Ihnen bisher oft geholfen zu haben. Nach dem, was Sie mir gestern erzählten, hecken Sie viele Dinge gemeinsam aus, nicht wahr?“

„Ron ist aber immer auch dabei!“, sagte Harry.

„Gut. Ron ist in Rumänien, sagte Sie?“

„Ja. Und Hermine ist auf Mallorca... gewesen.“

„Was halten Sie davon, wenn wir Hermine einladen, uns zu besuchen?“

„Wie bitte?“, fragte Harry, als hätte er nicht verstanden.

„Nun, ich denke, sie kann uns unterstützen, wenn wir die Bücher nach Brauchbarem durchforsten. Sie erzählten doch gestern, dass Hermine liebend gern Bücher liest. Und so ganz nebenbei haben Sie auch noch etwas Gesellschaft. Ich werde nämlich nicht immer in den 4 Wochen da sein. Ab und zu mal muss ich geschäftlich für ein, zwei Tage fort und es kann sehr einsam sein, hier draußen.“

„Das wäre toll.“, sagte Harry. „Wenn Sie das erlauben...“

„Der Vorschlag kam ja von mir. Lassen Sie uns noch ein wenig üben, und wenn wir wieder zu Hause sind, schreiben Sie ihr einen Brief. Dann werden wir sehen, wie wir ihn schicken können.“

Harry freute sich riesig. Gemeinsam machte es viel mehr Spaß, neue Dinge zu entdecken. Henry hatte heute schon so viel angedeutet, was Harry noch kennen lernen sollte. Hermine würde begeistern sein, konnte sie doch endlich wieder lernen. Und Harry wollte ihr auch den Luxus zeigen, in dem er gerade lebte. Ein bisschen Stolz schwang in seinen Gedanken mit.

Sie übten noch weitere Abwandlungen des Distensia-Spruches. Eine besonders interessante Variante war die, einen Kiesel in Luft aufzulösen, oder die, den Kiesel wie einen Flummi hüpfen zu lassen, wobei er immer kleiner wurde und rote Flecken auf dem Tisch hinterließ. Dann brachte Henry Harry noch den Schrumpf-Zauber bei, bei dem er den Kiesel beliebig kleiner werden lassen konnte und natürlich auch die andere Seite, den Bläh-Zauber, mit dem er aus einem kleinen Kiesel einen Felsbrocken machen konnte. Harry war begeistert, zumal Henry ihm immer erklärte, wozu man einen solchen Zauber brauchen konnte. Zum Schluss versuchten sie, die Sprüche ohne Stab auszuführen. Henry behauptete, manche Zauberer könnten das, es benötige nur etwas mehr Übung. Harry mühte sich, schaffte aber nicht einmal den Accio, den er mit Stab wie im Schlaf beherrschte.

Nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen gab er auf. Als sie sich zum Gehen wandten, hob Henry die Hand und sagte „Accio Kiesel“. Der Stein erhob sich von der Tischplatte und schwebte auf seine Hand zu. Harry starrte mit offenem Mund dem Kiesel hinterher.

„Hmmm, das hat schon mal besser geklappt. Ohne Stab habe ich es schon jahrelang nicht mehr versucht.“, meinte Henry und wackelte kritisch mit dem Kopf.

„Das muss ich auch üben.“, sagte Harry. „Das werden die auf Hogwarts nie glauben, wenn sie das sehen!“

„Na, wenn das keine Motivation ist. Ich werde Ihnen ein paar Konzentrationsübungen zeigen. Selbst für Zauberer ist Yoga manchmal nicht schlecht. Ich habe viel in Indien gelernt. Die Inder haben sehr gute Techniken der Konzentration und ich meine nicht nur die Zauberer sondern gerade die Muggel. Was die mit Konzentration fertig bringen, das grenzt fast an Zauberei. Haben Sie schon mal einen Yogi gesehen, der schweben konnte?“

„Nein, aber gehört habe ich davon. Hab ich nie geglaubt.“

„Alles eine Sache der Konzentration. Wollen wir?“

Harry nickte. Sie gingen den gleichen Weg wieder zurück. Jetzt schien der Wald nicht mehr so dunkel und unheimlich. Harry bekam langsam Hunger und beide mussten laut lachen, als sein Magen laut und vernehmlich knurrte.

