2. Düstere Zeiten
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3. Auf Perpignans Place
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7. Spurensuche
8. Der Angriff
9. Eine Entscheidung
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Harry nahm schemenhaft wahr, wie die Landschaft unter ihm dahinraste. ‚Gleich bin ich im Fuchsbau!’ dachte Harry als er meinte, das verwinkelte Haus der Weasleys zu erkennen. Sogleich schien er auch schon auf das Dach des Hauses zuzusteuern. Er fühlte den Schornstein näher kommen und das Sausen und wirbeln wurde etwas schwächer. Es wurde dunkel, was ihm sagte, dass er in den Schornstein eingetaucht war. Mit einem Mal prallte er schmerzlich gegen eine unsichtbare Sperre und wurde auf der Stelle immer schneller um seine eigene Achse geschleudert. Er spürte, wie die rauen schwarzen Wände des Schornsteins seine Haut aufrissen. Krampfhaft klammerte er sich an Koffer und Käfig.

‚Was ist hier los!!?’ dachte Harry entsetzt. ‚Mist, Ron ist noch nicht da und sie haben einen Sperrzauber in den Kamin gelegt.! Was mach ich denn bloß...?’

Das Wirbeln wurde immer stärker und Harry wurde bewusst, dass die Energie nicht abfließen konnte. Er ahnte, dass er der Kraft nicht mehr lange würde standhalten können.

‚Ich muss weg hier, aber sofort! Aua! Hilfe, was kann ich tun!?’

Immer wieder stieß er mit seinem Kopf gegen die unsichtbare Sperre. Jedes Mal wurde der Wirbel stärker und stärker. Ruß und Staub drangen ihm in die Nase und erschwerten ihm das Atmen. Fieberhaft überlegte Harry. Er erinnerte sich an seine erste Höllenfahrt, die ihn in die Winkelgasse führen sollte, die aber in dem Kamin des Ladens für Gegenstände der dunklen Magie in der Nokturnegasse endete.

„ Wiinkelgassssseeeeeeeeeeee“! schrie Harry.

Augenblicklich schoss er aus dem Kamin heraus und erhob sich wieder in die Lüfte. Sein Kopf dröhnte von den Schlägen, aber wenigstens konnte er jetzt freier atmen. Wieder begann der Ritt durch die Luft zurück in die Stadt. An der beginnenden Bebauung merkte Harry, dass er sich London näherte. Wieder wurde er in Richtung Boden gezogen, wirbelte auf einen Schornstein zu und im nächsten Augenblick landete er mit einem „Ploff“ in der kalten Asche eines Kamins. Harry rappelte sich hoch und sah an sich herunter. Er war über und über mit Russ bedeckt, sein Umhang hing in Fetzen von ihm herunter und seine Arme waren vollkommen zerschrammt. Harry bückte sich und hob seine Brille auf, die ihm beim Aufprall von der Nase gerutscht war. Auch sein Tarnumhang lag in der Asche, er musste ihm wohl auch heruntergerutscht sein. Seltsamerweise war er vollkommen unbeschädigt. Harry bog seine Brille zurecht und setzte sie, nachdem er die Gläser mit einem Taschentuch gereinigt hatte wieder auf seine Nase. Er nahm seinen Koffer und Hedwigs Käfig und trat aus dem Kamin heraus.

