Auslandsstudium in Catania (Sizilien)


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Zusammenfassung:
Persönliche Erfahrung ohne Anspruch auf Allgemeingültiglkeit. Einwohner sehen die Dinge anders als Urlauber. Erkenntnis der Unkenntnis ist der erste Schritt zum Wissen.

0. Vorbemerkungen:

Um meine Erfahrungen "da unten" in einem einzigen Satz zusammenzufassen: Es war ein hartes und erfahrungsreiches Jahr. Wer mehr wissen will, muß sich leider damit abfinden, daß ich ein elender Schwätzer bin - meine Freunde laufen inzwischen schon schreiend davon, wenn irgendwo das Stichwort "Catania" oder "Sizilien" fällt und ich dann anfange zu erzählen. Daß ich mich nicht kurz und knapp fasse, hat aber vielleicht auch sein Gutes: Viele Dinge könnte ich nur sehr grob und verallgemeinernd schildern; für so manche Anekdote bliebe kein Platz. Von der Universität Paderborn, an der ich studiere, wird üblicherweise nur ein kurzer Bericht von den Heimkehrern verlangt. Dies würde meiner Meinung nach der Sache aber nicht gerecht werden, da es sich um ein bedeutendes Ereignis in meinem Leben handelt und viele Themen, die besonders lesenswert und wichtig sind, nicht in den normalen "offiziellen" Berichten vorkommen. Zudem soll dieses Dokument nicht nur für Studenten interessant sein, die selbst im Rahmen des Erasmusprogramms ein Auslandsstudium auf Sizilien absolvieren wollen (das sind nämlich wirklich nur sehr wenige: so wollen etwa 50% der Wirtschaftsstudenten grundsätzlich nur in angelsächsische Länder), sondern auch Menschen, die auf der größten Insel des Mittelmeeres Urlaub machen wollen oder allgemein daran interessiert sind, ein wenig über den Tellerrand zu blicken und ihren Horizont zu erweitern. Von letzteren gibt es immer noch viel zu wenige.

persönliche Erfahrungen vs. Allgemeingültigkeit und Objektivität

Eines möchte ich vorab explizit betonen: Es handelt sich hierbei um einen Erfahrungsbericht. Das heißt u.a., daß die im folgenden gemachten Feststellungen und Beurteilungen auf individuellen Eindrücken und Erlebnissen beruhen und nicht etwa eine Recherche als Basis haben, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Selbstverständlich mag in jedem Buch über Sizilien das genaue Gegenteil stehen, natürlich mögen alle anderen Menschen, die in Catania waren, ganz anders darüber berichten. Es geht mir darum, zu erzählen, wie ich es selbst erlebt habe, und nicht, eine Art Anspruch auf universelle Gültigkeit meiner Aussagen zu erheben. Ich bin eben ein Einzelfall und i.a. mag es durchaus anders sein. Desweiteren ist m.E. jeder Versuch, einen aufgrund von Erfahrungen geschriebenen Bericht wirklich objektiv zu halten, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Jeder sieht und beurteilt daher die Dinge anders. Bevor ich ständig alles relativiere, schreibe ich lieber klipp und klar, wie ich es aus meiner Sicht empfunden habe. Ich halte es auch für sinnvoller, die Subjektivität von Anfang an klarzustellen, anstatt zu versuchen, die eigene Meinung auszusparen oder zu kaschieren. Zumindest eine Sache gewinnt dieser Bericht dadurch auf jeden Fall: Persönlichkeit.

Das darf umgekehrt natürlich nicht bedeuten, daß ich wissentlich falsch oder grob unsachlich berichte. Literatur, die die Zustände verzerrend darstellt, gibt es bereits mehr als genug. Insbesondere seien hier diverse Reiseführer genannt, die Armut und soziales Elend in Sizilien verharmlosen oder gar romantisch verklären. Ich möchte das nur kurz folgendermaßen kommentieren: Liebe Autoren, wenn Ihnen das alles so gut gefällt da unten, dann ziehen Sie doch bitte dahin und leben Sie genauso! Aber lassen Sie uns in Zukunft verschont von literarischen Ergüssen dieser Art - Vorurteile und Unwissen wird es nämlich auch ohne Ihre Hilfe ständig in Hülle und Fülle auf der ganzen Welt geben, da brauchen Sie sich nicht auch noch extra drum zu bemühen! Ein Grund mehr für mich übrigens, die ungeschminkte Wahrheit zu schreiben.

Ein Hinweis für Urlauber...

Viele Leute, die in Sizilien ihre Ferien verbracht haben, sind völlig verblüfft von meinen Schilderungen. Sie versuchen dann manchmal, mich zu widerlegen, und erzählen mir, was sie alles erlebt hätten. Schon die Idee ist meiner Meinung nach völliger Unsinn. Denn erstens sind die meisten von ihnen nur in den Touristenorten und Umgebung gewesen, die entsprechend herausgeputzt sind und in denen Ausländer logischerweise ganz anders behandelt werden. Taormina ist etwa genauso repräsentativ für Sizilien wie Schloß Neuschwanstein und das Oktoberfest für Deutschland. Zweitens ist es ja auch in Deutschland ein Unterschied, ob man es als Tourist besucht oder dort wirklich längere Zeit wohnt. Die Realität sieht für jemanden, der als Nichteinhemischer in Sizilien lebt, jedenfalls ganz anders aus als für Urlauber. Und drittens haben selbst andere Erasmus-Studenten andere Erfahrungen als ich gemacht - sowohl solche, die auch in Paderborn studieren wie ich, als auch Leute, die zur selben Zeit in Catania waren. Wir müssen uns also nicht darum streiten, wer mit seinen Ansichten recht hat. Die Eindrücke können also - wie schon gesagt - ganz unterschiedlich ausfallen, abhängig davon, wer man wo ist.

"Ich weiß, daß ich nichts weiß" (Sokrates)

Wenn sowohl Deutsche als auch Sizilianer im Umgang miteinander akzeptieren würden, daß sie nichts bzw. eigentlich sogar weniger als nichts voneinander wissen, wäre schon viel gewonnen. Leider beherrschen nach wie vor auf beiden Seiten krasse Vorurteile die Köpfe der Menschen. Der "durchschnittliche" Sizilianer sieht für viele Deutsche meistens so aus: Selbstverständlich und an erster Stelle Mitglied der sog. "ehrenwerten Gesellschaft", sehr religiös (streng katholisch!), die Ehre ist für ihn am wichtigsten, außerdem ist er (wie ja alle Italiener) sehr romantisch. Nach meinen Erfahrungen kann ich zu all dem nur sagen: Lächerlich!

"Auf offener Straße erschossen, Ätnaausbruch, Wassermangel": Das, so glauben viele Leute, sind die Fährnisse, mit denen man im Alltag in Catania zu kämpfen hat, schließlich sind das doch die Themen, über die man in den Zeitungen im Zusammenhang mit Sizilien liest. Die wahren Probleme liegen jedoch ganz woanders. Sie sind nur so vertraut und normal, daß es sich offenbar nicht lohnt, über sie in deutschen Zeitungen zu berichten.


letzte Änderungen: 2004-08-15 (ISO 8601).
Kontakt: siehe Hauptseite des Berichtes.