„Wir kommen fast zu spät zum Lunch.“, sagte Henry, als sie in die Hofeinfahrt einbogen. Arthur hatte schon den Tisch gedeckt und wartete in der Eingangshalle. Zu diesem Zweck war ein bequemer Stuhl in der Halle aufgestellt worden. Arthur war schon sehr alt, Henry hatte von dem unglaublichen Alter von 122 Jahren erzählt. Henrys Vater war recht früh gestorben. Henry war gerade 15 Jahre alt geworden, als sein Vater krank wurde. Auf dem Sterbebett hatte sein Vater zu Arthur, der damals schon Butler auf Perpignans Place war, gesagt, er solle auf seinen Sohn aufpassen. Arthur hatte sich das zu Herzen genommen und beschlossen, so lange zu leben, bis Henry irgendwann gestorben war. Wie auch immer er es schaffte, er wurde Jahr für Jahr älter, sah immer klappriger aus, gab aber nie auf. Er erledige alle Arbeiten, egal, wie schwer sie waren mit gleichbleibender Gelassenheit und einem einzigartig würdevollen Stil. Er starb einfach nicht, und wenn man ihn fragte, ob er langsam nicht müde würde, hob Arthur stolz den Kopf, reckte sich hoch und antwortete, seine Zeit sei lange noch nicht gekommen.

Arthur war eingenickt und schreckte hoch, als die beiden durch die Tür in die Eingangshalle kamen.

„Oh, Mr. Perpignan und der junge Master!“ sagte er und erhob sich. Er strich seine Livree glatt, legte das Tuch, das er immer beim Servierentrug, über seinen Arm und wies auf die Tür zum Salon.

„Es ist bereits gedeckt. Ich werde sofort in die Küche eilen und die Speisen auftragen. Wenn Sie schon mal geruhen würden, Platz zu nehmen, in fünf Minuten ist angerichtet.“

„Danke, Arthur.“, sagte Henry. „Lassen Sie sich ruhig Zeit. Wir verhungern nicht.“

Arthur war aber schon durch eine Wandtür zwischen den Treppen hinausgeeilt und rief im Laufen die Kommandos an das Küchenpersonal.

Das Essen war ausgezeichnet. Es gab zwar einfache, aber sehr schmackhafte Kost, zu Nachtisch etwas frisches Obst und einen Kaffee, den auch Harry dankend annahm, denn er befürchtete, müde zu werden. Während des Essens besprachen sie, wie sie den Brief an Hermine schicken wollten. Es gab einiges zu bedenken, da der Brief nicht in Voldemorts Hände gelangen sollte.

„Wir werden den Brief doppelt absichern.“, sagte Henry, „Ich kann ihn mit einem Persönlichkeitszauber verschlüsseln, so dass nur der Empfänger in der Lage ist, ihn zu lesen. Nur brauche ich einen Gegenstand, der sehr persönlich mit ihr zusammenhängt. Haben Sie irgendetwas in der Richtung?“

Harry überlegte. Natürlich, sie hatte ihm zum Geburtstag geschrieben und den Brief hatte er noch in seinem Koffer.

„Kein Problem, wir nehmen den Brief, den sie mir geschrieben hat.“, sagte Harry.

„Das ist gut. Dann werden wir ihn noch mit einem Siegel versehen, der ihn über den Trannsport unsichtbar macht. Erst, wenn er bei Hermine ist, wird er wieder sichtbar. Und schließlich werden wir ihn mit einem Pulver bestreuen, das ihn nach dem Lesen zerstört.“

„Und wie werden wir ihn schicken?“, fragte Harry.

„Wir werden George anrufen. Wenn wir über unsere Kamine Kontakt haben, kann ich George den Brief durchreichen und er schickt ihn dann per Eule weiter.“

„Ja, das klingt gut.“

Nach dem Essen trennten sie sich für eine Stunde. Henry wollte ein wenig schlafen. Sie zogen sich in ihre Räume zurück. Harry setzte sich an den Sekretär, um mit dem Schreiben anzufangen. In einer Schublade fand er mehrere Bögen Pergament, alle mit der Prägung eines Wappens, offensichtlich das Familienwappen der Perpignons. In eine andere Schublade war ein Tintenfass eingebaut, neben dem einige spitze Federn und die üblichen Utensilien wie Klingen zum Radieren und ein Fläschchen mit feinem, weißem Sand lagen. Er legte sich einen Bogen zurecht und begann zu schreiben.

