13.1 Lk D Thema: Sprache und Rhetorik: Das gesprochene Wort 25.01.99

 

1.1 Monologische Rhetorik

Die ersten Menschen konnten das Kommunikationswerkzeug Sprache hervorragend für die gemeinsame Jagd, die Arbeit und vieles andere nutzen. Insgesamt erwies sich die Sprache als besonders nützlich für die gesellschaftliche Kooperation der Menschen, und vor allem ermöglichte sie erst die Tradition, konnte doch nunmehr das erworbene Wissen von Generation zu Generation mündlich weitergegeben werden, so daß menschheitsgeschichtlich ein beträchtliches Anwachsen des erworbenen Wissens zu verzeichnen war.

Aber die Sprache war - und ist - nicht nur ein "neutrales Kommunikationswerkzeug", mit dem man Probleme des Lebens "effizienter" bewältigen kann, sie ist auch ein ästhetisches Medium: man kann schön, gefällig und gewählt sprechen, oder aber ungefällig, trocken, abgehackt.[...]Und nicht jeder Mensch hat eine gleich gute Sprachkompetenz. Zudem kann man mit der Sprache die Wahrheit sagen, sie verschleiern oder auch lügen. Und dann hängen sprachliche Äußerungen auch noch von der jeweiligen Situation ab, ob man z. B. "im richtigen Moment das richtige Wort" findet. Außerdem kann man mit Sprache andere Menschen belehren, lenken, aber auch manipulieren und irreleiten. Damit sind bereits einige Aspekte der Rhetorik, der Kunst der Rede, benannt.

Aufgaben:

  1. Versuchen Sie, die Begriffe "überreden" und "überzeugen" zu definieren und gegeneinander abzugrenzen.
  2. Diskutieren Sie die Bedeutung der Rhetorik im heutigen gesellschaftlichen und privaten Leben.

 

1.1.1 Rhetorik in der Antike

Text 1

Peter Ebeling: Die Rhetorik in der Antike

In der Antike wurde die Rhetorik definiert als die "Kunst, gut zu reden" (ars bene dicendi), die sich zusammensetzte aus Talent, natürlicher Begabung (ingenium) und technischer Fertigkeit (ars, techne). Die notwendigen Fertigkeiten und Fähigkeiten auf dem Gebiet der Redetechnik lassen sich laut antiker Auffassung schulen durch die Nachahmung der anerkannten Rhetoren (imitatio), durch die Anwendung allgemein verbindlicher Regeln (doctrina) und durch ständige Übung (exercitium).

Zur Redekunst gehört also das Beherrschen des Sachverhalts (res) und dessen angemessene Darstellung durch die Sprache (verba). Einerseits ist die Redekunst somit Dialektik, das heißt Kunst der Problemerkenntnis (intellectio), der Argumentation (inventio) und der Gedankenführung (dispositio), andererseits ist sie Stilistik (elocutio), die sich um die geschliffene Ausformung der Sprache bemüht. Und letzten Endes gehört dazu auch die Beobachtung, wie das Publikum auf die Rede, auf die Sprache des Redners anspricht.

Die antike Rhetorik unterscheidet drei Redegattungen:

  1. Die Gerichtsrede, in der über die Beurteilung vergangener Vorgänge gestritten wird.
  2. Die Beratungs- oder Ermahnungsrede, in der es um eine Darstellung gegenwärtiger Vorgänge geht und darum, wie sie in Zukunft besser gestaltet werden können.
  3. Die Lob- und Tadelrede.

Eine vielfältige Mischung dieser Redearten ist möglich, die Zahl der Redeforrnen ist Legion: Manifest, Aufruf, Petition, Plädoyer, Streitgespräch, Streitschrift, offener Brief, Kommuniqué, Laudatio, Nekrolog, Pamphlet, Predigt [...]. Alle diese Arten der Rede sind bereits in der Antike vorhanden und werden vielfältig gepflegt.

Schon sehr früh gibt es ein allgemeinverbindliches Schema, wie man eine Rede gestalten soll [...]: einfachstes Gliederungsschema ist immer die Einteilung in Einleitung, Hauptteil, Schluß. Der Anfang soll als Köder für das Publikum dienen und als kurze Übersicht dessen, was zu erwarten ist. Sehr wichtig ist hier die Anrede. Der Hauptteil bringt ausführliche Darstellung der Probleme, historische Reminiszenen, Folgerungen daraus für die Gegenwart und Zukunft, Widerlegungen gegnerischer Argumentation. Der Schluß faßt zusammen und gibt einen Appell an die Zuhörer weiter.

Notwendig für den Redner ist es nach alter Auffassung, daß er sich seinem Problem gegenüber angemessen ausdrücken kann, daß er klar ist und verständlich in seiner Argumentation. Allerdings soll die Rede auch kunstvoll sein, so daß sie sich von der alltäglichen Sprache unterscheidet. Die Rede muß unkonventionell in dem Sinn sein, daß man schon von den bloßen Äußerlichkeiten her auf den Redner und auf das, was er sagen will, aufmerksam wird.

Diesem Zweck dient ein im Lauf der Zeit entwickeltes System von rhetorischen Figuren [vgl. "Rhetorische Figuren im Überblick"].

Wie hat ein Rhetor, der eine Rede ausarbeiten will, nun vorzugehen? Die Hauptvorgänge sind folgende:

  1. Vorschriften über die Stoffsammlung und das Finden von Beweisgründen (inventio);
  2. Anordnen und Gliedern des gesammelten Materials (dispositio);
  3. sprachliche Formulierung und stilistische Ausgestaltung (elocutio),
  4. Aneignung der Rede durch Auswendiglerneu (memoria),
  5. Kunst der gestenreichen Deklamation (pronuntiatio) beim Vortrag selbst. Die beste Deklamation ist die freie Rede, die "sprechdenkend" erzeugt wird. [...]

Das entscheidende Moment für die Entstehung der Rhetorik in der Antike war das Vorhandensein von Interessengegensätzen. Zu den ersten prominenten Rhetoren im alten Griechenland zählt Gorgias von Leontini, der aus Sizilien 427 v. Chr. nach Athen kam. Er unterrichtete zahlreiche Schüler und hielt Musterreden, von denen zwei erhalten sind.

In Athen hatte sich schon vorher eine Art Rhetorikschule ausgebildet, die in Perikles (nach 500-429) einen wortgewandten Vertreter besaß, der den Anstoß zur Pflege der Redekunst durch die Sophisten gab.

Der erste schulmäßige attische Redner, der auch und vor allem als Lehrer der Rhetorik auftrat, war Antiphon, der älteste der zehn attischen Redner (480-411), der die Beweistechnik entwickelte und zahlreiche Modellreden verfaßte. Weitere Redner dieser Schule waren u. a. Thrasymachos von Chalkedon, Theodoros von Byzanz, Alkidamos. Die Sophisten (Weisheitslehrer), wie sie bald genannt werden, sind davon überzeugt, daß alles lehr- und lernbar ist (Protagoras, 485-416: "Der Mensch ist das Maß aller Dinge"), daß man Werte wie Wahrheit und Gerechtigkeit mit den geeigneten Argumenten jedem Menschen und jeder gesellschaftlichen Einrichtung vermitteln kann, indem man sie dazu überredet.

Die Gegenbewegung ging von Sokrates (469-399) aus. Der Redner hat hier die Aufgabe, in philosophischem Sinn zu überzeugen. Platon (427-347) hat den Kampf der Philosophie gegen die Rhetorik, wie die Sophisten sie verstanden, im Phaidros dargestellt. Dem trat Isokrates (436-338) entgegen, der die natürlichen Anlagen des Rhetors mit Talent, Ausbildung und praktischer Erfahrung angibt, sie also mehr im Diesseits ansiedelt. Aristoteles' (384-322) drei Bücher über die Redekunst sind bis heute ein Standardwerk geblieben. Die beiden ersten Bücher handeln von der Argumentation, das dritte von der sprachlichen Formulierung.

 

Der Fall Sokrates

Der folgende kurze Blick auf den Fall Sokrates (399 v. Chr.) soll die Bedeutung der Rhetorik in Gerichtsverfahren erhellen. Gegen den stadtbekannten Athener Philosophen hatten dessen Mitbürger Meletos, Anytos und Lykon folgende Anklage erhoben:

"Sokrates frevelt wider die Gesetze und treibt Unfug, indem er dem nachspürt, was unter der Erde ist und was am Himmel sich zeigt, und die schlechte Sache zur guten macht, zudem auch andere in ebendiesen Dingen unterweist."

Nach einer Vorverhandlung, in der die Anklage schriftlich fixiert und beschworen worden war, fand die Hauptverhandlung vor einem Heliasten-Gerichtshof statt, der aus 500 vollberechtigten Athener Bürgern, die über 30 Jahre alt sein mußten, bestand und erst am Morgen des Gerichtstages ausgelost worden war, um eine Beeinflussung der Richter zu verhindern. Nach Gebet und Opfer hatte der Herold Klage und Erwiderung verlesen; dann hatte der leitende Archon den Parteien das Wort erteilt, zunächst den Klägern. Das Zeitmaß der Reden wurde durch eine Wasseruhr bestimmt.

