Esperanto-Kultur


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Vorbemerkung

Dieser Text entstand nach einem Vortrag, der wiederum den dritten Teil einer Präsentation rund um Esperanto darstellt. Leider kann der reine Text alleine nicht alle wichtigen Sinneseindrücke wiedergeben. So fehlen zunächst die dabei gezeigten Fotos ebenso wie einige Liedertexte. Die verwendeten Klangbeispiele hingegen können - bis auf eine Ausnahme - alle aus dem Internet heruntergeladen werden (Adressen siehe Anhang). Die in eckigen Klammern vom Haupttext abgesetzten Teile dienen als Erläuterung zu den ausgewählten Musikstücken, die jeweils an diesen Stellen während des Vortrags abgespielt wurden.

Von allen Bestandteilen der Kultur ist Musik auf Esperanto für die Zielgruppe des Vortrages, nämlich Nichtesperantosprecher, sicherlich am interessantesten: Denn Musik kann man auch genießen, ohne die Sprache selbst zu sprechen; anhören und tanzen ist immer möglich. Deswegen nimmt sie auch zu Recht den größten Teil dieses Artikels ein.

Esperantokultur

Oft ignoriert und doch ständig wachsend: Die Kultur der internationalen Plansprache.

von Gunnar R. Fischer

Eines der ältesten Vorurteile, mit dem sich die Esperantosprecher herumplagen müssen, lautet: „Esperanto hat keine eigene Kultur.“ Diese Ansicht vertrat etwa auch der Bielefelder Sprachwissenschaftler Peter Finke in einem Interview mit dem Hessischen Rundfunk Ende 2000. Doch seine Selbstsicherheit erhielt einen herben Dämpfer - direkt im Anschluß an seine Aussagen wurden mehrere Musikstücke auf Esperanto gespielt. Finke war dabei wie so viele Menschen dem alten Trugschluß „Was ich nicht kenne, das gibt es auch nicht.“ aufgesessen. In der Tat gibt es bei genauerem Überlegen keinen Grund, warum eine Sprache, an deren Anfang ein Entwurf stand, nicht auch eine eigene Kultur entwickeln kann - Esperanto wurde schließlich dafür geschaffen, alle (!) Teile des menschlichen Geistes auszudrücken, inklusive Gefühle und Humor; und Esperanto-Muttersprachler gibt es ja auch.


[Lieder wie Por la mondo („Für die Welt“) von der brasilianischen Gruppe Merlin zeigen, daß Esperanto alles andere als steril und emotionslos ist.]


Literatur

Schon Esperanto-Initiator Zamenhof selbst sorgte für erste Gedichte, wobei es sich sowohl um Übersetzungen als auch um Originale handelte. Bis heute sind ca. 40.000 Titel erschienen; jedes Jahr werden es mehr. Unter den Übersetzungen befinden sich die Bibel ebenso wie der Koran, Werke von Goethe und Shakespeare ebenfalls wie die Comics „Asterix“ oder „Tim und Struppi“. Längst hat sich aber auch eine eigene Literaturszene entwickelt. Dies würdigte der Internationale Schriftstellerverband (PEN), indem er 1993 Esperanto als Literatursprache anerkannte. Der größte lebende Esperanto-Schriftsteller, William Auld aus Schottland, wurde bereits zweimal für den Literaturnobelpreis nominiert (1999 und 2001) - beachtlich für eine angeblich „kulturlose“ Sprache!


[Esperanto Desperado ist eine dänisch-bosnisch-polnische Gruppe, die nicht nur eine bunte Mischung an Nationalitäten, sondern auch an Stilrichtungen bietet: Das Repertoire reicht von Rock über Balladen bis hin zu Ska - echte Weltmusik also! Der Text von Grava („Wichtig“) ist angelehnt an ein Gedicht des ungarischen Poeten Attila József.]