 

„Hallo Hermine,

 

es sind aufregende Dinge passiert. Lord Voldemort hat versucht, mich zu erwischen. Gott sei Dank habe ich es rechtzeitig gemerkt und konnte in die Winkelgasse entkommen. Mr. Ollivander half mir, jemanden zu finden, bei dem ich untertauchen kann. Ich bin jetzt auf dem Lande, bei einem guten Freund von Mr. Ollivander. Dieser Freund, dessen Namen ich hier noch nicht nennen möchte, hilft mir, mich gegen Voldemort zu schützen.

Der Freund ist klasse. Was er alles weiß, ist einfach irre. Heute haben wir ein paar Zauber geübt und das hat richtig Spaß gemacht. Seine Bibliothek ist gigantisch. Ich glaube, es würde Dir riesigen Spaß machen darin rumzustöbern. Du liebst doch Bücher so.

Der Freund hat mir einen Vorschlag gemacht. Er hat mich gefragt, ob wir Dich zu uns einladen sollen. Magst Du kommen?

Wenn Du kommen möchtest, dann gehe zu Mr. Ollivander. Reise am besten mit Flohpulver, dann sieht Dich keiner. Mr. Ollivander kann dann eine Verbindung zu uns herstellen und sorgt auch für die Reise. Ich würde mich freuen, wenn Du kommen könntest. Wir haben ja noch zwei Wochen mehr Ferien, also noch 4 Wochen, in denen wir noch einiges erleben können.

 

Viele Grüße

 

Harry

 

 

P.S. Wundere Dich nicht, der Brief wird sich selbst zerstören, wenn Du ihn gelesen hast. Er soll nicht in fremde Hände fallen.“

 

Harry rollte den Brief zusammen und steckte ihn in seine Tasche. Dann ging er zum Himmelbett um sich hinzulegen. Ein Rascheln ließ ihn herumfahren. Der Sekretär begann, sich selber aufzuräumen. Das Tintenfass, das er offen gelassen hatte, wurde wie durch Geisterhand zugeschraubt, die Feder verschwand wieder an ihrem Platz und die Schubladen schoben sich zu. Harry erinnerte sich an seine sauber gefalteten und aufgeräumten Kleider und begriff. Hier lief wohl alles automatisch. Jetzt verstand er auch, das das große Haus pieksauber war. Immer stand alles auf seinem Platz und kein Staubkorn war zu sehen. Selbst die Spuren ihrer Schuhe in der Eingangshalle, der Dreck, den sie vom Spaziergang mitgebracht hatten, war nach dem Essen nicht mehr da, obwohl er nicht beobachten konnte, dass irgendjemand den Boden gewischt hatte.

Anerkennend pfiff er durch die Zähne. Immer mehr wurde ihm bewusst, dass die Zaubererwelt viel größer war als er sich je hatte träumen lassen. Er war gespannt, was Henry ihm heute nachmittag zeigte. Am liebsten würde er wieder in den Wald gehen, zum Steinkreis. Harry hatte noch nie im Leben einen so spannenden und lehrreichen Unterricht erlebt. Nicht einmal die Stunden bei Mad-Eye Moody, die ja schon absolut einzigartig gewesen waren, kamen da heran.

Er legte sich auf sein Bett und las ein wenig in dem Buch ‚Quidditch im Wandel der Zeiten

’. Schon lange hatte er nicht mehr Quiddich gespielt. Er sehnte sich danach, wieder auf das Feld zu kommen, den Jubel bei den Spielen zu erleben. Allein das Fliegen mit dem Besen fehlte ihm. Vielleicht fragte er Henry, ob es gefährlich wäre, einen Ausflug zu machen. Vielleicht wollte Henry auch mitkommen.

Die mittägliche Hitze, die durch die Fenster in das Zimmer vorgedrungen war, machte ihn schläfrig. Nein, er wollte nicht schlafen. Er wollte so viel Zeit des Nachmittags wie möglich mit Henry verbringen. Wenn er jetzt einschlief, wusste er nicht, wann er wieder aufwachte, oder ob ihn jemand wecken würde. Also stand er auf. Er kramte in seinem Koffer nach dem Brief von Hermine, nahm die Tasche, in die er die Einladung gesteckt hatte, und ging hinunter in die Bibliothek.