Bedeutendes stand für beide Parteien auf dem Spiel. Erhielt ein Kläger in einem Kriminalprozeß nicht wenigstens ein Fünftel der Stimmen, dann mußte er 1000 Drachmen Strafe zahlen und verlor das Recht, jemals wieder eine öffentliche Klage derselben Art vorzubringen. Der Angeklagte mußte sich persönlich mündlich verteidigen; Sokrates hatte darauf verzichtet, sich seine Verteidigungsrede gegen Bezahlung von einem anderen Rechtskundigen schreiben zu lassen. Sokrates' Schüler Platon (427-347 v. Chr.), der bei der Verhandlung zugegen war, hat uns den folgenden Anfang der Verteidigungsrede (Apologie) des Sokrates überliefert.

Text 2

Platon: Die Verteidigungsrede des Sokrates* (399 v. Chr.)

Welchen Eindruck, meine athenischen Mitbürger, meine Ankläger auf euch gemacht haben, weiß ich nicht; ich meinesteils stand so unter dem Bann ihrer Worte, daß ich mich beinahe selbst vergaß: so überzeugend klangen ihre Reden. Und doch, von Wahrheit war kaum eine Spur zu finden in dem was sie gesagt haben. Am meisten aber war ich erstaunt über eine von den vielen Lügen, die sie vorgebracht haben, über die Warnung nämlich, die sie an euch richteten, ihr solltet euch ja nicht von mir täuschen lassen, denn ich sei ein Meister der Rede. Daß sie sich nicht entblödeten dies zu sagen trotz der Gewißheit, alsbald durch die Tatsachen von mir widerlegt zu werden, wenn es sich nämlich nunmehr herausstellt, daß ich nichts weniger bin als ein Meister der Rede, das schien mir der Gipfel aller Dreistigkeit zu sein, es müßte denn sein, daß sie den einen Meister der Rede nennen, der die Wahrheit sagt. Denn wenn sie es so meinen, dann habe ich keine Bedenken, mich als Redner gelten zu lassen - nur eben nicht als einen von ihrer Art. Sie, die Kläger, haben, wie gesagt, so gut wie nichts Wahres vorgebracht; von mir aber sollt ihr die volle Wahrheit vernehmen. Aber, beim Zeus, meine Mitbürger, was ihr von mir zu hören bekommt, wird kein in Worten und Wendungen schön gedrechseltes und wohlverziertes Redewerk sein wie das dieser Ankläger, sondern ein schlichter Vortrag in ungesuchten Worten. Denn ich bin fest überzeugt von der Gerechtigkeit meiner Sache und keiner von euch möge mich anders als mit Vertrauen anhören. Es wäre doch auch in der Tat ein starker Verstoß, meine Mitbürger, wollte ich in diesen meinen Jahren vor euch auftreten wie ein Jüngling, der sich in künstlichem Redeschmuck gefällt. Und ich richte an euch, meine athenischen Mitbürger, recht dringend die folgende Bitte: wenn ihr von mir bei meiner Verteidigung die nämliche Redeweise vernehmt, deren ich mich auf dem Markt an den Wechslertischen bediene, wo viele von euch mir zugehört haben wie auch anderwärts, so wundert euch nicht und machet darob keinen Lärm. Es verhält sich damit nämlich folgendermaßen: Es ist heute das erstemal, daß ich vor Gericht erscheine, siebenzig Jahre alt. Ich bin also ein völliger Fremdling in der hier üblichen Redeweise. Gesetzt nun, ich wäre hier ein Fremder im eigentlichen Sinne, so würdet ihr es offenbar verzeihlich finden, wenn ich mich derjenigen Sprache und Redeform bediente, in der ich erzogen bin. So wende ich mich denn jetzt an euch mit der, wie mir scheint, nicht unbilligen Bitte: macht euch keine Gedanken über meine Redeweise, gleichviel ob sie schlecht oder gut ist; richtet vielmehr eueren Sinn und euere ganze Aufmerksamkeit darauf, ob, was ich sage, recht ist oder nicht; denn das ist die Pflicht und Aufgabe des Richters, wie es die des Redners ist die Wahrheit zu sagen.

Aufgabe:

Diskutieren Sie Sokrates' Einschätzung der (Gerichts-)Rhetorik und ihre mögliche Wirkung auf das Auditorium. In Ihre Diskussion können Sie den folgenden Text 3 einbeziehen.

Nachdem Sokrates in der Fortsetzung seiner Rede alle Punkte der Anklage argumentativ widerlegt hatte, wurde er mit 280 Stimmen - also nur einer knappen Mehrheit von 30 Stimmen - zum Tode durch den Schierlingsbecher verurteilt. Sokrates beendete seinen Auftritt vor Gericht mit den Worten: "Aber nun ist es Zeit, daß wir gehen, ich um zu sterben, ihr um weiter zu leben. Wer von uns beiden dem besseren Lose entgegengeht, das ist allen verborgen, nur der Gottheit nicht." In den Dialogen "Kriton" und "Phaidon" hat Platon Sokrates' letzte Tage im Gefängnis und seine Hinrichtung eindrucksvoll beschrieben.

An den Fall Sokrates hat der amerikanische Medientheoretiker Neil Postman eine Überlegung angeschlossen, die sich auf den Einfluß der Medien auf unsere Urteilsbildung und Wahrheitsfindung bezieht.

Text 3

Neil Postman: Medien und Wahrheitsfindung*

Ein [...] Beispiel für den Einfluß der Medien auf unsere Epistemologien bietet der Prozeß gegen den großen Sokrates. Zu Beginn seiner Verteidigungsrede vor den 500 Geschworenen entschuldigt sich Sokrates dafür, daß er keine Ansprache vorbereitet habe. Er erklärt seinen athenischen Mitbürgern, daß er ins Stocken geraten werde, er bittet sie, ihn deshalb nicht zu unterbrechen und ihn statt dessen für einen Fremden aus einer anderen Stadt anzusehen, und er verspricht ihnen, die Wahrheit zu sagen, ungeschminkt und ohne rhetorisches Beiwerk. So zu beginnen war für Sokrates gewiß charakteristisch, nicht jedoch für die Zeit, in der er lebte. Denn Sokrates wußte sehr genau, daß seine Mitbürger nicht der Ansicht waren, die Grundsätze der Rhetorik und der Ausdruck der Wahrheit hätten nichts miteinander zu tun. Uns Heutigen sagt das Plädoyer des Sokrates durchaus zu, weil wir gewohnt sind, in der Rhetorik nur eine meist hochtrabende, überflüssige Ausschmückung der Rede zu sehen. Aber für die Menschen, die sie erfanden, für die griechischen Sophisten des 5. vorchristlichen Jahrhunderts und ihre Erben, war die Rhetorik nicht nur Gelegenheit zu schauspielerischen Darbietungen, sie war vielmehr ein nahezu unerläßliches Mittel, um Belege und Beweise in eine Ordnung zu bringen, das heißt, sie war ein Mittel zur Mitteilung von Wahrheit.

Sie war nicht nur ein zentrales Element in der Bildung der Athener (von weit größerer Bedeutung als die Philosophie), sondern auch eine Kunstform von hohem Rang. Für die Griechen war die Rhetorik eine Form gesprochener Schriftlichkeit. Zwar setzte sie stets den mündlichen Vortrag voraus, aber ihre Macht, Wahrheit zu offenbaren, beruhte auf der Macht der geschriebenen Worte, Argumente in einer geordneten Abfolge zur Geltung zu bringen. Obwohl Platon (wie wir aufgrund der Verteidigungsrede des Sokrates vermuten dürfen) diese Wahrheitsauffassung in Zweifel zog, waren seine Zeitgenossen davon überzeugt, die Rhetorik sei das geeignete Mittel, um die "richtige Meinung" sowohl zu entdecken als auch zu artikulieren. Die Regeln der Rhetorik zu mißachten, die eigenen Gedanken aufs Geratewohl zur Sprache zu bringen, ohne richtige Betonung, ohne die angemessene Leidenschaftlichkeit, das wirkte wie ein Affront gegen die Intelligenz der Zuhörer und erregte den Verdacht der Lügenhaftigkeit. Deshalb können wir annehmen, daß viele der 280 Geschworenen, die Sokrates dann für schuldig befanden, dies deshalb taten, weil ihnen seine Verfahrensweise mit Wahrhaftigkeit nicht vereinbar schien.

Mit diesem [...] Beispiel möchte ich verdeutlichen, daß Wahrheitsbegriffe jeweils sehr eng mit den Perspektiven bestimmter Ausdrucksformen verknüpft sind. Die Wahrheit kommt nicht ungeschminkt daher und ist niemals so dahergekommen. Sie muß in der ihr angemessenen Kleidung auftreten, sonst wird sie nicht anerkannt, mit anderen Worten: "Wahrheit" ist so etwas wie ein kulturelles Vorurteil. Jede Kultur beruht auf dem Grundsatz, daß sich die Wahrheit in bestimmten symbolischen Formen besonders glaubwürdig ausdrücken läßt, in Formen, die einer anderen Kultur möglicherweise trivial oder belanglos erscheinen.

 

Aufgaben:

  1. Wie schätzt Postman Sokrates' rhetorische Leistung in dessen Verteidigungsrede ein?
  2. Welchen Zusammenhang stellt Postman her zwischen Medien (Ausdrucksformen) und Wahrheit?
  3. Wie hätten Sie sich an Sokrates Stelle verteidigt?