Theater

Bereits 1908 konnte eine echte Sternstunde verzeichnet werden: Die Uraufführung von Goethes „Iphigenie auf Tauris“ in Dresden. In den 1980er Jahren gründete sich in Deutschland das Ensemble Kia koincido („Welch ein Zusammenspiel“), das es sich zur Aufgabe machte, die Anzahl der Theaterstücke auf Esperanto zu vergrößern und daher nur Stücke spielte, die vorher von den Akteuren selbst übersetzt worden waren. In Italien sorgt seit vielen Jahren mit wechselnder Besetzung die Torina Nova Trupo (TNT) („Turiner Neue Truppe“) für Furore. Die Kroaten schließlich haben sich mit ihrem experimentellen, avantgardistischen Theater einen Namen gemacht. Das erste Esperanto-Musical wurde 1997 im Rahmen des Esperanto-Jugendweltkongresses aufgeführt. Es handelt von dem Heiligen Franz von Assisi.


[Kaj Tiel Plu („Und So Weiter“) ist eine katalanische Musikgruppe, die Lieder auf Esperanto präsentiert, die aus verschiedenen Sprachen der iberischen Halbinsel stammen (Kastilianisch, Katalanisch, Galizisch, Okzitanisch). Malfermu Belulino heißt in etwa soviel wie „Öffne (mir), Schöne!“]


Musik, Teil 1: Hymnen und Liedermacher

Musik auf Esperanto existierte schon sehr früh, z.B. in Form von Arbeiterliedern in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen oder Vertonungen von Zamenhof-Gedichten Anfang des 20. Jahrhunderts. Zamenhofs La espero („Die Hoffnung“) wurde zwar zur offiziellen Esperanto-Hymne, gilt jedoch heute zumindest unter Jugendlichen als verpönt und wird wohl noch seltener gespielt als die deutsche Nationalhymne, die ja immerhin bei internationalen sportlichen Wettbewerben ertönt. (Junge „Espis“ unterscheiden sich insofern auch nicht von ihren nichtesperantosprachigen Altersgenossen, als sie sich eben ihre eigenen „Hymnen“ suchen - in Form von Rockliedern etc..)

Mit dem Wiedererstarken der Esperanto-Bewegung nach dem 2. Weltkrieg lebte auch die Esperanto-Musikszene wieder auf, wenn auch etwas verzögert. In den 1970er Jahren erschienen vor allem die Werke von Liedermachern, die mehr oder weniger politisch engagiert waren und z.T. sogar die Esperantowelt selbst als Thema hatten. In Rußland machen noch heute Liedermacher den bedeutendsten Teil der lokalen Esperanto-Musikszene aus.


[Morice Benin ist ein in Frankreich seit vielen Jahrzehnten bekannter und erfolgreicher Künstler, dessen erstes Album auf Esperanto Anfang 2002 erschienen ist. Seine Texte sind sozialkritisch, engagiert und idealistisch und damit genretypisch. Maristoj de l’ ter’ bedeutet „Seemänner der Erde“.]


Musik, Teil 2: Rock und Jugendkultur

Ab spätestens den 1980er Jahren wurde Rockmusik ein fest verankerter Teil der Esperanto-Kultur. In diese Zeit fiel die Gründung der heute legendären Rockband Amplifiki, deren Mitglieder aus Schweden, Dänemark und Frankreich kamen. Die Lieder ihres ersten Albums Tute negravas („Ist ganz unwichtig“ oder „Macht überhaupt nichts“) genießen noch heute Kultstatus unter jugendlichen „Espis“. Als sich drei der Musiker während des Esperanto-Jugendweltkongresses 1999 zum ersten Mal seit vielen Jahren zu einem gemeinsamen Konzert zusammenfanden, wurde dies zu einem unvergeßlichen Erlebnis. Obwohl der größte Teil des dortigen Publikums Amplifiki nur von alten Kassettenaufnahmen kannte, sangen alle die Texte begeistert mit. Einige der ehemaligen Amplifiki-Mitglieder gründeten Persone, die heute bekannteste und mit fünf Alben zweifellos erfolgreichste Esperanto-Rockgruppe.