Arthur, der unten noch beschäftigt war, fragte, ob er noch einen Wunsch hätte, was Harry dankend verneinte. Arthur zog sich zurück und Harry schlenderte an den Reihen von Büchern entlang. Viele Titel waren in lateinischer oder altgriechischer Sprache. Manche Bücher hatten Runen auf ihrem Rücken, die ihn an das Bild des Menhiren im Buch von Mr. Ollivander erinnerten. Es gab aber auch viele Bücher in englischer Sprache, von denen Harry einige als Schulbücher wiedererkannte. Er fand sogar die Titel, die er sich für dieses Jahr hatte besorgen müssen.

Bei einem Buch mit dem Titel „Drachen und ihre Pflege“ blieb er stehen. Er nahm es aus dem Regal und setzte sich in einen der Sessel. Zuerst blätterte er nur herum und besah sich die Bilder, bis er eine Zeichnung eines Ungarischen Hornschwanzes entdeckte. Er begann zu lesen.

„Dracaenus balkanii, Balkanischer Hornschwanz. Er gehört zu den größten Drachenarten der Welt und lebt vornehmlich im Balkan und den angrenzenden Ländern. Die Hornschwänze zeichnen sich durch ihren schweren, mit Platten gepanzerten Leib und dem mit hornigen Auswüchsen versehenen Schwanz aus. Seine Länge beträgt durchschnittlich 20 Meter, aufgerichtet erreicht er eine Höhe von 15 Metern. Trotz seiner Größe ist er voll flugfähig und sehr wendig, da er in steil zerklüfteten Gebirgstälern lebt. Er jagt vornehmlich Großwild, wie Bären und Rothirsche, die er mit seinen Klauen hoch in die Luft hebt und dann fallen läßt. Seine Farbe ist perfekt der Umgebung angepasst. Je nach Art und speziellem Lebensraum kann sie vom lichten Grau bei Kalkfelsen bis zu dunklem Grün  in Tannenwäldern variieren. Die Gelege werden in Felshöhlen abgelegt und die meiste Zeit sich selbst überlassen. Ein untrüglicher Sinn meldet jedoch jede Gefahr für das Gelege und die Weibchen kehren zur Höhle zurück um  ihre Nachkommenschaft mit äußerster Agressivität zu verteidigen.

Es gibt insgesamt  14 verschiedene Unterarten des balkanischen Hornschwanzes. Die bekannteste Art ist der Ungarische Hornschwanz, Dracaenus balkanii hungarica, der vornehmlich in den nördlichen Hochgebirgen der ungarischen Karpaten vorkommt. Seltener wird er in den flachen Regionen Ungarns angetroffen, da er für die braune Erde der Ungarischen Steppen keine Tarnpigmente entwickeln kann. Seine Farbe ist schwarz, den dunklen Urgesteinsfelsen seiner heimatlichen Umgebung angepasst. Er erlangte seine Bekanntheit durch die außerordentliche Agressivität und sein wiederholtes Auftauchen in menschlichen Siedlungen. Berichten zu folge jagt der Ungarische Hornschwanz als einzige Unterart der Hornschwänze auch Menschen.

Die größte Unterart der Hornschwänze ist der Dracaenus balkanii romanica, der im rumänischen Teil der Karpaten beheimatet ist. Seine Farbe ist Steingrau, seine Hornplatten zeigen kein regelmäßiges Muster. Seine Tarnung ist Teil seiner Jagtstrategie. Er wird von seinen Beutetieren mit einem Felsen verwechselt. Durch seinen langen und wendigen Hals und den aufgeprägten Hornschnabel ist es ein Leichtes für ihn, die Tiere, die auf seinem Rücken sitzen herunter zu picken.“

„Hallo Harry, ich sehe, Sie haben schon ohne mich angefangen“. Harry schrak hoch. Er hatte sich so sehr in die Seiten vertieft, daß er Henrys Schritte nicht gehört hatte.

„Ich wollte keinen Mittagsschlaf machen und habe mir gedacht, ich könnte vielleicht ein wenig in den Büchern...“

„Selbstverständlich, Harry, die Bücher stehen Ihnen zur vollen Verfügung. Ich wollte ohnehin den Nachmittag mit Ihnen hier in der Bibliothek verbringen. Haben Sie den Brief fertig?“

„Ja.“, sagte Harry, angelte seine Tasche vom Boden und holte das zusammengerollte Pergament heraus.