 

Im Mittelalter gehörte die Rhetorik neben der Grammatik (korrekte Sprache) und der Dialektik (richtiges Denken) zu den Freien Künsten ("Trivium" genannt), die der Gebildete in einem "Elementarkurs" zu beherrschen lernen mußte. Zu Beginn der Neuzeit erinnerte man sich im Humanismus wieder der alten antiken rhetorischen Ideale, die die Kunstgriffe hergaben, um u. a. Soldaten für Schlachten zu motivieren oder Parlamente zu Mehrheitsentscheidungen anzuregen. Gebunden war diese Rhetorik an das gesprochene Wort in der jeweiligen Situation und an eine spätere Lesefassung.

lm 20. Jahrhundert fallen zunächst einmal die Negativbeispiele der Rhetorik ins Auge - die Rhetorik der Massenbewegung, die Rhetorik der Diktatoren. Mit der antiken Tradition des Rhetors als "vir bonus" haben sie nicht mehr das geringste gemein. Diese Art diktatorischer Redner appellieren an den Massentrieb, sie steigern die Zuhörer, aber auch sich selbst in eine Art Psychose.

Ein weiteres Feld der Rhetorik, das heute mehr und mehr in den Vordergrund rückt, ist die Werbung, die rhetorisch sicheres Auftreten fordert.

(Peter Ebeling: Das große Buch der Rhetorik. Englisch Verlag, Wiesbaden 61988, S. 16)

 

Rhetorische Figuren im Überblick

Zu beachten ist, daß die hier aufgeführten Strukturmerkmale in Texten aller Gattungen, ja, selbst in Gebrauchstexten zu finden sind. Sie werden besonders bewußt in der Rhetorik (griech. - Kunst der Rede) eingesetzt. So verwendet der politische Redner rhetorische Mittel gezielt, um die gewünschte Wirkung zu erreichen. Ein Großteil der Stilmittel ist in der Antike entstanden, was sich noch heute an den meist griechischen Fachbegriffen ablesen läßt.

Kennzeichen der Lyrik ist z. B., daß sie dazu tendiert, die rhetorischen Figuren in ein besonders beziehungsreiches Zusammenspiel zu bringen. Auch dadurch entsteht die faszinierende Überstrukturierung, eine Vieldeutigkeit, die den Leser zu einem intensiven Verstehensprozeß anregt.

 

Rhetorische Figur

Beispiel

Definition

Akkumulation

"Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott!"

Reihung von Begriffen zu einem - genannten oder nicht genannten - Oberbegriff.

Allegorie

"Gott Amor" für "Liebe"

Konkrete Darstellung von Abstraktem (Gedanke, Begriff), oft durch ---> Personifikation. Gedachtes wird in ein Bild übertragen, das durch Reflexion wieder erschlossen werden muß.

Anapher

"Das Wasser rauscht das Wasser schwoll."

Wiederholung wichtiger Wörter an Vers-/Satzanfängen.

Antithese

"Im Sommer ist mir kalt, im Winter ist mir heiß."

Entgegenstellung von Begriffen und Gedanken.

Apostrophe

"Gütge Fürstin! So schamlos frech verspottet man dich!"

Pathetische Anrede.

Chiasmus

"Ich weiß nicht, was ich will, ich will nicht, was ich weiß."

Griech. Buchstabe Chi = X; symmetrische Überkreuzstellung von syntaktisch oder semantisch einander entsprechenden Satzgliedern.

Correctio

"Wir müssen schnell, ja unverzüglich handeln."

Korrektur eines zu schwachen Ausdrucks.

Ellipse

"Je früher (du zum Arzt gehst), desto besser (ist es für deine Gesundheit)."

Unvollständiger Satz. Auslassung eines Wortes/Satzteils, das/der leicht ergänzbar ist.

Epipher

"Doch alle Lust will Ewigkeit-, -will tiefe, tiefe Ewigkeit!"

Wiederholung wichtiger Wörter an Vers-/Satzenden; Gegensatz zu --> Anapher.

Euphemismus

"Heimgang" für "Tod"

Beschönigung

Hendiadyoin

"Beistand und Hilfe" "einzig und allein"

Verknüpfung zweier sinnverwandter (synonymer) Wörter, meist Substantive.

Hyperbaton

"Es ist der Liebe milde Zeit."

Satzstellung, die von der üblichen abweicht.

Hyperbel

"ein Meer von Tränen"

Starke Übertreibung.

Ironie

"Du bist mir ein schöner Freund."

Unwahre Behauptung, die durchblicken läßt, daß das Gegenteil gemeint ist.

Klimax

"Veni, vidi, vici." ("Ich kam, sah und siegte.")

Dreigliedrige Steigerung. Antiklimax: Steigerung zum schwächeren Ausdruck hin.

Litotes

"Nicht unschön" -"Er war nicht gerade ein Held."

Bejahung durch doppelte Verneinung. Milderung des Gesagten.

Metapher

"Das Feuer der Liebe" - "Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens."

Bedeutungsübertragung. Sprachliche Verknüpfung zweier semantischer Bereiche, die gewöhnlich unverbunden sind. "Eine Metapher [...] ist ein Wort in einem Kontext, durch den es so determiniert wird, daß es etwas anderes meint als es bedeutet" (H. Weinrich).

Metonymie

"Er hat den ganzen Büchner gelesen." - "Hüte deine Zunge!" "Er hat zwei Glas getrunken." - "Moskau hat noch nicht geantwortet."

Ersetzung eines gebräuchlichen Wortes durch ein anderes, das zu ihm in unmittelbarer Beziehung steht: z. B. Autor für Werk, Ursache für Wirkung, Gefäß für Inhalt, Ort für Person.

Oxymoron

"Bittere Süße" -"schwarze Milch der Frühe"

Verbindung zweier Vorstellungen, die sich ausschließen -, contradictio in adiecto.

Paradoxon

"Das Leben ist der Tod, der Tod ist das Leben."

Scheinwiderspruch

Parallelismus

"Schnell lief er hin, langsam kam er zurück."

Wiederholung gleicher syntaktischer Fügungen.

Paronomasie

"Betrogener Betrüger" "Eile mit Weile"

Wortspiel durch Verbindung von Wörtern, die klangähnlich oder auf gleichen Wortstamm zurückzuführen sind.

Periphrase

"der Allmächtige" für "Gott"

Umschreibung

Personifikation

"Mutter Natur"

Vermenschlichung --> Allegorie

Pleonasmus

"weißer Schimmel" "grünes Gras"

Wiederholung eines charakteristischen semantischen Merkmals des Bezugswortes.

     

Rhetorische Frage

"Machen wir nicht alle Fehler?"

Scheinbare Frage, um einer Aussage besonderen Nachdruck zu verleihen.

Symbol

"Kreuz" als Symbol für den christlichen Glauben - "Krone" als Symbol der Macht

Sinnbild, das über sich hinaus auf Allgemeines verweist. Meist ein konkreter Gegenstand, in dem ein allgemeiner Sinnzusammenhang sichtbar wird.

Synästhesie

"Durch die Nacht, die mich umfangen, / Blickt zu mir der Töne Licht."

Verbindung unterschiedlicher Sinneseindrücke.

Synekdoche

"Klinge" für "Schwert"

"Dach" für "Haus"

Ein Teil steht für das Ganze (pars pro toto).

Tautologie

"Persil bleibt Persil" "immer und ewig"

Wiederholung eines Begriffs bzw. Ersetzung durch ein sinnverwandtes Wort (häufig in Zwillingsformeln).

- Hendiadyoin ---> Pleonasmus

Vergleich

"Achill ist stark wie ein Löwe."

Verknüpfung zweier sernantischer Bereiche durch Hervorhebung des Gemeinsamen (des sog. tertium comparationis) . Unterform der ---> Metapher.

Zeugma

"Er schlug die Stühl' und Vögel tot."

Ungewohnte Zuordnung verschiedener Satzglieder, meist des Prädikats, zu unterschiedlichen Objekten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1.1.2 Politische Rhetorik im 20. Jahrhundert

Die klassische Rede als Monolog des Redners wirkte zunächst jeweils nur situativ auf das anwesende Publikum, wobei der Redner u. a. auch über die Fähigkeit verfügen mußte, laut und deutlich zu sprechen. Erst nachträglich konnte die Rede, z. B. durch Publikation in Zeitungen, amtlichen Verlautbarungen, Flugschriften oder Geschichtswerken, eine zusätzliche Wirkung haben, wobei aber wichtige rhetorische Aspekte (Sprechweise, Mimik, Gestik des Redners) entfielen. Dies gilt von der Antike bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts.

Mit der rasanten technischen Entwicklung neuer Medien änderte sich auch die Gesamtsituation der Rhetorik. Ab dem 29. 10. 1923 wurden in Deutschland regelmäßige Rundfunksendungen ausgestrahlt (über Mittelwelle, der störungsfreiere UKW-Rundfunk wurde erst 1949 eingeführt). Damit ergab sich die Möglichkeit, daß ein Redner "live" ein sehr viel größeres Publikum erreichen konnte, das aber zuhause saß und ihn nicht sehen konnte.

Ab 1929 wurden die ersten theaterreifen Tonfilme in Deutschland vorgeführt (ab 1930 gab es Farbfilme), bald war die Wochenschau regelmäßig zu sehen, ein Kurzfilm-Magazin im Kinovorprogramm mit wöchentlich wechselnder, überwiegend aktueller politischer Berichterstattung. Nunmehr konnte ein Massenpublikum einen Redner hören und sehen, die Schneide- und Montagetechnik erlaubte es, Reden zu kürzen und mit anderen Bildern zu kombinieren.