Er befand sich in einem Raum mit dunkel-wohliger Atmosphäre. Durch eine Tür fiel etwas gedämpftes Licht herein und Harry konnte eine Reihe länglicher Schachteln in einem großen Regal erkennen. An einem mit Fensterläden verschlossenen Fenster stand ein alter eichener Schreibtisch auf dem geordnet Papiere lagen, davor ein lederbezogener alter Holz-Drehstuhl. In anderen Regalen sah Harry Mengen von alten, Ledergebundenen Büchern. Ein orientalischer Teppich dämpfte seine Schritte. Harry stellte Koffer und Käfig ab, schlich leise zur Tür und blickte durch den Spalt in den Nachbarraum. Ein kurzer Flur wurde durch einen halb zurückgeschobenen schweren Vorhang abgeschlossen. Harry ging vorsichtig durch den Flur und versteckte sich in den Falten des Vorhangs. Er zog den ihn leicht beiseite und spähte in den Raum, der sich hinter ihm verbarg. Der Raum gehörte zu einem Laden, der die gleiche dunkle, aber warme Atmosphäre zeigte wie das Büro, in dem er gelandet war. Einen meter vor dem Vorhang stand eine breite Ladentheke mit Regalbrettern, die mit ebensolchen länglichen Schachteln bestückt waren. Ringsum an den Wänden verliefen Regale, die bis zur Decke reichten und am oberen Ende eine umlaufende Schiene hatten, an der man eine Leiter verschieben konnte. Auch im Ladenlokal bedeckte ein großer orientalischer Teppich den Boden. Auf diesem Teppich standen bequeme Ledersessel, die noch aus der viktorianischen Zeit zu stammen schienen. Ein reich verzierter Messing-Glastisch stand zwischen den Sesseln. Harry erkannte den Laden. Es war der Laden von Ollivander, Lieferant für alle Arten von Zauberstäben. Mr. Ollivander stand gerade mit einem Kunden in der Nähe der Ladentür. Beide hatten sich zut Tür gewandt. Offensichtlich verabschiedete Mr. Ollivander gerade den Kunden.

„Ich danke Ihnen für die Beratung Mr. Ollivander.“, sagte der Kunde und streckte dem alten Herrn seine Hand hin. „Ich denke, ich werde in den nächsten Tagen mit meinem Sohn wiederkommen, und dann werden wir schon den richtigen Stab für ihn finden.“

„Ja, es tut mir leid, daß ich Ihnen bezüglich Ihres Familienerbstückes nichts besseres sagen konnte, aber der Junge wird nur Probleme mit dem alten Stab bekommen. Nunja, wenn man die Arbeit Ihres Großvaters betrachtet, dann ist es auch kein Wunder, daß der Stab so gelitten hat.“

Mr. Ollivander öffnete die Tür und der Kunde nickte im Hinausgehend Herrn Ollivander freundlich zu.

„Auf wiedersehen, Excelenz.“, sagte Mr. Ollivander.

„Auf wiedersehen, Mr. Ollivander, bis nächste Woche.“

Mr. Ollivander schloss die Ladentür. Das leise Klingeln der Türglocke war zu hören. Lächelnd drehte sich Mr. Ollivander um und ging auf die Ladentheke zu.

Harry überlegte, ob er sich verstecken sollte, konnte aber auf die Schnelle keinen geeigneten Platz finden, also trat er ein paar Schritte zurück und blieb mitten auf dem Teppich stehen. Von Mr. Ollivander ging keine Gefahr aus und Harry war sich sicher, sein unvermutetes Auftauchen hinreichend erklären zu können.

Die Tür wurde aufgestoßen und Mr. Ollivander trat in den Raum. Zuerst bemerkte er Harry nicht, sondern ging gerade auf seinen Schreibtisch zu und ließ sich mit einem Seufzer in seinen Schreibtischstuhl fallen. Er beugte sich zu der Messinglampe, die auf dem Schreibtisch stand,  hinüber  und knipste sie an.

Harry räusperte sich. Mr. Ollivander horchte auf und wandte langsam seinen Kopf. Er sah müde aus, Harry hatte den Eindruck, dass tiefe Falten sein Gesicht durchzogen. Mr. Ollivanders Blick ruhte eine Weile auf Harry und Harry blickte verlegen auf den Boden.

„Was kann ich für Sie tun, junger Mann?“ fragte Mr. Ollivander und erhob sich ächzend.

„Entschuldigen Sie mein Eindringen, Mr. Ollivander.“ sagte Harry leise. Er spürte, dass es dem freundlichen alten Herrn nicht gut ging. „Ich hatte einen kleinen Unfall mit dem Flohpulver...“

„Kenne ich Sie nicht... Moment, Sie sind... ja... der junge Potter, Harry Potter... Wir trafen und im letzten Jahr bei der Eichung der Zauberstäbe... Sie haben ein besonders schönes Stück, einen der beiden mit der Phoenix-Feder...“

Mr. Ollivander schien etwas abwesend zu sein. Er tat Harry leid. Wie hatte er sich verändert seit dem letzten Treffen. Seine ganze Haltung war in sich zusammengesunken, als hätte er keine Kraft mehr und sein Blick drückte tiefe Sorgen aus.Harry erinnerte sich an das Treffen, als wäre es gestern gewesen.