„Dann werden wir ihn mal vorbereiten. Kommen Sie mit?“

Ohne eine Antwort abzuwarten ging Henry zum Schreibtisch und drehte an einer Marmorfigur. Von den Regalen ertönte ein Knarren und ein Teil der mit Büchern beladenen Bretter schwang auf. Dahinter wurde ein kurzer Gang sichtbar, der zu einer Wendeltreppe in den Keller führte. Harry folgte Henry. Kaum hatten sie die Öffnung durchschritten, schloß sie sich wieder.

„Wir gehen jetzt in mein Labor. Leider werden Sie diese Tür nicht öffnen können. Die Figur reagiert nur auf mich. Sollten Sie versuchen, die Figur zu drehen, werden sie feststellen, dass sie eine ganz normale Skulptur ist, die Sie hochnehmen und ansehen können. Wenn Sie also ins Labor wollen, muß ich Ihnen öffnen.“

Sie stiegen die Wendeltreppe hinunter. Mal um Mal wand sie sich im Kreis und Harry hörte bald auf, die Stufen zu zählen. Bei jedem Meter, den sie vorwärts kamen, entflammten die an der Wand hängenden Fackeln, die, die sie hinter sich ließen, verloschen wieder. Als sie am Grund des Schachtes ankamen hatte er den Eindruck, sie seien mindestens 50 Meter unter der Erde. Vom Ende der Treppe aus führte ein gewölbter Gang um mehrere Biegungen bis zu einer eisenbeschlagenen Holztür.

Henry murmelte „Offerta“ und die Tür öffnete sich. Dahinter lag ein Gewölbe, wie Harry es aus dem Zaubertrankunterricht kannte. Die Fackeln im Gewölbe entflammten eine nach der anderen und tauchten den Raum in ein helles, flackerndes Licht. Er war etwa zehn mal zehn Meter im Quadrat und wurde durch vier Säulen gestützt. In der Mitte des Raumes stand ein masiver Holztisch, auf dem allerlei Gerätschaften aus Glas und Mesing, porzellanene Schalen, Mörser, Spatel und Werkzeuge aus Eisen und Gold, die dafür zu dienen schienen, Materialien zu zerkleinern, lagen. Um das ganze Gewölbe herum waren unterschiedlichste Schränke aufgestellt, von denen Manche mit großen Schlössern versehen waren. Hinter einigen der Glastüren standen braune Flaschen und Gläser mit Flüssigkeiten und Pulvern.

Henry legte den Brief auf den Tisch. Er ging zu einem Schrank, öffnete ihn und holte ein Notizbuch heraus.

„Geben Sie mir mal den Brief, den Hermine an Sie geschrieben hat.“

Harry reichte ihm den Brief. Henry legte ihn in eine flache Schale und entnahm einem anderen Schrank eine kleine Flasche mit einer dunklen Flüssigkeit. Er goss die Flüssigkeit über den Brief, schwenkte die Schale einige Male hin und her, so dass der Brief vollständig benetzt wurde, dann nahm er ihn heraus, klopfte die Tropfen, die wie von einem gewachsten Auto abperlten in die Schale, und gab ihn an Harry zurück.

„Ich nehme damit eine Spur der Persönlichkeit von Hermine auf. Jetzt müssen wir Ihren Brief hineinlegen.“

Er nahm Harrys Pergament und legte es in die Flüssigkeit. Wieder schwenkte er die Schale einige Male und stellte sie dann auf den Tisch zurück. Dann schlug er das Notizbuch auf, suchte eine bestimmte Seite und begann einen Text vorzulesen, den Harry nicht verstand. Dabei hielt er seine Hände wie ein Pastor bei der Segnung über die Schale. Die schwarze Flüssigkeit begann zu sprudeln und mit der Zeit wurde sie klar. Harry konnte erkennen, dass durch diese Prozedur alle Buchstaben des Briefes ihre Stellung gewechselt hatten. Harry versuchte etwas zu lesen, konnte aber nur sinnlosen Kauderwelsch entziffern.

Henry nahm auch diesen Brief aus der Lösung, klopfte ihn ab, rollte ihn zusammen und legte ihn auf den Tisch. Wieder ging er zu einem Schrank, öffnete ihn und suchte eine Weile darin herum.

„Wußt ichs doch, dass ich noch einen habe!“, rief er und holte einen kleinen goldenen Stempel heraus. In der anderen Hand hatte er einen Stab, der durchsichtig war wie Glas.

