Auslandsstudium in Catania (Sizilien)
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Zusammenfassung:
Kompetente Leute sind rar oder werden rar gemacht.
Auf Sizilien hält man etwas auf seine gepflegten Vorurteile.
Deutschland = terra incognita.
Studieren ist auch in Catania möglich.
3. Die Universität von Catania: Im Reich des Halbwissens
Das letzte, was man Prof. Benedetto Matarazzo, dem Ansprechpartner für Erasmusstudenten aus Paderborn an der Wirtschaftsfakultät, vorwerfen könnte,
wäre Unhöflichkeit oder gar mangelndes Interesse an den ausländischen Studenten. Im Gegenteil, das Problem ist eher, daß der Mann einfach zu
fähig ist und daher sehr viele Aufgaben übernimmt (oder aufgehalst bekommt). Folglich war seine Zeit stets sehr begrenzt. Eine (für mein Studium in Catania) sehr
wichtige Sache vor Ort: Er hatte genug Geduld, um mir zu erklären, was sich hinter den für mich ziemlich nichtssagenden Namen der Vorlesungen verbag. Hier waren meine
nach einem Monat schon recht entwickelten Italienischkenntnisse sehr hilfreich, man faßte einfach alles viel schneller auf.
eher abgeschottet als international
In der Uni herrschten tatsächlich "sizilianische Verhältnisse" in dem Sinne, daß sich die relative Abgeschiedenheit Siziliens zum damaligen EU-Ausland und die
vielen Vorurteile gegenüber Ausländern (insbesondere Deutschen) auch dort wiederfanden und nicht etwa einer Art "akademischer Weltoffenheit" oder allgemeinem
Interesse an Auslandskontakten Platz machten. Das spiegelte sich auch dort wieder, wo die Chance gewesen wäre, mehr Internationalität zu fördern. Ganze vier
Fremdsprachen wurden angeboten: Englisch, Französisch, Spanisch und Deutsch. Man sollte sich keine Illusionen darüber machen, welche Sprache bevorzugt wurde
(Englisch) und welche praktisch völlig ignoriert wurde (Deutsch) oder gar annehmen, daß bei zwei Pflichtsprachen im Studienplan die Studenten in der Lage wären,
auch nur eine von ihnen zumindest ansatzweise zu beherrschen. Selbst nach neun Jahren Schulunterricht und mehreren weiteren Kursen war praktisch niemand, der nicht längere
Zeit im Ausland war, in der Lage, eine einfache Unterhaltung oder Diskussion auf Englisch zu führen. (Soviel übrigens nebenbei zum Thema "Mit Englisch oder zumindest
Bad Simple English [BSE] kommt man überall durch!" Ein nicht totzukriegender Mythos!) Nicht, daß ich das bewußt gesucht hätte - sobald sie
mich kennenlernten, versuchten viele, mit mir eine Art Pidgin mit grauenhaftem Akzent zu sprechen. Das empfand ich in doppelter Hinsicht als negativ: Einerseits fühlte ich mich
nicht ernst genommen - mein Italienisch war allerspätestens nach einem Monat gut genug, um die üblichen Alltagsthemen locker zu verstehen und aktiv an einem
Gespräch teilzunehmen, und jetzt versuchten die es trotz der korrekten Begrüßung mit Englisch! Trauten die mir denn gar nichts zu? Andererseits fand ich es
fürchterlich hinterwäldlerisch, anzunehmen, daß man jeden Ausländer direkt auf Englisch ansprechen kann und muß. Ich fühlte mich mit allen
anderen Ausländern in einen Topf geworfen, so als ob wir alle gleich wären - was für eine Ignoranz! Erschwerend kommt hinzu, daß die meisten Studenten
über ein relativ geringes Allgemeinwissen verfügten und nicht bereit waren, sich korrigieren oder aufklären zu lassen. Daher war es ein sinnloses Unterfangen, zu
versuchen, jemanden davon zu überzeugen, daß die Deutschen NICHT alle "kalt" sind oder daß es NICHT in Deutschland das ganze Jahr über
schneit. Selbst Argumente wie "Ich habe doch über 22 Jahre dort gewohnt und muß es doch wissen." kamen nicht gegen die Voreingenommenheit vieler Studenten
an. Überhaupt reagierte man allergisch, wenn ich das Wissen irgendeines selbsternannten Deutschlandexperten anzweifelte. Oft waren die Leute, die nichts mit der der
Universität zu tun hatten und mit denen man ins Gespräch kam, freundlicher (!). Ich glaube, das lag daran, daß sie eben wußten, daß sie
überhaupt keine Ahnung von meiner Heimat hatten und daher auch gar nichts zu diesem Thema sagen konnten. Sie mußten mich dann allein nach meinem eigenen
Verhalten beurteilen - und dabei schnitt ich normalerweise deutlich besser ab als sonst! Halbwissen, das habe ich dort unten gelernt, ist schlimmer als Unwissen.