„Ja, Sie sagten, Lord Voldemort hätte den anderen. Das war mein Glück...“

Mr. Ollivander erschrak bei der Nennung des Namens, der nicht ausgesprochen werden durfte, fasste sich aber schnell und lächelte. „Ich bewundere Ihren Mut, junger Herr Potter. Keiner außer Ihnen würde es wagen so frei von ‚Sie wissen schon wem’ zu reden. Wie geht es Ihnen?“

„Danke, gut...“ sagte Harry und wurde sich im nächsten Augenblick bewusst, dass es ihm nicht gut ging. Er wollte Mr. Ollivander nicht aus lauter Höflichkeit belügen.„Nein, es geht mir nicht gut.!“

„Oh...ja, ich sehe. Keine Sorge, die Kratzer verheilen wieder und auch den Umhang kann man ersetzen.“

„Nein, das meine ich nicht. Ich weiß im Moment nicht, wo ich hin soll.“

„Sind Sie von Zuhause fortgelaufen?“

„Ja,..Nein, das kann man nicht so sagen...“

„Kommen Sie, ich hole Ihnen einen Stuhl und Sie erzählen mir was passiert ist. Möchten Sie einen Tee?“

„Ja danke, Mr. Ollivander, sehr gerne.“ Der Staub und der Russ hatten ihm eine trockene Kehle gemacht.

„Warten Sie, ich bin gleich wieder da.“, sagte Mr. Ollivander, verschwand im Laden und kam gleich wieder mit einem Stuhl zurück. Er stellte ihn an die Seite des Schreibtisches.

„Setzen Sie sich, ich hole noch eben den Tee.“

Wieder ging Mr. Ollivander in den Laden und holte ein Tablett mit zwei Tassen, Milch und Zucker und einer großen Thermoskanne herein. Auf dem Tablett lag auch noch ein feuchter Waschlappen, den Mr. Ollivander Harry reichte.

„Ich glaube, den können Sie jetzt brauchen.“

„Danke.“ murmelte Harry und wischte sich Gesicht und Arme ab. Mr. Ollivander schenkte Tee in die zwei Tassen und schob Harry eine der Tassen und die Zuckerdose mit Milchkanne hin. Harry goß etwas Milch in seinen Tee und setzte sich. Begierig schlürfte er einen Schluck von dem warmen Getränk und fühlte die belebende Wirkung in sich hinunterrinnen.

„Nun erzählen Sie mal.“, forderte ihn Mr. Ollivander auf und Harry begann zu erzählen. Von dem Brief, von dem Gespräch mit dem Gartengnom, von seinen Befürchtungen und von seiner Reise mit dem Flohpulver. Mr. Ollivander nickte ab und zu und sah Harry interessiert an. Als Harry schließlich geendet hatte und den letzten Schluck Tee getrunken hatte sagte Mr. Ollivander:

„Ja,ja. Wir gehen auf schwere Zeiten zu. Bei Ihren Verwandten haben Sie sicher nicht viel von dem mitbekommen, was sich in der Zaubererwelt in den letzten 8 Wochen geändert hat. Nicht einmal hier in der Winkelgasse ist man mehr sicher. Noch einen?“

Mr. Ollivander hob die Thermoskanne und deutete auf Harrys Tasse. Harry nickte.

„Wissen Sie, seit ‚Sie wissen schon wer’ wieder zur alten Macht gekommen ist, trauen sich die Todesser wieder auf die Straße. Sie wissen ja, dass die Todesser muggelstämmige Zauberer mit Vorliebe verfolgen. Seit 2 Monaten patrouillieren sie in Zweiergruppen durch die Winkelgasse. Wird ein Muggelstämmiger erkannt, wird er sofort drangsaliert und aus der Winkelgasse hinausgeekelt.“

Harry musste an Hermine denken. Was wird sie in der nächsten Zeit mitmachen? Draco Malfoy hatte in den letzten Jahren keine Gelegenheit ausgelassen, sie zu ärgern und zu beleidigen. Es war so gut wie sicher, dass die Malfoys ihr Scherflein dazu beitragen würden, zumal die Malfoys zur ersten Garde der Todessen zu gehören schienen. Draco konnte jetzt auftrumpfen und, wenn da nicht wenigstens Professor Dumbledore und die Lehrerschaft von Hogwarts wären völlig unbehelligt agieren. Alle Zauberer hatten Angst vor Voldemort und seinen Todessern.