„Fluorescenca“, sagte er. Die Fackeln änderten ihr Licht. Der ganze Raum wurde in Schwarzlicht getaucht, das auf seltsam unwirkliche Weise die Gegenstände zu schwachem Leuchten anregte. Alles andere war dunkel, so dass es schien, als würden die Möbel in einem endlosen schwarzen Raum schweben. Nur den Glasstab leuchtete in intensivem Violett.

Henry zündete nun eine schwarze Kerze an, die in einem goldenen Leuchter auf dem Tisch stand.

„Das ist magisches Licht,“, sagte er zu Harry.

Er hielt den Glasstab in die Flamme, bis die Spitze zu schmelzen begann. Schnell hielt er den Stab über die Pergamentrolle und klebte mit den Tropfen, die von dem Stab herunterfielen, das lose Ende des Pergamentes an der Rolle fest. Dann setzte er den goldenen Stempel darauf und drückte ein Siegel auf. Wie durch ein Wunder wurde der Brief durchscheinend und löste sich auf. Zurück blieb nur eine Aura aus schwach violettem Licht, das die Form einer Pergamentrolle hatte.

„Fin Fluores“, murmelte Henry. Die Fackeln flackerten kurz auf und fingen wieder an mit hellem Licht zu leuchten. Der Brief war verschwunden. Henry tastete nach dem Brief und reichte ihn Harry.

„Stecken Sie ihn in die Tasche. Wir rufen gleich George an und geben ihn weiter. Verlieren Sie ihn nicht, sonst können wir ihn vor heute Abend nicht wiederfinden. Im Tagesticht haben wir keine Chance.“

Dann verstaute er die Utensilien wieder in den Schränken.

 

***

 

Ein paar Minuten später saßen sie vor dem Kamin und sahen Arthur zu, wie er ein kleines Feuer machte. Es war die gleiche Prozedur, wie Harry sie schon bei Mr. Ollivander beobachtet hatte und als die violetten Flammen auf Gesichtshöhe schwebten, bat Henry um den Brief und trat in den Kamin.

„George Ollivander!“, rief er in die Flammen und steckte seinen Kopf hinein. „Hallo George?“, hörte Harry ihn rufen.

Nach einer Weile kam von anderen Ende die Antwort.

„Hallo Henri, entschuldige, ich hatte gerade einen Kunden. Wie geht es Dir und wie geht es vor allem unserem jungen Freund?“

„Wir können nicht klagen. Er macht sich gut als Schüler.“

Harry freute sich über das Lob.

„Gibt es schon irgendwas neues bei Euch?“, fragte Henry.

„’Du weist schon wer’ scheint die Spur verloren zu haben. Unser Informant hat ein Gespräch zwischen zwei Todessern aufgeschnappt, in dem es darum ging, dass ‚Du weist schon wer’ bei einer gestrigen Versammlung getobt haben soll. Der Name unseres Schützlings ist in dem Zusammenhang auch gefallen. Ich glaube, sie tappen ziemlich im Dunkeln.“

„Sehr gut. Harry hat sich hier schon ganz gut eingelebt. Heute Morgen haben wir ein bischen gezaubert und ich habe das Gefühl, dass er einiges auf dem Kasten hat. Hör zu, George. Heute bin ich es, der Dich um einen kleinen Gefallen bittet. Wir haben einen Brief, den ich dich bitten würde, loszusenden. Ich glaube, es ist besser, wenn wir von hier aus keine Post schicken, wer weiß, ob unsere Eule nicht doch in fremde Hände fällt.“

„Kein Problem, Henri. Reich ihn mal rüber.“

Henry schob die Hand, in der er den nsichtbaren Brief hielt, in die Flammen.

„Hier, ich mußte ihn ein wenig verstecken. Binde ihn einer Eule ans Bein und schicke ihn bitte an Fräulein Hermine Granger. Er enthält eine Einladung. Kannst Du sie von Deinem Laden aus auf die Reise schicken, wenn sie kommen will?“

„Altbewährtes Spiel, ich werde sie auch auf den Hügel portieren. Wann kann ich denn damit rechnen?“

„Kommt darauf an, wann sie reisen kann, aber ich denke, es wird wohl morgen der Fall sein. Falls sie kommt, kannst Du ja kurz anrufen, dann wissen wir Bescheid und holen sie ab.“

„Wird gemacht.“

„Gut. Danke schon mal. Wir sprechen uns...“

„Tschüs, Henry.“

Henry zog den Kopf wider aus der Flamme, die mit einem leisen Plopp verlöschte.