Die Nationalsozialisten erkannten und nutzten in Deutschland die Möglichkeiten der neuen Medien, indem sie sie ab 1933 im Reichspropagandaministerium des Joseph Goebbels "gleichschalteten" und für eine totalitäre Propaganda mißbrauchten, die über Volksempfänger, Wochenschau und Propagandafilme "flächendeckend" fast alle Bürgerinnen und Bürger erreichte, wenn auch mit unterschiedlicher Wirkung.

Um eine solche totalitäre Propagandamaschinerie künftig zu verhindern, wurden nach dem Kriege in der Bundesrepublik für die Medien institutionelle Konsequenzen gezogen. Es gab keine staatlich kontrollierten Filmgesellschaften mehr, der Rundfunk wurde (auf Länderebene) dezentralisiert, die Rundfunkanstalten bekamen den Status öffentlich-rechtlicher Anstalten, die dem Staat gegenüber relativ autonom sind. U. a. damit war der politischen Propagandarede "großen Maßstabs" der Boden entzogen; "große" politische Reden, die "live" ein Massenpublikum erreichen, sind in der Zeit nach 1945 selten geworden.

Die folgenden vier Reden können lediglich einen kurzen Einblick gewähren in die monologische politische "Großrhetorik" von 1933 bis 1985. Ein Kriterium für die Textauswahl war, Redner unterschiedlicher politischer Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Zeiten zu Wort kommen zu lassen; alle vier Reden beschäftigen sich mit dem Nationalsozialismus bzw. seinen Folgen.

 

Vier Reden zum Nationalsozialismus und seinen Folgen

Text 1

Otto Wels: Rede vor dem deutschen Reichstag zum "Ermächtigungsgesetz"

Kurzinformation zum situativen Kontext

Am 30. 01. 1933 hatte Reichspräsident Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler berufen, der ein Kabinett mit Deutschnationalen und dem "Stahlhelm" bildete. Der Brand des Reichstags in Berlin am 27. Februar 1933 wurde von den Nationalsozialisten den Kommunisten angelastet und zum Vorwand für eine große Verhaftungswelle. Bei den Reichstagswahlen am 05. März 1933 erreichte die NSDAP 288 Mandate (44%, zusammen mit den Deutschnationalen 52 %).

Am 23. März 1933 legte Hitler dem Reichstag in Berlin das "Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich" vor. Durch dieses sog. "Ermächtigungsgesetz" sollte der neuen Regierung für vier Jahre u. a. erlaubt sein, auch ohne Zustimmung des Reichstages die gesetzgebende und ausführende Gewalt auszuüben, was faktisch der Selbstentmachtung des Reichstags gleichkam. Am 23. 03. 1933 waren die kommunistischen Abgeordneten vom Reichstag bereits ausgeschlossen. Nur die 94 Abgeordnete zählende SPD-Fraktion stimmte schließlich gegen das Ermächtigungsgesetz.

Otto Wels (1873-1939), seit 1919 einer der Vorsitzenden der SPD, die er von seiner anschließenden Emigration 1933 bis zu seinem Tode in Paris 1939 im Exil führte, nahm für die SPD-Fraktion am 23. 03. 1933 zum "Ermächtigungsgesetz" in einer Rede vor dem Reichstag in Berlin Stellung.

 

Text der Rede

Meine Damen und Herren!

Der außenpolitischen Forderung deutscher Gleichberechtigung, die der Herr Reichskanzler erhoben hat, stimmen wir Sozialdemokraten um so nachdrücklicher zu, als wir sie bereits von jeher grundsätzlich verfochten haben. Ich darf mir wohl in diesem Zusammenhang die persönliche Bemerkung gestatten, daß ich als erster Deutscher vor einem internationalen Forum, auf der Berner Konferenz am 03. Februar des Jahres 1919, der Unwahrheit von der Schuld Deutschlands am Ausbruch des Weltkrieges entgegengetreten bin. Nie hat uns irgendein Grundsatz unserer Partei daran hindern können oder gehindert, die gerechten Forderungen der deutschen Nation gegenüber den anderen Völkern der Welt zu vertreten.

Der Herr Reichskanzler hat auch vorgestern in Potsdam einen Satz gesprochen, den wir unterschreiben. Er lautet: "Aus dem Aberwitz der Theorie von ewigen Siegern und Besiegten kam der Wahnwitz der Reparationen und in der Folge die Katastrophe der Weltwirtschaft." Dieser Satz gilt für die Außenpolitik; für die Innenpolitik gilt er nicht minder. Auch hier ist die Theorie von den ewigen Siegern und Besiegten, wie der Herr Reichskanzler sagte, ein Aberwitz.

Das Wort des Herrn Reichskanzlers erinnert uns aber auch an ein anderes, das am 23. Juli 1919 in der Nationalversammlung gesprochen wurde. Da wurde gesagt: "Wir sind wehrlos, wehrlos ist aber nicht ehrlos. Gewiß, die Gegner wollen uns an die Ehre, daran ist kein Zweifel. Aber daß dieser Versuch der Ehrabschneidung einmal auf die Urheber selbst zurückfallen wird, da es nicht unsere Ehre ist, die bei dieser Welttragödie zugrunde geht, das ist unser Glaube bis zum letzten Atemzug." Das steht in einer Erklärung, die eine sozialdemokratisch geführte Regierung damals im Namen des deutschen Volkes vor der ganzen Welt abgegeben hat, vier Stunden bevor der Waffenstillstand abgelaufen war, um den Weitervormarsch der Feinde zu verhindern. - Zu dem Ausspruch des Herrn Reichskanzlers bildet jene Erklärung eine wertvolle Ergänzung.

Aus einem Gewaltfrieden kommt kein Segen; im Innern erst recht nicht. Eine wirkliche Volksgemeinschaft läßt sich auf ihn nicht gründen. Die erste Voraussetzung ist gleiches Recht. Mag sich die Regierung gegen rohe Ausschreitungen der Polemik schützen, mag sie Aufforderungen zu Gewalttaten und Gewalttaten selbst mit Strenge verhindern. Das mag geschehen, wenn es nach allen Seiten gleichmäßig und unparteiisch geschieht, und wenn man es unterläßt, besiegte Gegner zu behandeln, als seien sie vogelfrei. Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.

Nach den Verfolgungen, die die Sozialdemokratische Partei in der letzten Zeit erfahren hat, wird billigerweise niemand von ihr verlangen oder erwarten können, daß sie für das hier eingebrachte Ermächtigungsgesetz stimmt. Die Wahlen vom 05. März haben den Regierungsparteien die Mehrheit gebracht und damit die Möglichkeit gegeben, streng nach Wortlaut und Sinn der Verfassung zu regieren. Wo diese Möglichkeit besteht, besteht auch die Pflicht. Kritik ist heilsam und notwendig. Noch niemals, seit es einen Deutschen Reichstag gibt, ist die Kontrolle der öffentlichen Angelegenheiten durch die gewählten Vertreter des Volkes in solchem Maße ausgeschaltet worden, wie es jetzt geschieht, und wie es durch das neue Ermächtigungsgesetz noch mehr geschehen soll. Eine solche Allmacht der Regierung muß sich um so schwerer auswirken, als auch die Presse jeder Bewegungsfreiheit entbehrt.

Meine Damen und Herren! Die Zustände, die heute in Deutschland herrschen, werden vielfach in krassen Farben geschildert. Wie immer in solchen Fällen, fehlt es auch nicht an Übertreibungen. Was meine Partei betrifft, so erkläre ich hier: wir haben weder in Paris um Intervention gebeten noch Millionen nach Prag verschoben, noch übertreibende Nachrichten ins Ausland gebracht. Solchen Übertreibungen entgegenzutreten wäre leichter, wenn im Inlande eine Berichterstattung möglich wäre, die Wahres vom Falschen unterscheidet. Noch besser wäre es, wenn wir mit gutem Gewissen bezeugen könnten, daß die volle Rechtssicherheit für alle wiederhergestellt sei. Das, meine Herren, liegt bei Ihnen.

Die Herren von der Nationalsozialistischen Partei nennen die von ihnen entfesselte Bewegung eine nationale Revolution, nicht eine nationalsozialistische. Das Verhältnis ihrer Revolution zum Sozialismus beschränkt sich bisher auf den Versuch, die sozialdemokratische Bewegung zu vernichten, die seit mehr als zwei Menschenaltern die Trägerin sozialistischen Gedankengutes gewesen ist und auch bleiben wird. Wollten die Herren von der Nationalsozialistischen Partei sozialistische Taten verrichten, sie brauchten kein Ermächtigungsgesetz. Eine erdrückende Mehrheit wäre Ihnen in diesem Hause gewiß. Jeder von Ihnen im Interesse der Arbeiter, der Bauern, der Angestellten, der Beamten oder des Mittelstandes gestellte Antrag könnte auf Annahme rechnen, wenn nicht einstimmig, so doch mit gewaltiger Majorität.