„Wird ein Händler dabei erwischt, einen Muggelstämmigen zu bedienen,“ fuhr Mr. Ollivander fort, „wir er geschlagen, wenn er Pech hat, wird sein Laden verwüstet und tagelang steht eine Todesser-Patrouillie vor dem Geschäft und hindert die Zauberer, hinein zu gehen. Sie rufen dann ‚Zauberer, kauft nicht in dem Laden, hier bedient man Schlammblüter!’“

„Das ist ja schrecklich...“ entfuhr es Harry.

„Ja, das ist es. Ich habe zwar bislang Glück gehabt, vielleicht, weil ich ein so altes Geschäft betreibe, immerhin gibt es uns seit 382 vor Christi Geburt und alle meine Vorfahren waren reinblütig..., aber ich glaube, es ist nur eine Frage der Zeit, wann ich auch dran bin. Ich denke mit Schrecken an den Tag, an dem die Erstklässler alle kommen. Viele haben heute wenigstens einen Muggel bei seinen Eltern“

Mr. Ollivander machte eine Pause und starrte gedankenverloren auf sein Bücherregal. „Ja, und die Geschäfte gehen auch sehr schlecht, seit dem denkwürdigen Tag. Es traut sich kaum noch einer in die Öffentlichkeit. Ein dunkler Schatten liegt über unserer Welt, Mr. Potter.“

„Können wir den nichts dagegen tun?“

„Mein Junge, die Geschichte, und gerade die Geschichte der Muggel hat immer wieder gezeigt, wie machtlos ein Volk den Tyrannen ausgeliefert ist.“ Wieder machte Mr. Ollivander eine Pause.

„Aber Sie hatten vorhin gesagt, Sie wüssten nicht, wohin?“

„Ja, und ich habe das Gefühl, es wird sehr schwierig für mich, einen Ort zu finden, an dem ich mich verstecken kann, bis die Schule wieder beginnt.“

„Hm. Hier bleiben können Sie keinesfalls. Ich habe nur noch dieses und mein Schlafzimmer, es wäre zu klein, auch wenn ich durchaus bereit wäre, alles für Sie zu tun. Lassen Sie mich nachdenken.“

Mr. Ollivander stützte sein Kinn in die Hand und schwieg. Harry hielt beinahe die Luft an, nur um Mr. Ollivander nicht zu unterbrechen. Er hatte nicht die geringste Idee, wohin er sich wenden sollte und verlor langsam seinen Mut. Er wusste, sollte er jemals in die Hände der Todesser geraten, wäre es um ihn geschehen. Seine Freunde waren unerreichbar für ihn und bisher war er nur mit Hilfe seiner Freunde dem dunklen Lord entkommen.

„Es müsste ein vollkommen integrer Zauberer mit sauberem Stammbaum sein...“ überlegte Mr. Ollivander, „Ein Zauberer, der auf der Seite des Ministeriums steht, aber noch nicht dafür in Erscheinung getreten ist...Ja, das könnte es sein...Warten Sie!“

Mr. Ollivander stand auf und ging zu seinem Kamin. Er kramte etwas trockenes Holz aus einer Kiste, die neben dem Kamin stand und entfachte mit seinem Zauberstab ein kleines Feuer. Dann ging er zu seinem Bücherregal und holte eine kleine Schachtel aus einem der oberen Fächer. Er öffnete die Schachtel und nahm eine Prise von einem blauen Pulver heraus, das er ins Feuer streute. Das Feuer loderte violett auf und löste sich von dem Holz. Die Flammen erhoben sich auf die Höhe von Mr. Ollivanders Gesicht und schwebten in dieser Höhe im Kamin.

Mr. Ollivander trat in den Kamin und sagte, auf das Feuer gerichtet: „Henri Perpignan.“ Dann streckte er seinen Kopf in die Flammen.