Deutsch(land)? Nein, danke!
Wie wenig Interesse seitens der Studenten daran besteht, Deutschland, seine Bevölkerung und Kultur kennenzulernen, zeigt sich in der Tatsache, daß es für das
Erasmusstudium in Deutschland keine erfolgreiche direkte Bewerbung für das Wintersemester 2000/01 und das Sommersemester 2001 gegeben hat - und das bei neun deutschen
Universitäten, mit denen Catania in Kontakt steht! Der einzige Bewerber, ein Freund von mir, wurde abgelehnt, weil er zu alt (!) war. Alle anderen Plätze, egal in welchem
europäischen Land, waren belegt und sogar überlaufen. Wenn überhaupt, dann war Deutschland eine Art Notlösung für die, die nicht nach England
gehen konnten. Ich persönlich führe diesen Zustand darauf zurück, daß einerseits Deutsch als häßlich und unlernbar galt, anderseits die
bestehenden starken negativen Vorurteile jeden Anreiz nahmen, trotzdem sein Glück mit dieser Sprache zu versuchen. Als besonders problematisch empfand ich, daß es
keinerlei Anstrengungen innerhalb der Universität gab, diesen Mißstand zu bekämpfen - niemand fühlte sich dafür verantwortlich.
Das eigentliche Studium
Den Vorlesungen konnte ich - im Gegensatz zu den anderen Erasmusstudenten in meiner Fakultät (Spanier und Deutsche) - schon von Anfang an recht gut folgen. Zuerst kamen
zwar viele unbekannte Vokabeln auf mich zu, aber die muß man schließlich auch bei einem Studium in Deutschland (Fachvokabular!) lernen. Außerdem war es eine echte
Motivation zum Weiterlernen (weswegen ich der Tendenz, an deutschen Universitäten Veranstaltungen "ausländerfreundlich" nur noch auf Englisch anzubieten,
äußerst kritisch gegenüberstehe). Insgesamt habe ich zwei Vorlesungen besucht:
"Economia e gestione delle imprese" (prof. Carmelo Buttà / prof. R. Faraci) und "Economia industriale" (prof. Giacomo Pignataro). Alle drei Dozenten bemühten sich, den
leider immer noch üblichen reinen und daher für deutsche Verhältnisse sehr trockenen und eher altmodischen Vortragsstil aufzulockern. Was mir wirklich gefallen hat,
waren die dort völlig ungewöhnlichen Formen des zusätzlichen Leistungsnachweises in Form einer schriftlichen Klausur, einer Art Aufsatz und eine
regelmäßige Lernkontrolle durch Übungszettel. Auch wurden die Studenten öfters mal während der Vorlesung gefragt und damit zu einer aktiven
Teilnahme angeregt. Man merkte den Professoren an, daß sie wirklich daran interessiert waren, den Studenten Wissen zu vermitteln. Bei den durchwegs mündlichen
Prüfungen galt ein ungeschriebenes Gesetz: Kein Erasmusstudent fiel irgendwo durch. Natürlich freut es mich, daß die Prüfer so ihren Teil dazu beitrugen, um
mir nicht das Leben unnötig schwer zu machen; andererseits wirkte sich das letzten Endes sehr negativ auf meine Bereitschaft aus, weitere Vorlesungen zu besuchen. Auf mein
Studium in Paderborn habe ich mir nichts anrechnen lassen - das wäre ohnehin laut Paderborner Richtlinien nur vor Antritt des Auslandsstudiums möglich
gewesen (wobei die Vorbereitung Seitens der Uni Catania ja, wie schon erwähnt, eher ins Wasser fiel) und außerdem wäre es mir doch ein wenig schäbig
vorgekommen, im Nachhinein noch über eine Anrechnung zu feilschen in dem Bewußtsein, daß die entsprechende Note nur aufgrund des Wohlwollens des
Prüfers so gut ausgefallen war. Dennoch kann ich es nur empfehlen, mal eine Prüfung in einer italienischen Universität zu machen - ein echter Nervenkitzel, zumal es
die erste mündliche Prüfung in meinem Studium überhaupt war! Eine Erfahrung, die mir später in Paderborn sehr geholfen hat.