Aber dennoch wollen Sie vorerst den Reichstag ausschalten, um ihre Revolution fortzusetzen. Zerstörung von Bestehendem ist aber noch keine Revolution. Das Volk erwartet positive Leistungen. Es wartet auf durchgreifende Maßnahmen gegen das furchtbare Wirtschaftselend, das nicht nur in Deutschland, sondern in aller Welt herrscht. Wir Sozialdemokraten haben in schwerster Zeit Mitverantwortung getragen und sind dafür mit Steinen beworfen worden. Unsere Leistungen für den Wiederaufbau von Staat und Wirtschaft, für die Befreiung der besetzten Gebiete werden vor der Geschichte bestehen. Wir haben gleiches Recht für alle und ein soziales Arbeitsrecht geschaffen. Wir haben geholfen, ein Deutschland zu schaffen, in dem nicht nur Fürsten und Baronen, sondern auch Männern aus der Arbeiterklasse der Weg zur Führung des Staates offensteht. Davon können Sie nicht zurück, ohne Ihren eigenen Führer preiszugeben. Vergeblich wird der Versuch bleiben, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Wir Sozialdemokraten wissen, daß man machtpolitische Tatsachen durch bloße Rechtsverwahrungen nicht beseitigen kann. Wir sehen die machtpolitische Tatsache Ihrer augenblicklichen Herrschaft. Aber auch das Rechtsbewußtsein des Volkes ist eine politische Macht, und wir werden nicht aufhören, an dieses Rechtsbewußtsein zu appellieren.

Die Verfassung von Weimar ist keine sozialistische Verfassung. Aber wir stehen zu den Grundsätzen des Rechtsstaates, der Gleichberechtigung, des sozialen Rechtes, die in ihr festgelegt sind. Wir deutschen Sozialdemokraten bekennen uns in dieser geschichtlichen Stunde feierlich zu den Grundsätzen der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Sozialismus. Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen, die ewig und unzerstörbar sind, zu vernichten. Sie selbst haben sich ja zum Sozialismus bekannt. Das Sozialistengesetz hat die Sozialdemokratie nicht vernichtet. Auch aus neuen Verfolgungen kann die deutsche Sozialdemokratie neue Kraft schöpfen.

Wir grüßen die Verfolgten und Bedrängten. Wir grüßen unsere Freunde im Reich. Ihre Standfestigkeit und Treue verdienen Bewunderung. Ihr Bekennermut, ihre ungebrochene Zuversicht verbürgen eine hellere Zukunft.

 

Arbeitsanregungen zu den Texten 1-4:

  1. Äußern Sie zunächst Ihre ersten Eindrücke nach der Lektüre der jeweiligen Rede. Tragen Sie Ausschnitte aus den Reden vor, und diskutieren Sie die Wirkung.
  2. Führen Sie eine rhetorische Analyse durch, die folgende Fragen beantworten sollte:

  1. Vergleichen Sie Ihre abschließende Beurteilung und Wertung der Rede mit Ihren ersten Eindrücken und diskutieren Sie eventuelle Abweichungen.
  2. Vergleichen Sie die Reden miteinander.

 

Häufig verwendete rhetorische Mittel

Wichtige rhetorische Mittel sind z. B.

der Euphemismus (beschönigende Umschreibung eines negativen Sachverhaltes, z. B. "Endlösung")

die Emphase (nachdrückliche, feierliche Betonung),

die Hyperbel (Übertreibung eines Ausdrucks im vergrößernden oder verkleinernden Sinne, z. B. "blitzschnell"),

die Anapher (Wiederholung von Wörtern oder Wortgruppen in aufeinanderfolgenden Sätzen), die Klimax (stufenweise Steigerung im Aussageinhalt, z. B. Caesars "Veni, vidi, vici": "Ich kam, ich sah, ich siegte"),

die rhetorische Frage (auf die keine Antwort erwartet wird, die also eine indirekte Behauptung ist) und

die Scheindefinition, die vorgibt, einen Begriff oder Sachverhalt definitorisch zu klären, in Wirklichkeit aber die subjektive Sicht des Redners bezeichnet.

 

 

 

 

 

Text 2

Adolf Hitler Rundfunkansprache an die deutsche Bevölkerung

Kurzinformation zum situativen Kontext

Anfang 1945 waren die westlichen Alliierten bis zum Rhein vorgestoßen, im Osten standen die sowjetischen Truppen an der Oder, zunehmend bekam die Zivilbevölkerung die Folgen der alliierten Bombardements (Zerstörung, Tod, Hunger, Versorgungsengpässe) zu spüren. Immer deutlicher wurde, daß der Zusammenbruch unabwendbar bevorstand.

Seit den ersten militärischen Mißerfolgen 1942 hatte Hitler nur noch selten öffentlich gesprochen, und wenn, dann wählte er meistens das Medium der Rundfunkansprache. Die folgende Rede hielt Hitler von der Reichskanzlei in Berlin aus über den Rundfunk am 30. Januar 1945, dem Jahrestag seiner "Machtergreifung". Es war seine letzte Ansprache an das deutsche Volk.

 

Text der Rede

Deutsche Volksgenossen und Volksgenossinnen! Nationalsozialisten!

Als mich als Führer der stärksten Partei vor 12 Jahren der verewigte Reichspräsident von Hindenburg mit der Kanzlerschaft betraute, stand Deutschland im Inneren vor der gleichen Situation wie heute in weltpolitischer Hinsicht nach außen. Der durch den Versailler Vertrag planmäßig eingeleitete und fortgeführte Prozeß der wirtschaftlichen Zerstörung und Vernichtung der demokratischen Republik führte zur allmählich dauerhaft gewordenen Erscheinung von fast 7 Millionen Erwerbslosen, 7 Millionen Kurzarbeitern, einem zerstörten Bauernstand, einem vernichteten Gewerbe und einem dementsprechend auch zum Erliegen gekommenen Handel. Die deutschen Häfen waren nur noch Schiffsfriedhöfe. Die finanzielle Lage des Reiches drohte in jedem Augenblick zum Zusammenbruch nicht nur des Staates, sondern auch der Länder und der Gemeinden zu führen. Das Entscheidende aber war folgendes: Hinter dieser wirtschaftlichen methodischen Zerstörung Deutschlands stand das Gespenst des asiatischen Bolschewismus damals genau so wie heute. Und so wie jetzt im Großen war in den Jahren vor der Machtübernahme im kleinen Inneren die bürgerliche Welt völlig unfähig, dieser Entwicklung einen wirksamen Widerstand entgegenzusetzen. Man hatte auch nach dem Zusammenbruch des Jahres 1918 immer noch nicht erkannt, daß eine alte Welt im Vergehen und eine neue im Werden ist, daß es sich nicht darum handeln kann, das, was sich als morsch und faul erwiesen hatte, mit allen Mitteln zu stützen und damit künstlich zu erhalten, sondern daß es notwendig ist, das ersichtlich Gesunde an dessen Stelle zu setzen. Eine überlebte Gesellschaftsordnung war zerbrochen, und jeder Versuch, sie aufrechtzuerhalten, mußte vergeblich sein. Es war also nicht anders wie heute im Großen, da ebenfalls die bürgerlichen Staaten der Vernichtung geweiht sind und nur klar ausgerichtete, weltanschaulich gefestigte Volksgemeinschaften die seit vielen Jahrhunderten schwerste Krise Europas zu überdauern vermögen.

Nur sechs Jahre des Friedens sind uns seit dem 30. Januar 1933 vergönnt gewesen. In diesen sechs Jahren ist Ungeheueres geleistet und noch Größeres geplant worden; so vieles und so Gewaltiges, daß es aber erst recht den Neid unserer demokratischen, nichtskönnenden Umwelt erweckte.

Das Entscheidende aber war, daß es in diesen sechs Jahren gelang, mit übermenschlichen Anstrengungen den deutschen Volkskörper wehrmäßig zu sanieren, das heißt, ihn nicht in erster Linie mit einer materiellen Kriegsmacht auszustatten, sondern mit dem geistigen Widerstandswillen der Selbstbehauptung zu erfüllen.

Das grauenhafte Schicksal, das sich heute im Osten abspielt, das in Dorf und Markt, auf dem Lande und in den Städten den Menschen zu Zehn- und Hunderttausenden zustößt, wird mit äußersten Anstrengungen von uns am Ende trotz aller Rückschläge und harten Prüfungen abgewehrt und gemeistert werden. Wenn das aber überhaupt möglich ist, dann nur, weil sich seit dem Jahre 1933 eine innere Wende im deutschen Volke vollzogen hat. Heute noch ein Deutschland des Versailler Vertrages - und Europa wäre schon längst von der innerasiatischen Sturmflut weggefegt worden. Mit jenen nie aussterbenden Strohköpfen braucht man sich dabei kaum auseinanderzusetzen, die der Meinung sind, ein wehrloses Deutschland wäre infolge seiner Ohnmacht sicher nicht zum Opfer dieser jüdisch-internationalen Weltverschwörung geworden.

[ ... ] Die Widerstandskraft unserer Nation ist seit dem 30. Januar 1933 so ungeheuer gewachsen, daß sie nicht mehr vergleichbar ist mit der früherer Zeitalter. Die Aufrechterhaltung dieser inneren Widerstandskraft aber ist zugleich der sicherste Garant für den endgültigen Sieg! Wenn Europa heute von einer schweren Krankheit ergriffen ist, dann werden die davon betroffenen Staaten sie entweder unter Aufbietung ihrer ganzen und äußersten Widerstandskraft überwinden oder an ihr zugrunde gehen. Allein auch der Genesende und damit Überlebende überwindet den Höhepunkt einer solchen Krankheit nur in einer Krise, die ihn selbst auch auf das äußerste schwächt. Es ist aber deshalb erst recht unser unabänderlicher Wille, in diesem Kampf der Errettung unseres Volkes vor dem grauenhaftesten Schicksal aller Zeiten vor nichts zurückzuschrecken und unwandelbar und treu dem Gebot der Erhaltung unserer Nation zu gehorchen. Der Allmächtige hat unser Volk geschaffen. Indem

wir seine Existenz verteidigen, verteidigen wir sein Werk. Daß diese Verteidigung mit namenlosem Unglück, Leid und Schmerzen sondergleichen verbunden ist, läßt uns nur noch mehr an diesem Volk hängen. Es läßt uns aber auch jene Härte gewinnen, die notwendig ist, um auch in schlimmsten Krisenpunkten unsere Pflicht zu erfüllen; das heißt nicht nur die Pflicht dem anständigen ewigen Deutschland gegenüber, sondern auch die Pflicht gegenüber jenen wenigen Ehrlosen, die sich von ihrem Volkstum trennen. Es gibt deshalb in diesem Schicksalskampf für uns nur ein Gebot: Wer ehrenhaft kämpft, kann damit das Leben für sich und seine Lieben retten. Wer der Nation aber feige oder charakterlos in den Rücken fällt, wird unter allen Umständen eines schimpflichen Todes sterben.