„So, das wäre geregelt. Wollen wir uns jetzt in die Bibliothek begeben? Wir haben noch 2 Stunden bis zum Tee, wir sollten sie nutzen.“

„Ok.“, sagte Harry und folgte Henry in die Bibliothek.

„Ja, ... wie wollen wir vorgehen?“, überlegte Henry. Ich glaube, wir sollten erst einmal etwas über den Zauberstab von Slytherin herausfinden, was denken Sie, Harry?“

„Ich weiß nicht, sicher wäre das gut!“

„Also gut. Fangen wir an.“

Henry fuhr mit der Hand in einer Kreisbewegung durch die Luft. „Selectio“ murmelte er. Der Raum verdunkelte sich etwas und begann in einem leicht bläulichen Licht zu schimmern.

„Ich möchte alles über den Drachenstein-Zauberstab von Salazar Slytherin haben.“, sagte Henry in den Raum.

Mit einem Mal kam Leben in die Regale. Es raschelte und ploppte rings herum. Hier und da wurden Bücher herausgezogen und wieder hineingeschoben. Schließlich änderte sich das blaue Glimmen in ein Grünes. Es zog sich zu einem Wirbel zusammen und begann, die Regale entlang zu fahren. Ab und zu verharrte es vor einem Buch, das ein Stück herausgezogen wurde. Schließlich verglimmte das Licht ganz. In den Regalen waren 3 Bücher etwas heraus geschoben. Henry sammelte sie ein und legte sie auf den Rauchtisch. Grüne Zettel klemmten zwischen den Seiten.

„So, Harry. Jetzt schnappt sich jeder ein Buch. Überall da, wo der Zauberstab von Slytherin erwähnt wird, steckt ein Zettel.“

„Wie haben Sie das gemacht?“, fragte Harry, der wieder einmal nur noch staunen konnte.

„Ich mußte mir was einfallen lassen, damit ich schnell an Informtionen kam. Wenn man in geheimer Mission unterwegs ist, kann man nich zu viel Zeit mit der Recherche verbringen. Und Sie sehen, wie viele Bücher hier stehen. Stellen Sie sich vor, ich müßte, um etwas zu finden, jedes Buch herausholen und durchblättern. Da habe ich den Selectio-Zauber entwickelt um mit ihm die Suche etwas zu vereinfachen. Wenn Sie wollen, bringe ich Ihnen bei, wie man ihn nutzt.“

Harry war beeindruckt. „Das wäre was für Hogwarts. Dann hätte ich nie mehr Probleme beim suchen.“

„Er wird in Hogwarts niemals zugelassen werden. Sie erinnern sich, dass es dort eine verbotene Abteilung gibt?“

„Ja, leider.“

Harry nahm sich ein Buch vom Stapel und begann, darin zu blättern. Auch Henry las in einem Buch und so verbrachten sie schweigende Minuten, bis Henry sagte:

„Ich glaub, das ist wichtig.“

„Ich hab auch was gefunden.“, sagte Harry. „Wollen Sie zuerst?“

„Gut. Hier steht: Der Stab wurde im Jahre 852 von einem Zauberer namens Wladim Rubenko hergestellt. Rubenko besiegte einen rumänischen Hornschwanz und entnahm ihm den Stein. Dieser Stein wurde mit einem Goldmörser pulverisiert, was nach Überlieferung zwei volle Jahre dauerte. Aus Eibenholz wurden zwei stabförmige Hohlschalen gefertigt, die mit dem Pulver gefüllt wurden. Der Stab ist nur durch einen Zauber, ohne jegliche Form von natürlichem oder künstlichem Klebstoff zusammengefügt. Dann wurde er 10 Jahre lang in Cronata-Balsam eingelegt und erst nach einem weiteren Jahr der Lagerung an Salazar Slytherin übergeben.“

„Dann hat Slytherin ja gar nicht den Drachen getötet?“

„Sieht nicht so aus. Weiter steht hier: Salazar Slytherin unterzog den Stab einer intensiven magisierung, bevor er ihn das erste Mal benutzte. Es heißt, daß er mit Hilfe des Stabes einen Basilisk bezwingen und sich untertan machen konnte.“