[Die Band Persone („persönlich“, aber auch „mit Hilfe von Tönen“) stammt aus Schweden. Ihre unwiderstehliche Mischung aus melodischem Gitarrenrock und hervorragenden Texten erinnert an „U2“ und „The Police“. Die fröhliche Stimmung von Liza pentras bildojn („Liza malt Bilder“) ist zwar eher Persone-untypisch, das Lied reißt aber genauso mit wie ihre anderen Stücke.]


Musik, Teil 3: Immer mehr und immer besser

Seit etwa Mitte der 1990er steigen sowohl Qualität als auch stilistische Vielfalt der Esperanto-Tonträger. Ein wichtiger Schritt war der Wechsel von Kassetten auf CDs, der 1989 mit dem Erscheinen der ersten Esperanto-CD eingeleitet wurde. Seit dieser Zeit gibt es immer mehr Gruppen aus immer mehr Ländern. Ein entscheidender Wegbereiter war dabei die französische Plattenfirma „Vinilkosmo“, die sich ganz auf Esperantomusik spezialisiert hat und von der Requirierung der Gruppen über die Produktion von CDs bis hin zu deren Vertrieb bei allen Entstehungsphasen von musikalischen Werken aktiv ist. Auf Initiative des Label-Chefs Floréal Martorell wurden z.B. im Rahmen der Kolekto 2000 („Sammlung 2000“) innerhalb von zwei Jahren zehn verschiedene CDs von zehn verschiedenen Gruppen herausgegeben. Für einen Großteil von ihnen war es das erste Esperanto-Album überhaupt.


[Krio de Morto („Todesschrei“) machen ihrem Namen alle Ehre. Die Musiker aus Polen haben mit düsteren Stücken wie Mi defalas („Ich falle herab“) Metalklänge in die Esperanto-Musikszene gebracht.]


Musik, Teil 4: Heutige Vielfalt

Ohne Übertreibung kann man heute behaupten, daß sich in der Esperantomusik praktisch alle Stilrichtungen wiederfinden lassen: So gibt es Symphonien ebenso wie verschiedene Varianten des Jazz; sanfte Schlager (z.T. aus Deutschland stammend!) sind genauso vertreten wie laut dröhnender Punk. Voneinander unabhängig entstanden seit Mitte der 1990er Jahre mehrere Gruppen, die die neuen elektronischen Musikstile dieser Dekade bedienten.


[Ekstere („Draußen“) von Magnus aus Schweden markiert den Übergang zwischen (Elektro-)Pop und Dancefloor/Techno. Wie die meisten anderen Esperanto-Elektronikkünstler ist er nicht nur einer Musikgattung alleine verpflichtet, sondern pendelt frei zwischen den Welten.]


Kulturelle Veranstaltungen

Da die Esperantosprecher auf über 100 Länder verteilt sind, kann ihre Kultur aus vielen verschiedenen Quellen aus der ganzen Welt schöpfen, was natürlich eine große Bereicherung darstellt. Andererseits können sich die Entfernungen aber auch negativ auswirken, weil sich die gegenseitige Inspiration der Künstler durch direkte Zusammenarbeit oder beim Erleben des jeweils anderen schwieriger gestaltet. Außerhalb von großen Esperantokongressen findet sich zudem nur selten genug Publikum für ein Konzert.