Daß der Nationalsozialismus diesen Geist in unserem deutschen Volke erwecken und erhärten konnte, ist seine größte Tat. Wenn einmal nach dem Abklingen dieses gewaltigen Weltdramas die Friedensglocken läuten werden, wird man erst erkennen, was das deutsche Volk dieser seelischen Wiedergeburt verdankt: Es ist nicht weniger als sein Dasein auf dieser Welt.

Vor wenigen Monaten und Wochen noch haben die alliierten Staatsmänner ganz offen das deutsche Schicksal gekennzeichnet. Sie wurden daraufhin von einigen Zeitungen ermahnt, klüger zu sein und lieber etwas zu versprechen, auch wenn man nicht die Absicht habe, das Versprochene später einzuhalten. Ich möchte in dieser Stunde als unerbittlicher Nationalsozialist und Kämpfer meines Volkes diesen anderen Staatsmännern einmal für immer die Versicherung abgeben, daß jeder Versuch der Einwirkung auf das nationalsozialistische Deutschland durch Phrasen Wilsonscher Prägung eine Naivität voraussetzt, die das heutige Deutschland nicht kennt.

Aber es ist überhaupt nicht entscheidend, daß in den Demokratien die politische Tätigkeit und die Lüge als unlösbare Bundesgenossen in Erscheinung treten, sondern entscheidend ist, daß jedes Versprechen, das diese Staatsmänner einem Volk abgeben, heute überhaupt völlig belanglos ist, weil sie selbst nicht mehr in der Lage sind, je[mals] irgendeine solche Versicherung einlösen zu können. Es ist nicht anders, als wenn ein Schaf einem anderen die Versicherung abgeben wollte, es vor einem Tiger zu beschützen. Ich wiederhole demgegenüber meine Prophezeiung: England wird nicht nur nicht in der Lage sein, den Bolschewismus zu bezähmen, sondern seine eigene Entwicklung wird zwangsläufig mehr und mehr im Sinne dieser auflösenden Krankheit verlaufen. Die Geister, die die Demokratien aus den Steppen Asiens gerufen haben, werden sie selbst nicht mehr los. All die kleinen europäischen Nationen, die im Vertrauen auf alliierte Zusicherungen kapitulierten, gehen ihrer völligen Ausrottung entgegen. Ob sie dieses Schicksal etwas früher oder etwas später trifft, ist - gemessen an seiner Unabwendbarkeit - völlig belanglos. Es sind ausschließlich taktische Erwägungen, die die Kremljuden bewegen, in einem Fall sofort brutal und im anderen Fall zunächst etwas zurückhaltender vorzugehen. Das Ende wird immer das gleiche sein.

Dieses Schicksal aber wird Deutschland niemals erleiden! Der Garant dafür ist der vor zwölf Jahren erfochtene Sieg im Inneren unseres Landes. Was immer auch unsere Gegner ersinnen mögen, was immer sie deutschen Städten, den deutschen Landschaften und vor allem unseren Menschen an Leid zufügen, es verblaßt gegenüber dem unkorrigierbaren Jammer und Unglück, das uns treffen müßte, wenn jemals die plutokratisch-bolschewistische Verschwörung Sieger bliebe. Es ist daher am 12. Jahrestag der Machtübernahme erst recht notwendig, das Herz stärker zu machen als jemals zuvor und in sich den heiligen Entschluß zu erhärten, die Waffen zu führen, ganz gleich wo und ganz gleich unter welchen Umständen - so lange, bis am Ende der Sieg unsere Anstrengungen krönt.

Ich möchte an diesem Tage aber auch über etwas anderes keinen Zweifel lassen: einer ganzen feindlichen Umwelt zum Trotz habe ich einst im Innern meinen Weg gewählt und bin ihn als Unbekannter, Namenloser gewandert bis zum endgültigen Erfolg. Oftmals totgesagt und jederzeit totgewünscht, abschließend doch als Sieger! Mein heutiges Leben wird aber ebenso ausschließlich bestimmt durch die mir obliegenden Pflichten.

Sie ergeben zusammengefaßt nur eine einzige, nämlich: für mein Volk zu arbeiten und dafür zu kämpfen. Von dieser Pflicht kann mich nur der entbinden, der mich dazu berufen hat. Es lag in der Hand der Vorsehung, am 20. Juli durch die Bombe, die 11/2 Meter neben mir krepierte, mich auszulöschen und damit mein Lebenswerk zu beenden. Daß mich der Allmächtige an diesem Tag beschützte, sehe ich als eine Bekräftigung des mir erteilten Auftrages an. Ich werde daher auch in den kommenden Jahren diesen Weg kompromißloser Vertretung der Interessen meines Volkes weiterwandeln, unbeirrt durch jede Not und jede Gefahr und durchdrungen von der heiligen Überzeugung, daß am Ende der Allmächtige den nicht verlassen wird, der in seinem ganzen Leben nichts anderes wollte, als sein Volk vor einem Schicksal zu retten, das es weder seiner Zahl noch gar seiner Bedeutung nach jemals verdient hat.

Ich appelliere in dieser Stunde deshalb an das ganze deutsche Volk, an der Spitze aber an meine alten Mitkämpfer und an alle Soldaten, sich mit einem noch größeren härteren Geist des Widerstandes zu wappnen, bis wir - wieder wie schon einmal - den Toten dieses gewaltigen Ringens den Kranz mit der Schleife auf das Grab legen dürfen: "Und ihr habt doch gesiegt!"

Ich erwarte von jedem Deutschen, daß er deshalb seine Pflicht bis zum Äußersten erfüllt, daß er jedes Opfer, das von ihm gefordert wird und werden muß, auf sich nimmt, ich erwarte von jedem Gesunden, daß er sich mit Leib und Leben einsetzt im Kampf, ich erwarte von jedem Kranken und Gebrechlichen oder sonst Unentbehrlichen, daß er bis zum Aufgebot seiner letzten Kraft arbeitet; ich erwarte von den Bewohnern der Städte, daß sie die Waffen schmieden für diesen Kampf, und ich erwarte vom Bauern, daß er unter höchstmöglicher eigener Einschränkung das Brot gibt für die Soldaten und Arbeiter dieses Kampfes. Ich erwarte von allen Frauen und Mädchen, daß sie diesen Kampf - so wie bisher - mit äußerstem Fanatismus unterstützen. Ich wende mich mit besonderem Vertrauen dabei an die deutsche Jugend. Indem wir eine so verschworene Gemeinschaft bilden, können wir mit Recht vor den Allmächtigen treten und ihn um seine Gnade und seinen Segen bitten. Denn mehr kann ein Volk nicht tun, als daß jeder, der kämpfen kann, kämpft, und jeder, der arbeiten kann, arbeitet, und alle gemeinsam opfern, nur von dem einen Gedanken erfüllt, die Freiheit, die nationale Ehre und damit die Zukunft des Lebens sicherzustellen.

Wie schwer auch die Krise im Augenblick sein mag, sie wird durch unseren unabänderlichen Willen, durch unsere Opferbereitschaft und durch unsere Fähigkeiten am Ende trotzdem gemeistert werden. Wir werden auch diese Not überstehen. Es wird auch in diesem Kampf nicht Innerasien siegen, sondern Europa - und an der Spitze jene Nation, die seit eineinhalbtausend Jahren Europa als Vormacht gegen den Osten vertreten hat und in alle Zukunft vertreten wird: Unser Großdeutsches Reich, die deutsche Nation!

 

Aufgabe: (dieselben wie die zum Text1)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Text 3

Willy Brandt: Rede zum Warschauer Vertrag

Kurzinformation zum situativen Kontext

Seit dem 22. 11. 1969 gab es in der Bundesrepublik Deutschland eine sozialliberale Koalition zwischen der SPD (Kanzler wurde Willy Brandt) und der FDP (Außenminister wurde der spätere Bundespräsident Walter Scheel). Diese sozialliberale Regierung leitete eine Politik ein, die auf Entspannung mit dem Osten bedacht war. Am 12.08.1970 wurde in Moskau der Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der UdSSR unterzeichnet, der Gewaltverzicht gegenüber dem Osten ebenso beinhaltete wie die Unverletzlichkeit der Grenzen aller europäischen Staaten. Im Warschauer Vertrag mit Polen am 07.12.1970 bestätigte die Bundesrepublik Deutschland nochmals die Unverletzlichkeit bestehender Grenzen; den in Polen ansässigen Deutschen sollte auf Antrag die Ausreise gestattet werden.