„Hallo Henri!“, hörte Harry Mr. Ollivanders Stimme wie durch einen langen Tunnel.

„Hallo George!“, ertönte eine andere Stimme, die noch entfernter klang.

„Henri, kennst du den Namen Potter?“

„Ja, ist das nicht die tragische Geschichte von James und Lilly, die von ‚du weißt schon wem’ ermordet wurden?“

„Ja, genau. Hör zu. Ich möchte Dich um einen Gefallen bitten. Der junge Potter ist hier bei mir und er steckt in großen Schwierigkeiten. Ich bin auf der Suche nach einer Bleibe für ihn, für vielleicht 3 bis 4 Wochen.“

„Und da hast du an mich gedacht?“

„Ja...Ich kenne Dich nun schon fast 50 Jahre und ich glaube, er ist bei Dir in Sicherheit. Es geht nur darum, dass er untertauchen kann, bis er wieder sicher in Hogwarts ist. Würdest du das für mich tun?“

„Das ist eine sehr gefährliche Angelegenheit für mich, mein lieber George...“

„Ich weiß, Henri, aber du weißt nicht, was hier inzwischen los ist. Die Todesser agieren jetzt vollkommen öffentlich. Sie haben ein neues Selbstbewusstsein und treten gerne in der Winkelgasse auf. Sie wissen, dass man hier oft Gegner der Todesser oder Muggelstämmige findet. Sie durchstreifen die Winkelgasse nach belieben, kommen in die Läden und wehe, sie finden einen. Versteh bitte, dass Potter hier in höchster Gefahr ist. Anders sieht es schon auf Deinem Landsitz aus. Wer interessiert sich schon für Dich, außer Deinen alten Freunden?“

„Du hast Recht, George. Wie lange hab ich Zeit, mich zu entscheiden?“

„Zehn Sekunden... nun ja, ich wäre Dir dankbar, wenn ich Dir den jungen Potter so schnell wie möglich schicken könnte.“

„Also gut...aber dann habe ich was gut bei Dir?!“

„Jederzeit. Danke Henri, ich wusste, ich kann mich auf Dich verlassen. Behandle ihn gut. Ich schicke ihn Dir noch heute.“

Mr. Ollivander zog seinen Kopf aus den Flammen. Er war vollkommen unversehrt und Harry begriff, dass das Kopf-Ei, das er von Ludo Bagman im Kamin der Weasleys gesehen hatte, auf diese Weise zustande gekommen war.

Mr. Ollivander wandte sich wieder Harry zu.

„Henri Perpignan ist ein alter Freund von mir. Wir kamen im gleichen Jahr nach Hogwarts, er zu den Ravenclaws und ich war bei den Hufflepuffs. Wir hatten zusammen ‚Zaubertränke’, damals noch bei Professor McDullmoore. Wir hatten als Jungens eine Menge Spaß und McDullmoore war immer etwas schusselig. Lag wohl an dem Whiskey, seine Familie hatte eine eigene Brennerei auf Islay. Aber ich glaube, das gehört nicht hierher... Jedenfalls ist Henri ein guter Freund, der mich noch nie im Stich gelassen hat. Er hat ein Landgut oben bei Newcastle, eine gottverlassene Gegend, in die sich kaum ein Zauberer hin verirrt. Ich kann mir denken, dass auch ‚Sie wissen schon wer’ sich um diese Gegend nicht schert. Da werde ich Sie unterbringen.“

„Ich muss aber noch Schulbücher und all den Kram holen.“

„Keine Sorge. Geben Sie mir das Geld, und ich schicke einen Jungen aus der Nachbarschaft einkaufen. Er hat das schon öfter für mich gemacht, wissen Sie, ich helfe Muggelstämmigen, die sich nicht in die Winkelgasse trauen.“

„Danke, Mr. Ollivanders. Ich weiß nicht, wie ich ihnen das vergelten kann.“

„Lassen Sie mal gut sein. Ich weiß, für wen ich das tue. Vielleicht können Sie mir ja auch mal helfen. Halt, da fällt mir noch etwas ein. Vor 3 Wochen hatte ich einen seltsamen Kunden in meinem Laden. Jemanden, den ich kenne, den ich aber für tot gehalten habe. Wenn mich nicht alles täuscht, war es einer der engsten Vertrauten von ‚Sie wissen schon wem’. Kennen Sie einen kleinen Kerl mit rattigem Gesicht?“