Dieses Manko wird aber glücklicherweise durch verschiedene Esperantotreffen, bei denen die Kultur im Mittelpunkt steht, beseitigt: Seit 1986 findet alle 2-3 Jahre in Skandinavien das Kultura Esperanto-Festivalo („Esperanto-Kulturfestival“, KEF) statt. Mit dem ersten Kultura kaj Arta Festivalo de Esperanto („Esperanto-Kultur- und Kunstfestival“, KAFE) in Frankreich konnte im Jahr 2000 eine gleichwertige Veranstaltung in Südeuropa organisiert werden. Die Russischen Esperanto-Organisationen können seit 1989 mit ihrem Festival Esperanto - Lingvo Arta („Esperanto - eine Kunst-Sprache bzw. eine Sprache der Kunst“, EoLA) auf eine eigene Tradition zurückblicken. In Polen wurde mit den Artaj Konfrontoj en Esperanto („Künstlerische Begegnungen auf Esperanto“, ArKonEs) ein weiteres Treffen rund um Esperantokultur geschaffen. All diese Veranstaltungen dienen nicht nur dazu, zahlreiche Konzerte, Theaterstücke und sonstige Präsentationen erleben zu können; sie ermuntern die Teilnehmer auch, selbst aktiv und kreativ zu werden. So ist jeder mal Künstler, mal Publikum. Aus dem Gedanken- und Ideenaustausch der Künstler, der während dieser Treffen stattfindet, und den persönlichen Kontakten, die dort geknüpft werden, sind schon zahlreiche neue kulturelle Projekte hervorgegangen.


[Dolcxamar (und wieder ein Wortspiel: „Süße Bitternis“ oder „Süßes Meer“) sind die neuen Stars am Esperanto-Musikhimmel. Ihr Stück Ĉu vi pretas!? („Seid Ihr bereit!?“) wurde zur inoffiziellen Hymne des KEF 2000 in Helsinki. Mit ihrer einmaligen Mischung aus Rock, Techno und Hiphop brechen die Finnen auf ihren Konzerten mit allen musikalischen Konventionen und werden ihrem Anspruch, die modernste Band der Esperantowelt zu sein, mehr als gerecht.]


Fachpublikationen und Internet

Längst gibt es eigene Zeitschriften, die die verschiedenen Facetten der Esperantokultur betrachten. Literatura Foiro („Literaturmesse“) enthält Rezensionen von neuen Büchern und Tonträgern. Bei der in über 80 Ländern gelesenen rok-gazet’ („Rockzeitung“) dreht sich alles um Musik, allerdings längst nicht nur um Rock. In ihr wurde auch nach und nach ein populärmusikalisches Fachwörterbuch veröffentlicht, das es ermöglicht, Diskussionen auch über kleinste musikalische Feinheiten (Fachsimpeln eben) auf Esperanto zu führen. Dessen neueste Version ist zudem längst im Internet erschienen - welches intensiv von den Esperantosprechern benutzt wird. Denn eine um den gesamten Globus verteilte Sprechergemeinschaft einerseits und ein extrem schnelles, weltweites Kommunikationsmittel andererseits passen natürlich hervorragend zusammen. Inzwischen kann man CDs direkt im Internet bestellen und es finden sich auch zahlreiche legale und kostenlose Musikstücke dort.


[Ein aktuelles Beispiel dafür, wie ein Stück moderner deutscher Musikkultur mit Hilfe von Esperanto einem internationalen Publikum zugänglich gemacht werden kann, stellt die Gruppe La Kuracistoj („Die Ärzte“) dar. Ihr Repertoire besteht aus Übersetzungen von Liedern, die ursprünglich von den gleichnamigen Berliner Punkrockern stammen.]


Anhang

Die erwähnten Musikstücke bekommt man unter:
Wer sich das lästige Eintippen sparen möchte, kann direkt auf folgende Adresse gehen:
http://www.muenster.de/~kunar/en_la_reto.htm
Dort findet man weitere Adressen rund um das Thema Esperantomusik.

Eine weitere Auswahl interessanter Seiten über Esperanto im Internet gibt es unter:
http://asta.upb.de/~esperanto/

letzte Änderung des Textes: 2002-07-02.

Bei Zitaten bitte neben dem Autoren auch die Quelle ( http://www.muenster.de/~kunar/ ) angeben.

letzte Änderungen: 2005-02-17 (ISO 8601).
Kontakt: siehe Hauptseite.