„Der Basilisk!“, entfuhr es Harry. „Kann es sein, dass das der war, auf den ich in der Kammer des Schreckens unter Hogwarts gestoßen bin?“

„Das ist durchaus möglich, Basilisken werden mehrere tausend Jahre alt und können lange Zeiträume schlafend verbringen.... Und was haben Sie gefunden?“

„Hier steht, dass die Eigenschaften des Drachensteins dem Zauberstab besondere Fähigkeiten geben. So kann er zum Beispiel dem rechtmäßigen Besitzer nicht gegen seinen Willen weggenommen werden. Der Zauberstab wurde besonders für den Zweikampf entwickelt. Zauber können auch in Parsel gesprochen werden, um den Gegner zu überraschen.“

„Das macht das ganze schwieriger als ich dachte. So können Sie nicht richtig auf den Gegner reagieren. Wir müssen unsere Suche eher auf die Verteidigungs- und Schutzmöglichkeiten ausrichten.“

„Wieso? Ich kann doch Parsel!“

„Sie sind ein Parselmund!?“ Henry war im höchsten Maße überrascht.

„Ja. Ich habe schon als Kind mit einer Schlange gesprochen. Sie hat mir erzählt, dass sie aus dem Amazonas-Urwald kommt. Und den Basilisken habe ich auch verstanden.“

„Harry, Sie überraschen mich. Wenn ich Ihre Geschichte nicht kennen würde, und Sie mir nicht von George empfohlen worden wären, wüsste ich jetzt nicht, ob ich Sie weiter in meinem Hause dulden könnte. Zauberer, die Parsel sprechen, gehören gewöhnlich der dunklen Seite an.“

„Professor Dumbledore meint, dass es damals passiert ist, als Voldemort mich töten wollte.“, erklärte Harry. „Dabei ist diese Fähigkeit auf mich übergesprungen.“

„Das ist ja interessant. Habe Sie vielleicht auch andere Fähigkeiten erhalten, von denen Sie mir erzählen sollten? Zum Beispiel ist Voldemort ein Magid. Wissen Sie, was ein Magid ist?“

„Ja, Dumbledore erzählte es mir. Aber ich bin sicherlich nicht so mächtig, wie es ein Magid sein soll. Wir haben im Wald doch gesehen, dass ich nicht ohne Zauberstab zaubern kann.“

„Warum haben Sie mir nichts gesagt, als wir die Sprüche ohne Stab versucht haben?“

„Weiß nicht,“ sagte Harry und sah Henry ehrlich unschuldig an. „Ich habe nicht daran gedacht. Und ich habe nie versucht, ohne Zauberstab zu zaubern. Ehrlich, ist mir vollkommen entfallen.“

Harry fühlte sich sehr unwohl in seiner Haut, aber Henry glaubte ihm und lächelte.

„Dann sieht es ja alles ganz anders aus. Uns steht die Welt offen. Wir können uns jetzt eine herrliche Strategie zurechtlegen. Vorrausgesetzt, wir haben alle Informationen, die wir brauchen.“

Harry atmete erleichtert auf. Er legte sein Buch zur Seite und griff nach dem Dritten. Als er es aufschlug, musste er feststellen, dass es in Altgriechisch geschrieben war.

„Hier, das kann ich nicht lesen. Ich verstehe die Sprache nicht.“

„Kein Problem. Wir können einen Übersetzungszauber anwenden.“, sagte Henry und nahm Harry das Buch aus der Hand. Er schlug die Seite auf, die durch den grünen Merkzettel markiert wurde, legte es offen auf das Rauchtischchen und murmelte, indem er die Hand über die Seite hielt:

„Translate greco ingles.“ Dann reichte er Harry das Buch und forderte ihn auf:

„Versuchen Sie es noch mal.“

Harry nahm es und sah, dass die markierte Seite plötzlich in englischer Sprache gedruckt war, während die anderen Seiten nach wie vor altgriechisch waren.

Harry überflog die Seite.

„Hier ist was wichtiges!“, rief er. „Hier steht: Wird ein Zauber mit Hilfe eines Drachensteins ausgeführt, hilft nichts dem Opfer. Nicht einmal die Flucht kann es retten, denn der Zauber verfolgt es.“

<< vorhergehendes Kapitel  Home  nächstes Kapitel >>