„Peter Pettigrew?“

„Genau. Das seltsame war, dass er einen Zauberstab gekauft hat. Er hat einen genommen, von dem ich genau weiß, das er niemals damit zurecht kommen würde. Dieser Zauberstab hat einen Kern aus Drachensteinpulver, von einem Ungarischen Hornschwanz. Ein sehr mächtiger Zauberstab, eigentlich nur geeignet, von höchst ausgebildeten Zauberern benutzt zu werden. Und wenn ich mich recht erinnere, hatte Pettigrew den Ruf, ein miserabler Zauberer zu sein. Außerdem hatte er einen Zauberstab bei sich, ich muss also annehmen, dass der Stab für jemanden anderen war. Sie erinnern sich, dass der dunkle Lord das Gegenstück zu ihrem Stab hat?“

„Ja, als er gegen mich den Todesfluch sprechen wollte, ist was ganz seltsames passiert....“

„Ich weiß. Könnte es sein, dass der dunkle Lord für den Kampf gegen Sie einen anderen Zauberstab benötigt, der zum Einen mächtig genug ist für seine Hand und zum Anderen nicht von Ihrem Zauberstab in der Wirkung beeinträchtigt wird? Ich rate Ihnen, Mr. Potter, seien Sie auf der Hut. Dieser Zauberstab ist äußerst gefährlich in der Hand eines dunklen Magiers. Sie werden mächtige Freunde brauchen, um dagegen anzukommen.“

Harry nickte. Er war sich der Gefahr, in der er schwebte, durchaus bewust.

„Was ist eigentlich ein Drachenstein?“, fragte Harry.

„Ein Drachenstein ist ein taubeneigroßer roter Kristall, der unterhalb des Stammhirnes eines Drachen liegt. Sie können sich vorstellen, dass es nicht einfach ist, an einen solchen Drachenstein zu kommen, zumal man einen Drachen dafür töten muss. Der Drachenstein dieses Zauberstabes stammt von einem Ungarischen Hornschwanz. Ein äußerst schreckliches Ungetüm.“

„Ich weiß.“, sagte Harry. „Ich mußte im Trimagischen Turnier ein goldenes Ei aus seinem Gelege holen. Aber, wenn Voldemort jetzt einen solchen Zauberstab hat, könnte ich mich nicht dadurch schützen, wenn ich bei Ihnen auch einen mit dem Drachensteinpulver kaufe?“

„Oh nein, mein junger Freund! Sie haben sich damals einen ganz besonderen Zauberstab ausgesucht. Der und kein anderer ist für Sie geeignet. Und ich befürchte, Sie sind einfach noch zu jung und müssen noch zu viel lernen, um Ihren Zauberstab zu wechseln. Dafür müssen Sie äußerst sicher mit den Sprüchen umgehen können, sonst können die größten Katastrophen passieren, nicht zuletzt zu Ihrem eigenen Schaden. Und bedenken Sie: Der Phoenix hat Ihnen schon mehrmals geholfen. Was meinen Sie, woran das gelegen hat? Letztendlich muss ich zu meinem Bedauern auch noch sagen, das dieser Zauberstab mit dem Drachensteinpulver einzigartig auf der Welt ist. Er ist so alt wie Hogwarts und gehörte einem der Gründer. Salazar Slytherin!“

Harry schluckte. Ihm war soeben bewusst geworden, welche Waffe Lord Voldemort nun besaß. Am liebsten würde er sich sofort in ein Mauseloch verkriechen.

„Ich werde eben zu dem Nachbarsjungen gehen. Geben Sie mir die Liste, Mr. Potter?“

„Natürlich!“ stotterte Harry und begann in seiner Tasche nach dem Zettel zu kramen. Er zog seine Börse heraus und reichte Mr. Ollivander ein Goldstück und die Liste. Mr. Ollivander verließ den Laden und kam nach wenigen Augenblicken wieder zurück.

„Wir brauchen nur noch eine halbe Stunde zu warten!“, lächelte er. „Möchten Sie noch eine Tasse Tee?“

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