Gegen diesen Vertrag wandte sich die CDU/CSU-Opposition unter Rainer Barzel mit einem "So nicht!"; die Sprecher der Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten sprachen von einem "Ausverkauf der deutschen Ostgebiete". Als juristisch und politisch schwierig erwies sich damals, daß kein Friedensvertrag der Alliierten mit einem Rechtsnachfolger des ehemaligen "Deutschen Reiches" vorlag. Zudem war umstritten, ob der Vertrag nicht die gewaltsame Massenvertreibung der Deutschen aus den ehemaligen Ostgebieten stillschweigend anerkennt.

Der damalige Bundeskanzler Willy Brandt hielt seine Fernsehansprache von Warschau aus über die Sender der ARD an die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland kurz nach der Vertragsunterzeichnung am 07. 12. 1970.

 

Text der Rede

Meine lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger!

Ich bin mir bewußt: Dies ist eine schwere Reise. Für eine friedliche Zukunft wird sie von Bedeutung sein. Der Vertrag von Warschau soll einen Schlußstrich setzen unter Leiden und Opfer einer bösen Vergangenheit. Er soll eine Brücke schlagen zwischen den beiden Staaten und den beiden Völkern. Er soll den Weg dafür öffnen, daß getrennte Familien wieder zusammenfinden können. Und daß Grenzen weniger trennen als bisher.

Und trotzdem: Dieser Vertrag konnte nur nach ernster Gewissenserforschung unterschrieben werden.

Wir haben uns nicht leichten Herzens hierzu entschieden. Zu sehr sind wir geprägt von Erinnerungen und gezeichnet von zerstörten Hoffnungen. Aber guten Gewissens, denn wir sind überzeugt, daß Spannungen abgebaut, Verträge über Gewaltverzicht befolgt, die Beziehungen verbessert und die geeigneten Formen der Zusammenarbeit gefunden werden müssen, um zu einer europäischen Friedensordnung zu gelangen.

Dabei muß man von dem ausgehen, was ist; was geworden ist. Auch in bezug auf die Westgrenze Polens. Niemand hat uns zu dieser Einsicht gezwungen. Wir sind mündig geworden. Es geht um den Beweis unserer Reife und um den Mut, die Wirklichkeit zu erkennen.

Was ich im August Ihnen aus Moskau gesagt habe, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, gilt auch für den Vertrag mit Polen: Er gibt nichts preis, was nicht längst verspielt worden ist. Verspielt nicht von uns, die wir in der Bundesrepublik Deutschland politische Verantwortung tragen und getragen haben. Sondern verspielt von einem verbrecherischen Regime, vom Nationalsozialismus.

Wir dürfen nicht vergessen, daß dem polnischen Volk nach 1939 das Schlimmste zugefügt wurde, was es in seiner Geschichte hat durchmachen müssen. Dieses Unrecht ist nicht ohne Folgen geblieben.

Großes Leid traf auch unser Volk, vor allem unsere ostdeutschen Landsleute. Wir müssen gerecht sein: Das schwerste Opfer haben jene gebracht, deren Väter, Söhne oder Brüder ihr Leben verloren haben. Aber nach ihnen hat am bittersten für den Krieg bezahlt, wer seine Heimat verlassen mußte. Ich lehne Legenden ab, deutsche wie polnische. Die Geschichte des deutschen Ostens läßt sich nicht willkürlich umschreiben.

Unsere polnischen Gesprächspartner wissen, was ich Ihnen zu Hause auch noch einmal in aller Klarheit sagen möchte: Dieser Vertrag bedeutet nicht, daß wir Unrecht anerkennen oder Gewalttaten rechtfertigen. Er bedeutet nicht, daß wir Vertreibungen nachträglich legitimieren.

Ressentiments verletzten den Respekt vor der Trauer um das Verlorene - verloren "in Schmerzen, Krieg und Ach, in unerschöpften Tränen", wie es der Schlesier Andreas Gryphius am Ende des Dreißigjährigen Krieges sagte. Niemand kann sich dieser Trauer entziehen, uns schmerzt das Verlorene. Und das leidgeprüfte Volk wird unseren Schmerz respektieren.

Namen wie Auschwitz werden beide Völker noch lange begleiten und uns daran erinnern, daß die Hölle auf Erden möglich ist; wir haben sie erlebt. Aber gerade diese Erfahrung zwingt uns, die Aufgaben der Zukunft entschlossen anzupacken. Die Flucht vor der Wirklichkeit schafft gefährliche Illusionen. Ich sage: Das Ja zu diesem Vertrag, zur Aussöhnung, zum Frieden, ist ein Bekenntnis zur deutschen Gesamtgeschichte.

Ein klares Geschichtsbewußtsein duldet keine unerfüllbaren Ansprüche. Es duldet auch nicht jene geheimen Vorbehalte, vor denen der Ostpreuße Immanuel Kant in seiner Schrift Zum ewigen Frieden gewarnt hat.

Wir müssen unseren Blick in die Zukunft richten und die Moral als politische Kraft erkennen. Wir müssen die Kette des Unrechts durchbrechen. Indem wir dies tun, betreiben wir keine Politik des Verzichts, sondern eine Politik der Vernunft.

Der Vertrag zwischen Polen und uns - ein Vertrag, wie er amtlich heißt, über die Grundlagen der Normalisierung der gegenseitigen Beziehungen - ersetzt keinen formellen Friedensvertrag. Er berührt nicht die Rechte und Verantwortlichkeit der Vier Mächte für Deutschland als Ganzes. Er setzt frühere vertragliche Verpflichtungen weder der einen noch der anderen Seite außer Kraft.

Ich unterstreiche dies ausdrücklich, denn es bleibt natürlich dabei, daß unsere aktive Mitwirkung in den Westeuropäischen Gemeinschaften und unsere festverankerte Stellung im Atlantischen Bündnis die Grundlage bilden, von der aus wir uns um ein neues, besseres Verhältnis zu den osteuropäischen Völkern bemühen. Erst aus diesem Gesamtzusammenhang wird klar, was dieser Vertrag für den Frieden bedeutet, für die geteilte deutsche Nation und für ein geeintes Europa. Ein Europa, das nicht durch Deklamationen, sondern nur durch zielbewußte Arbeit geschaffen werden kann.

Nichts ist weiter wichtiger als die Herstellung eines gesicherten Friedens.

Dazu gibt es keine Alternative, Frieden ist nicht möglich ohne europäische Solidarität.

Alles, was uns diesem Ziele näherbringt, ist ein guter Dienst an unserem Volk und vor allem ein Dienst für die, die nach uns kommen.

 

Text 4

Richard von Weizsäcker: Der 8. Mai 1945

40 Jahre danach

Kurzinformation zum situativen Kontext

Bundespräsident Richard von Weizsäcker hielt seine Gedenkrede am 8. 5. 1985 anläßlich der vierzigjährigen Wiederkehr des Kriegsendes vor dem deutschen Bundestag in Bonn. Die Rede wurde über Rundfunk und Fernsehen übertragen.

Vorangegangen waren dieser Rede öffentliche Diskussionen in der Bundesrepublik Deutschland, in denen darüber gestritten wurde, ob der 8. Mai 1945 ein Tag der "Niederlage" oder der "Befreiung" war. Seit einiger Zeit wurde unter Wissenschaftlern auch die sog. "Historikerdebatte" geführt, in der es u. a. darum ging, ob der Nationalsozialismus ein einmaliges und verwerfliches deutsches Phänomen gewesen ist, oder ob er ein wertfrei zu betrachtendes "normales" Phänomen im Rahmen eines die dreißiger und vierziger Jahre beherrschenden "gesamteuropäischen Bürgerkrieges" gewesen ist.

Zudem zeichnete sich seit der Mitte der achtziger Jahre ein Wiedererstarken rechtslastiger politischer Bewegungen ab, die sich vor allem durch eine Verharmlosung des Nationalsozialismus und Ausländerfeindlichkeit ins öffentliche Bewußtsein brachten.

 

Text der Rede

Viele Völker gedenken heute des Tages, an dem der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging. Seinem Schicksal gemäß hat jedes Volk dabei seine eigenen Gefühle. Sieg oder Niederlage, Befreiung von Unrecht und Fremdherrschaft oder Übergang zu neuer Abhängigkeit, Teilung, neue Bündnisse, gewaltige Machtverschiebungen - der 8. Mai 1945 ist ein Datum von entscheidender historischer Bedeutung in Europa.

Wir Deutsche begehen den Tag unter uns, und das ist notwendig. Wir müssen die Maßstäbe allein finden. Schonung unserer Gefühle durch uns selbst oder durch andere hilft nicht weiter. Wir brauchen und wir haben die Kraft, der Wahrheit so gut wir es können ins Auge zu sehen, ohne Beschönigung und ohne Einseitigkeit.

Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mußten. Er ist zugleich ein Tag des Nachdenkens über den Gang unserer Geschichte. Je ehrlicher wir ihn begehen, desto freier sind wir, uns seinen Folgen verantwortlich zu stellen.

Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern. Die Menschen, die ihn bewußt erlebt haben, denken an ganz persönliche und damit ganz unterschiedliche Erfahrungen zurück. Der eine kehrte heim, der andere wurde heimatlos. Dieser wurde befreit, für jenen begann die Gefangenschaft. Viele waren einfach nur dafür dankbar, daß Bombennächte und Angst vorüber und sie mit dem Leben davongekommen waren. Andere empfanden Schmerz über die vollständige Niederlage des eigenen Vaterlandes. Verbittert standen Deutsche vor zerrissenen Illusionen, dankbar andere Deutsche für den geschenkten neuen Anfang.

Es war schwer, sich alsbald klar zu orientieren. Ungewißheit erfüllte das Land. Die militärische Kapitulation war bedingungslos. Unser Schicksal lag in der Hand der Feinde. Die Vergangenheit war furchtbar gewesen, zumal auch für viele dieser Feinde. Würden sie uns nun nicht vielfach entgelten lassen, was wir ihnen angetan hatten?

Die meisten Deutschen hatten geglaubt, für die gute Sache des eigenen Landes zu kämpfen und zu leiden. Und nun sollte sich herausstellen: Das alles war nicht nur vergeblich und sinnlos, sondern es hatte den unmenschlichen Zielen einer verbrecherischen Führung gedient. Erschöpfung, Ratlosigkeit und neue Sorgen kennzeichneten die Gefühle der meisten. Würde man noch eigene Angehörige finden? Hatte ein Neuaufbau in diesen Ruinen überhaupt Sinn?

Der Blick ging zurück in einen dunklen Abgrund der Vergangenheit und nach vorn in eine ungewisse dunkle Zukunft. Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte. Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen.

Wir haben wahrlich keinen Grund, uns am heutigen Tag an Siegesfesten zu beteiligen. Aber wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg.

Der 8. Mai ist ein Tag der Erinnerung. Erinnern heißt, eines Geschehens so ehrlich und rein zu gedenken, daß es zu einem Teil des eigenen Innern wird. Das stellt große Anforderungen an unsere Wahrhaftigkeit.

Wir gedenken heute in Trauer aller Toten des Krieges und der Gewaltherrschaft.

Wir gedenken insbesondere der sechs Millionen Juden, die in deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden.

Wir gedenken aller Völker, die im Krieg gelitten haben, vor allem der unsäglich vielen Bürger der Sowjetunion und der Polen, die ihr Leben verloren haben.

Als Deutsche gedenken wir in Trauer der eigenen Landsleute, die als Soldaten, bei den Fliegerangriffen in der Heimat, in Gefangenschaft und bei der Vertreibung ums Leben gekommen sind.

Wir gedenken der ermordeten Sinti und Roma, der getöteten Homosexuellen, der umgebrachten Geisteskranken, der Menschen, die um ihrer religiösen oder politischen Überzeugung willen sterben mußten.

Wir gedenken der erschossenen Geiseln.

Wir denken an die Opfer des Widerstandes in allen von uns besetzten Staaten.

Als Deutsche ehren wir das Andenken der Opfer des deutschen Widerstandes, des bürgerlichen, des militärischen und glaubensbegründeten, des Widerstandes in der Arbeiterschaft und bei Gewerkschaften, des Widerstandes der Kommunisten. [ ... ]

Am Anfang der Gewaltherrschaft hatte der abgrundtiefe Haß Hitlers gegen unsere jüdischen Mitmenschen gestanden. Hitler hatte ihn nie vor der Öffentlichkeit verschwiegen, sondern das ganze Volk zum Werkzeug dieses Hasses gemacht. Noch am Tag vor seinem Ende am 30. April 1945 hatte er sein sogenanntes Testament mit den Worten abgeschlossen: "Vor allem verpflichte ich die Führung der Nation und die Gefolgschaft zur peinlichen Einhaltung der Rassengesetze und zum unbarmherzigen Widerstand gegen den Weltvergifter aller Völker, dem internationalen Judentum."

Gewiß, es gibt kaum einen Staat, der in seiner Geschichte immer frei blieb von schuldhafter Verstrickung in Krieg und Gewalt. Der Völkerrnord an den Juden jedoch ist beispiellos in der Geschichte. [ ... ]

Schuld oder Unschuld eines ganzes Volkes gibt es nicht. Schuld ist, wie Unschuld, nicht kollektiv, sondern persönlich.

Es gibt entdeckte und verborgen gebliebene Schuld von Menschen. Es gibt Schuld, die sich Menschen eingestanden oder abgeleugnet haben. Jeder, der die Zeit mit vollem Bewußtsein erlebt hat, frage sich heute im stillen selbst nach seiner Verstrickung. [ ... ]

Wir alle, ob schuldig oder nicht, ob alt oder jung, müssen die Vergangenheit annehmen. Wir alle sind von ihren Folgen betroffen und für sie in Haftung genommen. Jüngere und Ältere müssen und können sich gegenseitig helfen, zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung wachzuhalten.

Es geht nicht darum, Vergangenheit zu bewältigen. Das kann man gar nicht. Sie läßt sich ja nicht nachträglich ändern oder ungeschehen machen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren. [ ... ]

Würden wir unsererseits vergessen wollen, was geschehen ist, anstatt uns zu erinnern, dann wäre dies nicht nur unmenschlich. Sondern wir würden damit dem Glauben der überlebenden Juden zu nahe treten, und wir würden den Ansatz zur Versöhnung zerstören.

Für uns kommt es auf ein Mahnmal des Denkens und Fühlens in unserem eigenen Innern an.

Wir können des 8. Mai nicht gedenken, ohne uns bewußtzumachen, welche Überwindung die Bereitschaft zur Aussöhnung den ehemaligen Feinden abverlangte. Können wir uns wirklich in die Lage von Angehörigen der Opfer des Warschauer Ghettos oder des Massakers von Lidice versetzen?

Wie schwer mußte es aber auch einem Bürger in Rotterdarn oder London fallen, den Wiederaufbau unseres Landes zu unterstützen, aus dem die Bomben stammten, die erst kurze Zeit zuvor auf seine Stadt gefallen waren. Dazu mußte allmählich eine Gewißheit wachsen, daß Deutsche nicht noch einmal versuchen würden, eine Niederlage mit Gewalt zu korrigieren.

Bei uns selbst wurde das Schwerste den Heimatvertriebenen abverlangt. Ihnen ist noch lange nach dem 8. Mai bitteres Leid und schweres Unrecht widerfahren. Um ihrem schweren Schicksal mit Verständnis zu begegnen, fehlt uns Einheimischen oft die Phantasie und auch das offene Herz.

Aber es gab alsbald auch große Zeichen der Hilfsbereitschaft. Viele Millionen Flüchtlinge und Vertriebene wurden aufgenommen. Im Laufe der Jahre konnten sie neue Wurzeln schlagen. Ihre Kinder und Enkel bleiben auf vielfache Weise der Kultur und der Liebe zur Heimat ihrer Vorfahren verbunden. Das ist gut so, denn das ist ein wertvoller Schatz in ihrem Leben.

Sie haben aber selbst eine neue Heimat gefunden, in der sie mit den gleichaltrigen Einheimischen aufwachsen und zusammenwachsen, ihre Mundart sprechen und ihre Gewohnheiten teilen. Ihr junges Leben ist ein Beweis für die Fähigkeit zum inneren Frieden. Ihre Großeltern oder Eltern wurden einst vertrieben, sie jedoch sind jetzt zu Hause. [ ... ]

Der erzwungenen Wanderschaft von Millionen Deutschen nach Westen folgten Millionen Polen und ihnen wiederum Millionen Russen. Es sind alles Menschen, die nicht gefragt wurden, Menschen, die Unrecht erlitten haben, Menschen, die wehrlose Objekte der politischen Ereignisse wurden und denen keine Aufrechnung von Unrecht und keine Konfrontation von Ansprüchen wiedergutmachen kann, was ihnen angetan worden ist.

Gewaltverzicht heute heißt, den Menschen dort, wo sie das Schicksal nach dem 8. Mai hingetrieben hat und wo sie nun seit Jahrzehnten leben, eine dauerhafte, politisch unangefochtene Sicherheit für ihre Zukunft zu geben. Dies heißt, den widerstreitenden Rechtsansprüchen das Verständigungsgebot überzuordnen. Darin liegt der eigentliche, der menschliche Beitrag zu einer europäischen Friedensordnung, der von uns ausgehen kann. [ ... ]

Bei uns ist eine neue Generation in die politische Verantwortung hereingewachsen. Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird.

Wir Älteren schulden der Jugend nicht die Erfüllung von Träumen, sondern Aufrichtigkeit. Wir müssen den Jüngeren helfen zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung wachzuhalten. Wir wollen ihnen helfen, sich auf die geschichtliche Wahrheit nüchtern und ohne Einseitigkeit einzulassen, ohne Flucht in utopische Heilslehren, aber auch ohne moralische Überheblichkeit.

Wir lernen aus unserer eigenen Geschichte, wozu der Mensch fähig ist. Deshalb dürfen wir uns nicht einbilden, wir seien nun als Menschen anders und besser geworden. Es gibt keine endgültig errungene moralische Vollkommenheit - für niemanden und kein Land! Wir haben als Menschen gelernt, wir bleiben als Menschen gefährdet. Aber wir haben die Kraft, Gefährdungen immer von neuem zu überwinden.

Hitler hat stets damit gearbeitet, Vorurteile, Feindschaften und Haß zu schüren.

Die Bitte an die jungen Menschen lautet: Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Haß

gegen andere Menschen,

gegen Russen oder Amerikaner,

gegen Juden oder Türken,

gegen Alternative oder Konservative,

gegen Schwarz oder Weiß.

Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.

Lassen Sie auch uns als demokratisch gewählte Politiker dies immer wieder beherzigen und ein Beispiel geben.

Ehren wir die Freiheit.

Arbeiten wir für den Frieden.

Halten wir uns an das Recht.

Dienen wir unseren inneren Maßstäben der Gerechtigkeit.

Schauen wir am heutigen 8. Mai, so gut wir es können, der Wahrheit ins Auge.